18.11.2003 · Raus aus der Krise, rein in die Oase: Zu Gast in Qatar, dem Land des kleinen Wirtschaftswunders und der Klimaanlagen.
Von Rainer ErlingerWer nach einem Begriff sucht, bei dem Investmentbanker, CIA-Agenten und Frauen im heiratsfähigen Alter gleichermaßen aufhorchen, landet unweigerlich bei "Scheich". Wer sein übriggebliebenes Geld heute noch sicher anlegen will, tut das wohl am besten in Gold. Ein Wort, das man angesichts von Arbeitsplatzabbau am besten gar nicht verwenden sollte, ist "Urlaub". Die Haltung, die so gar nicht zur Krise zu passen scheint, ist der Luxus. Was man sich in der momentanen Krise ganz sicher nicht erlauben kann, ist, sich verwöhnen zu lassen. Und wenn man etwas tun will, vor dem sämtliche Hautärzte warnen, dann muß man sich nur in die südliche Sonne legen.
Was liegt also näher als eine Reise in ein Fünf-Sterne-Hotel in einem Scheichtum am Persischen Golf? Der Abflug nach Qatar ist günstig, es geht abends um halb elf in München los, das spart einen Urlaubstag, der Rückflug morgens ab Doha kostet dafür fast einen ganzen Tag extra.
Grün auf künstlicher Insel
Etwas verwunderlich waren die zwei Passagiere in der Busineßklasse, die gleich nach dem Start die Schlafbrillen aufsetzten, die Sitze nach hinten klappten, einschliefen, auf die Drinks verzichteten und auf eine beachtliche Speisenfolge. Die Lösung kam später: Bei knapp sechs Stunden Flugdauer bleiben nach dem Menü eher zwei als drei Stunden, bis man zur Landung wieder geweckt wird. Das Ehepaar hatte ein Abendessen gegen fünf Stunden Schlaf am Stück eingetauscht: ein guter Wechselkurs.
Ziemlich zerknittert nach solcherart fast durchgegessener Nacht stiegen wir in Doha aus dem Flugzeug und liefen erst einmal gegen eine Wand aus 45 Grad Celsius und neunzig Prozent Luftfeuchtigkeit. Ein Bus fuhr uns vom Flughafen ins Hotel, durch sengende Hitze, über Straßen bar jeglicher Vegetation und unzählige Kreisverkehre inmitten von Steinwüsten.
Vor knapp zwei Jahren eröffnet, liegt das Hotel als 115 Meter hoher Solitär umgeben von sattem Grün auf einer künstlichen Insel. Vom Bus sind zwar nur ein paar Meter im Freien zu überwinden, für einen klimatisch nicht verwöhnten Voralpenbewohner haben die es aber in sich: wieder die Wand aus feuchter Hitze. Die Sonne brennt gnadenlos, der Atem stockt ob der Hitze unwillkürlich, die Kleidung legt sich innerhalb weniger Sekunden zusammen mit einem feinen Schweißfilm wie eine zweite Haut auf den Körper.
Lawrence von Arabien
Zugleich beginnt sich der zu erhitzen, der Geist sich fieberartig zu beschleunigen. Rasch wechselnde Sequenzen rasen vor dem geistigen Auge vorbei. Lawrence von Arabien bindet sich sein Tuch vors Gesicht, galoppiert los in die Wüste. Aber bevor er am Horizont mit dem Sand verschmilzt, hatten wir die wenigen Schritte hinter uns und standen im Hotel. In einer kühlen, trockenen, mit weißem Marmor ausgekleideten, mehrere hundert Quadratmeter großen Halle.
Nach oben erstreckt sie sich, in einen Turm verjüngend, über 23 Stockwerke, nach vorne öffnet sie sich über eine Glasfront zum Meer. Zwischen den umlaufenden Gängen, welche die Zimmer erschließen, schwebt ein siebeneinhalb Meter hoher Kristallüster aus Wien, umspielt von leiser Klaviermusik. Gnädig blickt Seine in Öl gemalte Hoheit Sheikh Hamad Bin Kalifa Al Tani, Emir des Staates Qatar, auf uns herab. Die Koffer wurden von dienstbaren Geistern versorgt, der Empfangschef begrüßte uns freundlich, man reichte frischen Melonensaft und Datteln. Und ganz plötzlich verstand ich den Begriff "Oase".
Aus den hintersten Gehirnwindungen tauchte der Stoff auf, den wir im Erdkundeunterricht der achten Klasse gelernt hatten: "Beschreibe den Stockwerksbau einer Oase!" Im obersten Stockwerk gedeiht die Dattelpalme, in ihrem Schatten gedeihen Aprikosen, Feigen, Mandeln und Granatäpfel, am Boden Gemüse und Luzernen als Viehfutter. "Wie viele Kilogramm Datteln liefert eine Dattelpalme in ihren besten Jahren?" Einhundertfünfzig. Also war das hier sicherlich eine neue Form der Oase. "Wie viele Oasentypen gibt es?" Fünf. Demnach war das hier eine neue Form - oder das eigentliche Prinzip der Oase, Luxus zu bieten. "Wie heißen sie?" Wadi-Oase/Flußoase, Quelloase, Artesische Oase, Trichteroase, Foggara-Oase. Manches sollte sich noch beantworten.
Klassische Oasen
Tatsächlich, die klassischen Oasen gibt es noch, Abenteuerreiseveranstalter bieten Ausflüge dorthin an. Auch für uns in Qatar gehört die Wüstentour zum festen Programm, geleitet von Emad Nasr. Dem Titel seiner Visitenkarte nach ist er "Senior Operations Officer" von Gulf Adventures, dem Aussehen nach ein junger braungebrannter Mann in Jeans, T-Shirt und Turnschuhen. In einem vollklimatisierten Jeep fährt er Touristen durch die Dünen. Oasenbesuch optional, laut Prospekt mit Lunch "bedouin style", komplett mit Zelt, Teppichen, Kissen und "our famous Arabic hospitality". Man wird das Gefühl nicht los, daß der Erdkundestoff, der auch heute bei uns unterrichtet wird, eher in die Geschichtsstunde gehört. Und fragt sich, ob in Qatar die Kinder in der Schule über Deutschland lernen, wie viele Liter Milch eine Almkuh gibt und daß Salz eines der wichtigsten Handelsgüter darstellt.
Ob Turphan oder Bahariya, Siwa, wo Alexander der Große zum Pharao bestimmt wurde, Farfara, Dakhla, Kharga, Ghilane - die berühmten Oasen aus der Geschichte hören sich klangvoll an. Die modernen Oasen Arabiens jedoch sehen anders aus und heißen anders. Ihre Namen kann man lesen in den Hinterhöfen, auf den Hoteldächern oder auch nur an jeder Fassade und über den Ladeneingängen. Es sind vertraute Namen wie Hitachi, Sharp, General, National, LG, wie COOLine, UnionAire, Utopia, New Rotary, Carrier Desertmaster. Angebracht auf grauen Kästen, die nicht nach dem gelernten Schema Wadi, artesisch oder Foggara funktionieren, sondern mit Strom. Statt Wasser bieten sie Luft, kalte Luft. Etwas Köstlicheres als Klimaanlagen kann man sich jetzt kaum vorstellen.
Glück im Wasser
Natürlich kenne ich die Wüste, zumindest aus Filmen. Natürlich habe ich mit Peter O'Toole gelitten. Natürlich meine ich zu wissen, was eine Oase für den Verdurstenden bedeutet. Aber ebenso natürlich habe ich das Gefühl, nach Tagen der Entbehrung zur fruchtbaren Wasserstelle zu kommen, am eigenen Leib niemals erlebt. Aber eine Vorstellung habe ich jetzt gewonnen: Es muß so ähnlich sein wie jener Strom kalter Luft, der diesen unscheinbaren, häßlichen Kästen in sengender Hitze entströmt und das Leben so erleichtert. Der einem die Last von Hitze und Luftfeuchtigkeit von den Schultern nimmt und Glück zufächelt. Glück, das man bei diesen Temperaturen sonst nur im Wasser findet.
Ein Urlaub in einem Luxushotel am Golf hat viel Angenehmes für sich. Man kann tagsüber in der Poollandschaft bis zur Schulter im Wasser auf Unterwasserbarhockern vor der Poolbar sitzen, essen und trinken. Man kann seine Bahnen ziehen in einer Schwimmhalle, die jede Kleinstadt mit Neid erfüllte. Man kann in einem labyrinthisch großen Spa Massagen, Bäder, Kosmetikbehandlungen erhalten oder sich einfach nur verirren. Man kann in einem der zahlreichen Restaurants europäische oder Fusion-Küche auf durchaus ordentlichem Niveau bekommen.
Intensives Oasengefühl
Das alles geht zwar auch an so manch anderem Ort der Welt. Doch in Doha kann man zu alledem, während draußen die Wüste das Klima beherrscht, in der kühlen Wasserpfeifen-Bar sitzen und eine Shisha rauchen, umgeben von Qataris in Dish-Dashs, ihrer traditionellen Bekleidung. Der Rauch der Pfeife benebelt ein wenig. Er scheint gefährlich zu sein für einen Nichtraucher, denn er ist kalt, aromatisiert, reizt weniger, wirkt aber.
Was könnte einen jetzt noch stören auf der Welt? Gibt es irgendwo Probleme? Was ist mit dem Job? Ach was! Soll der Controller einen doch vor die Türe setzen, dann kauft man halt den ganzen Laden und entläßt ihn. Ich hatte ganz offenbar vergessen, daß ich womöglich als einziger im Raum keine Ölquellen besitze.
Zwischendurch geht eine Tür nach draußen auf. Bis sie sich wieder schließt, ist es, als hätte jemand einen überdimensionalen Haarfön angestellt. Und dann, wenn die Tür wieder zufällt, stellt sich wieder die angenehme Kühle ein. Der Abend versprach wie jeder Abend traumhaft zu werden. Die leichte Benebelung tat ein übriges. Vielleicht ist das so viel an Oasengefühl, wie man als Europäer überhaupt erlangen kann. Es sei denn, man hätte noch viel stahlblauere Augen als der Lawrence von Arabien und würde durch die Wüste galoppieren.