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Portugal Und ewig lockt die Sirene

 ·  Auf verlorenen Inseln im Atlantik, fern der Heimat, lassen die Mittelmeermöwen die Sau heraus und stürzen sich auf zahme Passanten: Eine Odyssee auf das Berlenga-Archipel.

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Tags zuvor war die „Cabo Avelar Pessoa“ wegen schwerer See nicht ausgelaufen, doch nun bot sie dem Nordatlantik wieder die Stirn. Laut Wettervorhersage war er an diesem Tag etwas gnädiger gestimmt, Wind und Wellen sollten kleinlauter werden. Die „Cabo Avelar Pessoa“ war beileibe keine Nussschale, vielmehr ein stattliches, kräftig gebautes, für knapp zweihundert Passagiere ausgelegtes Fährschiff. Aber in diesen Gewässern am westlichen Rand des europäischen Festlands hörte man besser auf die Mutter der Porzellankiste. Als Erstes verteilte ein Besatzungsmitglied große schwarze Plastiktüten an das Dutzend Passagiere auf dem Achterdeck, auch wenn es nur sechs Seemeilen bis zu den Ilhas Berlengas waren.

Die Fischerhauszeile mit den pastellfarbenen Fassaden stand still hinter dem Hafenbecken von Peniche. Aber schon die große sternförmige Festung bewegte sich auf und ab wie ein lebendiger Seestern, sobald die „Cabo Avelar Pessoa“ das ruhige Hafenwasser verließ. All die portugiesischen Soldaten, die in der Zitadelle jahrhundertelang Land und Ehre verteidigten, die Buren, die nach ihrem verlorenen Krieg dort ein Refugium fanden, die deutschen und österreichischen Gefangenen des Ersten Weltkriegs, die politischen Gefangenen des Salazar-Regimes und die Rückkehrer aus den portugiesischen Kolonien, die nach dem Sturz der Diktatur dort im Auffanglager lebten, werden allein schon vom Anblick des Meeres seekrank geworden sein. Die „Cabo Avelar Pessoa“ zog an der Steilküste der Halbinsel vorbei, auf der Peniche liegt, drehte um das Cabo Carvoeiro und nahm Kurs auf Nordwest. Jetzt griff die See erst richtig an, schräg von vorn und auch breitseits, das gestandene Schiff stampfte, rollte, schwankte und drehte sich um seine Achsen, Gischt fegte über die Reling und zog alle paar Sekunden einen Vorhang vor die Kabine, in der der Kapitän hinter seinem Steuerrad fluchte.

Der nackte Fels tanzt im Rhythmus der Wellen

Am Horizont lag ein Klumpen Land wie ein ausgelassenes Ei oder wie eine treibende Feuerqualle auf der Wasseroberfläche. Als das Fährschiff ihm näherrückte, glich der Klumpen doch eher einem gepanzerten Meerestier mit großem Kopf und langgestrecktem Körper. Es war eine rötliche, ziemlich nackte Felsmasse, und sie tanzte im Rhythmus der Wellen auf dem Wasser, sprang in Täler und verbarg sich kokett, hüpfte auf Kämme und bot sich freigebig dar - der Tanz einer Sireneninsel. Kapitän Odysseus an den Schornstein zu binden - einen Mast hatte die „Cabo Avelar Pessoa“ nicht -, wäre unnötig, ja widersinnig gewesen, bestand der Zweck des Bootsausflugs doch gerade darin, der Sirene in die Fangarme zu fliegen. Odysseus steuerte direkt auf die Furche zwischen Kopf und Körper des Meerestiers zu. In dessen Windschatten beruhigte sich die See, und nun erkannte man, wie zerklüftet die Steilküste von Berlenga Grande, der Hauptinsel des Archipels, war und dass sie mit Höhlen, Buchten, Grotten, Felsbögen, Felstunneln und bizarren Felsformationen wie dem „Elefantenkopf“ aufwartete, dessen steinharter Rüssel im Meer steckte.

Odysseus drosselte den Motor, um sanft in den kleinen, fjordförmigen Einschnitt zu gleiten. Zuerst gingen die Passagiere von Bord, Einheimische und Fremde, dann wurde die Fracht gelöscht, Bierfässer, Butangasflaschen, Kartons und Kisten. Oberhalb des Kais standen etwa zehn einfache Häuschen am terrassierten Steilhang, die vor siebzig Jahren über den Resten eines Hieronymus-Klosters aus dem sechzehnten Jahrhundert errichtet worden waren und seitdem das „Fischerviertel“ bilden. Fast ebenso viel Raum nahm ein neueres Restaurant mit seiner über der Bucht schwebenden Terrasse ein, das in den Sommermonaten, wenn das Fährschiff regelmäßig verkehrt, geöffnet ist. Und darin erschöpfte sich auch schon die menschliche Besiedlung von Berlenga Grande und überhaupt des gesamten Archipels.

Grünblaues Meer, goldgelbe Sandbänke

Der Aufstieg war steil, aber kurz. Die ganze Insel misst nicht mehr als fünfzehnhundert Meter in der Länge und achthundert Meter in der Breite, ist dabei allerdings neunzig Meter hoch. Auf der anderen Seite der Landungsbucht fraß sich ein noch tieferer Einschnitt in den rosa Granit, und man hatte den Eindruck, als müssten die beiden Fjorde unter dem Fels miteinander verbunden sein. Man ging wie über eine Landbrücke, die die beiden ungleich großen Teile der Insel verband, wandelte gleichsam auf dem Hals der Sirene. Der Anblick war betörend, jeder Bildausschnitt eine Schönheit für sich: die grünen Matten fleischiger Pflanzen, die über den Abhang flossen; tief unten die roten Felsen, die ins grünblau schimmernde Meer stürzten; die goldgelben Sandstrände im Schoße der Buchten.

Dazu säuselte der Wind in den Ohrmuscheln und riefen die Möwen zum Rendezvous - man war in eine andere Wirklichkeit übergesetzt, an einen weit entfernten Ort, vielleicht in die gestrige Welt. Das war Europa? Lag die Insel wirklich so nah vor der Küste, nicht mitten im Atlantik, verloren wie die Osterinsel im Pazifik? War sie tatsächlich schon entdeckt?

Kriegsgeschrei am Himmel

Vielleicht war sie vor Jahrhunderten in Vergessenheit geraten und lag nun fernab aller Schifffahrtsrouten. Der Leuchtturm vermochte jedenfalls nur, seine Lichtstrahlen dreißig Meilen weit in die atlantische Nacht zu senden. Der Pfad schlängelte sich über das gar nicht so ebene Hochplateau, und nun bemerkte man, dass die Insel sehr wohl dicht besiedelt war und wer ihre wahren Bewohner waren. Sie zählten nach Tausenden und verteilten sich über den ganzen Inselrücken. Es waren Mittelmeermöwen, alle paar Meter stand so ein Gelbfußindianer in seinem Vorgarten im Gras, auf einem Felsbrocken, im Gebüsch, auch direkt neben dem Weg. Plötzlich hörte man einen Kriegsschrei ganz in der Nähe, dann sah man die Möwe, die brütete und sich nicht vom Fleck bewegte. Andere flogen auf, beschrieben einen Bogen in der Luft, und wenn man das Nest passiert hatte, kehrten sie zurück und setzten sich abermals auf ihre Eier. Wieder andere schwirrten in der Luft hinter einem her, machten einen Mordsspektakel, und man traute ihnen nicht über den Weg. Tatsächlich flogen einige Gelbfüßler Scheinattacken, schossen mit dem gelben Schnabel voran auf Kopfhöhe heran, dumm war, wenn sie nicht schrien, dann bemerkte man sie womöglich nicht. Aber sobald man die Arme in die Luft hob, gingen sie höher oder drehten ab. Obwohl es die Möwen waren, die einen Höllenlärm veranstalteten, begriff man doch, dass man selbst der Ruhestörer war.

Die Mittelmeermöwen sind nicht die einzigen Seevögel, die auf den Berlengas brüten. Aber die Dreizehenmöwen, die Sturmschwalben, Gelbschnabel-Sturmtaucher und die Krähenscharben aus der Familie der Kormorane tun es nicht an derart leicht zugänglichen Stellen. Am intelligentesten versteckt sich die Trottellumme, eine Art fliegender Pinguin, das emblematische Tier der Berlengas, das auf kleinen Felsvorsprüngen und schmalen Felsbändern in den steilen Klippen nistet. Die Berlengas sind sein einziger Brutplatz in Portugal, überhaupt gelten sie als einer der besten Vogelbeobachtungsorte des Landes. Und deshalb sind sie seit dem Jahr 1981 Naturschutzgebiet, das 1998 zum Seereservat erweitert und 2011 zum Biosphärenreservat erklärt wurde.

Eine Festung wie aus dem „Grafen von Monte Cristo“

Ein Pfad zweigte ab und fiel zum Meer hinunter. Bald ging er in Felstreppen über und steuerte auf ein Fort zu, das ein ganzes Eiland einnahm und über eine Bogenbrücke mit dem insularen Festland verbunden war. Eine Bilderbuchfestung wie aus dem „Grafen von Monte Cristo“, gegen die das Meer brandete, um sie zu umschlingen. Eine kleine Burg in der Tarnfarbe der Felsen, die vor Jahrhunderten hatte verhindern sollen, dass nordafrikanische Piraten und spanische Flotillen die Berlengas als Stützpunkt für Raubzüge in Portugal benutzten. Und die vor Jahrhunderten aufgegeben zu sein schien, so verlassen, traurig und romantisch lag sie inmitten der Fels- und Wasserwüste.

Zurück auf der Höhe, leisteten Hunderte mitteilsamer Möwen dem Spaziergänger wieder Gesellschaft und begleiteten ihn zum Südwestende der Insel. Dort musste irgendwann einmal irgendetwas gestanden haben, gestrüppüberwucherte Terrassen waren noch übrig, rätselhafte Reste einer Bebauung, eines Tempels Gott Baals vielleicht, denn schon die Phönizier sollen auf der Insel gewesen sein. Oder waren es Überbleibsel einer Sternwarte oder - wer weiß - eines Landeplatzes außerirdischer Raumschiffe? Der Blick fiel über die Wiesen mit ihren grauweißen Möwentupfern auf das steinerne Chaos der Schöpfung, auf weit verstreute Riffe und einsame Eilande, Schwestern von Berlenga Grande, die nie geküsst wurden, und verlor sich in der blaugrauen Weite und farblosen Vergangenheit.

So malerisch kann Trostlosigkeit sein

Am anderen Ende der Insel war die Unwirtlichkeit noch grandioser. Der Wind stürmte über den Steilhang, die Wellen droschen auf die Klippen ein, die Möwen kämpften verzweifelt gegen die Böen an und kreischten gereizt und verärgert. Es war fast kalt und unheimlich, man blickte in die Vorzeit, in der die Vulkane lebten und die Menschen noch nicht. Was aber Schauern über den Rücken schickte und eine Gänsehaut hinterließ, waren die Annäherungsversuche der aufgebrachten Möwen. Schwärme umflatterten unaufhörlich den Eindringling. Mal beschoss ihn ein giftiger Gelbfüßler mit Exkrementen, mal riss ihm ein zorniger Gelbschnabel die Mütze vom Kopf, mal versuchte der eine oder andere, auf des harmlosen Wanderers Haupt zu landen und dort nach Lust und Laune herumzuhacken. An eine Atempause, eine Rast gar, um sich am Anblick der malerischen Trostlosigkeit zu weiden, war nicht zu denken. Entweder lief man im Schnellgang über diesen Teil der Insel, auf den anscheinend kein Mensch den Fuß setzte, oder man blieb stehen und konzentrierte sich auf den Abwehrkampf, der allerdings nicht die geringste Aussicht bot, jemals anders zu enden als mit der bedingungslosen Kapitulation am Klippenrand oder der rasenden Flucht in tiefere Gefilde. Mit der Zeit wurden die zutraulichen Möwen doch ein wenig lästig, auf Dauer war es ungemütlich in ihrem Reich. Inseln können paradiesisch sein, aber auch die Hölle.

Unten im „Fischerviertel“ war kein Möwengeschrei zu hören, nur Menschengeschnatter. Der Seebär von Kapitän saß mit seinen Kumpanen am Kai und wartete auf die Stunde der Rückkehr. Vor lauter Entspannung war man versucht, ihm zuzurufen: Odysseus aus Peniche! Ab nach Hause! Hier haben die Mädchen Vogelleiber.

Sirenenrufe und Möwenattacken

Überfahrt: Die „Cabo Avelar Pessoa“ verkehrt vom 20. Mai bis zum 15. September täglich zwischen Peniche und der Berlenga Grande, sofern das Meer es zulässt (Internet: www.viamar-berlenga.com, Telefon: 00351/262/ 785646). Weitere Anbieter fahren mit kleineren Booten je nach Bedarf und Seegang.

Unterkunft: Das Restaurant auf Berlenga Grande vermietet auch Zimmer (E-Mail: restaurantemaresol@ gmail.com, Telefon: 00351/262/ 750331 und 00351/919/543105). In den Sommermonaten kann man ebenfalls im Fort São João Baptista aus dem siebzehnten Jahrhundert übernachten, das in eine einfache Herberge umgewandelt worden ist (E-Mail: berlengareservasforte@gmail.com, Telefon: 00351/912/631426)

Tauchen: Die Unterwasserwelt mit ihren Höhlen, Felstunneln, Schiffswracks soll sehr reizvoll sein. Die Wassertiefe beträgt bis etwa vierzig Meter. Hinter den äußeren Eilanden fällt der Meeresgrund steil ab, so dass sich an den Inseln Flora und Fauna zweier Meereswelten begegnen, die Pflanzen und Fische des Lichts und der Finsternis. In Peniche gibt es mehrere Tauchbasen.

Informationen: Im Internet auf den Seiten der portugiesischen Naturschutzbehörde (www.icnb.pt) und der Gemeinde Peniche (www.cm-peniche.pt).
 

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