01.08.2002 · Auf sanftgewellte braunen Hügeln stehen Korkeichen und Olivenbäume, Getreidefelder dehnen sich bis an den Horizont. Die wenigen Orte liegen weit voneinander entfernt.
Von Rudi StalleinIm Alentejo werden ein winziges Dorf mit unbefestigten Straßen oder eine Schafherde zum Ereignis, Einsamkeit wird zum Erlebnis. Wer nach der Hektik Lissabons oder dem Trubel der Touristenstädte an der Algarve in die Stille des Alentejo eintaucht, der kommt sich vor wie auf einer Zeitreise.
Die größte Provinz Portugals dehnt sich zwischen dem Fluss Tejo und der Algarve aus und nimmt fast ein Drittel der Gesamtfläche des Landes ein. Auf den Hügeln stehen einsame Gehöfte, sogenannte Montes - weiße Herrenhäuser, umgeben von Gesinde- und Wirtschaftsgebäuden.
Versteckte Kleinode im Bauernland
Die "Kornkammer Portugals", ist Bauernland - heute genauso wie seit ewigen Zeiten. Mittlerweile entwickelt sich hier ganz allmählich ein wenig Tourismus. So wurden einige Anwesen liebevoll restauriert und in stilvolle Landhotels und Ferienhäuser umgewandelt.
Mitten drin in der monoton anmutenden Ebene erhebt sich auf einer Anhöhe Evora. Hinter der maurisch-mittelalterlichen Stadtmauer verbergen sich zauberhafte Plätze und Gassen, Bürgerhäuser mit schmiedeeisernen Balkonen und hübsche Innenhöfe.
Evora vereint Museums- und Universitätsstadt
Kunstinteressierten bietet die 50.000 Einwohner zählende Stadt eine Fülle sehenswerter Kirchen und eines der wenigen Denkmäler aus römischer Zeit, den Templo Romano. Nicht ohne Grund hat die Unesco diese "Museumsstadt" in ihre Liste schützenswerter Kulturgüter aufgenommen. Die für einen Ort im Alentejo ungewöhnlich lebendige und recht jugendliche Atmosphäre hat einen einfachen Grund: Evora ist auch Universitätsstadt.
Wo die Häuser weißer sind als anderswo
Im Süden der Provinz liegt Serpa. Auch in Serpa schmiegen sich die weißen Häuser an den Hang, überragt von einer Burgruine. Aber hier sind sie noch eine Spur weißer als anderswo. Die Straßen und Plätze der Altstadt sind durch und durch mit Kopfstein gepflastert. Es gibt keine Bar und keine Diskotheken, nur im Zentrum ein paar schlichte Tascas. Fast zu schön, um wahr zu sein: Das trifft auch auf Monsarraz zu, ein leuchtend weißes Bilderbuchdorf nahe der spanischen Grenze.
Von einer ganz anderen Seite als im Süden rund um die Stadt Beja und im "portugiesischen Carrara", den Marmorstädten Estremoz und Borba, zeigt sich der Alentejo im Nordosten. Hier präsentierten sich "die Ebenen" (Planícies), wie die Region auch genannt wird, von ihrer schönsten Seite. Das weite, gewellte Hügelland geht über in die grünen, dicht bewaldeten Höhenzüge der Serra de Sao Mamede.
Eine seltene Idylle - bis die Busse kommen
Zwischen den Bergen verstecken sich zeitlos wirkende Dörfer und Städtchen mit mächtigen Befestigungsmauern. Wie das Dorf Marvao, für das die Floskel von der stehen gebliebenen Zeit erfunden worden sein muss. Einem Adlerhorst ähnlich krallt sich das mittelalterliche Dorf an den schroffen Granitfels. Es bietet sich ein bekanntes Bild: enge Gassen, Kopfsteinpflaster, weißgekalkte Häuser und schmiedeeiserne Balkone. Auch die obligatorische Burgruine fehlt nicht. Und doch ist Marvao anders, irgendwie intimer.
Wer diese seltene Idylle richtig genießen will, der sollte frühmorgens oder zum Sonnenuntergang kommen. Denn in der Hochsaison kommen die Touristen tagsüber gleich busweise.