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Peru kulinarisch : Das Geheimnis der Gurkenmelone

Eines der schönsten Weingüter Perus: Mitten in der Wüste liegen die Viñas Queirolo und sind doch ein verborgener Garten Eden. Bild: Archiv

Pisco und Ceviche kennt jeder. Doch erschöpft sich die Küche Perus wirklich in Traubenschnaps und rohem Fisch? Wir haben Probe gegessen und rufen aus: Feinschmecker aller Länder, kommt hierher! Denn zwischen Anden und Pazifik isst man mittlerweile besser als irgendwo sonst in Lateinamerika.

          Wir haben alle Höhen und Tiefen durchlebt, ein atemloses Auf und Ab, Schlag auf Schlag, siebzehnmal. Wir waren dem Himmel ganz nah und haben Inti, dem Sonnengott der Inka, fast die Hand gereicht, um uns unmittelbar danach in Poseidons nasser Unterwelt wiederzufinden. Wir wurden vom schwülen Duft des Amazonas betört und haben von den Früchten der pazifischen Küstenwüste genascht, und dazwischen waren wir hoch oben am Titicaca-See, an dessen Ufern in einer zum Verzweifeln dünnen Luft keine Gletscher, sondern wundersame Getreidesorten wachsen. In drei Stunden haben wir das alles erlebt und mussten uns dafür noch nicht einmal vom Fleck rühren. Denn wir haben bei Virgilio Martínez gegessen, vielleicht dem besten Koch Perus, der aber ganz gewiss die aufregendste Küche seines Landes serviert.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          „Menú de alturas“, das Menü der Höhen, heißt die Aromenachterbahnfahrt, auf die er die Gäste in seinem Restaurant „Central“ in Lima schickt. Jeder der siebzehn Gänge ist mit einer Höhenangabe versehen, von den Schwertmuscheln, die zwanzig Meter unter der Meeresoberfläche gefischt werden, bis zu den Samen des Orleansstrauches, der auf dreitausendneunhundert Meter Höhe gedeiht. Fast vierundzwanzigtausend Höhenmeter kommen so zusammen, nach denen man den gesamten kulinarischen Kosmos Perus gekostet hat, diese manchmal verstörend fremde, meist aber berauschend exotische Geschmackswelt, die sich Virgilio Martínez wie ein Forschungsreisender aneignet. Einmal im Monat fährt er in die hintersten Winkel seines Landes, um neue Ingredienzien für seine Küche zu entdecken, eine vergessene Maissorte der Altiplano-Indios, eine Chili-Rarität aus den Zeiten der rätselhaften Moche-Kultur, eine namenlose Paradiesfrucht aus dem Amazonas-Becken.

          Küchenextremist und Radikalmodernisierer

          Doch um die Folklore eines kulinarischen Patriotismus geht es ihm nicht. Vielmehr bereitet er seine Fundstücke mit allen technischen Finessen der Haute Cuisine zu, bringt uns Kartoffeln oder Mais als Carpaccio, Praliné und dehydrierten Chip, kombiniert die dünn wie Pergament geschnittenen Schwertmuscheln mit einer Frucht namens „Gurkenmelone“, die tatsächlich wie ein alchimistisches Zauberwerk aus Gurke und Melone schmeckt, und serviert jedes einzelne Gericht als sorgsam komponierte Collage für Gaumen und Auge. Dschungelwurzeln werden auf einem Bett aus Urwaldunterholz drapiert, Quinoa-Küchlein auf Tonscherben mit präkolumbischen Motiven, Meeresfrüchte auf einem Korallengarten, der täuschend echt aus Zucker modelliert ist - Teller braucht dieser Küchenextremist und Radikalmodernisierer genauso wenig wie den Katechismus der europäischen Kochtradition. Denn jetzt wissen wir, dass die kulinarische Schatztruhe seiner Heimat unerschöpflich ist.

          Augenschmaus: So sieht es aus, wenn Virgilio Martínez Meeresfrüchte zubereitet.
          Augenschmaus: So sieht es aus, wenn Virgilio Martínez Meeresfrüchte zubereitet. : Bild: Central

          Die peruanische Küche ist die beste Südamerikas und die einzige echte Hochküche des Halbkontinents. Das verdankt sie nicht nur Köchen wie Virgilio Martínez, sondern einem ganzen Bündel glücklicher Umstände. Schon die Topographie Perus, die sämtliche Klimazonen der Erde umfasst, ist der Wunschtraum jedes Spitzenkochs: Der kalte Humboldt-Strom sorgt für phantastische Fischgründe, im Anden-Hochland gedeihen allein zweitausendfünfhundert verschiedene Kartoffelsorten, und der Amazonas steuert nicht nur die eigentümlichsten Dschungelfrüchte, sondern auch die wundersamsten Flussfische bei.

          Die kochende Wiedergeburt Atahualpas

          Perus Geschichte wiederum bereitete in vielen Jahrhunderten den Boden für das gastronomische Glück. Die präkolumbischen Hochkulturen von den Chavín über die Chimú bis zu den Inka sorgten für eine permanente Verfeinerung der Küchen und bestätigten auch jenseits des Atlantiks das Apodiktum der antiken Griechen, dass die schärfste Trennlinie zwischen Kultur und Barbarei nirgendwo sonst als haargenau am Herd vorbeiführt. Im neunzehnten Jahrhundert kamen dann Hundertausende von Immigranten aus China und Japan, trafen auf eine kulinarisch ebenso hochentwickelte wie neugierige Gesellschaft und konnten dadurch ihre Fusionsküchen Chifa und Nikkei kreieren. Vor zwanzig Jahren betrat schließlich ein Mann die Bühne, der quasi im Alleingang die peruanische Haute Cuisine begründete und bis heute wie ein Sonnengott über ihr thront: Gastón Acurio, fürsorglicher Pate einer ganzen Generation junger Spitzenköche, Herrscher über ein weltumspannendes Reich an Restaurants, eine Art kochende Wiedergeburt Atahualpas, der seinem leidgeprüften, innerlich zerrissenen, an seinen politischen Korruptionskasten verzweifelnden Heimatland wenigstens unter Feinschmeckern zu neuem Ruhm verholfen hat.

          So paralysiert Peru politisch ist, so groß ist die Aufbruchsstimmung in der Kulinarik. Und so konnte Ignacio Barrios, ein enthusiastischer Koch von keinen dreißig Jahren, seine Betriebswirtschaftlerkrawatte gegen die Kochschürze eintauschen, um vor einem Jahr in Limas vornehmstem Stadtviertel Miraflores die Kochschule „Urban Kitchen“ zu eröffnen. Hier zeigt er nun Einheimischen, Touristen und auch uns, warum ausgerechnet in Peru so gut gegessen wird - an einem ganz einfachen Beispiel, dem Tiradito, der peruanisch-asiatischen Fusionsvariante des Nationalgerichts Ceviche.

          Birkenstock statt High Heels

          Die Einwanderer aus Japan, allesamt Freunde des rohes Fisches, waren vor hundert Jahren hocherfreut, dass es auch in Peru eine Art Sashimi gab, befanden es aber als viel zu derb, sauer und scharf - die klassische Ceviche-Marinade heißt nicht zufällig „Leche de tigre“, Tigermilch, weil man nach ihrem Genuss vor lauter Schmerz wie eine Raubkatze brüllen muss. Deswegen reduzierten sie den Limettensaft und den Chili, verfeinerten die Marinade mit Reisessig, Sojasauce, Sake, Ingwer, Fenchel und Hondashi, der pulverisierten Essenz des Thunfischcousins Bonito, und schnitten den rohen Fisch nicht mehr in plumpe Würfel, sondern in feine Scheiben. „Seht her“, sagt Ignacio, schnappt sich sein Messer und zerteilt eine Jakobsmuschel in kirschblütendünne Zartheiten, „das ist der Usuzukuri, der feinste aller Sashimi-Schnitte.“ Und sein Tiradito schmeckt um so vieles feiner als das Original, dass wir nun endgültig sicher sind: Viele Länder verderben nicht den Brei, sie machen ihn besser.

          Die Zahl von Ignacio Barrios’ Mitstreitern wächst permanent. Ein paar hundert Meter von seiner Kochschule entfernt hat ein junger Schlaks mit Piratenkopftuch, der erst Ingenieur und dann Schauspieler war, um schließlich Bäcker zu werden, sein Geschäft „El pan de la Chola“ eröffnet. Er mahlt sein Mehl selbst mit der Steinmühle, aromatisiert seine Laibe mit Rosmarin oder Thymian und serviert sie an groben Holztischen als Bio-Bocadillos jenem Teil der besseren Stände Limas, der lieber Birkenstock als High Heels trägt und seinerseits die Freuden des „Organic Chic“ entdeckt hat.

          Die Mutter aller Getreide

          Wieder ein paar Meter weiter gibt es seit wenigen Wochen „Perú pa’ti“, eine Kombination aus Feinkostgeschäft mit landestypischen Delikatessen und Gourmetimbiss und moderner peruanischer Küche. Hier kann man Rinderherzen am Spieß mit Chimichurri-Sauce oder Muffins mit einem Pesto aus Anden-Kräutern kosten. Im Sortiment sind Schokoladen aus dem Amazonas, verfeinert mit Zitronengras oder Sal de Maras, dem Salz aus dem heiligen Tal der Inkas bei Cuzco, ein „mystischer Tee“ mit Kardamom und wilden Rosen, ein „kosmischer Tee“ mit Safran und Anis - dazwischen übrigens auch Nutella und Toffifee, die in Peru offenkundig als Perlen der Patisserie gelten - und natürlich Quinoa in allen Variationen, das Göttergetreide der Inkas, das in den vergangenen Jahren eine ganz und gar erstaunliche Globalisierungskarriere gemacht hat.

          Das Wundergetreide der Inkas: Quinoa ist extrem gesund - und hat aus diesem Grund in den vergangenen Jahren eine Weltkarriere gemacht.
          Das Wundergetreide der Inkas: Quinoa ist extrem gesund - und hat aus diesem Grund in den vergangenen Jahren eine Weltkarriere gemacht. : Bild: AFP

          Es ist ein später Triumph, und es kann ihn nur in einer Welt geben, die zum Dorf geschrumpft ist. Quinoa war für die Inkas die Mutter aller Getreide, so gesund und nahrhaft, dass sich ihre Armeen auf den langen Feldzügen entlang der Anden von fast nichts anderem ernährten. Die spanischen Conquistadoren erkannten die Kraft dieser Körner, zerstörten die Felder und verboten bei Todesstrafe den Anbau des Wundergetreides. So geriet es in Vergessenheit, verkam zum Armenessen und Hühnerfutter, bis es vor wenigen Jahren in den Vereinigten Staaten eine Wiedergeburt als „Superfood“ erlebte. Quinoa ist reich an Eiweiß, aber frei von Cholesterin und deswegen bei Vegetariern und Veganern als Fleischersatz populär. Es enthält kein Gluten, dafür mehr Magnesium, Kalzium und Zink als alle anderen Getreidesorten und ist so zum Manna für Gesundheitsbewusste in aller Welt geworden. In Peru hat sich der Preis für Quinoa inzwischen verzehnfacht, eine Café-Kette in Lima nennt sich nach dem Fabelkorn, und in allen Spitzenrestaurants der Hauptstadt stehen Quinoa-Gerichte jetzt so selbstverständlich auf der Karte, als herrsche immer noch der Sohn des Sonnengottes über den Anden-Staat.

          Gemüse von den Indianern mit der roten Stirn

          Selbst der Spitzenkoch Pedro Miguel Schiaffino verzichtet in seinem Restaurant „Malabar“ in Limas Geschäftsviertel San Isidro nicht vollständig auf das Hochlandgetreide, obwohl das eigentlich seiner Philosophie widerspricht. Er hat sich ganz der Küche des Amazonas verschrieben, lässt sich von den Pucaurquillo-Indios, den „Indianern der roten Stirn“, mit Obst und Gemüse aus dem Urwald versorgen und von ihren traditionellen Kochtechniken inspirieren, um so ein Degustationsmenü zu kreieren, wie man es kein zweites Mal auf Erden bekommt: Dschungelküche vom Allerdelikatesten, Indio-Kost auf Haute-Cuisine-Niveau, essbare Anthropologie für Feinschmecker.

          Schiaffino säuert sein Tiradito mit fermentierter Yucca statt Limettensaft und garniert es mit Tapioka-Perlen und einer Brunoise aus wilden Chili-Schoten. Er macht aus dem peruanischen Allerweltskartoffelpuffer Causa eine phantastisch frische, wolkenleichte, kunstvoll in einem ausgehöhlten Stein servierte Delikatesse - dank eines Kartoffelpürees, das so fein ist, als stamme es von Joël Robuchon, dank einer marzipansüß fermentierten Karotte, eines krachend knackigen grünen Spargels und einer minimalistisch scharfen Sauce aus Chili-Öl. Und er schafft es, Ananas und Banane, das banalste aller amazonischen Fruchtdesserts, in eine aromatische Offenbarung zu verwandeln - indem er die Ananas als gegrillten Barren und die Banane als geräuchertes Eis auf dem Teller anrichtet, um den vertrauten Geschmack in eine geheimnisvolle, dunkel dräuende Aura zu hüllen. Das ist höchste Kochkunst, die auch in Europa den einhelligen Applaus der Gourmetgemeinde verdienen würde.

          Der Panflötenterror hält sich in Grenzen

          Ein schöner Verdauungsspaziergang böte sich jetzt an, doch Lima geizt mit Schönheit und spricht mit seinem Häuserbrei der Anmut und Eleganz Hohn, die uns im „Malabar“ oder im „Central“ aufgetischt werden. Die Armen können sich nichts anderes als graue Betonklötze leisten, die Reichen verbarrikadieren sich hinter Stacheldraht und Elektrozaun in selbstgewählten Wohlstandsgefängnissen, und große Teile der kolonialen Pracht haben Erdbeben und die Ignoranz der Menschen in unseliger Komplizenschaft zerstört. Am schönsten ist noch das ehemalige Fischer- und Künstlerviertel Barranco mit seinen drachenfruchtroten, papayagelben, chirimoyagrünen Kolonialvillen, das längst in die Hände der Hipster und Touristen, Kneipengänger und Kleinkriminellen, Liebespaare und Straßenmusiker gefallen ist, wobei sich der obligatorische peruanische Panflötenterror ganz im Gegensatz zu deutschen Fußgängerzonen glücklicherweise in engen Grenzen hält.

          Es gibt schönere Städte in Lateinamerika - aber keine, in der man so gut isst wie in Lima.
          Es gibt schönere Städte in Lateinamerika - aber keine, in der man so gut isst wie in Lima. : Bild: Reuters

          Versteckt in einer Wohngegend von Barranco liegt das Restaurant „Amoramar“ hinter einer schmalen, schildlosen Tür, die in den herrlichen Garten einer hundert Jahre alten Villa mit knarzenden Dielen und halb verwitterten Holzbalken führt. Hier kocht Christhyan Lucena, der wie der kleine Bruder von Yul Brunner aussieht und selbstverständlich auch ein Schüler Gastón Acurios ist. Seine Küche ist weder artistische Avantgarde, noch schwört sie den Traditionen der peruanischen Kochkunst Nibelungentreue, sondern wählt den Königsweg einer Hausmannskost à la bonne heure - auch das gibt es im kulinarischen Peru heute in bester Qualität.

          Geistermeer voller Klabautermänner

          Die Causa verwandelt sich bei Lucena zu einem Amuse-Bouche auf einem Löffel, wobei er die Kartoffelmasse mit Tintenfischtinte schwarz färbt, mit Lachstartar bestreicht und mit einem Avocado-Schaum krönt. Auch seine Pachamanca, der klassische, im Erdloch gegarte Fleischeintopf der Inkas, hat nicht mehr viel mit dem Geschmackseinerlei dieser rustikalen Bauernspeise zu tun. Statt Schwein und Meerschwein nimmt Lucena Angus-Rind, statt kürbisdicken Kartoffelknollen wachteleikleine Erdäpfelchen. Das Gemüse wird bei ihm separat blanchiert und sautiert und das Erdloch durch einen Konvektionsofen ersetzt, in dem die Pachamanca in vier langen Stunden bei hundertzehn Grad zur Garung gestreichelt wird. Und das fertige Gericht entspricht ganz dem Motto des Hauses, das man sich von George Bernard Shaw geborgt hat: „Es gibt keine aufrichtigere Liebe als die Liebe zum Essen.“

          Es gibt ja auch nicht so viel anderes, das man zumindest im pazifischen Teil Perus lieben könnte. Dieser Gedanke nistet sich schnell in unserem Kopf ein, als wir Lima verlassen, auf der Panamericana in Richtung Süden fahren und uns unmittelbar hinter der Stadtgrenze in einer Ödnis von niederschmetternder Trostlosigkeit wiederfinden: in einer baumlosen, strauchlosen, grashalmlosen Welt, in der Sand und Stein von Wind und Tau zu reglosen Dünen gebacken wurden, den Totenwächtern einer aller Anmut entkleideten Küste. Der Pazifik ist hier kein munter tosender Ozean, sondern liegt wie ein Geistermeer voller Klabautermänner unter Nebelschleiern, diesem Nebel, dem ewigen Fluch des Klimas an Perus Küste, dem Leichentuch, das der kalte Humboldtstrom und die heiße Wüstenluft in gemeinsamer Niedertracht Tag für Tag weben. So wie hier muss die Erde aussehen, wenn sie eines Tages verbleicht, wenn jede Farbe aus ihr gewichen und alles Leben von ihr getilgt sein wird, so wie dieses hoffnungslose, kraftlose Graubraun.

          Ein Chor der Heuchler und Lügner

          Plötzlich aber, als habe eine gute Fee Erbarmen gehabt und mit ihrem Zauberstab der Fruchtbarkeit den Fluch der Leblosigkeit vertrieben, verwandelt sich die Wüste in eine Oase, manchmal so schmal wie eine Fata Morgana, wenn nur ein Flüsschen von den Anden herunterrinnt, manchmal aber auch so breit wie ein Garten Eden, wenn sich ein mächtiger Strom seinen Weg zum Pazifik bahnt. Mais und Reis wächst dann bis zum Horizont, grüner Spargel und Granatäpfel, Mandarinen und Melonen, Feigen und all die anderen Früchte, die am Straßenrand von Kindern in Lumpen verkauft werden, deren Gesichter bei weitem nicht so strahlen wie die Farben ihres Obstes.

          So unvermittelt, wie die Fruchtbarkeit auftaucht, verschwindet sie auch wieder und macht Platz für die „pueblos jóvenes“, die jungen Dörfer, ein grausamer Euphemismus für diese Ansammlungen von Bretterbuden ohne Strom und Wasser, die wie Menschentermitenhügel in der Ödnis stehen und in denen die Straßenrandkinder und ihre Erntehelfereltern hausen, verhöhnt von den großflächig gemalten Wahlkampfparolen an den Wänden aufgegebener Gehöfte ringsum, mit denen sich die Kandidaten für die Präsidentschaftswahl 2016 in Stellung bringen - auch Keiko ist dabei, die Tochter des Gaunerpräsidenten Alberto Fujimori, der im Gefängnis auf seinen Tod wartet. Das Blaue vom Himmel versprechen sie dem Volk, wieder einmal, Wohlstand, Bildung, Frieden, Gerechtigkeit, ein stummer Chor der Heuchler und Lügner, dem trotzdem geglaubt wird, weil man ja an irgendetwas glauben muss, um nicht den Verstand zu verlieren.

          Hoffen auf weitere Gottesversprechen

          Doch die apokalyptische Lebensfeindlichkeit der peruanischen Pazifikküste jenseits der Oasen ist kein Gottesurteil und wird nahe der Stadt Ica mit Gottes eigenen Worten korrigiert: „Du wirst Olivenbäume in deinem Land haben.“ Diese Verheißung aus dem Buch Mose steht in der ersten biologischen Olivenölplantage Perus auf einem Brett aus Olivenholz inmitten von dreihunderttausend Olivenbäumen, die von einem hundertachtzig Meter tiefen Brunnen bewässert werden. Vor wenigen Jahren noch war diese Gegend wüst und leer. Jetzt wachsen hier Arbequina, Coratina, Manzanillo und Picual, die in einem extravaganten, mit Natursteinen verkleideten, von einem weit überkragenden Mies-van-der-Rohe-Dach gekrönten Betongebäude unter den wachsamen Augen von Miguel Villacorta, einem Ingenieur mit japanischen Vorfahren, zu Öl gepresst werden.

          Apéritiv mit Kaminfeuer: Die Viñas Queirolo sind ein Ort, an dem man die Welt ringsum mit all ihrem Lärm gründlich vergisst.
          Apéritiv mit Kaminfeuer: Die Viñas Queirolo sind ein Ort, an dem man die Welt ringsum mit all ihrem Lärm gründlich vergisst. : Bild: Archiv

          Der Wüstenboden sei reich an Ton, das Wüstenklima schwanke zwischen acht und sechsunddreißig Grad, und die Wüstentrockenheit mache sämtlichen Schädlingen den Garaus, ideale Voraussetzungen für gutes Olivenöl also, sagt der Ingenieur, der uns mit stillem Stolz herumführt und dann seine Öle verkosten lässt. „Seht ihr, sie schmecken schön bitter, und allmählich begreifen meine Landsleute auch, dass gutes Öl nicht samtweich sein darf, sondern im Gaumen kratzen muss.“ Immer mehr Peruaner, meint Miguel Villacorta mit seinem sanftmütigen Morgenlandlächeln, lernten die Vorzüge von Olivenöl schätzen, dem einzigen Öl, das reiner Fruchtsaft sei und allein mechanisch, nicht thermisch oder chemisch gewonnen werde, weswegen die Produktion in nächster Zukunft verdreifacht werden solle. Wir kosten die Öle, sind verblüfft über ihre erstaunliche Qualität, gratulieren dem leise lächelnden Ingenieur und hoffen insgeheim auf weitere Gottesversprechen in der Wüste.

          Drei Brüder schwören auf Qualität

          Sie lassen nicht lange auf sich warten. Kurz hinter Ica stehen wir vor einer vier Meter hohen Mauer, die im Gelbrot einer reifen Honigmelone gestrichen und mit Wachtürmen wie in einem Hochsicherheitsgefängnis bestückt ist. Das Tor öffnet sich, und vor uns breitet sich unser Sesam aus: die Viñas Queirolo, ein blütenweißes Weingut samt angeschlossenem Boutique-Hotel im Hacienda-Stil voller Rundbögen und Laubengänge, Arkaden und Pergolen, umgeben von achtzig Hektar Reben, hinter denen sich dramatisch die Vorhut der Anden-Kordillere erhebt. Es ist ein Ort wie ein Serail, erst drei Jahre alt, weil alles Alte Opfer der Erdbeben geworden ist, aber so gekonnt auf alt getrimmt, dass wir uns wie an einem Ort aus einer anderen Zeit fühlen. Das Gut ist mit kolonialen Antiquitäten möbliert, mit Stoffen aus den Gräbern der Nazca-Kultur dekoriert, mit mannshohen Erzengeln aus bemaltem Holz bestückt, mit Hunderten tönerner Pisco-Amphoren geschmückt. Und spätestens in den Wandelgängen, hoch genug für einen Reiter mit Pferd, fühlen wir uns, als seien wir nicht durch ein Tor, sondern durch ein Epochenfenster ins spanische Vizekönigreich Peru eingetreten.

          Seit 1880 gibt es die Viñas Queirolo, die bis heute in Familienbesitz sind und von drei Brüdern geführt werden. Doch erst vor sechs Jahren beschlossen sie, nicht mehr nur den Nationaltraubenschnaps Pisco zu brennen und schrecklich süßen Wein zu keltern, sondern aus ihren Trauben auch etwas Anständiges zu machen, um so den skandalösen Umstand zu ändern, dass der Durchschnittsperuaner pro Jahr nur 1,2 Liter Wein trinkt. Sie gründeten die Marke Intipalka, schworen sich auf einen rigorosen Qualitätsanspruch ein, bauen ihre Gewächse seither wüstenstaubtrocken aus und produzieren inzwischen tatsächlich einen hochanständigen Wein und einen noch besseren Sekt, der uns zum Sonnenuntergangs-Aperitif auf einem Aussichtspunkt hoch über dem Weingut serviert wird. Hier stehen wir nun, blicken über Rebenzeilen, Granatapfelplantagen und die hochhaushohen Dünen von Ica, glauben, ganz hinten am Horizont den Klabautermann-Pazifik zu erahnen, und lehnen uns an die Anden in unserem Rücken, die schroff und herrisch in den Himmel wachsen, eine gewaltige, steinerne Palisade, hinter der das kostbare Erbe der Inkas gehütet wird. Es ist immer noch der beste Grund, um Peru zu besuchen - aber längst nicht mehr der einzige.

          Schlemmen zwischen Anden und Pazifik

          Anreise: KLM Royal Dutch Airlines (www.klm.com) fliegt täglich von Frankfurt und acht weiteren deutschen Städten über Amsterdam direkt nach Lima. Die Preise beginnen bei 780 Euro in der Economy Class und 4235 Euro in der Business Class. Für die Einreise genügt ein Reisepass.

          Restaurants: Central, Calle Santa Isabel 376, Miraflores, Lima, Telefon: 0051/1/2428515, reservas@centralrestaurante.com.pe, www.centralrestaurante.com.pe (Reservierung mindestens einen Monat im Voraus); Malabar, Av. Camino Real 101, San Isidro, Lima, Telefon: 0051/1/4405300, restaurante@malabar.com.pe, www.malabar.com.de; Amor amar, Calle García y García 175, Barranco, Lima, Tel.: 0051/1/ 619959, contacto@amoramar.com, www.amoramar.com.

          Geschäfte und Weingut: Urban Kitchen, Av. Javier Prado Oeste 285, Magdalena del Mar, Lima, Telefon: 0051/1/6375397, www.urbankitchen.pe; El Pan de la Chola, Av. Mariscal La Mar 918, Miraflores, Lima; Perú pa’ tí, Av. Armendariz 546, Miraflores, Lima; Hotel Viñas Queirolo, Carretera a Los Molinos Km. 11, Ica, Telefon: 0051/1/2057170, www.hotelvinasqueirolo.com. Das Olivenöl von Oliperú (www.oliperu.com.pe) wird unter dem Namen Zumaq vermarktet und ist in guten Supermärkten sowie in Feinkostgeschäften erhältlich.

          Arrangements: Der Veranstalter América Special Tours (Adams-Lehmann-Straße 56, 80797 München, Telefon: 089/127091128, info@america-special-tours.de, www.america-special-tours.de) bietet eine kulinarische Rundreise an, die nach individuellen Wünschen gestaltet werden kann. Die Basisreise dauert elf Tage, führt unter anderem nach Lima, Nazca, Cuzco und Machu Picchu und kostet ab 7160 Euro pro Person.

          Informationen: im Internet unter www.peru.travel/de.

          Quelle: F.A.Z.

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