18.04.2002 · Drei Tage über Stock und Stein, Berge hinauf, und dann, frühmorgens, die Enthüllung des Mythos: Machu Picchu.
Von Gabriela HirtWie eine dicke weiße Daunendecke liegt der Frühnebel unten über dem Hochtal. Am rechten Ende ragt, einem Bettpfosten gleich, die felsige Spitze Huayna Picchus hervor - vom Ausblick über ganz Machu Picchu keine Spur.
Es ist sieben Uhr morgens, und in der Trekking-Gruppe regt sich Enttäuschung: Soll dies der Moment gewesen sein, für den man drei Tage lang kniehohe Steinstufen rauf- und runtergeschnauft ist, zwei Pässe (4.200 und 3.850 Meter hoch) überquert und sich heute im Morgengrauen aus dem Schlafsack gequält hat?
Rätselraten um Machu Picchu
Am Sonnentor, dem Intipunku, den Sonnenaufgang über der Inkastadt Machu Picchu zu erleben gilt als Höhepunkt der Inka-Trail-Wanderung. Der Jahrhunderte alte Weg windet sich vom heiligen Urubamba Tal bis zur "Stadt in den Wolken", die den Archäologen bis heute Rätsel aufgibt: Warum wurde Machu Picchu Anfang des 16. Jahrhunderts so plötzlich verlassen? Was war der Zweck der geheimnisvollen Anlage in 2.400 Metern Höhe? Dank ihrer versteckten Lage entging sie der Vernichtungswut der Spanier und gilt heute als eine der bedeutendsten archäologischen Stätten des gesamten Kontinents.
Vor elf Uhr herrscht noch mystische Atmosphäre
Der Nebel lichtet sich, als die Gruppe bereits zwischen Tempel-Grundmauern, Bewässerungsrinnen und riesigen Felsblöcken umherwandert. Die Sonne sendet Finger aus Licht, die nach weißen Schleierfetzen greifen und allmählich die volle Pracht und Mystik der Inka-Stadt enthüllen. Noch sind die Wanderer fast unter sich - die Touristenbusse kommen erst gegen elf Uhr an.
Ausgangspunkt jedes Machu Picchu-Besuchs ist Cuzco, einstmals das Herz des Inka-Reichs und Südamerikas "Gringo-Metropole" der Neuzeit in 3.400 Meter Höhe. Restaurants, Internet-Cafés, Souvenir-Shops und Reisebüros wetteifern an den herrlichen Plätzen und in den engen Gassen um Kunden. Prachtvolle spanische Herrenhäuser sitzen auf den Mauerresten monumentaler Inka-Steintempel, Indiofrauen verkaufen Textilien, Obst und Gemüse in den kopfsteingepflasterten Straßen.
Meister im wörtlichen Sinne
Rund um die Stadt warten weitere Ruinen auf Entdeckung. Am beeindruckendsten ist der Sonnentempel Sacsayhuamán hoch über der Stadt. 130 Tonnen schwere Steinblöcke sind zu drei fast 400 Meter langen Mauern perfekt an- und ineinander gefügt. Bis heute rätseln Wissenschaftler, wie die Kolosse von den Inka-Baumeistern bewegt werden konnten.