26.10.2011 · Wenn man im Alterungsanzug künstlich vergreist in Deutschlands ältester Stadt unterwegs ist, hat man nicht nur Spaß, sondern auch Visionen. Denn man sieht die Zukunft.
Von Oliver Maria SchmittGrau und faltig hängt ein Himmel über der Stadt, dass man weinen möchte, doch der Himmel hat den Job bereits übernommen. Gerade mal eine Stunde bin ich in Chemnitz unterwegs und fühle mich schon, als wäre Jopi Heesters mein jüngerer Bruder. Regen rinnt in feinen Fäden die blassgelbe Scheibe vor meinem Gesicht hinab. Ich bin um Jahrzehnte gealtert, desorientiert und dehydriert, mein Gang ist schwer, die müden Knochen wollen nicht mehr. Und das nur, weil ich mich mit einer fremden Frau in einem Hotelzimmer getroffen habe. Was ist geschehen?
Ein Wunder. In Chemnitz geschieht Tag für Tag das Wunder der Vergänglichkeit, und zwar im Rekordtempo. In Sachsens letztem Zivilisationsposten vor dem Erzgebirgsmassiv findet der vielbeschworene demographische Wandel live und in aller Öffentlichkeit statt: Chemnitz vergreist. Dabei war die stolze Industriestadt einmal das kraftvoll schlagende Herz des deutschen Maschinenbaus, hier wurden Nähmaschinen wie Lokomotiven am laufenden Förderband produziert, wurde das Label „Made in Germany“ erfunden, und als die Reichsmark noch rollte, schmückte sich Chemnitz stolz mit dem Titel „reichste Stadt Deutschlands“.
Inzwischen ist die Stadt sozusagen pensioniert und ächzt unter einem anderen Superlativ: Chemnitz ist die älteste Stadt Deutschlands; nicht historisch gesehen, sondern nach dem Altersdurchschnitt der Bevölkerung. Andernorts hadert man noch mit Jugendgewalt oder Gentrifizierung, hier wird schon munter geriatrifiziert. Täglich werfen Statistiker neue Zahlen aus, und die meisten sehen nicht gut aus für Chemnitz: Niedrige Geburtenraten ließen den Anteil der unter Fünfzehnjährigen auf zehn Prozent sinken - der niedrigste Wert einer deutschen Großstadt; heute zählt die Geburtsstadt von Stefan Heym und Peter Härtling noch 243000 Einwohner, von denen ein Drittel mehr als sechzig Jahre alt ist - schon wieder deutscher Rekord.
Seit der Wende haben sechzigtausend Menschen das Weite gesucht, meist Jüngere, die sich anderswo Jobs und Chancen erhofften, zum Beispiel in Hamburg, eine der wenigen deutschen Städte, deren Durchschnittsalter stetig sinkt. In zwanzig Jahren, so hat die EU-Behörde Eurostat kaltblütig errechnet, wird Chemnitz sich abermals ins Buch der Rekorde einschreiben. Dann werden achtunddreißig Prozent der Einwohner älter sein als fünfundsechzig Jahre - während es in London gerade mal zehn Prozent sind) -, und dann wird Chemnitz mit der raren Auszeichnung „älteste Stadt Europas“ zurechtkommen müssen.
Doch was sind schon Zahlen - ich kann mir ja nicht mal meine Hotelzimmernummer merken. Die patente Frau Oehme hat sie aber längst herausgefunden. Sie klopft an meine Tür, begrüßt mich, den Neuankömmling, in ihrer ehemaligen Heimatstadt Chemnitz und schiebt eine große Alukiste ins Zimmer. Ohne Umschweife kommt sie zur Sache: Ich solle mich ausziehen. Frau Oehme ist die Abgesandte des Meyer-Hentschel-Instituts in Saarbrücken, in dem man in vieljähriger Entwicklungs- und Forschungsarbeit einen einzigartigen Alterserfahrungsanzug entwickelt und geschneidert hat, eine Zeitmaschine zum Anziehen: den „Age Explorer“. Damit soll ich Chemnitz erkunden. Ich soll herausfinden, ob die Stadt rentnerfähig ist.
Mit geübten Griffen hilft mir Frau Oehme, eine Bleiweste anzuziehen, dann muss ich in den signalroten Zweiteiler einsteigen. Auch Ärmel, Brust und Beine sind mit Gewichten beschwert, das Teil wiegt elf Kilo, ein ausgetüfteltes System aus Bandagen, Gurten und Gummizügen schränkt die Beweglichkeit ein: Stehen geht noch gerade so, Gehen strengt ziemlich an, Aufrichten und Bücken erst recht, schnelle, komplexe Bewegungen oder gar Drehungen sind praktisch unmöglich. Ich bekomme dicke, mit Klettband gefütterte Handschuhe übergestülpt, dazu Ohrschützer, um die hohen Frequenzen zu beschneiden. Darüber ein Helm mit blassgelbem Visier, der das Blickfeld einschränkt und das Farbsehen erschwert.
Dies alles simuliere in etwa die Sinneswahrnehmung eines alten Menschen, brüllt Frau Oehme mich an, weil ich sie nur sehr schlecht höre. Sie reicht mir eine Tablettenschachtel - ich solle ihr mal zwei blaue und zwei gelbe Pillen geben. Es sind aber keine drin, nur rote, weiße und grüne. Sie klappt mein Visier nach oben und ich staune: Mit meiner vorweggenommenen Linseneintrübung habe ich weder die gelben noch die blauen Pillen erkannt. Ob Viagra-Produzenten das wissen?
Sie reicht mir ein Portemonnaie, ich solle ihr mal sechs Cent da rauszählen. Mit meinen gefühllosen Fingern fummle ich vergeblich im Geldfach herum, es sind aber gar keine Münzen drin. Von wegen!, lacht Frau Oehme, nimmt mir die Börse aus der Hand und schüttet kleines Kupfergeld heraus. Ich habe es weder gesehen noch gespürt. Kein Wunder, dass die Omas in der Supermarktschlange immer Ewigkeiten brauchen. Dem Alter ist alle Arbeit schwer. Nun reicht mir Frau Oehme mein Handy ich solle sie mal anrufen. Geht aber nicht, ich kann durchs Visier nichts erkennen und mit meinen Pelzfingern keine einzige Taste treffen. Die Produktergonomie für Alte stecke eben noch in den Kinderschuhen, lacht Frau Oehme und reicht mir meine Erwachsenenschuhe, die ich mal eben anziehen soll. Jetzt geht’s nämlich los, wir brechen auf in die Zukunft - nach Chemnitz Stadtmitte! Nur hier kann man heute schon erfahren, wie das später mal ist, wenn wir alle in der Altenrepublik Deutschland leben. Mühsam bücke und krümme ich mich beim Schuhebinden.
Walking in Chemnitz. Auf der regennassen Straße der Nationen schleppe ich meine Last vorbei am Café Moskau, an Ramsch- und Imbissläden. Vor einer Rentnerboutique stehen Stellagen mit den neuesten Kreationen für die kommenden Käufermassen. Alles in krass gedeckten Farben: Sportjacketts in Hell-, Dunkel- und Graubeige, Hosen in verrückten Eierschal-, Creme- und Durchfallfarben. Ein erster, klarer Vorteil des Alterns: Der Stoffwechsel wird reduziert, man trägt einfach immer die gleiche Kleidung.
Je näher ich dem Stadtzentrum komme, desto niedergeschlagener werde ich. Ist das schon die Altersdepression? Unglaublich, wie hässlich hier alles ist! Statt repräsentativer Häuser und Bauten hat man einen Fantasy-Shoppingpark aus Kunstklinker und Glas errichtet. Ich muss mich setzen. Frau Oehme, die ihre Heimatstadt bereits vor der Wende verlassen hat, findet tröstende Worte: Eigentlich sei das ja ein Fortschritt, dass hier überhaupt was stehe. Der Krieg habe achtzig Prozent der Innenstadt zerstört, zum Wiederaufbau fehlten Investoren, Baumaterial und Ideen. Nach der Wende habe man Investoren mit Baumaterial gefunden und auf den Rest nicht mehr gewartet. Man habe wohl keine Lust mehr gehabt, der Ort mit den größten innerstädtischen Brachflächen Europas zu sein - so dass Chemnitz als einzige deutsche Großstadt ein komplettes neues Zentrum verpasst bekam.
Wahrscheinlich bin ich schon zu alt dafür. Nichts wie weg will ich, doch fliehen ist gar nicht so einfach. Alter hat Beschwerden zu Gefährten. Jede Straßenüberquerung ist ein Wagnis. Ich höre keine heranpreschenden Autos, sehe kaum was, und bin ich endlich mal losgetrippelt, ist die Grünphase auch schon wieder vorbei. An einer Straßenbahnhaltestelle führe ich einen erbitterten Kampf mit dem Fahrkartenautomaten. Obwohl in fast allen Städten die gleichen Automaten stehen, funktionieren sie jedes Mal nach anderen sinnlosen Prinzipien. Die kleine Schrift ist sowieso nicht zu erkennen, die Tasten sind viel zu klein, und das Geld will nicht in den Schlitz hinein. Hier muss Chemnitz nachbessern.
Eine hilfsbereite Pensionistin eilt herbei, nimmt mir die Münzen ab und versenkt sie gekonnt im Gerät. Ich darf mich neben sie und ihre gleichfalls auf die Tram wartende Bekannte setzen. In heiterer Melancholie klagen sie vor sich hin. Wie schön doch früher alles war! Weil es keine Telefone gab, hatte man auch nicht unter Telefonmarketing zu leiden, und die Arbeitslosigkeit lebte man am bezahlten Arbeitsplatz aus. Ich könne ja, wenn ich in meinem „komischen Aufzug“ mal was erleben wolle, mit ihnen raus in ihr Wohngebiet fahren: Lauter leere Plattenbauten - der Stolz des siegreichen DDR-Wohnungsbaus glotze einen da aus toten Fensterhöhlen an.
Entkräftet, aber dankbar schlage ich die Einladung aus. Ich habe nämlich eine andere: An der Technischen Universität wartet schon Diplomingenieur Mathias Keil auf mich. Weil ich so langsam und außerdem spät dran bin, winkt Frau Oehme ein Taxi herbei. Wir rasen raus aus der Stadt, nach Süden, Richtung Erzgebirge. Man muss rechtzeitig bremsen, sonst landet man in Tschechien.
Ingenieur Keil, Professor für Arbeitswissenschaft an der Technischen Universität Chemnitz, ist ein alerter junger Wissenschaftler in einem Körper voller Spannkraft. Der Markt für die Alten sei der Zukunftsmarkt schlechthin, sagt er, und Wörter wie „Usability“, „Produktergonomie“ und „Prozessoptimierung“ gehen ihm leicht von den Lippen. Von „fluider“ und „kristalliner Intelligenz“ ist die Rede, als er uns durch die Gänge seines nagelneuen Instituts führt, und natürlich vom Stolz der Forschungseinrichtung: der „Chemnitzer Altersdatenbank“, in der ich aber noch nicht gespeichert bin. Auch hier, an der TU, habe man einen eigenen Altersanzug entwickelt, ein ziemlich geheimes Projekt im Auftrag der Autoindustrie. Produktentwicklung für Senioren, das sei die Aufgabe der Zukunft. Heute müsse man vor allem an die Handhabbarkeit denken, das gelte für die Getränkeflasche wie fürs Auto.
Dann führt er mich in einen supergeheimen Gebäudetrakt, die Fenster sind mit Sichtblenden verhängt. Ein Fahrsimulator! Ich bekomme Anweisungen, wie und wo ich während der Testfahrt auf verschieden bunte Reaktionsknöpfe zu drücken habe, zwänge mich ins Cockpit und gebe Gummi. Das macht Spaß! Die Knöpfe lasse ich Knöpfe sein, das ist mir viel zu kompliziert. Was will man uns Alten eigentlich noch alles zumuten? Ich brettere forsch durch eine virtuelle Innenstadt, der Tacho könnte achtzig oder auch hundertachtzig Kilometer pro Stunde zeigen, keine Ahnung, so genau kann ich das durch das „Age Explorer“-Visier nicht erkennen. Rechts und links spritzt die Jugend weg, als ich mit meinen dritten Affenzähnen in die City einfliege. Die Hup- und Warnsignale, die der Simulator ausstößt, höre ich eh nicht. Unglaublich, wie auf einmal die Lebensgeister zurückkehren! Man muss uns Alte nur mal machen lassen, dann bringt auch das Restleben noch Spaß.
Viele Runden später helfen mir die Wissenschaftler aus dem Fahrzeug. Sie haben grüne Gesichter. Ihnen ist von der Analyse meines Fahrstils schlecht geworden. Jetzt müsse ich mich aber erst einmal stärken, sage ich zu Frau Oehme, als wir die Geheimhaltungshalle wieder verlassen und uns von Ingenieur Keil und seinem Team verabschieden. Wir fahren zurück in die Stadt. Im nächstbesten Sanitätshaus leihe ich mir einen Rollator. „Ich will ihn Probe fahren“, sage ich und bekomme das Gerät für eine kleine Testrunde startklar gemacht.
Das erste Kaffeehaus am Platze ist das Café Michaelis. Mit dem Rollator sprenge ich die Türen auf und walze auf einen freien Tisch zu. Gegen das Altern helfen vor allem Antioxidantien, die ich mir in Form von Kaffee und eines nahezu göttlichen Rhabarber-Streuselkuchens zuführe. Der powert mich auf! Ich fühle mich angenehm transformiert, entwickle neue, ganz ungewohnte Sehnsüchte nach Kreuzworträtseln und Seniorentellern, dazu noch Durst auf Doppelherz. Jetzt bin ich gestärkt für eine neuerliche Stadtbesichtigung. Rüstig Alter ist des Lebens Psalter. Der Regen hat aufgegeben, Frau Oehme führt mich zur größten touristischen Sensation von Chemnitz: dem „Nischl“, wie sie den Kopf von Karl Marx in ihrem sächsischen Idiom so respektvoll nennt.
Marx, da steht er! Ein sieben Meter hoher und vierzig Tonnen schwerer Charakterschädel, groß, fett und voll in Bronze, die größte Porträtbüste der Welt. Hinter ihm, an der Hauswand, sein größter Hit in vier Sprachen: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ Grimmig entschlossen schaut der weltberühmte Sachbuchautor in die Ferne, in die Zukunft. Denn die Zukunftsgestaltung hat in Chemnitz Tradition. Anlässlich der Umbenennung der Stadt auf einen neuen, trendigeren Namen am 10. Mai 1953 sprach Ministerpräsident Otto Grothewohl die historischen Worte: „Die Menschen, die hier wohnen, schauen nicht rückwärts, sondern sie schauen vorwärts auf eine neue und bessere Zukunft.“ Diese Zukunft endete am 1. Juni 1990, als Karl-Marx-Stadt seine geheime Vorrangstellung als einzige deutsche Stadt der Welt mit drei O im Namen („Gorlmorksstodt“) aufgab und sich wieder den ollen Namen Chemnitz gab. Vielleicht ein falsches Signal?
Heute starrt Marx leidlich zufrieden auf die andere Straßenseite, auf der das legendäre „Stadthallenensemble mit Hotelhochhaus“ samt charakteristischer Betonelementfassade zu sehen ist, mit dem man zu Karl-Marx-Stadt-Zeiten immerhin den Nationalpreis abgeräumt hat. Noch immer dient die Halle der kulturellen Erbauung: Plakate werben für „Mord und Totschlag - Eine Ausstellung über das Leben“, für „Saitenverkehrt - das Wende-Musical“, aufgeführt von der Freien Schule Erzgebirgsblick Gelenau, und natürlich für ein Konzert der unsterblichen Puhdys, die auch in diesem Jahr wieder ohne Rollatoren auf die Bühne kommen werden. Für bunte Abende ist in Chemnitz gesorgt.
Auf der Grünfläche davor hängt die Jugend ab, coole Chemnitz-Kids in Hoodies und Kniekehlen-Jeans. Sie feiern ihre aufkommende Fertilität und heißen den alternden Fremdling auf ihre Art willkommen: „Hey Alter, du siehst voll schwul aus!“, rufen sie mir begeistert zu, zücken ihre Handys und lassen sich brav der Reihe nach mit mir fotografieren. Leben und leben lassen, das Alter ist die zweite Kindheit. Ich frage, wo man denn heute Abend noch was erleben könne, mit Musike und so. Sie raten mir zum „Subway“, das sei der steilste Punkclub der Stadt, und lachen sich dabei kaputt. Mir egal, Alter schadet der Torheit nicht.
Kurz nach neun öffnet das „Subway to Peter“ hinter dem Bahnhof die Kellertüre. Frau Oehme hat ein wenig Angst, sie war noch nie in einem Punkclub. Ihre Bedenken verfliegen sofort, als sie von einem Pulk gutgebauter und extrem höflicher, junger Gleisarbeiter umringt wird, die mit Frau Oehme ihren verdienten Feierabend abfeiern wollen. Es gibt Bier und Schnaps aus gleich großen Gläsern. Die Stimmung ist gut, aus den Boxen brüllt die Sommerhymne der Saison: „Ich will nicht nach Berlin!“ von der Chemnitzer Band Kraftklub.
Linde, der Mann hinter der Theke, erzählt kopfschüttelnd von den Verfehlungen der lokalen Kulturpolitik. Obwohl Chemnitz eine starke Szene aus Ravern, Skatern, Hip-Hoppern und anderen Musikern habe, obwohl an die zweihundert Bands in der Stadt probten, habe man das „splash!Festival“, das mit dreißigtausend Zuschauern größte Hip-Hop- und Reggae-Festival Europas, nach Bitterfeld abgegeben - aus Kostengründen, wie es heißt. Dabei habe sich sogar die Chemnitzer Robert-Schumann-Philharmonie an dem Riesenevent beteiligt!
Abrupt endet das Gespräch, denn plötzlich legt die Band legt los. Mit einem Riesenwumm, als wollte er ganz alleine Chemnitz aus dem Schlaf prügeln, drischt der Drummer der holländischen Band Long Way Down auf sein Kit ein. Seine Kollegen, Skatepunks in kurzen Hosen, schrammeln los, und Leon, der Frontmann, schreit es unablässig hinaus: „Wake up, there’s a train coming your way!“
Ich ordere ein großes Glas Knoblauchwodka, die Spezialität des Hauses. Flüssiger Ilja Rogoff. Sofort spüre ich, wie die fluide Intelligenz Schluck für Schluck in meinen altersschwachen Körper zurückkehrt. Herrlich! Mit neuer Kraft schleppe ich meine bleischweren Knochen auf die Tanzfläche und werfe die Extremitäten weg wie alte Krückstöcke. Wake up, Chemnitz! Aufgrund meiner Schwerhörigkeit kriege ich das wilde Gelärme nur in Küchenradiolautstärke mit, was der Sache äußerst dienlich ist. So taumle ich im Rentnerpogo exaltiert über die Tanzfläche und sehe gerade noch, wie mir Frau Oehme durch den Zigarettennebel zum Abschied winkt.
Endlich bin ich meine Pflegerin los. Das Alter soll der Jugend Vorbild sein! Mit meinen krassen Senioren-Moves und meinem schrillen „Age Explorer“-Outfit tanze ich die Kids spielend an die Wand. Im Hardcorepunkclub „Subway to Peter“, hinter dem Bahnhof, wo sich Irokesenpärchen küssen, als wollten sie an Ort und Stelle das negative Geburtensaldo ausgleichen, wo die reizendsten Gleisarbeiter Sachsens ihre After-Work-Party feiern und das Referenzgetränk Knoblauchwodka heißt - hier tobt das wilde Leben, das bald ganz Chemnitz erfassen wird.
Linde, schnell noch einen Rogoff on the rocks! Chemnitz, du kannst es schaffen - werde die wildeste Altenstadt Europas! Lass die Senioren zappeln, bis sie wieder jung werden, schick die Rentnerschwemme auf die Festivals! Die besten Anti-Aging-Mittel gibt’s hier schließlich schon rezeptfrei: Punkrock und Rhabarber-Streuselkuchen! Rentner, ran an die Rollatoren, stürmt die Chemnitzer Altersdatenbank! Old Charlie Marx hat recht: Geriatriker aller Länder, vereinigt euch!