14.12.2011 · Vor zehn Jahren bin ich nach Potsdam gezogen, geblendet von der Schönheit der Stadt. Doch dann ist sie mir fremd geworden. Ein Tag als Touristin in der Heimat.
Von Anna-Maria Hannoschöck-MerkleManchmal will ich einfach nur weg. Es sind diese Momente, wenn in meinem Lieblingscafé wieder einmal alle Plätze von Touristen belegt sind, die dort aus einem einzigen Grund sitzen: in der Hoffnung, Wolfgang Joop möge in seiner vermeintlichen Stammkneipe auftauchen wie eine göttliche Erscheinung. Dann bestelle ich in Gedanken schon einen Umzugswagen und verwerfe diesen Plan aber gleich wieder, weil meine Kinder nun einmal hier zur Schule gehen, auf keinen Fall weg wollen und auch ich eine beträchtliche Zahl von Menschen in dieser Stadt nicht missen möchte.
Seit zehn Jahren sind wir nun zusammen, Potsdam und ich. Wo ist er hin, der Enthusiasmus, der mich trieb, hierher zu ziehen, als ich in der Stadt noch keine Menschenseele kannte? Hat ihn derselbe Wind verweht, der beharrlich die anekdotenbehaftete Mühle in Sanssouci antreibt? Vielleicht ist es wie so oft im Leben: Kaum hat man sich an etwas gewöhnt, nimmt man es für selbstverständlich. Es ist an der Zeit, meiner verblassten Liebe eine neue Chance zu geben, bevor sie gänzlich den Bach hinuntergeht, und möglicherweise geht das so: Morgen bin ich neu hier, Touristin für einen Tag, zum ersten Mal in einer Stadt, die ich mittlerweile wie die meisten meiner Handtaschen kenne. Heute Nacht, gleichsam im Schlaf, werde ich es mir in einem mentalen Kraftakt abtrainieren, morgen auch nur eine einzige Biege automatisch zu nehmen oder beim Anblick eines Weltkulturerbeteiles zu gähnen. Wo bin ich? Mit dieser Frage werde ich morgen früh die Augen aufschlagen.
Eine Stunde lang tue ich noch so, als wohnte ich in dieser Wohnung und als sei das meine Familie, die ich soeben in den Tag verabschiede. Schon leicht verwirrt, grüße ich auch noch die Nachbarn, als ich das Haus verlasse. Aber jetzt, eine Straßenecke weiter, darf ich ganz ich sein und den ersten Testlauf starten. "Entschuldigen Sie", frage ich eine zur Straßenbahn hetzende Dame, "wo finde ich denn eine Touristeninformation?" Eilig erklärt sie mir den Weg, rückt unmerklich von mir ab, will mich loswerden und doch höflich bleiben. "Um welche Ecke noch mal? Links oder rechts?" Sie nimmt die Beine in die Hand - und verpasst knapp die Bahn. Ein Liedchen pfeifend und neugierig Löcher in die Luft guckend, entferne ich mich in Richtung Ziel. Links also in die Brandenburger Straße, von der ich später im Reiseführer kopfschüttelnd lesen werde, sie werde von "den Potsdamern" auch "liebevoll Broadway" genannt.
So weit das Auge reicht pastellfarben Saniertes, bestrickend, wenn ich es recht bedenke. Und ich kann es recht bedenken, weil ich einfach mal stehen bleibe, nur so schaue, anstatt genervt und hektisch mit jeder Menge Erledigungen auf der Agenda sich schleppend vor- und zurückbewegende Reisegrüppchen zu umspringen. Auch der zahnlose Akkordeonist ist schon da. Noch gestern aus Angst vor schlimmen Ohrenkrankheiten weitläufig umrundet, will ich ihm heute zuhören. Ja, ich will - und da scheint der Hase im Pfeffer zu liegen: Offenbar muss man nur wollen, und Unkraut verwandelt sich zwar nicht gleich in eine duftende Blume, aber immerhin in etwas, mit dem man ganz gut leben kann. Wie wäre es sonst zu erklären, dass mich der Akkordeonist plötzlich mit seiner Musik, einem Potpourri aus Edith Piaf, russischen Weisen, Lambada und Vivaldi, auf Reisen schickt? Wieder gelandet, lasse ich in aller Gemütlichkeit zwei Euro in den Plastikbecher gleiten - und ernte ein Lächeln.
Ich kneife die Augen etwas zusammen und blinzele durch meinen Wimpernschleier die Straße hinunter. Was ich sehe, ist nicht der doofe Zeitschriftenladen zur Rechten, der nie genügend Sonntagszeitungen im Angebot hat, auch nicht die penetranten XXL-Sale-Werbungen zur Linken. Ich sehe ein Gemälde, vor dem ich noch nie verharrt bin. Eine Art Triumphbogen am westlichen Ende der Straße - unter uns: Es ist jenes Brandenburger Tor, das Friedrich II. nach Ende des Siebenjährigen Krieges errichten ließ - liegt so irreal wie nie im gleißenden Sonnenlicht, dass es mich nicht wunderte, wenn gleich eine Kutsche hindurchführe, aus der die Königin Luise winkte.
Jetzt kaufe ich in einem Touristenladen einen Stadtplan samt kleinem Reiseführer für Eintagstouristen. Ob ich nicht an einer Schlösserfahrt mit dem Schiff interessiert sei? Ich zucke kurz zusammen, aber wer A sagt, muss auch eine Schlösserfahrt machen. Also gut, am Nachmittag dann. Wo ich denn jetzt am besten mit meiner Stadterkundung anfangen solle, frage ich, und es wäre reizend, einen Frühstück und Stadtbesichtigung vereinenden Geheimtipp zu bekommen. Das Holländische Viertel - ich wusste es! - in Verbindung mit dem Café "La Maison du Chocolat" wird mir dringend empfohlen. Und als sich die Touristenberaterin zu mir hinüberbeugt, flüstert sie mir doch tatsächlich zu, auch "der Joop, der Designer", lasse sich da schon mal blicken.
Ist es eigentlich schön, dieses mächtige, an eine Ritterburg erinnernde Nauener Tor, vor dem ich jetzt stehe, oder nur außergewöhnlich? Friedrich II. persönlich soll es skizziert haben. Ach was, ich gestatte mir großzügig, diese Überlegung auf morgen zu verschieben. Auf jeden Fall bietet es die Kulisse, wenn nicht gar den Grund dafür, dass fast der gesamte Platz mit Stühlen und Tischen diverser Cafés und Restaurants bestückt ist. Und beinahe alle Plätze sind besetzt. Normalerweise bin ich eine Fahrradfahrerin, die hier gerne durchpeitschen will, sich jedoch mehr oder weniger einsichtig zum Absteigen zwingt. Die Perspektive wechseln, ja, das ist es. Nun bin ich hier also zufällig und entschleunigt auf dem Weg zu meinem "Geheimtipp" vorbeigekommen und werde mich erst einmal unter diesem Tor niederlassen.
Mutiger als gewöhnlich, setze ich mich an einen Tisch, dessen einzigen noch freien Platz mir eine Frau anbietet. Vier Kinder hat sie dabei. Ob das alles ihre sind? Schnell kommen wir ins Gespräch. Aus Berlin-Charlottenburg sei sie, und ihre Kinder - jedenfalls die, die schon auf etwas bestehen können - bestünden darauf, einmal pro Woche nach Potsdam zu fahren. Potsdam sei ihr Tusculum. Ist es albern, dass ich gerade zwei Zentimeter größer werde und sich Freude darüber, ja so etwas wie Stolz in mir hochschraubt? Borgen Sie mir Ihre Brille, bitte ich die Frau in Gedanken, ich brauche sie nötiger als Sie.
Weiter geht's ganz bedächtig durch die absolut als - das schaurige Wort muss jetzt sein - quirlig zu bezeichnende Stadtmitte. Alle Sprachen der Welt dringen an mein Ohr, Menschen fotografieren, stöbern in den Läden, sitzen in Cafés, lesen in Stadtführern. Die Touristen machen einen angenehm entspannten Eindruck, anders als in Versailles, anders als in Florenz. Ist Potsdam eine kleine, feine Extra-Touristenglück-Portion? Und ich darf von ihr naschen, wenn ich nur will? Rosarote Leihbrille und Wimpernschleier wirken Wunder.
Als ich noch nicht Touristin war, habe ich mich oft gefragt, wer all diesen Touristentinnef hier eigentlich kauft, geschweige denn braucht. Aber was will man eigentlich mehr? Doch keinen Baumarkt oder ein Möbelhaus. Tinnef braucht der Mensch, denn Tinnef ist menschlich. Ich Glückspilz habe ein paar spektakulär bunte Luisen-Badepralinés gefunden und einen kleinen Zink-Friedrich für mein Bücherregal. Und da ich mir in jeder fremden Stadt ein Kleidungsstück kaufe, nehme ich auch noch ein Seidentuch mit, das das Tapetenmotiv aus dem Neuen Palais ziert. Während mein Tuch als Geschenk für mich verpackt wird, suche ich in meinem Reiseführer das Neue Palais. Die Verkäuferin erzählt mir munter, dass der große König selbst es nicht sehr gemocht und die "Prahlerei" mit ihren zweihundert Zimmern als Gästehaus vorgesehen habe. "Wahnsinn", sagt sie, "zweihundert Zimmer!" Wahnsinn, denke ich zum ersten Mal, zweihundert Zimmer! Und wie viele davon kenne ich? Wenige. Es gibt noch zu tun hier.
Ich sitze ganz losgelöst draußen in der Sonne im "Maison du Chocolat", als lernte nicht gerade mein Sohn einen Steinwurf entfernt das ABC. Kein Designer weit und breit, aber eine ganz hervorragende Schokolade, eher adipös als dick zu nennen. Jetzt ist mir ein bisschen schlecht. Vielleicht liegt es aber auch an den zwei Croissants dazu. Schläfrig ruht mein Blick auf der kleinen Kreuzung und den flankierenden barocken Backsteinhäusern. Mühe hat man sich gemacht, denkmalschützerische Strenge walten lassen, bierernst auf jedes Detail Wert gelegt. Entstanden ist daraus etwas ungemein leicht aufzufassendes Schönes, dessen geistig und körperlich anstrengende Entstehung man ihm ebenso wenig anmerkt wie einer Sinfonie von Mozart. Sitzen muss man, schokoladenschläfrig sein und nichts anderes im Sinn haben. Dann sieht man mal wieder den Wald, der einem vor lauter Bäumen lange verborgen blieb.
Ein herrlicher Mischwald ist es übrigens. Denn selbst die ungeklärten Eigentumsverhältnisse entpuppen sich heute unter meinem jungfräulichen Scharfblick als eine attraktive Besonderheit der neuen Bundesländer. Sonst als Schandflecke diffamiert, auferstehen ein paar letzte unsanierte Häuser als pittoreske Solitäre, deren bröckelnde Fassaden zum Träumen anstiften. Überhaupt ermesse ich langsam, weshalb mein Alter Ego damals so begeistert war: Diese Stadt ist einfach eine riesige Filmkulisse. Noch von den Dächern der simpelsten Bürgerhäuser grüßen ein paar Putten, winken Stuckgirlanden in strahlendem Weiß, zeugen aufwendige Reliefs von der Liebe zu den schönen Künsten, und das ganze Straßen weit.
Im Park Sanssouci stehen viele Eingänge zur Auswahl. Als Neue nimmt man sicher den Haupteingang am Grünen Gitter. Eine halbe Ewigkeit ist es her, dass ich ohne Laufschuhe oder Fahrrad diesen Eingang passiert habe. Und weil ich sonst so schnell wie Speedy González daherkomme, wurde ich auch noch nie von dem historisch kostümierten Mädchen um einen freiwilligen Parkeintritt in Höhe von sage und schreibe zwei Euro gebeten. Dieser Park ist ganz frei zugänglich, für jedermann. Ich bin, und das ist nicht gespielt, erstaunt und zücke gerne einen Zehner. Macht sich jemand eine Vorstellung von der Bedeutung eines freiwilligen Eintrittsgeldes ins Weltkulturerbe? Ich mir jedenfalls gerade. Man fühlt sich glatt als Mensch, der hier nicht nur sein soll, sondern auch sein darf. Friedrich der Große wollte hier „sans souci“ und vor allem „sans femmes“ sein. Mich wird er jetzt so schnell nicht wieder los, aber es scheint, als sei es ihm gelungen, wenigstens jene Sorglosigkeit postum ins einundzwanzigste Jahrhundert hinüberzuretten.
Zwischen entkrampften Reisegruppen schlängelt sich eine kleine Horde hiesiger Rentner beim Sporttreiben hindurch. Bücher lesende Philanthropen hocken um die große Fontäne herum, und dort bewegen sich etliche Mütter mit Kinderwagen durch die Landschaft. Man sieht ihnen an, dass sie nicht von weit her angereist sind, sondern genau das jeden Tag um diese Uhrzeit tun. Und nun habe ich doch glatt vergessen, eine Kartoffel für des Königs Grab mitzunehmen. Langsam umrunde ich das Herzstück dieses 289 Hektar umfassenden Areals: die prächtige, aber mitnichten protzige, eher intime Rokokoperle Sanssouci. Ich setze mich auf eine Bank genau davor. Man fängt ja an zu spinnen, wenn man auf einer Bank sitzt und nichts denken will. Ich für meinen Teil beginne nach ein paar Minuten, mir vorzustellen, meine Familie und ich lebten hier. Genau dort müsste das Trampolin hin und da das Schildkrötengehege. Zur Partyterrasse erkläre ich nicht die eigentliche Schlossterrasse - da will ich meine Leseliege und ein paar Rosen stehen haben -, sondern die zweite Weinbergterrasse von oben. Die Kinder könnten in den Ost-, wir in den Westflügel. In die Mitte, in den Marmorsaal, jawohl, kommt das Bad, und wenn ich in der überdimensionierten Badewanne sitze und zweimal in die Hände klatsche, bringt mir jemand einen Marzipanfriedrich.
Meine Endorphine scheinen langsam Überhandzunehmen, ich dauerlächele vor mich hin, als sei ich im vierten Monat schwanger. Dieser Ort ist magisch warm, besitzt überhaupt nichts übermächtig Abstoßendes, fordert zu lebenslanger Freundschaft auf, anstatt bildungstümelnde Ehrfurcht einzuflößen. Ich könnte ein Jahr lang hier sitzen bleiben. Auf dem Weg zu meinem Haveldampfer passiere ich die Landtagsbaustelle. Das Stadtschloss wird neu aufgebaut und soll irgendwann vom Brandenburger Landtag bezogen werden. Noch gestern rief dieses Bauvorhaben bei allenthalben leeren Stadt- und Landeskassen auch bei mir Ambivalenzen hervor, allerdings habe ich mich auch bisher nie für etwas anderes als die Kosten interessiert. Jetzt aber, da ich endlich einmal in der Infobox war und auf der Treppe der deutlich an den Petersdom erinnernden Schinkelschen Nikolaikirche sitze, den Blick auf das schon errichtete Fortunaportal geheftet - übrigens eine Spende des Potsdamer Bürgers Günther Jauch -, kommt mir auch keine bessere Idee, als genau dieses Schloss hier wieder hinzustellen.
Die Havel glitzert in der Sonne, eine leichte Brise lässt mich den Schal enger wickeln und heißen Tee bestellen, als hätte ich Tee jemals gemocht. Die aufkommende Kälte ficht mich nicht an, denn wenn man sich in eine frischverschneite Wiese fallen lässt und einen Schnee-Engel macht, dann ist einem warm. Die Wortfetzen aus dem Lautsprecher, Schloss Babelsberg, Hofdamenhaus, Glienicker Brücke, Spione, Italiensehnsucht, Cecilienhof, Hohenzollern, erreichen mich nur noch aus weiter Ferne. Erst als wir die Pfaueninsel passieren, meldet sich mein Großhirn zurück. Das Buch „Rot wie Rubin“ erzählt von dem Leben des Johannes Kunckel, dem hier im Auftrag des Großen Kurfürsten die Herstellung des Rubinglases gelungen ist, und dieses Buch habe ich als Kind gleich mehrmals gelesen, weil es so spannend war. „Ich muss mal wieder rüber auf die Insel“, denke ich und summe das „Potsdam-Lied“ vor mich hin. „Du bist die Stadt, auf die wir steh’n, du bist die Stadt, aus der wir niemals geh’n.“ So will es der Schlager in aller lokalpatriotisch rumpelnden Peinlichkeit. Und so will ich es jetzt auch. Ich bleibe vorläufig hier.