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Peloponnes : Einmal Prinz von Arkadien sein

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Die Unterstadt von Monemvasia. Bild: Picture-Alliance

Götter, Riesen, versteinerte Wälder und Höhlen voller Wunder findet man auf der Peloponnes. Wenn man Glück hat, darf man sogar einem Archäologen bei der Arbeit über die Schulter schauen. Eine Reise mit Kindern.

          Die Autobahn führt in schwindelerregender Höhe über den Isthmus von Korinth. Nero zog zum Graben Tausende von jüdischen Zwangsarbeitern heran, fertiggestellt wurde der Kanal dann aber erst 1893, dem Dynamit sei Dank. Besonders beeindruckend ist die spiegelglatte, neunzig Meter tiefe Felsspalte, in der weit unten das Wasser des Kanals glitzert. Das venezianisch anmutende Städtchen Nafplio war die erste Hauptstadt des unabhängigen Griechenlands und ist zum Entdecken der Peloponnes ein idealer Ausgangspunkt. Schmale Gassen, unzählige Cafés und Restaurants, schattige kleine Parks samt großzügig angelegten Spielplätzen und bunte Läden, die bis Mitternacht geöffnet haben – griechische Uhren ticken anders, und zwar für Kind und Kegel.

          Zikaden singen, und die weiß gekalkten Stämme der Olivenbäume leuchten neben dem Obst der zahllosen Plantagen auf der Fahrt zur mächtigen Festung von Mykene. Wir haben Glück und eine der prächtigsten Burgruinen so gut wie für uns. Ein stilles Dankeschön gebührt Heinrich Schliemann, der allen Spöttern zum Trotz Homer vertraute und Agamemnons Palast 1876 ausgrub. Am besten besucht man die angedockten Museen vor den historischen Stätten, das füllt den Stein für Kinder und Jugendliche mit Leben. In der Ausbuchtung nahe dem Eingang zur tiefen Zisterne standen demnach die Götzen, die an westafrikanische Kunst erinnern und deren verzerrte Gesichter im Dunkeln bei Fackelschein vor viertausend Jahren sicher entsetzlich wirkten; zudem stieg würziges Rauchwerk durch Dutzende kleiner Löcher aus ihrem bunt bemalten Tonkörper. Dort drüben, in diesem Steinring, machte sich die Königin schön. Mit dem von Schliemann gefundenen Schatz und auffallend schmalzinkigen Elfenbeinkämmen. Ob es in Mykene wohl Läuse gab?

          Der Meisterfund heute: Ein Teil einer Vase

          Auf der Fahrt zurück nach Nafplio liegt die Akropolis von Tiryns. Niemand zu sehen, aber wir steigen dennoch aus. Im Schatten der zyklopischen Mauern – wer sonst als Poseidons riesenhafte Söhne könnte diese tonnenschweren Steine aufgehäuft haben? – finden gerade Ausgrabungen statt. Ein britischer Archäologe in weißem Leinenanzug, mit ledernen Handschuhen und Strohhut durchkämmt Sandhaufen, und die Kinder sehen ihm dabei genauso über die Schulter wie den Frauen, die im Schatten sitzend und schwatzend Scherben waschen, Schmutz von Schmuck trennend. Der Meisterfund heute: Ein Teil einer Vase, die den Chor einer griechischen Tragödie zeigt.

          Besonders beeindruckend ist die spiegelglatte, neunzig Meter tiefe Felsspalte, in der weit unten das Wasser des Kanals glitzert.

          Das passt, denn am Abend wird im antiken Amphitheater von Epidaurus das Stück „Die Perser“ von Aischylos aufgeführt. Die Busse kommen aus ganz Griechenland und parken auf den Weiten um das Theater, Eukalyptusblätter brechen unter dem Fuß; ihr Duft mischt sich mit dem warmen Rauch der Souvlaki-Buden. Die Stimmung ist aufgekratzt. Epidaurus war schon in der Antike als Heiligtum des Heilgottes Äskulap bekannt, überschattet wird das jedoch von dem Amphitheater, in dem schon vor 2500 Jahren Stücke aufgeführt wurden.

          „Die Griechen sind niemandem Untertan!“

          Die Sonne sinkt, die Pinienhaine sind dunkle Schatten im Blau des Horizonts, und erst die aufflammenden Untertitel lassen den Sternenhimmel verblassen. Das Theater ist bis auf den letzten der vierzehntausend Plätze voll besetzt, Kissen machen das Sitzen auf den Kalksteinbänken wesentlich bequemer. Das Stück ist dramatisch-intensiv, bis unter Rauch und Donner König Darius aus dem Grab gerufen wird, auf seinem Antlitz ein Goldregen, der an Agamemnons Maske gemahnt. Bei Sätzen wie „Die Griechen sind niemandem Untertan!“ jubelt das Publikum.

          Am nächsten Tag wird beim Baden am Meer der Tanz der Perser nachgestellt, die Eiscreme als Schwert in der Hand. An den Stränden des Peloponnes spricht man Griechisch, denn in Hellas bleibt man im Urlaub gerne daheim – auch wenn es den Griechen an und für sich nach Besatzung durch indogermanische Krieger und Kreuzfahrer, Ottomanen, Venezianer und verschiedene europäische Mächte nicht mehr gibt.

          Das Löwentor der Akropolis von Mykene.

          Dann heißt es Adieu, elegantes Nafplio, denn die Fahrt auf der Suche nach den Spuren der europäischen Kultur geht weiter, nach Sparta in Lakonien, quer durch Arkadien – wo man gerne Prinz wäre, hier, in der weiten, leeren Mitte des Peloponnes. Grüne Weiden, bewaldete Hügel, gurgelnde Bäche und schattige Höhlen, in denen der Gott Pan gerne sein Unwesen trieb. Der Stadtstaat Sparta fürchtete nichts und niemanden und hatte deshalb keine Stadtmauern. Schade, denn nun liegt das antike Reich unter der neuen, lebendigen Stadt begraben, und es gibt wenig zu entdecken. Die Säulen der Heiligtümer der Athene und der Artemis liegen mit Efeu überwachsen nahe der riesenhaften Statue des Königs Leonidas. Auf dem Sockel sind seine unsterblichen Worte „Molon labe!“ eingemeißelt, die Mutter aller lakonischen Antworten. „Kommt und holt sie Euch!“, schleuderte er den Persern entgegen, als sie bei der Schlacht an den Thermopylen seine Waffen forderten.

          Gewiss huschen Geister durch die Ruinen

          Gegessen wird in einem schattigen Hinterhof voller Feigen- und Maulbeerbäume, in deren Schatten Schildkröten spazieren gehen. Die Tische füllen sich langsam mit griechischen Großfamilien. Wie so oft sind die Vorspeisen attraktiver als die Hauptspeisen – so tun wir’s den Griechen nach und teilen uns ein halbes Dutzend kleine Teller, von gefüllten Weinblättern und Paprika über scharf gewürzten Oktopus und natürlich griechischen Salat, der so viel besser ist als sein Ruf.

          Boote im Hafen in Messinia, dem wilden Südwesten der Peloponnes.

          Westlich der Stadt schraubt sich die Straße höher, den Ruinen von Mystras entgegen, eine der wichtigsten historischen Stätten auf dem Peloponnes. Die Begeisterung kennt Grenzen: „Noch eine zerbrochene Burg?“ Ja, denn hier entfaltete das byzantinische Kaiserreich im dreizehnten Jahrhundert zum letzten Mal seine volle Blüte, ehe es an die türkischen Belagerer fiel und in Europa die Renaissance begann. Am besten, man bricht früh auf und nimmt Hut, Wasserflasche und gute Schuhe mit. Durch Orangen- und Olivenhaine geht es zum Kastro, dem Kastell von Mystras, und dann den Berg hinunter durch die mittlere Stadt zur Kato Hora, der unteren Stadt. Schwalben schwirren durch die leeren, meterhohen Fensteröffnungen, und Schmetterlinge ruhen auf dem Grün, das in den Ritzen der einst so mächtigen Mauern sprießt. Die Pflastersteine sind glattgetreten, und gewiss huschen Geister durch die Ruinen, denn an diesen Bergen setzten die Spartaner einst schwächliche Kinder aus, den wilden Tieren zum Fraß.

          An jeder Aussicht steht eine Kirche

          Der Peloponnes hat zwei Finger, die Mani und Monemvasia. Beide Landstriche sind sowohl für ihre Schönheit wie ihre schockierend mörderischen Stammeszwiste berühmt. Auch heute gehört die Insel Monemvasia, ein atemberaubend in der türkisen See gelegener Felsbrocken samt Burgruinen und sehr lebendigem kleinen Dorf, einigen Familien, die seit Jahrhunderten im Schatten der Burgruine auf dem Plateau ansässig sind.

          Ein lebendiges Dörfchen: Die Unterstadt von Monemvasia.

          Der Zugang führt über eine schmale Brückenstraße, Parken ist prekär. Auf dem Weg zum Ort springen Kinder von den Felsen in das schäumende Meer. Nahe der Leiter des kleinen Ozean-Lidos hebt eine Meeresschildkröte ihre Nase aus dem Wasser, ihre Augen glitzern neugierig. Das ummauerte mittelalterliche Dorf, das früher einmal 42 Kirchen hatte – wo immer in Griechenland eine spektakuläre Aussicht zu genießen ist, da steht auch eine Kirche! – ist kleiner als Carcassonne, wärmer als Visby und voller Leben, Cafés und Restaurants, die meisten mit unglaublichem Meerblick. Der Weg zu dem Plateau ist schlüpfrig, Katzen lungern im Schatten von Feigenbäumen, und alte, schwarzgekleidete Frauen stellen sich den Stuhl vor die Tür, um den Besuchern beim Klettern in der Mittagshitze zuzusehen. Oben überraschen die Weitläufigkeit und die Vielfalt der Ruinen: Kastelle, Kirchen, Klöster, Keller, alles will erforscht werden. Es gilt die alte Faustregel: Wenn die maulenden Kinder erst einmal dort sind, dann gefällt es ihnen auch.

          Die einzigen Bewohner sind blinde Heuschrecken

          Die Straße schlängelt sich schwindelerregend entlang der Hänge des Parnon-Gebirges. Im Süden der Landzunge von Monemvasia befindet sich die Grotte von Kastania, die 1914 von einem durstigen Hirten entdeckt wurde: Er sah Bienen in einer Erdspalte verschwinden und mit feuchten Flügeln wiederkommen. Als er die Spalte weitete, fand er die phantastische Wunderwelt mit einmaligen Stalaktiten und Stalagmiten. Seit drei Millionen Jahren arbeitet die Erde an dem Wunder Kastania, und der Fels formt immer weitere Skulpturen, die dank der eisen- und kupferhaltigen Erde rostrot und russisch-grün gefärbt sind oder, tief im Inneren, reinweiß schimmern. Wasserfälle aus Stein findet die Phantasie ebenso wie ganze Elefantenherden, Geishas und eine Maria mit Kind samt einer Gruppe von Betenden. Teilweise ist die Höhle so hoch, dass einem vom Hinaufsehen schwindelig wird. Vielleicht sieht man die seit Jahrmillionen einzigen Bewohner, die blinden, tauben Dolichopoda-Heuschrecken.

          Die Flußnymphe Neda zog mit ihren Schwestern den Göttervater Zeus groß. Man kann dem gleichnamigen Fluss also ruhig seine Kinder anvertrauen.

          Nur einige Kilometer von Kastania entfernt überrascht ein weiteres geologisches Wunder, der versteinerte Wald von Neapolis. Erdbeben und Vulkanausbrüche veränderten die griechische Topographie im Jura, und die Bäume des versteinerten Palmenwaldes, dessen Stümpfe entlang dem Küstenstreifen aufragen, sind stumme und in Europa einmalige Zeugen dieser Zeit.

          Von Monemvasia geht es weiter nach Messinia, dem wilden Südwesten des Peloponnes, einem Landstrich von unberührter Schönheit und entspannter Lebensart. Der sagenhafte Herrscher Nestor ist die kluge graue Eminenz der „Ilias“, und der Besuch seines hervorragend erhaltenen Palastes ist ein Höhepunkt jeder Peloponnes-Reise. „Weiter Meeresblick, Speisesaal für dreitausend Gäste, riesige offene Kamine, Küche mit Platz für Hunderte Ölfässer und freistehende Badewannen“ – so würde ein Makler den Palast heute beschreiben. In der viertausend Jahre alten Terrakotta-Badewanne soll seine Tochter, Prinzessin Epikaste, dem Krieger Telemach den Staub vom Rücken gewaschen haben. Ithaka ist zwar klein, aber doch ein Königreich, und Telemach sein Kronprinz.

          Der Fluss der Wassernymphe

          Von den Palastmauern aus sieht man die halbmondförmige Bucht von Voidokilia, die „Ochsenbauchbucht“, einen Strand von atemberaubender Schönheit, dessen klare Wellen von hohen Felswänden geschützt werden. Im Wasser spiegeln sich sowohl die Ruine einer venezianischen Festung als auch Nestors dunkel klaffende Grotte, die seit prähistorischen Zeiten bewohnt wurde. Schilf und Büsche liegen als grüner Gürtel um den Strand und beheimaten im Herbst und Frühling eine in Europa einmalige Vielfalt an Vögeln.

          Weiter im Norden liegt das Städtchen Kyparissia. Die Altstadt nahe der Kreuzfahrerruine ist ideal, um die Spezialität des Landstrichs zu kosten, einen stundenlang bei niederer Temperatur gegarten Schweinebraten. Am besten tut man dies bei der Rückkehr von den Wasserfällen von Neda. Der einzige griechische Fluss mit weiblichem Namen – Neda war eine Wassernymphe – führt auch im Hochsommer Wasser. Nach einigen schwierigen Kilometern Schlaglochpiste steht eine zwei Kilometer steile, aber schattige Wanderung an, doch die Mühe lohnt sich: Aus beinahe zehn Meter Höhe stürzt das eiskalte Gebirgswasser schäumend in ein tiefes Becken, in dem man baden kann.

          Nun sind wir fit für den Sprint aller Sprints: Der Hundert-Meter-Lauf im Stadion von Olympia, vierzig Grad Hitze hin oder her. Das weitläufige Zeus-Heiligtum – seine dreizehn Meter hohe Statue war eines der antiken Weltwunder – liegt im Schatten von Eichen und Platanen. Noch immer herrscht hier der Geist der Spiele, die seit 776 vor Christus jedem Krieg Einhalt geboten. Es lohnt sich, die Museen zu besuchen und mehr über das Leben antiker Olympioniken zu lernen. Knabenringkampf? Das haben wir jeden Abend zu Hause! Aber was ist mit dem 143 Kilogramm schweren Stein, den ein Sportler mit einem Arm gestemmt hat? Den Preis – lebenslange Steuerfreiheit und einen Triumphzug – hat er sich verdient.

          Unterwegs mit kleinen Helden

          In Nafplio heißen das Hotel Perivoli (www.hotelperivoli.com) und das Hotel Ippoliti (www.ippoliti.gr) Familien mit Pool, langem Frühstück und freiem W-Lan willkommen. Entdecken Sie die kleine, versteckte Taverne Aiolos (Vassilias Olgas 30) zum Mittagessen, die Weinbar überrascht mit neuen griechischen Weinen.

          In Monemvasia bietet das Kinsterna Hotel (www.kinsternahotel.gr) für Kinder Eselreiten an, man kann Olivenplantagen besuchen oder griechisches Brot backen. Eltern lieben das Spa und das kulinarische Angebot. Auf der Insel Monemvasia essen Sie köstlich und kreativ bei „Chrisovuolo“ (www.chrisovuolo.gr).

          In Messinia bieten The Romanos (www.romanoscostanavarino.com), die Palaikastro Villas (www.pllane.com) und das Kyparissia Blue (www.kyparissiablue.com) familienfreundliche Unterkunft für jeden Geldbeutel. Neue griechische Küche gibt es bei „Elia“ (www.elia-gialova.gr) in Gialova, eher traditionell geht es bei „Palia Agora“ (Eleni Chameri, Telefon: 030/2761/062184) in der Altstadt von Kyparissia zu.

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