Home
http://www.faz.net/-gxh-ou0y
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Orang-Utans auf Borneo Affenstillstand

07.05.2004 ·  Für Orang-Utans ist es auf Borneo eng geworden. Nur noch 30.000 der zotteligen roten Riesen leben weltweit. Dabei hatten sie sich mit Borneo die drittgrößte Insel der Welt ausgesucht: ein Hausbesuch bei Verwandten.

Von Julia Voss
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Eine kleine schwarze Hand schiebt sich um den Baumstamm. Ein Paar geschürzte Lippen folgen. In der vorgestreckten Unterlippe fängt sich der Regen, der in langen Fäden von den Blättern rinnt. Ein roter Haarschopf erscheint. Dann, endlich, ein dunkles Gesicht, darin zwei kreisrunde glänzende Augen. Sie sehen: Sieben englische Pensionäre mit Regenschirm. Fünf Australier, die auf der Besucherplattform Pfurzgeräusche imitieren. Ein altes amerikanisches Paar mit fleckigen Gesichtern. Gleich wird die Frau eine Mundharmonika aus der Handtasche ziehen, um für die Affen zu musizieren. Ein Aufseher wird es ihr untersagen. Eine Deutsche mit Stift und Notizblock. Eine sechsköpfige malaysische Familie. Eine Reisegruppe aus China.

Es ist Sonntag im Orang-Utan-Rehabilitationszentrum in Sepilok im malaysischen Teil der Insel Borneo. Miskan, das elfjährige Männchen, ist heute zuerst an der Futterstelle erschienen. Nach und nach folgen fünfzehn weitere Orang-Utans. Aus dem dunkelgrünen Innern des Dschungels hangeln sie sich vor zum Holzpodest, vorbei an den Touristen, hin zu Milch und Bananen. "It's a boy", kreischt ein Australier, als Miskan die Beine spreizt, während er das Seil entlangschwingt. Blitzlichtgewitter. Auf dem Oberschenkel des Orang-Utans wird ein riesenhaftes Tattoo sichtbar, das, obwohl es nur aus drei Ziffern besteht, vom Knie bis fast zum Rumpf reicht. 636, steht dort. Er ist eines der über sechshundert Tiere, das von Mitarbeitern des Rehabilitationszentrums registriert und danach entweder ausgewildert oder zur Aufzucht in die Station gebracht wurde. Mit dem Tätowieren, das die Wiedererkennung der Tiere in freier Wildbahn ermöglicht, begann man erst Anfang der neunziger Jahre. Die Station existiert bereits seit 1963.

Vom Aussterben bedroht

Für die zotteligen roten Riesen ist es auf Borneo eng geworden. Außer im indonesischen Sumatra gibt es an keinem anderen Ort der Welt Orang-Utans, die, da ihr Lebensraum durch Land- und Forstwirtschaft immer weiter schrumpft, inzwischen vom Aussterben bedroht sind. Schätzungen zufolge leben weltweit nur noch 30000 Orang-Utans. Dabei hatten sie sich mit Borneo die drittgrößte Insel der Welt ausgesucht.

Als habe jemand ein großes Spiegelei über den Äquator geschlagen, liegt Borneo im Zentrum eines Rings vulkanischer Inseln, im Nordosten die Philippinen, im Westen Sumatra, im Süden Java und Bali. Der größere Teil Borneos gehört zu Indonesien, der andere, entlang der Nordküste, zu Malaysia. Von den Urwäldern, die früher die Insel vollkommen bedeckten, stehen nur noch kümmerliche Reste. Sie mußten Straßen und Staudämmen, Plantagen und kommerziell genutzten Wäldern weichen. Weil die Tiere auf ihren Wanderungen immer wieder in die Gefangenschaft von Menschen geraten, hat die malaysische Regierung Stationen eingerichtet, die sich um die Rückführung in die Wildnis bemühen: das kleine Rehabilitationszentrum Semenggoh im malaysischen Bundesstaat Sarawak und ein großes im Osten der Insel, in Sepilok, im Bundesstaat Sabah. Beide sind öffentlich zugänglich und sollen so als lebendiges Denkmal für den Schutz der Affen dienen.

Welchen Reim sich die Orang-Utans auf die über 70000 Besucher machen, die jährlich aus Asien, Australien, Europa und den Vereinigten Staaten nach Sepilok kommen, ist schwer zu sagen. Konzentriert betrachten die Orang-Utans die Touristen. Im Gegensatz zu den stets zerstreuten Makaken, die sofort herbeieilen und mit irrlichternder Aufmerksamkeit dauernd neuen Geräuschen und Bildern hinterherjagen, wirkt der Orang-Utan, als würde er eine andere Zeitdimension bewohnen.

Der Regen wäscht nun den Besuchern auf der Aussichtsplattform Sonnencreme und Mückenschutzmittel wie Kriegsbemalung von den Gesichtern. Während der Regenzeit, wenn der ganze Himmel ins Rutschen zu geraten scheint, spült das Wasser manchmal Schlangen aus den Baumkronen, mintgrüne Vipern, die, zu Tode erschrocken, in die Farne huschen.

Schlimmeres gesehen als Schlangen und Touristen

Miskan hat Schlimmeres gesehen als Schlangen und Touristen: Plantagenarbeiter mit Gewehren. Wie die meisten Orang-Utans in Sepilok und Semenggoh kam auch er als Waise ins Rehabilitationszentrum. Was aus seiner Mutter wurde, weiß niemand. Wahrscheinlich wurde sie von Bauern auf einer Plantage erschossen, der gleichen Plantage, wo ihn Mitarbeiter 1994 auflasen. Zu diesem Zeitpunkt war er noch nicht einmal ein Jahr alt. Als Miskan von der Plantage im Rehabilitationszentrum eintraf, beherrschte er genau einen Handgriff: mit beiden Armen das große Rund des Bauchs seiner Mutter zu umfassen. Wie der Mensch ist auch sein Verwandter, der Orang-Utan, die ersten drei Jahre seines Lebens vollkommen auf die Pflege anderer angewiesen. Seine Mutter säugt, füttert und trägt ihn durch die luftigen Höhen der Baumkronen. Vom Sozialleben der Orang-Utans zu sprechen wäre übertrieben. Sie haben kaum eins. Der gesellige Eindruck, den die Orang-Utans kugelnd und raufend während der Fütterung verbreiten, trügt. Nur Mutter und Kind bilden in der Wildnis eine unzertrennliche Einheit - fünf Jahre lang.

Danach geht jeder seine eigenen Wege. Als nomadische Einzelgänger durchstreifen sie die Baumkronen der Regenwälder, ernähren sich von Früchten, naschen hier und dort ein Ei und treffen sich nur etwa alle fünf Jahre zur Paarung. Mit einer Hartnäckigkeit, die Verhaltensforscher zum Verzweifeln bringt, meidet der Orang-Utan zwei Dinge: Bodenkontakt und Herdenbildung. Im Gegensatz zu den afrikanischen Menschenaffen, Schimpanse und Gorilla, die auf dem Boden leben, haben die größten Baumbewohner der Erde die Welt zwischen Himmel und Erde gewählt. Über ihnen die Vögel, unter ihnen Elefanten, Nashörner, Wildschweine, Rehe und Menschen. Verhaltensforscher sehen von ihren Studienobjekten häufig nicht mehr als einen roten, raschelnden Schatten, der aufblitzt und verschwindet. Die haarigen Primaten bevölkern so etwas wie den 7 1/2. Stock der Natur, ein Zwischenreich also, das sich der Drehbuchautor von "Being John Malkovich" ausgedacht haben könnte. Im Film logiert im 7 1/2. Stock die geheimnisvolle Lester Company, die man nur erreicht, wenn man genau im richtigen Moment einen Spazierstock in die Lifttür stemmt, während sich der Aufzug in voller Fahrt zwischen der 7. und 8. Etage befindet. Um einen Blick in die Baumkronen der Tropenwälder zu werfen, müssen Forscher noch tiefer in die Trickkiste greifen: Kürzlich überflog ein Forscherteam den Regenwald mit einem Heißluftballon. Ein spektakuläres Unternehmen, auf Dauer allerdings zu teuer und aufwendig. Die Zahl der Arten, die inkognito zwischen Himmel und Erde leben, liegt weiter in Millionenhöhe.

Zementmischer im Wald

Am besten stellt man sich den Dschungel tatsächlich als Hochhaus vor, in dem auf jeder Etage eine andere Belegschaft zugange ist. Dazu legt man sich in sein Bett im "Sepilok Nature Resort", verriegelt die Tür und schließt die Augen. Fernseher und Telefon gibt es ohnehin nicht - dafür beginnt abends der Dschungel zu tosen. Dem Kreischen einer Kreissäge ähnelnd, springt zuerst die Zikade im Kellergeschoß an. Aus dem Erdgeschoß fallen nun die Frösche in Molltönen ein. Aus der Beletage bellt der Gecko. Bald rasselt und tobt jedes Stockwerk, denn nachts begibt sich der ganze Dschungel auf Jagd oder Balz. Die Geräuschkulisse läßt einen von Zementmischern, Abrißbirnen und singenden Bauarbeitern träumen.

Nur die Orang-Utans haben sich schweigend in den oberen Etagen ihr Nest gefaltet und schlafen. Jeden Tag baut der Menschenaffe zwei Nester: Eines für den Mittagsschlaf, das andere für nachts. Dafür biegt er die jungen Asttriebe nach oben, verschränkt sie zu einem korbartigen Geflecht und webt Blätter und Zweige ein. "Windeln" nennen Borneos Eingeborene die Nester, da der Orang-Utan in ihnen auch sein Geschäft verrichtet und keines zweimal benutzt.

Am nächsten Tag kommt der Tourismusminister von Sabah nach Sepilok. In tarngrünem Hemd und Hose schreitet er zügig zur Futterstelle und schaut ernst auf zwei Orang-Utans, die sich gegenseitig die Zehen kneten und bedächtig Bananen kauen. Die Makaken, die ungebeten erschienen sind, balancieren auf dem Geländer des Besucherplateaus und tragen ihre grellen, nackten Hinterteile an Touristen, Tourismusminister und Tourismusministerbegleitpersonal vorbei. Da die roten Menschenaffen zu den Hauptattraktionen auf Borneo zählen, besichtigt der Tourismusminister die Station jedes Jahr. Im letzten Jahr wurde auf seinen Wunsch "Füttern verboten" auf deutsch - und nicht nur auf malaysisch, chinesisch und englisch - auf das Schild am Eingang geschrieben.

Kaspar Hauser im Haus

Die Änderungen, die vor einigen Jahren sowohl in Semenggoh als auch in Sepilok erfolgten, waren einschneidender: Damals wurden die Aufzuchtstationen, in denen die kleinen Orang-Utans gefüttert, gewickelt und gesäugt werden, für Besucher geschlossen. Die Schließung war eine Reaktion auf die veränderten Verhaltensweisen der Tiere. Davon, was für die Affen am besten ist, haben die Besucher oft haarsträubende Vorstellungen: Die einen spielen plötzlich Mundharmonika, andere finden es ulkig, den Tieren das Rauchen beizubringen, wieder andere halten knuddeln für artgerecht. Wie störempfindlich die Erziehung der Orang-Utans ist, zeigt sich am deutlichsten bei Affen, die länger als Haustiere bei Menschen lebten. Für die Rückkehr in den Dschungel sind sie für immer verloren. Sie bleiben ein Kaspar Hauser ihrer Art: Abgeschnitten von ihrer Mutter, gibt es im Haustierleben niemanden, der ihnen beibrächte, was es heißt, ein Orang-Utan zu sein. Sie werden depressiv oder zertrümmern plötzlich die Einrichtung. Die Besitzer schieben sie dann in den Zoo ab, das Irrenhaus für nicht rehabilitationsfähige Affen.

In den Rehabilitationszentren hat man sich deshalb für das geringere Übel entschieden. Die Pflege besorgen Angestellte des Reservats oder Mitarbeiter der englischen Organisation "Sepilok Orang-Utan Appeal". Ansonsten bleiben die Affenkinder soviel wie möglich unter sich. Die Geselligkeit entspricht zwar nicht ihrer natürlichen Verhaltensweise. Von ihren Artgenossen lernen sie aber besser als vom Menschen. Was dabei Instinkt oder eine erlernte Verhaltensweise ist, läßt sich schwer sagen. Manche Jungtiere zeigen eine natürliche Neigung zum Klettern, andere hingegen fallen wie ein nasser Lappen zu Boden, wenn man sie mit beiden Händchen an ein Seil klemmt. Forscher haben kürzlich bei wildlebenden Orang-Utans zwanzig verschiedene Techniken zusammengetragen, in denen Stöckchen als Werkzeuge eingesetzt werden, um etwa Honig oder Insekten aus Löchern herauszupuhlen. Seitdem gilt der Orang-Utan nicht nur als Einzelgänger, sondern auch als Individualist.

Eigentlich dürfte es Borneos Orang-Utan-Waisen gar nicht geben. Denn Miskans Mutter zählt offiziell zu den gesetzlich geschützten Tierarten Malaysias. Eine Ausnahme allerdings bilden Tiere, die in Plantagen einfallen: Sie dürfen geschossen werden - eine Situation, die sich unweigerlich häuft, je mehr Dschungel gerodet und in Anbaufläche verwandelt wird. Palmöl zählt zu den wichtigsten Exportgütern Malaysias. Das Schwellenland ist eines der sich am schnellsten entwickelnden Länder Asiens. Die Bilder auf den malaysischen Banknoten erzählen vom Fortschritt: eine Ölbohrstation, startende Flugzeuge, Schiffe und Züge, die Zwillingstürme der Hauptstadt Kuala Lumpur, das höchste Gebäude der Welt. Orang-Utans sieht man nicht.

Wo sind denn die Tiger?

In den westlichen Industrienationen gruselt man sich heute angesichts der Fernsehbilder, die das Verschwinden des Regenwalds zeigen. Im Grunde ist es ein Blick zurück in die eigene Geschichte. Ein malaysisches Fernsehteam, das einen Film über den Untergang des europäischen Urwaldes drehen wollte, hätte das im 19. Jahrhundert tun müssen. Dort rottete Europa seine letzten Urwälder aus, beim Aufstieg zur wichtigsten Industrie- und Handelsmacht der Welt. Keine Plantagen, keine Staudämme und keine Holzwirtschaft würde für viele Malaysier kein Einkommen bedeuten. Reichtum ohne Rücksichtslosigkeit ist nichts, was die Geschichte Europas lehrt, das sich heute so erschrocken über Umweltzerstörung gibt. Die malaysische Regierung testet seit Anfang der neunziger Jahre in einigen Gebieten ökologische Forstwirtschaft. Bisher fehlt es an ausgebildeten Arbeitskräften und einem Markt für das teure Holz.

Von Borneos Tropen machen sich viele ein falsches Bild. "Wo sind denn die Tiger?" beschwert sich ein italienischer Junge in Sepilok. In der Hand hält er einen Stock wie Sandokans Machete, der Actionheld der gleichnamigen Fernsehserie. Ende der siebziger Jahre feierte der indische Schauspieler Kabir Bedi als "Sandokan, der malaysische Tiger" seine größten Erfolge. Als Zeichentrickfigur kämpfte er sich in den Neunzigern mit blitzender Machete auch in die Herzen der Kinder. Nur Tiger gibt es auf Borneo eben nicht. Und bräuchte man im Regenwald eine Machete, wäre das der Anfang vom Ende. Denn eigentlich stehen die Bäume im Dschungel so feierlich weit auseinander wie Pfeiler in einem Kirchenschiff. Der Ruf des Orang-Utan-Männchens schallt darin bis zu 800 Meter weit. Erst wenn die alten Baumgiganten gefällt werden und mit ihnen die Schatten der Laubkronen verschwinden, wuchern die Schling- und Kletterpflanzen, gegen die nur noch Sandokans Machete ankommt. Ein zerstörter Urwald kann deshalb nicht wieder aufgeforstet werden. Seine Bewohner verlieren für immer ihr Zuhause.

Noch sitzt Miskan im Baumschatten und schält sorgfältig mit den Zähnen eine Banane. Wenn er heute aufsteht, den Besuchern den Rücken zuwendet und nie mehr aus den Baumkronen zurückkehrt, ist die Auswilderung gelungen. Ob Sepiloks und Semenggohs Orang-Utans dann wieder zu Einzelgängern werden oder sich auch in Zukunft gegenseitig die Zehen kneten, vermag noch keiner zu sagen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 9. Mai 2004
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1974, Redakteurin im Feuilleton.

Jüngste Beiträge