An einem Wintermorgen am Nordkap in den Hafen einer beleuchteten Stadt einzulaufen ist in der Kälte ein Ereignis. Auch wenn der Mann im blauen Overall vielleicht friert - im Hafen, denkt man, wird es ihm bestimmt gleich wieder warm, in irgendeiner Kneipe an der Mole.
Die Landung eines Schiffes in den Häfen des nördlichen Norwegen will man nie verpassen. Falls man Raucher ist, wird einem das auch nicht passieren. Denn kurz vor dem Anlegen werden auf dem Schiff im Rauchersaal die Aschenbecher eingesammelt. In Norwegen ist das Rauchen auf öffentlichen Plätzen und in Räumen verboten. An Bord eines Schiffes jedoch nicht, sobald es sich außerhalb des Hafens befindet und solange es in einem geschlossenen Saal geschieht, wie auf einem Schiff der Hurtigruten-Linie.
Nördlichste Wehranlage der Welt
In den Gängen eines Postschiffs dieser berühmten Linie ist das Rauchen jedenfalls strikt verboten. Diese Gänge sind meist sicher, und sie schwanken nicht. Denn die Schiffe fahren zu dicht an der Küste entlang, um ins rauhe Fahrwasser der offenen See zu geraten. Wenn es einem trotzdem schwindlig wird und man sogar seekrank wird, kann man sich ja einfach in die Kabine legen und schlafen. Das hilft auf dieser Fahrt zum Nordkap, von Bergen nach Kirkenes und Risøyhamn, oft.
In der Nähe der Hafenstadt Vardø liegt die nördlichste Wehranlage der Welt: Die Vardohus-Festung, 1738 fertiggestellt, sollte die Finnmark vor russischen Angriffen schützen, von hier aus trieb man die Steuern der Region ein. Angegriffen wurde die Festung zum Glück nie. Das hätte die eher putzig als wehrhaft wirkende Anlage bestimmt nicht überstanden. Geschossen wird hier nur zu königlichen Geburtstagen, zum Nationalfeiertag am 7. Juni - und im Januar, wenn die Sonne nach zweimonatiger Abwesenheit wieder erscheint. Gruseliges gibt es dennoch aus dieser Festung zu berichten: Zwischen 1621 und 1692 wurden hier mehr als 90 Frauen in den norwegischen Hexenprozessen verurteilt und lebendig verbrannt. Gemessen an der Bevölkerungszahl in Vardø war das die höchste Hexenverbrennungsquote Europas. Im Sommer sieht man hier, in der sonst baumlosen Arktikregion, den bestbehüteten Vogelbeerbaum der Welt. Im Herbst wird eingepackt.
Bildungsfahrt ohne Beispiel
Königskrabben gehören zu den teuersten Delikatessen der Welt: In Japan kann ein frisch zubereitetes Exemplar 1000 Dollar kosten. Hier sieht man ein größeres Männchen und ein kleineres Weibchen. Die Männchen können eine Spannweite bis zu zwei Metern erreichen und 13 Kilo schwer werden. In Kirkenes kann man den Fischern beim Fang der stacheligen Riesenkrabben zusehen. Die Population geht auf einige Dutzend Tiere zurück, die sowjetische Behörden in den sechziger Jahren vor Murmansk ausgesetzt haben, um notleidenden Fischern wieder Arbeit zu geben. Heute sind es etwa 15 Millionen. Der Fang ist auf wenige lizenzierte Fischer beschränkt.
Auch wenn es in Herbst und Winter nicht nach Sonnenbaden und leichter Seeluft im Freien aussieht: Die Hurtigruten-Reise von Kirkenes in südlicher Richtung ist eine Bildungsfahrt ohne Beispiel. Selbst die Wellen schlagen nicht so wie anderswo auf den Meeren. Und vor der Routine der Dauergäste auf einem der zwölf Schiffe der Linie schützt der Durchgangsverkehr. Leute steigen ein, steigen aus. Briefe und Pakete gehen an Bord, gehen von Bord. Wohl dem Land, in dem die Post noch Post ist.
Kreuzfahrt und Postverkehr gleichermaßen
Und wohl dem Land, das so viele Rentiere hat: Über 100 000 Tiere ziehen unter der Aufsicht ihrer sämischen Besitzer im Winter durch die Hochebenen der Finnmark und ernähren sich von den kargen Gräsern. Die Tiere sind so friedlich, daß sie selbst in Gehegen keinen Ärger machen, wo sie von Samen an Leinen den Touristen folkloristisch vorgeführt werden. Die meisten der etwa 50 000 Samen Norwegens züchten aber keine Rentiere mehr.
Die Schiffe der Hurtigruten-Linie dienen nicht nur der Kreuzfahrt, sondern nach wie vor dem Postverkehr. Sie halten nachts um zwölf in irgendeinem Hafen, lassen die Klappen herunter, werden entladen und wieder beladen. Dabei kommen immer auch Fahrgäste an Bord, die um vier Uhr morgens im nächsten Hafen wieder aussteigen. Oft sind es junge Leute im Techno-Outfit, für die die Party schon auf der nächtlichen Fahrt mit dem Schiff ins Nachbardorf beginnt. An Bord sitzen sie dann im einzigen Raum, in dem man rauchen darf, und verbreiten eine angenehme Stimmung.
Auch die nördlichsten Universität
Den Norwegern geht es gut. Ein aufmerksamer Besucher merkt das an jeder Ecke. Die Norweger sind nicht Mitglied in der EU, besitzen Öl und eine Idee von Gesellschaft, die nicht von Unternehmensberatern stammt. Hier wird sämisch unterrichtet. Hier wird eine Kirche als Symbol für die Dunkelheit und das Nordlicht mit dem größten Glasmosaik Europas versehen. Diesem Nord- oder Polarlicht hat der Franzose Pierre Gassend im 17. Jahrhundert den Namen „Aurora borealis“ gegeben. Wie das alles zusammenhängt, wird einem in Norwegen gern und erschöpfend erklärt, denn hier haben die Unternehmensberater die Uni-Lehrstühle für Physik noch nicht auf EU-Wirtschaftsnorm zusammengestrichen. Auch nicht an der nördlichsten Universität der Welt, 1972 in Tromsø eröffnet. Sie ist spezialisiert auf Fischereiwesen und alle Disziplinen, die sich mit der Volksgruppe der Samen befassen. Früher nannte man sie Lappen.
Die Ereignisse des Tages notiert man am besten gleich. Es passiert zu viel Unvergleichliches zwischen Tag und Nacht. Allein die Landschaften wechseln allenthalben. Die See aber begleitet einen immer.