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Veröffentlicht: 05.04.2017, 14:50 Uhr

Kabeljau auf den Lofoten Der Traum der Zungenschneiderin

Auf der norwegischen Inselkette der Lofoten dreht sich die meiste Zeit des Jahre alles um den Kabeljau. Honigfarbene Boote fischen vor schneebedeckten Gipfeln, wortkarge Männer trotzen schlimmsten Stürmen – und die Besucher sind mittendrin.

von Franz Lerchenmüller
© Franz Lerchenmüller Die Geschichte der Lofotfischerei ist die Heldensage Norwegens: Sie erzählt von der Schlacht im Trollfjord, als die Fischer aus den Ruderbooten die Besatzungen der gerade aufgekommenen Fischdampfer verprügelten, die die Ruderer vom Fang ausschließen wollten.

Eigentlich würde die Hestholmen jetzt, morgens um sechs, gleich ablegen. Und Holger Pedersen, sein Sohn Patrick und Kollege Jim Adolfsen würden genau das tun, was sie die vergangenen sechs Wochen Tag für Tag gemacht haben. Und das ginge so: Noch müde und maulfaul sitzen sie im engen Steuerhaus, lauschen mit einem Ohr dem Radio, mit dem anderen dem Tuckern der Hundertdreißig-PS-Maschine, die ihren Dienst unermüdlich seit 1984 versieht. Nach einer halben Stunde stoppen sie an der roten Markierungsboje und lassen das Boot langsam an der Leine entlanggleiten, die sie mit der Winde aus hundert Meter Tiefe hochholen. Leuchtet der weiße Bauch eines Kabeljaus auf, schlägt Jim den Haken des Gaffs in seine Kiemen und zieht ihn vorsichtig an Bord. Ein schneller Schnitt durch die Kehle, schon klatscht er in die Plastikwanne mit Wasser zum Ausbluten.

Achthundert Meter lang ist die Leine, an die im Abstand von zwei bis drei Metern Seitenschnüre mit beköderten Haken geknüpft sind. Sieben Leinen holen sie im Lauf der nächsten drei Stunden ein. Es ist warm in den roten Thermoanzügen, die Männer reden nicht viel, jeder weiß, was zu tun ist, und kann sich auf den anderen verlassen.

Das größte Lichtspieltheater der Welt

Die Container füllen sich, die Gesichter strahlen, vielleicht wird es ja wieder ein Tag wie der zuvor, als sie 7800 Kilo Fisch nach Hause brachten. Es war der Rekordfang bisher in diesem Jahr, mehr als tausend Stück Kabeljau, jeder mindestens einen halben Meter lang und bis zu acht, neun Kilo schwer. Als es langsam hell wird und alle Fische an Bord sind, bleibt Zeit für ein Käse-Sandwich und einen Blick auf das großartige Panorama ihres Arbeitsplatzes: Wie ein schartiges Sägeblatt erstreckt sich die Kette der Lofotberge im Norden, weiß-bläuliche Schemen über dem schwarzen Wasser, eine Abfolge von Zacken, Zinnen und zerklüfteten Felskolossen. Graues Gespinst mit zartrosa Bordüren überzieht den Himmel, nur manchmal tastet ein Sonnenfinger zögernd über zerklüftetes Gestein und schrundige Spitzen: Die Lofoten sind das größte Lichtspieltheater der Welt.

Hoch oben jagen Möwen einen Seeadler, der ihrem Nest zu nahe gekommen ist – und jeder der drei Seeleute genießt diesen Augenblick und weiß, dass er auch Fischer geworden ist, um solche Momente zu erleben. Doch gleich geht die Arbeit weiter. Sieben frische Leinen müssen gesetzt werden, vorsichtig Schlinge für Schlinge, damit sie sich nicht verheddern und die Seitenschnüre mit den Ködern unwiderstehlich appetitlich über dem Grund treiben.

45701051 © Franz Lerchenmüller Vergrößern Die, die Salzwasser im Blut haben, fischen bei jedem Wetter.

So wäre es. Eigentlich. So ginge die tägliche Arbeit ihren Gang. Doch heute ist alles anders. Der Wetterbericht hat Wind in Orkanstärke vorausgesagt. Gegen Mittag wird er aus Südwest auffrischen, wird von Minute zu Minute höhere Wellenberge aufschaufeln und sie mit weißen Spitzen krönen. Die Felshöcker im Meer tragen dann Krägen aus Schaum, der Sturm peitscht und drischt Brecher ans Ufer. Über den Riegel aus Felsen, der den Hafen von Henningsvaer schützt, fliegen die Gischtfetzen, der Regen schmeckt salzig, und auf dem Felssporn zum Meer machen Touristen Fotos, wie sie sich im Fünfundvierzig-Grad-Winkel gegen den Wind stemmen. Kein Mensch, der bei Sinnen ist, fährt da hinaus. Nur die, die Salzwasser im Blut haben, hält es trotzdem kaum. „Mein Junge würde bei jedem Wetter fischen“, sagt Holger. „Ich mit meinen zweiundsechzig Jahren brauche das nicht mehr.“ Deshalb steht er an diesem Morgen in seinem Schuppen im Hafen von Henningsvaer und filetiert Kabeljau. Sein Schwager feiert sechzigsten Geburtstag, als Geschenk erhält er eine Portion Fisch, die für das ganze Jahr reichen wird.

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