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Normannische Genüsse Die Schönheit des Apfelhains

 ·  Wer ins grüne Herz der Normandie vorstößt, trifft auf bukolische Landschaft, großartige Küche, entspannte Pferde und den wahren Luxus.

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© Atout France Bukolisch, dünn besiedelt und der Entdeckung harrend: Die Normandie abseits ihrer mondänen Seebäder.

Der Regen, sagen die Pariser, gehöre zur Normandie wie Calvados und Camembert. Also erwartet man Regen und bekommt ihn auch, so anhaltend, dass überall die Pilze aus dem Boden sprießen. Der Mykologe von Bagnoles-de-L’Orne, ein altmodischer Thermalkurort im Herzen der Normandie, ist begeistert. „Bonne cueillette“, gute Ernte, wünscht er den unter seiner Ägide suchenden Waldtouristen. Regeln gebe es im Grunde keine in Sachen Essbarkeit. Wie auch, bei über viertausend in Frankreich ansässigen Sorten: Hydnum repandum, Clitopilus prunulus, Calocera viscosa, Armillaria mellea, Marasmius oreades und natürlich Boletus edulis - der gemeine Steinpilz, auch von Laien leicht im Unterholz an seinem gelblichen Schwamm und dem festen maronenbraunen Hut zu erkennen. Alles, was lila sei, könne man ohne weiteres verspeisen, versichert Pilzführer Pascal.

Ein deutsch-französisches Ehepaar, mitsamt Tochter und Enkelin aus Sammelleidenschaft eigens aus der Bretagne angereist, führt uns in die ergiebigsten Pilzgründe. Hier, meint Margit, gäbe es Maronenröhrlinge und da drüben massenhaft Steinpilze. Das komische Zeug, das schwärzlich auf fauligen Baumstämmen wachse, das könne man sich schenken, aber Moment mal! Margit hält inne, ob wir das auch röchen? Aus dieser Richtung käme es. Faulige Eier! Das sei ein Pilz, den man auf hundert Meter gegen den Wind riechen könne: Phallus impudicus, ein Stangenpilz, der fürchterlich dünstet, im deutschsprachigen Raum deshalb auch als „gemeine Stinkmorchel“ und wegen seiner phallischen Bauweise als Witwentröster bekannt ist. In Frankreich lacht man sich scheckig über solche Bezeichnungen. Man nennt die Dinge hier unumwunden beim Namen: Der „Phallus“ schmeckt besser, als sein Geruch es erahnen lässt.

Im Belle-Epoque-Viertel könnte es spuken

Es wird gesammelt in diesem normannischen Wald, was einem unter die Augen kommt. Später dann trennt man im „Manoir du Lys“, einem Familienbetrieb mit Restaurant und Herrenhaus, die Spreu vom Weizen. Die ungenießbaren Pilze kommen zwar nicht ins Kröpfchen, aber die genießbaren doch ins Töpfchen des Küchenchefs Franck Quinton: Schafsfußpilz an Jakobsmuschelherzen, Glucken an Foie Gras und zum Schluss ein Sorbet aus Todestrompeten. Das gesamte „Manoir du Lys“ steht unter dem Einfluss dieser Waldbewohner. Sie gesellen sich unaufdringlich zu den zwei weiteren Spezialitäten der Region: dem Poireau, einem landesweit bekannten Schnaps aus Birnen, und dem Thermalwasser von Bagnoles-de-l’Orne. Schon der Ritter Lancelot soll sich hier in der lauwarmen Quelle mit seiner Guinevere vergnügt haben. Im ausnahmsweise einmal nicht privatisierten, sondern öffentlich zugänglichen französischen Wald soll es neben Pilzen auch von wundertätigen Feen wimmeln. Jedenfalls steigen ätherische Dämpfe über den Pilzgründen auf, als wir sie Stunden später mit schlammverschmierten Gummistiefeln und prall gefüllten Körben verlassen.

Bagnoles-de-l’Orne im Zentrum des Naturparks Normandie-Maine gehört wohl zu den untypischsten Orten der Basse-Normandie. Hier findet sich keine normannische Giebelarchitektur, keines der unzähligen Landschlösschen und Herrenhäuser, und der Camembert wird woanders hergestellt, nämlich im siebzig Kilometer entfernten gleichnamigen Örtchen. Bagnoles hat mit seinen lauwarmen Heilquellen und einer mondänen Binnenseebadkultur Karriere gemacht. Aber wie fast überall in Europa hat das Konzept des reinen Krankenkassentourismus zugunsten moderner Wellnessangebote in den vergangenen Jahren ausgedient. Baute man Ende des neunzehnten Jahrhunderts noch herrschaftliche Hotelanlagen an den Rand des Dorfes, stehen heute etliche dieser Prunkimmobilien leer. Besonders an regnerischen Tagen könnte man auf die Idee verfallen, im Belle-Epoque-Viertel spuke es. Vernagelte Fenster, verwilderte Gärten, meterhohe Sträucher und pfeifende Winde: Bagnoles-de-l’Orne ist ein guter Ort, um die Normandie einmal jenseits der Trampelpfade zwischen Soldatenfriedhöfen an den ehemaligen D-Day-Landungsstränden und den morbiden Seebädern von Deauville und Trouville zu erkunden. Und wer diese kulturreiche Region wirklich bis in ihr wildes Naturherz hinein bereisen will, muss kilometerweit durch üppige Naturlandschaften fahren und im Herbst auf gute Scheibenwischer setzen.

Das Versailles der Pferde

Mit nur knapp dreihunderttausend Einwohnern ist das Département Orne das am dünnsten besiedelte der ganzen Region. Am liebsten widmet man sich der Pflege lokaler Traditionen, etwa der Pferdezucht. Im berühmtesten aller Nationalgestüte, dem Haras du Pin, wird heute keine Zucht mehr betrieben, aber die dort lebenden Hengste dienen noblen Besucherinnen fremder Ställe mitunter als Samenspender. Gebaut wurde das Gestüt Anfang des achtzehnten Jahrhunderts vom gleichen Architekten, der auch Versailles mitgestaltet hat.

Robert de Cotte verpflanzte den Residenzstil des Sonnenkönigs in die Normandie und schuf, nachdem der Hof ein paar Provinzadelige enteignet hatte, ein „Versailles der Pferde“. Dem Pferdeunkundigen sagen die meisten hier zu besichtigenden Rassen nichts, aber er kann sehr wohl ein Rennpferd von einem Ackergaul unterscheiden. Der aus dem Nationalpark des Perche stammende Percheron ist ein fast tonnenschweres Lastenpferd, ein grotesk muskulöser Vierbeiner - gewissermaßen der Goliath, mindestens aber Michaelangelos überdimensionierter David unter den Gäulen. Ein paar jüngere Landwirte haben es sich in der Region zur Aufgabe gemacht, den Kaltblüter wieder zu züchten.

Die Zukunft des Apfels in Frankreich

Die Tiere strahlen eine sympathische Gelassenheit aus. Die Züchterin Céline Maudet aus der Nähe von Comblot versucht auf ihrem Rücken eine für die Region noch neue Form des Ökotourismus auszutesten. Sie bietet ihren Gästen botanische Führungen an - die Pflanzenwelt vom Percheron aus betrachtet. Zu sehen gibt es in der satten grünen Landschaft mehr als Apfelbäume, doch natürlich sind diese prägend für die Gegend.

Ein junger Bauer hat sich vor ein paar Jahren an die traditionelle Cidreherstellung gewagt. Grégoire Ferré lebt mit seiner Frau und drei kleinen Kindern in der „Maison Ferré“, produziert dreißigtausend Flaschen Cidre und dreitausend Flaschen Calvados pro Jahr. Auch wenn Letzterer insofern noch nicht zu Buche schlägt, als ein guter Tropfen mindestens zehn Jahre in Eichenfässern reifen muss, bevor er seinen wahren Geschmack und damit seinen Wert entfaltet. „Ich glaube, der Apfel wird in Frankreich eine große Zukunft haben“, sagt Grégoire, wenn man ihn nach der Rentabilität seines Betriebs fragt. Als sein Sohn Ange ihn am Hosenbein zupft, setzt er nach: „Ein Apfelhain ist doch etwas viel Schöneres als ein Kornfeld.“

Luxus für Liebhaber schöner Orte

Um Schönheit geht es vielen jüngeren Unternehmern der Basse-Normandie. Die Gegend um Comblot, mit zwei Stunden Fahrzeit am nächsten an Paris gelegen, gilt trotz ihrer bukolischen Landschaft noch immer als Geheimtipp und lockt experimentierfreudige Land- und Gastwirte aller Arten ins Département Orne. In dieser Gegend wohnt man nicht im Hotel, denn es gibt die zauberhaftesten „chambres d’hôtes“. Sie werden von Privatleuten wie Isabel und Alain Groult betrieben, die sich auf ihrem großen Grundstück bei Saint-Denis-sur-Sarthon mit eigenem Wald, Rosen-, Obst- und Kräutergarten, Tennisplatz und Schwimmbad ihren Hoteliertraum erfüllt haben. Das Herrenhaus „La Louvière“ mit windschiefer Eichenholztreppe und fünf bildschönen Zimmern steht Gästen offen, die Wellness nicht mit protzigen Schwitztempeln verwechseln. Es gehen einem die Augen über zu Preisen, die Liebhaber schöner Orte nicht ernstlich überfordern: die knackenden Scheite im Kamin, die rustikale Küche, in der Isabel das Abendessen zubereitet, und der fein gedeckte Esstisch im Salon - wer je einen anderen Begriff von Luxus hatte, wird ihn korrigieren müssen.

Die Basse Normandie ist eine kultivierte Wildnis. In den warmen Monaten kommen viele Pariser in die Gegend, um auf den Brocantes, den lokalen Flohmärkten, seltene Stücke zu ergattern. Was macht es da, dass es schon wieder regnet? Dass es über den Wiesen dampft und dass diese Landschaft unter grauem Himmel so dermaßen unter ihren Möglichkeiten bleibt, dass man ihr noch immer oder gerade deshalb Anmut und Grazie zugesteht?

Wer von hier aus zur Küste weiterfährt, dabei die von der mittelalterlichen Kultur Wilhelm des Eroberers, von den Bombardements des Zweiten Weltkriegs und den Überresten des deutschen Atlantikwalls durchdrungene Landschaft durchmisst, wer sich an die Point du Hoc, einen Felsvorsprung vor Bayeux, stellt, an dem die verbissensten Kämpfe zwischen amerikanischen Landungstruppen und deutschen Besatzern ausgetragen wurden, und wer schließlich mit den Augen Wilhelms erst auf den Teppich von Bayeux und dann in Richtung England schaut, weiß, dass er wiederkommen muss. Die Normandie ist voll von Geschichte und voller Geschichten. Sie sprießen aus dem Boden wie Pilze - vor allem, wenn es regnet.

Im wilden Herzen der Normandie

- Pilzesammeln: Bei Pilzwochenenden wird in der Gruppe gesammelt und mit Küchenchef Franck gekocht. Ein Wochenende inklusive Speisen und Pilzkurs kostet ab 250 Euro pro Person. „Manoir du Lys“, Telefon: 0033/0233378069, im Internet unter www.manoir-du-lys.fr. - Botanische Touren auf dem Rücken der Percherons bei Celine Maudet kosten 12 Euro für etwa zwei Stunden oder 30 Euro für die Tagestour. Informationen unter 0033/02/33839140 oder per Mail: percherons.maudet@free.fr. Am besten mindestens eine Woche vorher reservieren. - Übernachten zum Beispiel im „La Louviere“ bei Isabelle und Alain Groult in Saint-Denis-Sur-Sarthon. Informationen unter Telefon: 0033/02/33292561 (beide Besitzer sprechen fließend deutsch) oder per Mail: isabelle@louviere.fr. Das Entspannungswochenende kostet mit Vollpension 390 Euro im Doppelzimmer. - Information erteilt die Französische Zentrale für Tourismus Atout France in Frankfurt, Tel. 069/97580121. Information zur Normandie unter: www.normandie-tourisme.fr/de oder auf der Website des Département Orne: www.ornetourisme.com. - Diese Reise wurde unterstützt von der Französischen Fremdenverkehrszentrale Atout France.

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