Die Kirchen seien ja ganz schön, die Bürger Rouens jedoch ziemlich blöd. So sah es der berühmteste Sohn der Stadt: Gustave Flaubert, Autor großer Romane wie „Madame Bovary“ und „Lehrjahre des Gefühls“. Scheinheilig und verlogen fand er seine Mitbürger, auch ihre Kirchentreue irritierte ihn. Inspiration boten sie ihm dennoch. Das deutet schon der Untertitel seines Romans um die treulose Bovary an: „Sitten aus der Provinz“.
Und so setzt Flaubert die vom Eheleben und dem Alltag in der ländlichen Normandie - jener Region, die Maler wie Claude Monet und Literaten wie Marcel Proust ihrer Unverfälschtheit, der Schönheit der wilden Küste und des lieblichen Hinterlandes wegen liebten - mächtig gelangweilte Arztgattin Emma Bovary scheinbar ins Gebet versunken in die Kapelle der Ehrfurcht gebietenden Kathedrale Rouens, die Monet gleich achtundzwanzigfach malte. In Wahrheit erwartet Madame Bovary hier ihren künftigen Liebhaber Léon zum Rendezvous. Ausgerechnet in dem monumentalen Kirchenbau nimmt die Geschichte ihren Ausgang, die über moralischen und finanziellen Bankrott unaufhaltsam zum Tod der Protagonistin führt.
Verstoß gegen die guten Sitten der Provinz
Rouen wurde im Zweiten Weltkrieg stark zerstört. Zuvor hatte bereits die wachsende Industrialisierung im Seinetal das Stadtbild verändert - genauso wie ein Wertewandel der Gesellschaft, den Flaubert womöglich begrüßt hätte. Das Rouen seiner Zeit schmückten hundert Kirchen, heute besitzt die Stadt noch ganze zwölf. Dabei ist die Stadt gewachsen: Im neunzehnten Jahrhundert zählte sie mitsamt Vororten hunderttausend Einwohner, heute leben fünfmal so viele im Großraum Rouen.
Trotzdem wäre für den Romancier vieles wiederzuerkennen. Zwar hat sich der Lauf der Straßen, auf denen Emma und Léon nach ihrem Kathedralenbesuch in der Verschwiegenheit ihrer Kutsche viele Stunden mit nicht näher belegter Aktivität verbringen, geändert. Doch die alten normannischen Fachwerkfassaden, die krummen, oft nur handtuchbreiten Gassen und nicht zuletzt die Kathedrale Notre-Dame würden Flaubert, der abgesehen von einigen Studienjahren in Paris und einer ausgedehnten Orientreise, sein ganzes Leben in Rouen verbrachte, sehr vertraut vorkommen - ebenso wie der Justizpalast. Dort wurde ihm wegen des anstößigen Inhalts von „Madame Bovary“ der Prozess gemacht. Es gelang Flaubert, sich mit Hilfe eines Anwalts und dem Hinweis auf das gerechte Ende Emmas einer Verurteilung wegen Verstoßes gegen die guten Sitten zu entziehen. Mit einem Schlag war er berühmt.
Die Bibliothek als Hochzeitskulisse
Rouen hat seinem ruhmreichen Sohn nichts nachgetragen und pflegt sein Erbe liebevoll, aber auch etwas leidenschaftslos. So sind seine Wohnstätten als Museen erhalten, und seine Bibliothek wird im Trauungssaal des Rathauses von Canteleu als schöne Hochzeitskulisse bewahrt. Doch Ehrentage wie sein einhundertneunzigster Geburtstag im Dezember dieses Jahres verstreichen ohne besondere Feierlichkeiten.
Auch das Elternhaus Flauberts ist heute ein Museum: die Dienstwohnung von Vater Achilles-Cléophas Flaubert, Chefchirurg am Krankenhaus Hôtel-Dieu. Die Architektur des Gebäudes aus dem achtzehnten Jahrhundert erinnert eher an ein Herrenhaus als an ein Hospital. Im Schlafzimmer im ersten Stock wurde Gustave Flaubert am 12. Dezember 1821 geboren. Authentisch sind hier nur die Holztäfelung an den Wänden und die verzierten Wandleuchter. Das Bett im Alkoven mit der schweren Tagesdecke macht die Tatsache, dass in diesem Raum einer der großen französischen Erzähler zur Welt kam, dennoch eindrücklich.
Das kränkliche Kind schaut beim Sezieren zu
In den Zimmern der Kinder Gustave, Achilles und Caroline unterm Dach befinden sich heute Büros. Die übrigen Räume aber erzählen viel über das Familienleben, die Einflüsse, die die Kinder prägten, und das Leben im 19. Jahrhundert. Gustave war ein kränkliches Baby, für das Vater Achilles als Erstes eine Grabstelle kaufte. Zwei Kinder hatten er und seine Frau schon verloren. Doch Gustave überlebte. Er wuchs zu einem verträumten Knaben heran, der als begabt galt, sich jedoch oftmals auf andere als schulische Belange konzentrierte und vom Garten häufig durchs Fenster seinem Vater beim Sezieren zuschaute.
Ein Teil des Museums ist dem Wesen der Medizin im 19. Jahrhundert gewidmet. Sehr deutlich zeigt diese Ausstellung, dass in einer Zeit, als allein Tuberkulose und Syphilis Millionen dahinrafften, jede Krankheit ein Todesurteil bedeuten konnte. Ein Lager mit Strohmatratze, dessen Größe auf den ersten Blick großzügig erscheint, war für sechs Patienten bestimmt, die hier in engstem Miteinander Leid und Keime teilen konnten. Kuriositäten wie Schädel, die auf für bestimmte Verbrechen typisch erscheinende Beulen untersucht wurden, sowie furchterregende Exponate von der Amputationssäge bis zur Mumie im Glasschrank beweisen zudem, dass der Arztberuf nichts für Zartbesaitete war.
Zurückgezogenes Leben mit Mutter und Nichte
Flaubert, der es Bruder Achilles überließ, dem Vater als Chirurg zu folgen und selbst nur die Antriebe seiner Figuren sezierte, blickt heute von seinem Denkmal an der Place de Larme in Richtung seines Hauses in Croisset. Einstmals ein ruhiger Villenvorort an der Seine, ist Croisset heute Teil von Rouens Nachbargemeinde Canteleu. Vom Haus, das der Schriftsteller mit seiner verwitweten Mutter und der Nichte Caroline bewohnte, ist lediglich der Pavillon im Garten erhalten, in dem Flaubert täglich schrieb. 35 Jahre lang lebte und arbeitete er im Haus am Fluss. Ermöglicht wurde ihm das zurückgezogene Leben durch das Erbe des Vaters, der das Anwesen 1844 gekauft hatte. Flauberts 1856 veröffentlichter Roman um die treulose Emma brachte ihm zwar Ruhm, doch keinen Reichtum.
Gelegentlich sah er von der Arbeit auf und blickte auf den Schiffsverkehr auf der Seine. So nahe liegt der Pavillon am Ufer, dass das Licht des arbeitenden Schriftstellers Kapitänen an finsteren Abenden den Leuchtturm ersetzte. Aber auch für Flaubert war die Nähe zum Fluss wichtig. Jeden Morgen schwamm er in der Seine, während sein Diener im Boot den Strick hielt, den er sich zur Sicherheit um den Bauch gebunden hatte. Das Haus in Croisset hinterließ seine Mutter Flaubert. Dass das Erbe an die Bedingung seiner Ledigkeit geknüpft war, hat Madame Flauberts Ruf in der Literaturgeschichte zwar beschädigt, schien ihrem Sohn aber anscheinend akzeptabel. Fortan lebte er hier mit seiner Nichte Caroline, die er nach dem frühen Tod seiner Schwester aufzog.
Ein Tintenfass, ein ausgestopfter Papagei
Als ein Sägewerk, in das er investiert hatte, pleite ging, wurde es für den Schriftsteller finanziell eng. An jenem Samstag, als Flaubert tot im Haus in Croisset gefunden wurde, lag vor ihm der geöffnete Brief des Gerichtsvollziehers. Aus ihm ging hervor, dass das Anwesen an der Seine unter den Hammer musste. Wegen des unzeitigen Verkaufs ist von dem Haus, in dem später eine Destille, dann eine Papierfabrik ansässig war, nur der Gartenpavillon mit einigen Gegenständen aus seinem Besitz wie dem Tintenfass und einem ausgestopften Papagei geblieben. In dem Raum können die Besucher heute Flauberts gedenken und seinen Blick auf die Seine teilen. Der Fluss ist indessen das Einzige, was von der einstigen ländlichen Idylle geblieben ist. Am anderen Ufer rauchen heute Fabrikschlote. Wo sich früher grüne Auen erstreckt haben mögen, stehen Lagerhallen, Kräne, Container und Fabriken. Durch Emissionen gefilterte Sonnenstrahlen tauchen die Szenerie in warmes, versöhnliches Licht.
Allerdings ist die Normandie reich an Landschaften, die ihren Zauber ganz ohne Smog verströmen. Der Sprengel Lyons-la-Forêt kann zwar keine direkte Verbindung zum berühmtesten normannischen Literaten nachweisen, dafür wohnte hier immerhin der Komponist Maurice Ravel. 1917 kam er her, um abzuschalten und in ländlicher Ruhe die Melodien in seinem Kopf zu ordnen.
Die echte Emma hieß Delphine
Zudem sind die prachtvollen alten Fachwerkhäuser des Ortes und die Hauptstraße, die sich einen Hang hinaufwindet, bevor sie sich auf die Place Benserade mit der überdachten Markthalle aus dem siebzehnten Jahrhundert öffnet, von so friedlicher Schönheit, dass „Madame Bovary“ hier gleich zweimal verfilmt wurde: 1932 drehte Jean Renoir in dem Dorf eine Szene, 1990 Claude Chabrol alle Außenaufnahmen seiner Verfilmung mit Isabelle Huppert. Zeitungsausschnitte und ein Ordner mit Fotos erinnern im Tourismusbüro im einstigen Kerker des Städtchens noch an die turbulenten Monate, als die Filmcrew aus Paris in das Dorf einfiel. Alle Indizien aufs zwanzigste Jahrhundert wurden aus dem Stadtbild entfernt und sogar die Straßenbeläge sorgsam mit Sand abgedeckt. Geblieben ist außer Ruhm und hohen Immobilienpreisen der kleine Brunnen auf dem Marktplatz, der in die Filmkulisse eingefügt und anschließend dort gelassen wurde.
Während sich Lyons-la-Forêt bei der Vermarktung der Bovary-Verbindung in vornehmer Zurückhaltung übt, liefert das kleine Ry den endgültigen Beweis der These, dass das Leben die Kunst imitiert und nicht umgekehrt. In Ry, dessen Namen alleine eine Verbindung zur Protagonistin des Romans gestattet, lebte zu Flauberts Zeit die unglückliche Delphine Delamare. Sie heiratete einen Landarzt, bekam mit ihm eine Tochter, begann eine Affäre, verschuldete sich und beging Selbstmord mit dem Gift, das sie sich in der Apotheke schräg gegenüber beschafft hatte. Dass ihr Mann, der bald nach dem Tod Delphines an gebrochenem Herzen starb, ein ehemaliger Schüler von Flauberts Vater und die beiden Familien daher miteinander bekannt waren, erschwert die Beweislast zusätzlich. Als sicher gilt, dass Flaubert von dem Fall in der Zeitung las; es gibt jedoch keinen Hinweis darauf, dass er jemals in Ry war.
Aus Dichtung wird manchmal tatsächlich Wahrheit
Nicht schlecht lebt das 750-Einwohner-Dorf, das im Wesentlichen aus der Hauptstraße Grand’ Rue besteht - „einen Büchsenschuss weit, gesäumt von der Kirche, dem Friedhof, der Apotheke, dem Rathaus und einem Gasthaus“, wie es in „Madame Bovary“ über ihr Dorf Yonville-l’Abbaye heißt -, heute von seiner Überzeugung, Heimat der „wahren“ Madame Bovary zu sein. Der Kurzwarenladen heißt „Emma“, das Restaurant neben der Markthalle „Le Bovary“. Dass das Viertel, in dem das zweite, kleinere Haus der in finanzielle Schwierigkeiten geratenen Delamares heute nach dem Namen eines Flusses im Roman „Fonteneau“ heißt, beweist jedenfalls, dass aus Dichtung manchmal tatsächlich Wahrheit wird.
Auf dem Kirchhof, der einen Steinwurf hinter der Markthalle auf einem Hügel liegt, erzählen zwei Grabsteine neben der Kirchenmauer die Geschichte einer unglücklichen Familie. Die erste Frau von Eugène Delamare starb bald nach der Hochzeit. Eine Gedenktafel erinnert an seine zweite Gattin: Delphine Delamare, geborene Couturier, verschied 1848 mit sechsundzwanzig Jahren. Ihr Grabstein wurde gestohlen, auf der Tafel, die der Verband französischer Schriftsteller 1990 stiftete, ergänzt der Zusatz „Madame Bovary“ ihren Mädchennamen. Eugène folgte Delphine kurz darauf im Alter von siebenunddreißig Jahren. Hell scheint die Sonne auf die einsamen Gedenksteine der so sinnlos Verstorbenen. Immerhin, so könnte man sich trösten, ist Weltliteratur daraus geworden.
Anreise: Wer nicht mit dem eigenen Wagen reist, fliegt nach Paris (z.B. mit Air France von diversen deutschen Flughäfen, Ticket ab 100 Euro). Mit dem Mietwagen erreicht man Rouen von dort aus in zwei Stunden. -Unterkunft: Unmittelbar neben der Kathedrale liegt das Hotel Mercure Centre Cathédrale (Rue de la Croix de Fer, 76000 Rouen, Telefon 0033/235/526952, www.mercure.com). Ein Doppelzimmer kostet ab 114 Euro. - Gustave Flaubert: Das Musée Flaubert et de la Médecine grenzt an das Krankenhaus Hôpitaux de Rouen und öffnet dienstags bis samstags von 10 bis 12 und 14 bis 18 Uhr, Eintritt 3 Euro (51, Rue de Lecat). Der Pavillon in Croisset (18 Quai Gustave Flaubert, Canteleu) öffnet samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr, der Eintritt beträgt 3 Euro. Flauberts persönliche Bibliothek kann nach Voranmeldung unter 0033/232/ 834032 im Rathaus von Canteleu, Place Jean Jaurès, besichtigt werden. - Lektüre: Flauberts „Madame Bovary: Sitten aus der Provinz“ ist als Taschenbuch unter anderem bei Diogenes erschienen (11,90 Euro). Einen Überblick über die mit der Normandie verbundenen Literaten und ihre Schaffensorte gibt das Bändchen „Normandie: Ein Reisebegleiter“ von Sabine Grimkowski (Insel Taschenbuch, 10 Euro). Für die praktische Seite der Reise ist Ralf Nestmeyers umfangreicher und informativer Führer „Normandie“ zu empfehlen (2010 erschienen im Michael Müller Verlag, 420 Seiten, 19,90 Euro). - Allgemeine Auskünfte: Atout France, Zeppelinallee 37, 60325 Frankfurt, Telefon 0900/1570025, www.franceguide.com/de.