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Überlebenskampf in Norditalien : Wir sind die Letzten, aber kein Museum!

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Nur auf den ersten Blick ein Alpendorf wie viele andere auch. Tatsächlich verbirgt sich hinter den Mauern von Lusern eine einzigartige Geschichte. Bild: Ropi

Kaum mehr als tausend Menschen sprechen noch Zimbrisch. Dennoch hält man auf der Hochebene von Lusern in Norditalien an dieser uralten Sprache und ihrer Kultur fest - und hofft auf den Tourismus als Überlebensretter.

          Unsere erste Zimbrisch-Lektion erhalten wir im Schützengraben. Wir sollen einfach abends mitkommen zu ihrem Komparsenauftritt in einem Film des Regisseurs Ermanno Olmi, laden uns Mario und sein Kumpel Ferdinando ein, als wir sie in der Bar Baita del Neff kennenlernen. Die beiden sitzen dort am Nachmittag beim zweiten Glas Wein und bilden ein lustiges Paar. Während die Touristen draußen auf der Terrasse in der Sonne rösten, dabei die Bergketten der Brentagruppe im Westen glitzern sehen und die aus der Po-Ebene herausragenden Colli Euganei im Süden, hocken die Mittsechziger in einer düsteren Ecke hinter der Theke: Mario mit einer altmodischen Brille im geröteten Gesicht, Ferdinando mit Zöpfen im brustlangen Prophetenbart. „Ich bin das jüngste Weltkriegsopfer“, behauptet Mario und entblößt, bevor er sich wieder dem Wein zuwendet, seine von Schnittwunden gezeichnete Schulter - die Folgen eines unglücklichen Falles bei einem Spaziergang über eine Weltkriegsfestung. Auf der sich über Hunderte Kilometer erstreckenden Gebirgsfront zwischen dem Piave und dem Stilfser Joch bildeten die Hochebenen von Asiago, Lavarone sowie Lusern im heutigen Trentino eine der südlichsten Ecken des Habsburgerreiches. Im Ersten Weltkrieg lieferten sich hier die Italiener und Österreicher erbitterte Kämpfe.

          „1915-18 Italien im Krieg“ soll der Film von Ermanno Olmi heißen, in dem die Geschehnisse jener Zeit aufgearbeitet werden. Mario, Ferdinando und nun auch wir sollen in einer Szene mitwirken, in der ein neapolitanischer Soldat plötzlich keine Lust mehr auf Krieg hat und anfängt zu singen. Dabei geschieht das Wunder, dass auch die Feinde - in der Filmszene wir - dem Morden eine Atempause gönnen und den Italiener auffordern, weiterzusingen. Zum vereinbarten Treffpunkt am Vezzenapass erscheint dann aber nur der Kameramann, der nach einer kurzen Anweisung zwanzig Meter von uns entfernt seine Geräte aufbaut. Weil sich die Sache in die Länge zieht und es am Pass abends unangenehm kühl wird, nehmen wir ein paar tiefe Schlucke aus der Weinflasche, die Mario und Ferdinando mitgebracht haben. Und jetzt spüren wir, wie uns eine besondere Kraft beseelt. Wir sehen uns als Anführer einer kleinen Schar tapferer Zimbern. Im Geist hören wir fernes Artilleriedonnern, das trockene Knattern der Maschinengewehre, pfeifende Schrapnelle. Plötzlich lehnen wir uns über die Wand des Schützengrabens und brüllen: „Guat, guat beleschar! Sing vür, sing vür! Ditza bol iz a schümma gesinga! Lüsan bettana schümmana kantzu’!“

          Eine Entschuldigung als Demütigung

          Das Zimbrische sei eine bairische Mundart, erklärt uns am nächsten Tag Luigi Nicolussi Castellan. „Unsere Vorfahren brachten sie vor tausend Jahren auf die Hochebene von Asiago, Lavarone und Lusern mit.“ Dank jahrhundertelanger Abgeschiedenheit habe sich das mittelalterliche Idiom fast unverändert erhalten. „Wir sprechen die Sprache der Minnesänger“, sagt Nicolussi Castellan stolz. Nach siebzehn Arbeitsjahren in München war der Vierundsechzigjährige viele Jahre lang Bürgermeister seiner kleinen Heimatgemeinde, heute leitet er das Dokumentationszentrum Lusern. Im Erdgeschoss wird eine Schau zum „Großen Krieg“ vorbereitet, die momentan aus etwa einem Dutzend roh gezimmerter Särge besteht. Sie sind hintereinander aufgereiht und verbreiten den harzigen Duft frischen Holzes. „In Lusern gab es einige der ersten zivilen Kriegsopfer“, sagt Nicolussi Castellan, „und die Erinnerung an die Schrecken des Ersten Weltkrieges hat sich tief in das Gedächtnis der Zimbern eingeschrieben.“Gleich nach dem Krieg begann die Zeit der Unterdrückung durch das faschistische Italien, das den Zimbern ihre Sprache und ihre alten Bräuche verbot. „Meine ersten italienischen Worte lernte ich in der Schule, ich sollte mich hinknien und sagen: Ich bitte um Entschuldigung“, sagt Nicolussi Castellan. Heute stehen die Dinge für die Sprachminderheit in Lusern viel besser. Im Dorf werden wieder Kinder geboren, ein 1999 erlassenes Gesetz zum Minderheitenschutz ermöglicht den Schulunterricht in der Muttersprache und bildet die Basis für eine Reihe von Fördermaßnahmen, um Arbeitsplätze zu schaffen und den Jungen ein Auskommen im Heimatdorf zu ermöglichen. Dabei spielt auch der Tourismus eine wichtige Rolle. Mittlerweile gibt es immerhin neun Gastbetriebe in der Gemeinde, die immer mehr Gäste für sich entdecken.

          Während das Zimbrische in den benachbarten sieben Dörfern sowie den dreizehn Gemeinden in der Provinz Verona nur mehr von einer Handvoll Alter gesprochen wird, ist es im Alltag des Dreihundert-Einwohner-Ortes Lusern quicklebendig. „Wir sind die Letzten, aber kein Museum“, lächelt Nicolussi Castellan. Die Ursachen dafür verdeutlicht ein Blick auf die geographische Lage. Lusern liegt isoliert auf einem schwer zugänglichen Hochplateau. Man muss schwindelfrei sein, um die Haarnadelstraße von Caldonazzo nach Lavarone heraufzukurven, bis vor wenigen Jahrzehnten von Norden die einzige Zufahrtsmöglichkeit nach Lusern. Wie ein Adlernest klebt das Dorf an einem Hang, der nach Süden und Westen beinahe senkrecht in das Val d’Astico abfällt.

          Nur ein einziges ebenes Wegstück

          Umgeben ist Lusern von winzigen, übereinandergestapelten Terrassenfeldern, die von weitem einem verschossenen Flickenteppich ähneln. Schmal und ineinander verschachtelt, ragen die steingemauerten Häuser empor, mit Torbögen, tunnelartigen Durchgängen und hölzernen Treppen, die zu höher gelegenen Stockwerken führen. Auf Balkonen trocknet Wäsche, über den Gassen, in die selten ein Sonnenstrahl fällt, schwebt der Rauch von Holzfeuern. An manchen Häusern prangen Hammer und Meißel als in Stein gehauene Symbole. Jahrhundertelang verdingten sich die einheimischen Männer auswärts als Steinmetz. Verputzt sind nur die Häuser jüngeren Datums. Den dafür nötigen Sand mussten die Frauen früher mühsam in Körben aus dem Val d’Astico herauftragen, weil es auf dem karstigen Hochplateau keine Flüsse gibt. Lusern ist ein Dorf, dem man seine ärmliche Vergangenheit anmerkt und dessen Pfarrkirche ganz ohne Kunstschätze auskommt. Als Sehenswürdigkeiten werden in den Tourismusprospekten mehr aus Not denn aus Stolz eine uralte Weißtanne im nahen Wald erwähnt sowie ein steinerner Trog am unteren Dorfrand; möglicherweise ist er ein keltischer Sarkophag, vielleicht ein Hinweis auf die immer noch ungeklärte Herkunft der Zimbern.

          Die wichtigste Attraktion in Lusern sind ohnehin seine Bewohner, die von ihrem Anderssein wenig Aufhebens machen. Im ganzen Dorf gibt es keinen Laden, in dem zimbrische Artefakte oder Spezialitäten angeboten werden, obwohl sich das bei jährlich zwölftausend Besuchern auszahlen würde. Stattdessen leben die Luserner ihren unspektakulären Alltag. Auf der Verbindungsstraße nach Lavarone, dem einzigen ebenen Wegstück weit und breit, spazieren junge Frauen mit Kinderwagen. An diesem Tag haben Wanderhändler auf der zentralen Piazza ihre mobilen Stände aufgebaut. Alte Frauen mit Kittelschürze und Kopftuch wühlen in den Warenkörben, wechseln dabei automatisch vom Zimbrischen ins Italienische, um die Händler nach den Preisen zu fragen. Eine Handvoll Männer hockt in der Bar Rossi, jeder an einem eigenen Tisch, den Stuhl zur Wand gedreht, damit die Eingangstür im Blick bleibt. Man kennt sich hier, geredet wird nur das Nötigste. Aber dann beginnt doch einer zu erzählen. „Da draußen haben sie ein Kriegerdenkmal errichtet“, sagt der hagere Mittsiebziger mit sonnengegerbten Furchen im Gesicht und zeigt hinaus auf die Piazza. „An die Mütter, die 1919 nach dem Krieg in das zerstörte Dorf zurückkehrten und die Kinder auf trockenes Laub in den Ruinen betteten, erinnert keiner.“

          Granittrichter, Schützengräben, zerbombte Festungen

          Ebenfalls in der Bar Rossi treffen wir Andrea Nicolussi Golo. Wenn die älteren Bewohner Luserns für die Vergangenheit der Zimbern stehen, zeigt Andrea, wie ihre Zukunft aussieht. Der kleingewachsene Mann mit roten Lederhalbschuhen schreibt „Di Sait vo Lusern“ für die regionale Tageszeitung „L’Adige“. Außerdem ist er für die Wochenschau „Zimbar Earde“ sowie eine gleichnamige Internetseite tätig. „Durch die modernen Medien haben die Emigranten heute Kontakt zur Heimat und können an unserer Kultur festhalten“, sagt Nicolussi Golo, der gerade ein vierhundert Seiten dickes zimbrisch-italienisches Wörterbuch fertiggestellt hat. „Vor einigen Jahren meldete sich hier ein Universitätsprofessor aus Japan und fragte, wann das Zimbrische ausgestorben sei“, sagt Nicolussi Golo und schenkt uns mit feinem Lächeln ein druckfrisches Lexikon-Exemplar.

          Am nächsten Morgen sind wir mit Mario Martinelli verabredet. Der Bergführer mit silbrigem Stoppelbart begleitet uns auf einer Tour über die Hochebene von Lusern, die Gegend ist ein Paradies für Skilangläufer, Mountainbiker und Wanderer. Wir starten hinter dem „Haus von Prükk“, einem alten Gebäude, das mit Gegenständen des bäuerlichen Lebens zum Museum umgewandelt wurde. Der Weg führt uns aufwärts, vorbei an einer verfallenen Villa mit Stuckornamenten, die Hinterlassenschaft eines Rückkehrers, der seinen in der Fremde erworbenen Reichtum zur Schau stellen wollte. Dann geht es weiter durch aufgegebene Terrassenfelder. An vielen Stellen sind die Mauern geborsten, Gestrüpp breitet sich auf den ehemaligen Äckern aus, bald wird hier der Wald vorrücken. Nach einer Wegstunde erreichen wir die zerbombte Festung Campo Lusern, eines von einem knappen Dutzend italienischer und österreichischer Bollwerke, die sich in der Grenzregion auf Sicht- und Schussweite gegenüberstehen. Der Bergführer zeigt auf Granattrichter und Schützengräben, die heute von Gras oder Gebüsch bedeckt sind. Auch zwei seiner Onkel, sagt Mario Martinelli, seien bei den Kämpfen damals dabei gewesen. „Die Wunden der Landschaft verheilen manchmal schneller als die der Menschen.“

          Wir gehören schon fast dazu

          Hinunter ins Dorf gelangen wir auf einem ehemaligen Karrenweg mit grandioser Sicht über das im Dunst liegende Val d’Astico. An Raststationen erzählen hölzerne Skulpturen und Tafeln von lokalen Märchen. Unten auf der Piazza treffen wir dieselben Leute wie schon gestern und heute Morgen. Man kennt und grüßt uns freundlich, beinahe so, als gehörten wir dazu.

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