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Schweiz : Ortsgespräch zum Himmel

  • -Aktualisiert am

Wenn denn St. Moritz, diese kleine kalte Metropole des Konsums, überhaupt eine Seele haben sollte, dann läge sie wohl in „Badrutt’s Palace“. Bild: Badrutt's Palace

Als „Top of the World“ bezeichnet sich St. Moritz noch immer, doch inzwischen ist man unsanft auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Seit Jahren geht es stetig bergab mit dem einst so mondänen Skiort.

          Ein Wintertag auf der Corviglia-Bergstation. Im Restaurant „La Marmite“. Am Resopaltisch, im Pullover, Karl Otto Pöhl, damals Präsident der Deutschen Bundesbank. Wir hatten uns zu einem Interview getroffen, und er hatte in St. Moritz, seinem Urlaubsort, zum Mittagessen geladen. Natürlich „beim Mathis“ im „Marmite“, 2488 Meter über dem Meer, irgendwas zwischen Betriebskantine und Edel-Imbiß, rappelvoll, Wasserpfützen auf dem Boden. Und auf unseren Tellern? „Corviglia Schnee“: Kartoffelstampf mit Kaviar.

          Das war 1989, im vorigen Jahrhundert. Was hat die Welt sich inzwischen gedreht! Ein deutscher Bundesbankpräsident, der Kaviar verzehrt in Gesellschaft einer Journalistin? Und das in aller Öffentlichkeit? Doch weder zählte damals das Wort Compliance zum allgemeinen Wortschatz, noch saßen Leser-Reporter mit Smartphones am Nebentisch. Und Kaviar war auch noch nicht so sündhaft teuer wie heute.

          „Fine Mountain Dining“, Hartly Mathis hatte es in den Siebzigern erfunden, er war der Erste, der Skiläufern weiße Trüffel aufs Carpaccio hobelte. Und die Feinschmeckerei in den St. Moritzer Bergen mit Können und einem großen Herzen so kultivierte, wie es heute, vergleichbar, ein Herbert Seckler mit seiner „Sansibar“ im Sylter Sand zu zelebrieren versteht. Ob griechischer Reeder oder schwäbischer Unternehmer, „vom Mathis“ ließen sich alle füttern, in der Hauptsaison mittags sogar in zwei Schichten: 11.30 bis 14 Uhr und 14 bis 15.30 Uhr. Und da kam dann tatsächlich Fiat-Chef Gianni Agnelli durch die Tür, braungebrannt, weißhaarig, federnden Schrittes, pünktlich zur zweiten Schicht.

          Die Diva unter den Schweizer Skiorten fröstelt

          Nach dieser Saison, am 2. April, wird das „La Marmite“ schließen. Reto Mathis, Hartlys Sohn, ein nicht minder begabter Koch und Entertainer und Strippenzieher beim St. Moritzer Gourmet-Festival, gibt das Restaurant auf der Corviglia im fünfzigsten Jahr seines Bestehens auf. „Aus wirtschaftlichen Gründen.“ Er sagt: „Nur vier Monate Geschäftsbetrieb, das kann ich mir nicht mehr leisten.“

          Das Schaulaufen überlässt man denen, die man im Tal „Cervelat-Prominenz“ nennt. Denn eigentlich ist St. Moritz eine geschlossene Gesellschaft.
          Das Schaulaufen überlässt man denen, die man im Tal „Cervelat-Prominenz“ nennt. Denn eigentlich ist St. Moritz eine geschlossene Gesellschaft. : Bild: dpa

          Und die Engadin St. Moritz Mountains AG lässt den renommierten Pächter kampflos ziehen. Verbilligte Bahntickets für Genießer ohne Skier (50 Franken kostet der Corviglia-Ausflug pro Person), wäre das nicht eine Überlegung wert gewesen? „Wir Bergbahnen haben selbst zu kämpfen in diesen schwierigen Zeiten“, sagt Markus Meili, der Geschäftsführer der Mountains AG, wenig erfreut am Telefon. Man müsse genauso an den Familienvater mit Broten im Rucksack denken. Vergünstigungen für Leute, die dann zweihundert, dreihundert Franken für ein Mittagessen ausgeben, hält man bei den Bergbahnen für keine besonders gute Idee.

          Das Ende des legendären „Marmite“ ist wie eine Metapher für das heutige St. Moritz. Denn die Diva unter den Schweizer Skiorten fröstelt im abgekühlten Weltklima weit mehr als vergleichbare Luxusziele. „Top of the World“? Inzwischen ist man ziemlich unsanft auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Seit dem Jahr 2008 geht es stetig bergab. Fast ein Drittel der Logiernächte hat man eingebüßt. Gut tausend Betten verschwanden wegen Hotelschließungen in der Region.

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