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Reiseblogs : Dauerpräsent und hypersubjektiv

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Von nix kommt nix: Bloggen ist ein Vierundzwanzig-Stunden-Job – der Blogger macht aus seinem Leben eine Reality-Show, deren Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller er ist. Bild: @howfarfromhome/howfarfromhome.com

Es gibt weit über tausend Reiseblogs in deutscher Sprache. Von Hunderttausenden werden sie gelesen, und PR-Agenturen lieben sie. Eine Reise an die Grenzen des Journalismus.

          „Ich find Brücken geil. Jetzt echt. Ohne Schmarn. Mich machen sie wirklich glücklich. Als Kind habe ich unter Brücken gespielt (und jetzt bitte keine Sprüche von „die hatten im Osten ja nix anderes“) und in meinem Leben habe ich auch schon viele Brücken überquert. Ob mit dem Auto, mit der Bahn oder gar zu Fuß“, schreibt Janett auf ihrem Blog „Teilzeitreisender“. Es dürfte den Leser nicht überraschen, wovon der Text „Über sieben Brücken musst du gehen... Um Newcastle oder Gateshead zu sehen!“ handelt. Sechs Minuten Lesezeit wurden für den Eintrag am Anfang der Seite angekündigt. „Tanja“ nahm sich die Zeit und lobte in den Kommentaren: „Liebe Janett, deinen Bericht hätte ich mal vorher entdecken sollen... ;-) Hab ihn gerade durch deinen Kommentar entdeckt und fett gegrinst, da wir irgendwie den selben Überschriften-Gedanken hatten... :-) Auch ich finde Brücken immer total fantastisch...“

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          „Teilzeitreisender“ ist zurzeit eines der erfolgreichsten deutschen Reiseblogs. Und davon gibt es mittlerweile über tausend. Einige sind Dauerbrenner, ansonsten tauchen im Monatstakt neue auf, deren Leser- und Klickzahlen phasenweise nach oben schnellen. Der oben zitierte Ausschnitt ist ein Exempel dafür, was einen auf Reiseblogs erwartet: Hypersubjektivität, Regeln, die weitgehend nur von denen bestimmt werden, die die Website gestalten, sowie Themen und Texte, über deren Gehalt und Sinnhaftigkeit gestritten werden kann und die immer unmittelbar präsente Meinung zahlreicher anderer zu diesen Ergüssen.

          Dann kam die Allmacht von Google

          Selbst unter den Bloggern herrscht Uneinigkeit darüber, ob es der oder das Blog heißt. Der Duden erlaubt beide Varianten. Im Wort „Blog“ – kurz für „Weblog“ – ist „Log“ für Logbuch enthalten und verrät, was das Ganze eigentlich sein soll: ein Tagebuch, auf einer Website geführt und öffentlich einsehbar, in das der Blogger seine Gedanken aufzeichnet und in die Welt hinausruft. Einträge in das eigene Tagebuch, die früher als private Gedankenniederschriften sorgfältig unter Verschluss gehalten wurden, drängen nun im digitalen Zeitalter an die Öffentlichkeit und wollen sich präsentieren, wollen gelesen, geliked und kommentiert werden.

          In dieser Grundidee des öffentlichen Tagebuchs liegen die Reiseblogs begründet. In Zeiten, in denen sich jeder zweite junge Mensch nach Kambodscha oder Tasmanien aufmacht, wird es immer anstrengender, alle Daheimgebliebenen gleichermaßen mit Informationen zu versorgen. Also haben die Globetrotter und Backpacker Blogs ins Internet gestellt, zunächst nur für Freunde und Familie. Dann kam die Allmacht von Google, und über Google kamen plötzlich noch viel mehr Menschen, die sich dafür interessierten, was andere so tun – im Urlaub oder daheim.

          „Blogger bieten einer PR-Agentur viele Vorteile“, sagt ein Blogger, etwa das zusätzliche Posten in den sozialen Medien wie Facebook und Instagram.
          „Blogger bieten einer PR-Agentur viele Vorteile“, sagt ein Blogger, etwa das zusätzliche Posten in den sozialen Medien wie Facebook und Instagram. : Bild: @HowFarFromHome, howfarfromhome.com

          Mit einem privaten Blog für die Lieben zu Hause hat auch Anja Beckmann während ihrer einjährigen Weltreise begonnen, heute befindet sich ihr Reiseblog „Travel on Toast“ unter den fünf erfolgreichsten Deutschlands. 2012 gründete sie ihr jetziges Blog, das so heißt, weil sie ihre persönlichen Vorlieben, Essen und Fernreisen zu Sonnenzielen, verbinden wollte. Heute ist die Dreiundvierzigjährige viereinhalb Monate im Jahr unterwegs. Ihr Blog zählt bis zu achtzigtausend Leser pro Monat. Auf den restlichen Kanälen, in denen Blogger heute teilweise aktiver als auf ihren Websites (und damit ihren eigentlichen Blogs) sind – hauptsächlich Facebook, Instagram, Twitter, Pinterest, Google Plus und Snapchat –, hat sie über vierundsiebzigtausend „Follower“. Was die Blogger auf diesen Kanälen tun? Sie berichten in kurzen Sätzen, bunten Bildern und Kurzvideos in Echtzeit aus ihrem Leben. So ist man noch näher dran am einzelnen Menschen, der einem hier noch mehr Inhalt mit noch weniger Gehalt liefert. Aber die Dauerpräsenz auf sämtlichen online zur Verfügung stehenden Kanälen zeigt auch: Bloggen ist ein Vierundzwanzig-Stunden-Job – der Blogger macht aus seinem Leben eine Reality-Show, deren Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller er in einer Person vereint.

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