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New Orleans : Die Apokalypse haben wir schon hinter uns

Weltkarrierenträume im Welttheaterviertel: Fast an jeder Ecke des French Quarter stößt man auf einen Musiker, der tapfer seiner Entdeckung harrt. Bild: Picture-Alliance

„The Big Easy“, Wiege des Jazz, Kapitale des immerwährenden Karnevals: New Orleans hat viele Ehrentitel, und es wird allen gerecht. Genau das sind Fluch und Segen der vermutlich unamerikanischsten Stadt Amerikas.

          Fürchtet Gott! Denn der Tag des Zorns wird kommen! Jesus hat euch gewarnt: Gehet hin und höret auf zu sündigen, denn nach dem Tod gibt es nur Himmel oder Hölle!“ Aufrecht wie Lot harren die Retter der verlorenen Seelen inmitten von Sodom und Gomorrha aus, recken ihre Schilder mit den frommen Warnungen in die Höhe und müssen doch mitansehen, wie der Höllenfürst ringsum fette Beute macht. Immer dann, wenn es auf der Bourbon Street in New Orleans, Amerikas wildester, wüstester Partystraße, besonders gotteslästerlich wird, gehen diese versprengten Gruppen von Radikalchristen im Namen des Allmächtigen auf ihre Menschenfängermission – und werden von der Meute lauthals verlacht, die gar nicht daran denkt, ihre Striptease-Bars, Erotik-Shops, Schwulen-Clubs, Jazz-Kneipen und Bierkaschemmen gegen Gotteshäuser einzutauschen.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Keine Paradiesverheißung kann sie aus diesem extraterritorialen Gebiet des Laisser-faire inmitten des moralinsauren Amerikas weglocken, in dem alles erlaubt und jede Geschmacklosigkeit willkommen ist. Man trinkt „Huge Ass Beer“ aus Frauentorso-Humpen mit monströsen Hintern, lässt sich beim „Nipple Painting“ von barbusigen Frauen die Brustwarzen in karnevalesken Glitzerfarben anmalen, starrt halb belustigt, halb ungläubig auf die Go-go-Boys, die mit Gemächten wie Ackergäule im Tanga auf den Tresen tanzen, und deckt sich in den Sexshops mit Trinkflaschen in Penisform oder Vaginal-Lutschern mit Erdbeergeschmack ein, bevor man mit diesen Trophäen der Sündhaftigkeit in Gottes eigenes Land zurückkehrt – in der Hoffnung, dass der Himmelsherrscher ausnahmsweise nicht alles gesehen hat.

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          New Orleans fürchtet weder Gott noch den Tod und schon gar nicht den Teufel, weil seine einzige Religion das Carpe diem zu sein scheint. Das ist nicht nur das Glaubensbekenntnis der Bourbon Street. So haben wir uns in der ganzen Stadt gefühlt: im Herzen von Dixieland und doch an jenem Ort in Amerika, der vermutlich am weitesten von Amerika entfernt ist, einem Ort der Libertinage statt der Bigotterie, der Vergangenheitsbeschwörung statt der Zukunftszuversicht, der Selbstgenügsamkeit statt des Erfolgshungers. Mainstream-Amerika soll sich ruhig zu einer Dealmaker-Demokratie entwickeln, in der die Menschen glücklich sind, wenn sie gewinnen. New Orleans hingegen wirkt wie eine Insel des melancholischen Fatalismus, auf der man glücklich ist, wenn man glücklich ist und selbst dann nicht unglücklich wird, wenn die lokalen Sportteams, diese notorischen Versager, schon wieder nichts gewonnen haben. Dann tröstet man sich mit sich selbst und der ewiggültigen Wahrheit von Tennessee Williams, der seiner Heimat dieses zärtliche Kompliment machte: „In Amerika gibt es nur drei Städte: New York, San Francisco und New Orleans. Überall sonst ist Cleveland.“

          Die einzige Altstadt Amerikas

          Cleveland-Amerika ist Budweiser Beer. In New Orleans haben wir – nicht etwa in versteckten Mikrobrauereien nonkonformistischer Enthusiasten, sondern in Massenlokalen mitten in der Innenstadt – „German Schwarzbier“, „Belgian Blonde“ und „Dark Chocolate Stout“ getrunken, um dann mit der blanken Bierflasche auf die Straße zu treten, ohne im Gefängnis oder gleich in der Hölle zu landen, weil der öffentliche Trinker in New Orleans, anders als im übrigen Amerika, nicht als Teufelserscheinung gilt. In Cleveland-Amerika sieht der Karneval aus, als besitze die Walt Disney Company das Copyright an ihm. In New Orleans ist er ein echtes Erbe der Geschichte, eine historische Kontinuität seit der französischen Besiedlung im frühen achtzehnten Jahrhundert, ein kollektiver Ausnahmezustand, wie man ihn jenseits des Atlantiks sonst nur aus Lateinamerika kennt.

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