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Veröffentlicht: 23.05.2017, 17:45 Uhr

Neues aus Snoqualmie In der Falle der Fälle

Das Geheimnis von Twin Peaks ist gelöst – noch vor Beginn der dritten Staffel: Eine Reise nach Snoqualmie zu Wasserfall, Great Northern Hotel und wirklich gutem Kirschkuchen.

von Oliver Maria Schmitt
© Reuters Die Wasserfälle von Snoqualmie sind im Vorspann der Serie „Twin Peaks“ zu sehen. Das Gebäude dahinter kennt man als „Great Northern Hotel“.

Ein steifer, lebloser Körper auf einem Stuhl. Die Augen weit aufgerissen, erloschen, den Blick durch das Fenster seines Kabuffs starr auf die Gleise gerichtet. Die Rechte umklammert noch den Signalhebel. Kein Zweifel – es ist der Bahnhofsvorsteher von Snoqualmie. Ein grausamer Mord, ein Kapitalverbrechen am Arbeitsplatz? Doch niemand nimmt Notiz. Keiner da, keine Menschenseele am Bahnhof.

Auf den stillgelegten Gleisen stehen alte Loks und Waggons, einige sind besonders verkommen, sie kommen mir bekannt vor. Ich weiß auch, warum: Hier wurde Laura Palmer gequält und ermordet. Auch das Bahnhofsgebäude wirkt vertraut. Es ist exakt das Haus, das sich der FBI-Agent Dale Cooper in der 19. Folge von einem Immobilienmakler zeigen lässt, als er seinen endgültigen Umzug nach Twin Peaks plant. Heute sei der Bahnhof Teil des Northwest-Railway-Museums und der Bahnhofsvorsteher nur eine Puppe, erklärt mir ein vorbeischleichender Museumswärter. Soll man das wirklich glauben? Tief hängt der Himmel über dem kleinen Städtchen, die Gipfel der umliegenden Berge verschwinden im Grau. Und da ist dieser Wind, der durch die Bäume streift.

Was, wenn er mich anspricht?

In David Lynchs epochaler TV-Serie „Twin Peaks“ ist’s draußen auch immer grau. Bei den Dreharbeiten vor Ort zeigte sich die Sonne drei Monate nicht, Liebesszenen im Freien wurden bei Minustemperaturen gedreht. Nun, in der Wirklichkeit des Jahres 2017, ist Ende April der Frühling deutlich zu spüren. Der Regen ist warm, fast mild.

46584565 © Reuters Vergrößern Am östlichen Rand der Stadt rostet „Ronette’s Bridge“ vor sich hin, die alte Eisenbahnbrücke über den Snoqualmie River. Hier tauchte Laura Palmers Freundin aus dem Nebel auf.

Vieles erkenne ich wieder. Da ist der „giant log“, ein riesiger Holzklotz, Teil eines Baumstamms einer gefällten Douglastanne, man sieht ihn im Serienvorspann. Daneben, in einem weißen Pavillon, der ebenfalls in der Serie vorkommt, sitzt ein alter Mann mit langem Haar. Es hat die Farbe der Wolkendecke. Der örtliche Althippie? Nein, ich schaue genauer hin: Er sieht aus wie Bob! Bob ist der Satan der Serie, das personifizierte Böse, ein Dämon in Menschengestalt – und der sitzt hier einfach so rum und darf sich frei bewegen? Was, wenn er mich anspricht? Ja, er kenne mich, würde er vielleicht sagen, kenne auch mein Haus, ja er sei sogar jetzt gerade, in diesem Augenblick, in meinem Haus. So wie Lynch das in „Lost Highway“ in einer der beklemmendsten, verstörendsten Szenen der Filmgeschichte vorführt: Ein diabolischer, namenloser „Mystery Man“ kommt auf den Protagonisten zu und erklärt: „Ich bin gerade bei Ihnen zu Hause.“ Zum Beweis reicht er ihm sein Handy: „Rufen Sie mich an. Wählen Sie Ihre Nummer!“

Ozean der Vorahnungen

Zwischen den Gestaden der Annehmlichkeit und der puren Angst liegt dieser große, graue Ozean der Furcht und der Vorahnungen, auf dem David Lynch virtuoser navigiert als jeder andere Regisseur. Ich habe Glück – der Grauhaarige sagt nichts, zückt kein Handy. Nachdem ich ihn minutenlang streng fixiert habe, verzieht er sich.

Ich treibe mich an den Drehorten der Serie zwischen Snoqualmie und North Bend herum, eine halbe Autostunde von Seattle entfernt, direkt am Highway 90, weil ich der Erste sein will, der das Geheimnis auflöst. Das Geheimnis von Twin Peaks.

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