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Veröffentlicht: 01.04.2016, 11:14 Uhr

Nepal Herumknattern, so weit das Benzin eben reicht

Nepal hat es nicht leicht: erst das verheerende Erdbeben, dann eine Grenzblockade. Dennoch haben die Einwohner die Ruhe weg. Davon sollten wir uns anstecken lassen.

von
© Andrea Diener Alles kaputt? Mitnichten! Die alte Königsstadt Bhaktapur ist trotz vereinzelter Schutthaufen und Mauerrisse noch beeindruckend genug. Und nahezu touristenfrei.

Es geht alles ein bisschen langsamer voran in Nepal. Zum Beispiel ich jetzt gerade, auf 1500 Höhenmetern, mich auf etwas mehr als zweitausend hochkämpfend, und zwar im größten Treppenhaus der Welt, dem Himalaja. Ab und zu überholen mich fröhlich pfeifende Einheimische, gern mit Einkäufen oder Kindern oder beidem bepackt, und drücken ihr Mitgefühl mit meiner Situation durch ein freundliches „Watch your steps!“ aus. Genau das tue ich ja, ich starre auf die Stufen vor mir, Hunderte Höhenmeter weit nichts als unregelmäßige, in den Berg gebaute Steinstufen, die die verstreut liegenden Höfe, die Dörfchen, die Reisterrassen verbinden. Das ganze Volk hier lebt in der Schräge mitsamt seinen Rindern und Ziegen und Hunden und steigt den ganzen Tag Stufen, als sei es nichts.

Andrea Diener Folgen:

Freundlicherweise hat die Hangbevölkerung aber auch an Rastplätze gedacht. Alle paar hundert Meter wächst eine große Pappelfeige, Ficus religiosa heißt dieser im Buddhismus heilige Baum, der hier von einem Mäuerchen umgeben ist, das die perfekte Sitzhöhe zum Ausruhen hat. Man sollte diese Gelegenheiten unbedingt wahrnehmen, denn dann sieht man etwas anderes als Stufen, nämlich Bergpanorama. Auf den Fotos sieht hinterher alles ein wenig aus wie Südtirol, wenn man nicht zu genau auf die Vegetation schaut. Allerdings sind die schneebedeckten Berge rundherum deutlich höher. Wir schauen, wenn die Wolken sich gnädig zeigen, auf eine Kette Achttausender, auf den Dhaulagiri und den Annapurna.

Warteschlangen von hier bis Übermorgen

Langsam geht es aber auch überall sonst in Nepal voran, und das liegt an der komplizierten politischen Gesamtsituation, die dazu geführt hat, dass derzeit nur wenig Brennstoffe wie Gas oder Benzin ins Land kommen. Die kommen nämlich ausschließlich aus Indien, aber Indien liefert nicht. Das wiederum hat mit den Rechten der indischen Minderheit im Land zu tun, die gerne ein bisschen mehr zu sagen hätte und deshalb aufgebracht ist.

© Andrea Diener Im Chitwan-Nationalpark: Auf dem Elefantenrücken durch den Nebel

Das geht jetzt seit ein paar Monaten so, nämlich seit Nepal sich eine neue Verfassung gegeben hat, mit der – bis auf die indische Minderheit – alle zufrieden sind. Eigentlich könnte Nepal auch von den nördlichen Nachbarn, den Chinesen, Brennstoffe kaufen, aber dort führt der Weg zum Erfolg über viele Parteisitzungen und bürokratische Hindernisse. Kurz: Die Chinesen kommen nicht in die Pötte, deshalb stehen vor jeder nepalesischen Tankstelle Schlangen von hier bis übermorgen.

Wir müssen uns keine Sorgen machen, denn wir sind Touristen. Touristen bringen Geld ins Land und dürfen daher an der Polizeitankstelle tanken, die immer Benzin hat und die Grundversorgung für Krankenwagen und Feuerwehr aufrechterhält. Mit diesem Freifahrtschein und einem Reservetank sind wir auf der sicheren Seite. Im Gegensatz zur Bevölkerung: Am Straßenrand stehen überall Motorräder in Reihe, die Rückspiegel mit Wartenummern versehen, dazu rote Gaspatronen, ordentlich aneinandergekettet und ebenfalls numeriert. Bis es wieder Gas gibt, muss die Dame des Hauses auf Holzfeuer kochen. Und das muss sie sammeln und zu Fuß nach Hause bringen. Das dauert. Und auch das macht das Leben in Nepal, das eigentlich viele andere Probleme hätte als die Bewältigung eines gas- und benzinfreien Alltags, sehr langsam und mühevoll.

39372436 © Andrea Diener Vergrößern Ein mühsames Geschäft: Eine Frau sammelt Brennbares, um den heimischen Herd zu befeuern.

Weil alles so wunderbar ist

Das große Erdbeben im April und Mai vergangenen Jahres hat deutliche Spuren hinterlassen, und noch immer leben viele Menschen in den Städten in Notquartieren, in Wellblechhütten oder Hilfszelten. An Aufbau ist kaum zu denken, denn ohne Energie laufen die Fabriken auf Sparflamme, und ohne Benzin können keine Baumaterialien in die Städte transportiert werden. Man räumte also die Trümmer beiseite, stützte Gebäude mit hölzernen Streben ab und hofft nun darauf, dass es irgendwann losgehen kann mit dem Aufbau.

Dabei ist das Land kein reines Katastrophengebiet, nicht so jedenfalls, wie man sich das vorstellt. Die Vergleichsgröße ist eher nicht Dresden nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern ungefähr Berlin in den Achtzigern. Hier und da eine Baulücke, mitunter Schutthaufen, alles ein bisschen improvisiert, aber im Großen und Ganzen recht bunt und lebendig.

Unsere erste Station in Nepal ist Bhaktapur, die alte Königsstadt im Kathmandu-Tal. Dort laufe ich geschlagene zwei Tage mit offenem Mund durch die Gegend, weil alles so wunderbar ist: die wunderbare Altstadt, die wunderbaren Häuser mit den wunderbaren Schnitzereien, die wunderbaren Menschen, die in malerischen Gewändern auf der Straße herumsitzen oder ihren Geschäften nachgehen, die meistens mit dem Verkauf dekorativer Dinge wie Töpferwaren oder Gemüse zu tun haben.

39372405 © Andrea Diener Vergrößern Vorsichtshalber abgestützt: In der Altstadt von Bhaktapur.

In den Wasserreservoirs, die die Stadt durchziehen, waschen Frauen bunte Kleider. An Verkaufsständen gibt es scharfe Fleischspieße, die in sehr nachhaltigen Schüsselchen aus gepressten Blättern gereicht werden, dazu etwas scharfe Soße. Und ein Everest-Bier vom nächsten Kiosk. Auf einem sonnigen Fleckchen haben sich zwei entspannte Ziegen niedergelassen, in einer Seitengasse wird ein Artgenosse von ihnen auf ziemlich archaische Weise geschlachtet und verarbeitet. Wenn man schon Ziege sein muss, dann will man eigentlich auch genauso unindustrialisiert sterben.

Für ein Weltkulturerbe erschreckend unbesucht

Stundenlang kann man hier sitzen und schauen, sich wieder durch die Gassen treiben lassen, vor dem Tempel den Sängern zuhören, dann wieder sitzen und schauen. Bhaktapur mutet mit seinem flirrenden, kühlen Winterlicht an wie ein orientalistisches Gemälde aus dem späten neunzehnten Jahrhundert, wie einer dieser europäischen Träume von einem naturnahen Leben in fremdartiger Ornamentik, und die Menschen hier haben das Talent, sich sehr fotogen darin zu drapieren. Man weiß nicht genau, wie die das machen, aber das Gesamtbild stimmt. Und man ist die ganze Zeit so abgelenkt von dem, was da ist, dass man die Lücken und Trümmer kaum mehr wahrnimmt.

Touristen? Ja, ein paar gibt es. Im Laufe des Tages begegnet uns ungefähr ein Dutzend westliche Gesichter. Dafür, dass die Altstadt von Bhaktapur ein Weltkulturerbe allererster Güte ist, ist sie erschreckend unbesucht. Wo sind all die Studiosus-Gruppen, die sonst jeden Ort mittelprächtiger Bedeutung heimsuchen? Denken sie, es sei hier alles kaputt? Was für ein Irrtum!

39372421 © Andrea Diener Vergrößern Und wo sind hier die Touristen? Geschäftsstraße in Bhaktapur.

Im Gasthaus muss improvisiert werden. Etwa zehn Stunden pro Tag gibt es keinen Strom, dazu ist die allgemeine Versorgung lückenhaft. Im Speiseraum und auf der sonnigen Dachterrasse liegen Notfall-Speisekarten mit einheimischen Dauerbrennern: Momos, das sind tibetische Teigtaschen, das Nationalgericht Dhalbat, ein Linsencurry mit Reis, dazu Ingwertee oder Lassi. Die Solarpaneele auf dem Dach sorgen für Licht im Bad während der Lückenzeiten. Egal, Hauptsache, die Dusche ist warm, denn nachts wird es kühl.

Der Rhythmus des Landes im Stillstand

Nach acht Uhr abends ist in der Stadt nichts mehr los. Die Menschen sitzen im Halbdunkel, keine Fernseher flimmern, keine Fenster sind erleuchtet. Ab und zu erhellt eine Solarlaterne einen Platz, dann wieder lange, dunkle, neblige Gassen, aus denen sich Figuren und Tempeldächer schälen. Die Straßenhunde werden übermütig, weil ihnen jetzt die Stadt gehört, und tragen knurrend und kläffend ihre Revierkämpfe aus. Man geht früh schlafen und steht zeitig auf, denn ab sieben ist es schon wieder hell und ab neun Uhr warm. Man gewöhnt sich schnell an den gemächlichen Rhythmus Nepals, des Landes im Stillstand.

39372419 © Andrea Diener Vergrößern Hauptsache bunt: Die Straßenkreuzung vor der Grundschule.

Stufe für Stufe erklimme ich also diesen Vorhügel des Himalajas, denn zu mehr als einem lächerlichen Buckel bringt man es als Zweitausend-Meter-Erhebung in dieser Gegend nicht. Man bekommt nicht einmal einen Namen, man ist einfach der Hügel, auf dem das Dörfchen Dhampus liegt. Es gibt dort als Allererstes einen Kiosk, das ist gut, einige Gästehäuser und etwa einen Kilometer weiter unsere Lodge. Die Häuser sind aus Holz und Stein gebaut und erinnern schon wieder an Südtirol. In kleinen Gärten ackern Frauen in roten Gewändern, und eine Horde Schulkinder überholt uns. Sie sind so schnell, dabei ist die Luft so dünn. Ein fröhlicher Bauer macht sich ein bisschen über meine Geschafftheit lustig und bietet Selbstgebrannten an. O je, momentan lieber nicht.

Dann fährt man lieber mal kein Auto

Es ist eine Gegend, die moderaten Fremdenverkehr gewohnt ist. Fast jeder spricht ein paar Brocken Englisch, alle sind offen und freundlich und scherzen gern mit einem herum. Dann kam das Erdbeben, und der Tourismus brach um siebzig Prozent ein. Und dann noch die Blockade.

39372415 © Andrea Diener Vergrößern Jenseits des Wanderweges: Eine Bergbäuerin in ihrem Garten auf fast 2000 Metern Höhe.

Dafür, dass es für Nepal gerade von allen Seiten knüppeldick kommt, bewahren die Menschen eine ganz erstaunliche Ruhe. Es ist ja auch nicht die erste Blockade, man hat schon Übung von 1989, als das Königreich in eine Demokratie umgewandelt wurde und Indien die Lieferungen einstellte. Man ließ sich damals darauf ein, den südlichen Nachbarn künftig als einzigen Importeur von Energie zuzulassen. Diese Entscheidung baden die Nepalesen heute aus. Und das mit einem gewissen Trotz: Noch einmal wird man sich nicht beugen. Dann fährt man eben eine Weile kein Auto, wohnt noch etwas länger im Wellblech und kocht auf Holzfeuer. Irgendwann wird auch der Chinese mal die letzte Bürokratiehürde genommen haben und liefern. Irgendwann gehen die Grenzen schon wieder auf.

Als wir von Bhaktapur nach Pokhara fahren, erleben wir immerhin eine moderate Grenzöffnung. Plötzlich kommen einem auf der vorher gespenstisch leeren Straße Kolonnen buntbemalter indischer Tanklaster entgegen. Die Straße, die sich am Hang entlangwindet, heißt allen Ernstes Express Highway, erinnert aber eher an einen etwas vergessenen Alpenpass. Es gibt Familien, die vom Verkauf frischer Bananen leben. Andere Familien haben Omas, die häkeln können, und verkaufen handgefertigte kreischbunte Wollgirlanden mit eingewirkten Glitzerblättchen und Bommeln. Der indische Lastwagenfahrer umgibt sich gern mit farbiger Pracht, und hier wird man seinen Bedürfnissen aufs schönste gerecht. Auch die Autobahnraststätten sind deutlich angenehmer als in Europa, denn man darf sich für einen moderaten Pauschalpreis von einem reichhaltigen indischen Büfett bedienen und sitzt dann im Garten mit Blick aufs Flusstal.

39372438 © Andrea Diener Vergrößern Stärkung an der Autobahn nach Pokhara: Bananen frisch von der Staude gibt es günstig am Straßenrand.

In jedem Dorf, das wir passieren, wird geheiratet. Heute sei ein besonders glücklicher Tag dafür, sagt der hinduistische Kalender, und den muss man ausnutzen: Alle paar Kilometer fahren wir in eine Hochzeitsblechbläserkapelle hinein, geschmückte Mädchen winken uns, Brauteltern haben auf dem Schwarzmarkt überteuertes Benzin ergattert und fahren ihre herausgeputzten Kinder in einer blumengeschmückten Limousine herum. Das Haus der Feierlichkeit ist bunt bewimpelt und nicht zu verfehlen.

Ein Touristennest mit Achttausendern

Die Stadt Pokhara ist zwischen dem imposanten Himalaja und einem hübschen See eingeklemmt, selbst aber ziemlich hässlich. Sie dient als Ausgangsbasis für Exkursionen in höhere Gefilde und weist daher zwei verschiedene Arten von Geschäften auf: solche, in denen man alles kaufen kann, worin man sehr bunt, warm und regengeschützt das Gebirge erklimmen kann, und solche, in denen es alles in Naturfarben, handgestrickt und mit Lamas drauf gibt. Entsprechend findet man in Pokhara auch zwei Sorten Touristen: zum einen die wetterfesten Trekkingfans, zum anderen die dreadlockbehangenen Mädchen und Jungen in Pluderhosen, die barfüßig auf dem Boden sitzen und sich gerade ganz tief mit dem Land verbinden. Dazwischen kann man immerhin hervorragenden Kaffee trinken und echte italienische Pizza von echten italienischen Pizzabäckern essen. Kurz: Pokhara ist ein Touristennest, in dem gerade wenig los ist, die Gegend aber sehr, sehr schön. So ein paar schneebedeckte Achttausender werten jede Landschaft sofort auf.

Inzwischen ist es vor den Fenstern unserer Lodge dunkel geworden, denn das wird es hier ziemlich früh. Solange es Strom gibt, müssen schnell alle Geräte und Akkus geladen werden, dann gibt es Abendessen: erst Schüsseln voller Popcorn, das hier sehr beliebt ist, dann Linsencurry mit Reis. Der Bollerofen bollert, das Bier macht müde, das Bett ruft. Es ist neun Uhr, für nepalesische Verhältnisse also schon reichlich spät. Und schon sehr früh herrscht wieder Geschäftigkeit vor dem Haus, dazu eiliges Getrappel und bewundernde Oh- und Ah-Laute. Die gelten den morgenroten Bergen, die sich die Füße mit dunklen Wolken bedecken, um oben umso heller und leuchtender hervorzugipfeln. So schön hat man das in Südtirol noch nie gesehen!

39372430 © Andrea Diener Vergrößern Mit Blick auf die Achttausender: Das „Australian Camp“ auf 2165 Metern Höhe ist Ausgangspunkt für die ambitionierteren Trekkingtouren.

Langsam und mit zunehmend wackligen Knien geht es heute wieder bergab, die ganzen siebenhundert Höhenmeter, allerdings eine andere Strecke. Treppen gibt es hier ja genug. Auf Wiesen stehen Kühe und bimmeln alpin vor sich hin, dann läuft man durch ein Stückchen Dschungel mit herunterhängenden Flechtenvorhängen, dann bimmeln wieder Kühe. Man kann nicht behaupten, dass die Gegend langweilig wäre.

Das benzinsparendste Fortbewegungsmittel

Der Express Highway hat sich mittlerweile etwas gefüllt. Die Tankwagen haben für einen Schwung Benzin gesorgt, ein paar Busse und einheimische Lastwagen sind unterwegs, und leere Tankwagen fahren zurück nach Indien. Man weiß nicht, wann die nächste Ration kommt. Man weiß nicht, wie lange das noch so geht.

Unweit des Chitwan-Nationalparks, in dem wir keine Tiger, aber dafür immerhin Nashörner bewundern, machen wir einen Ausflug in ein nahes Dorf. Man lädt uns auf hölzerne Ochsenkarren, und so zuckeln wir wagenladungsweise dahin: durch eine dörfliche Gegend, durch Wiesen und Felder und an Vorgärten vorbei, in denen Frauen sitzen und irgendwas Selbstangebautes sortieren oder ein paar Ziegen angebunden sind und niedlich herumblöken. Die Menschen winken, und wir winken zurück. Ehrlich gesagt, kommen wir uns auf diesen Ochsenkarren ein bisschen blöd vor, wie Touristen eben, die mit irgendwas Traditionellem, was hier kein Mensch mehr benutzt, bespaßt werden müssen.

39372442 © Andrea Diener Vergrößern Nicht ohne meinen Ochsen! Benzinfreie Fortbewegung im Dörfchen nahe des Chitwan-Nationalparks.

Allerdings hält dieses Gefühl auch nicht sehr lange an. Denn erst kommt uns ein Ochsenkarren entgegen, auf dem auf einem riesigen Berg Heu ein Junge sitzt und auf einem Halm herumkaut. Dann kommt uns ein Ochsenkarren entgegen, auf dem ein Bauer Gemüse transportiert. Die flaumigen Ohren der großäugigen Ochsen leuchten im Gegenlicht. Und dort: noch ein Ochsenkarren. Da wird uns langsam klar, dass ein Ochsenkarren in Zeiten der Energiekrise tatsächlich das sinnvollste, weil benzinsparendste Fortbewegungsmittel durch ländliche Regionen ist.

Sehr heilig aber nicht eben ruhig

In Kathmandu sind jetzt die Straßen dicht. Der Schwung an indischen Tanklastern auf dem Express Highway hat dazu geführt, dass sich plötzlich alles in Bewegung gesetzt hat, was tagelang still verharrte. Busse fahren völlig überfüllt durch die Straßen, Mofas knattern, Autos hupen. Für ein paar Tage herrscht wieder die übliche Betriebsamkeit einer asiatischen Metropole mit all ihren Vor- und stinkenden, lärmenden Nachteilen – solange das Benzin eben reicht.

Ruhe suche ich dort, wo es heilig ist, und davon gibt es in Kathmandu einiges. Um die Boudha-Stupa herum laufen die Tibeter in ihrer typischen Tracht mit den bunten Schürzen, schwingen Gebetsmühlen und werfen sich nieder. Rundherum wimmeln die Händler und verkaufen Gebetsketten, solargetriebene Gebetsmühlen und Souvenirs. Es ist zwar sehr heilig hier, aber kein Ort der ruhigen Einkehr.

39372399 © Andrea Diener Vergrößern Ein Blick treppab: Am Hang stapeln sich die Reisterrassen.

Sehr viel entspannter geht es dagegen in Pashupatinath zu, dem großen Hindu-Heiligtum. Man nähert sich durch die international unumgängliche Souvenirverkäufergasse dem Bagmati-Fluss, dann bleibt man erst einmal abrupt stehen: Am gegenüberliegenden Ufer, nur ein paar Meter entfernt, finden Totenverbrennungen statt. Auf gemauerten Plattformen wird Holz gestapelt, ein orangefarbenes Bündel - der Tote - daraufgelegt, alles mit feuchtem Stroh bedeckt, damit es langsamer brennt, und angezündet. Zwei, drei Stunden dicken Vorsichhinqualmens später geht die Trauergemeinde, die um den Sockel herumsteht, wieder nach Hause, und die Überreste werden in den brockig dahindümpelnden Fluss entsorgt. Er nimmt sie mit sich und bringt sie zum Ganges, denn dort ist ein Hindu nach seinem Tod gut aufgehoben.

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Auf unserer Flussseite stehen viele kleine, von laubfreien Bäumen notdürftig beschattete Tempelchen, zwischen denen Sadhus sitzen. Sadhus sind bunt gekleidete Asketen mit prachtvoll verfilzten Haaren und bunt bestäubten Gesichtern, die sehr freundlich werden, wenn man ihnen eine kleine Spende zukommen lässt. Man darf sie dann fotografieren. Und ob ich noch ein Selfie will? Selfies gehören zum Service und sind im Preis inbegriffen.

Nepalesen sind oft halb buddhistisch, halb hinduistisch, je nach Tagesform, Anliegen und Feiertag. Mit diesem Volk ist wahrlich kein Religionskrieg zu führen, es sitzt da zwischen China und Indien, die sich noch nie grün waren, bildet eine himalajahohe Pufferzone und übt sich in Seelenruhe. Man könnte fast meinen, es laufe erst unter erschwerten Bedingungen zu wahrer Hochform auf. Aber das ist natürlich Unsinn, denn man wünscht ihnen von Herzen, endlich einmal durchatmen zu können.

39372398 © Andrea Diener Vergrößern Das Selfie gehört zum Service: Sadhus in Pashupatinath, einem der wichtigsten Hindu-Heiligtümer.

Am Himalaja

Anreise: Zum Beispiel mit Turkish Airlines (www.turkishairlines.com/de-de) über Istanbul nach Kathmandu. Auf dem Rückweg kann wegen der Benzinknappheit ein kurzer Tankstopp in Delhi nötig sein. • Nepalreisen mit Besuchen in Bhaktapur, Pokhara, Chitwan und Kathmandu sowie Wanderung hat der österreichische Anbieter Weltweitwandern im Programm. Zum Beispiel 15 Tage Kultur und Wandern, 2670 Euro. Informationen unter www.weltweitwandern.at. • Allgemeine Informationen unter www.welcomenepal.com.

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