Home
http://www.faz.net/-gxi-pwyk
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Dienstag, 14. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Zeitgeschichte Luxus auf dem Obersalzberg

01.03.2005 ·  Wo sich einst Hitler in einer idyllischen Scheinrealität selbst inszenierte, empfängt nun das „Resort Berchtesgaden“ die ersten Gäste. Den Ort umhüllt ein Amalgam aus Zeitgeschichte und Touristik.

Von Albert Schäffer
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Die Eröffnung eines Hotels wird gewöhnlich nur in Ortschroniken verzeichnet. Mit dem „Resort Berchtesgaden“, das am Dienstag auf dem Obersalzberg seine ersten Gäste empfing, dürfte es sich anders verhalten. Denn die Entscheidung, ein luxuriöses Feriendomizil auf einem historisch kontaminierten Boden zu errichten, ist eine Zäsur im Geschichtsverständnis der Bundesrepublik.

An einem Ort, den die nationalsozialistischen Machthaber geprägt haben, wird ein Neuanfang mit einer Unbefangenheit gewagt, die noch vor wenigen Jahren zu einem Eklat geführt hätte. Der Obersalzberg, ein auf tausend Meter ansteigender Vorberg des Kehlsteins, war nicht nur ein bloßer Rückzugsort für Hitler und seine engen Gefolgsleute. Er war eine der Machtzentralen des Regimes, in der Terror, Krieg und Massenmord vorbereitet wurden.

Ein zentraler Ort der Führer-Inszenierung

Rücksichtslos hatten sich der Diktator und seine Helfer des Weilers bei Berchtesgaden bemächtigt; die Bauern wurden mit brachialen Mitteln vertrieben. Eine Ferienvilla, von Hitler vor 1933 gemietet, danach von ihm erworben, wurde zum herrschaftlichen Berghof ausgebaut. Hermann Göring, Martin Bormann und Albert Speer siedelten sich mit eigenen Häusern an, eine SS-Kaserne wurde gebaut, der Obersalzberg zum Sperrgebiet erklärt.

Die Gefahr der Trivialisierung dieser Geschichte ist groß: „Hier vergnügte sich Hitler - sollen es ihm die Reichen nachmachen?“ wurde in der „New York Times“ in einem Bericht über das „Resort Berchtesgaden“ gefragt. Für Hitler und seine Satrapen war der Obersalzberg aber weit mehr als ein privates Refugium. Es war ein zentraler Ort der Inszenierung ihrer Macht, der Verschleierung und Verbrämung ihrer verbrecherischen Politik. Vor der Kulisse der Alpen wurde Hitler fotografisch und filmisch mal als entrückter Visionär, mal als Kinder-, Tier- und Naturfreund, mal als leutseliger Gastgeber und Spaziergänger dargestellt.

Der Versuch einer Mythologisierung

Auch noch als der Wahnsinn des von den Nationalsozialisten entfachten Krieges in Europa wütete, wurde der Obersalzberg in der Propaganda als schöne heile Welt dargeboten, weit weg von Tod und Zerstörung. Es war dieser Versuch einer Mythologisierung, auf den am 25. April 1945 die Bomber der Alliierten zielten, die Kurs auf den Obersalzberg nahmen; militärisch war die Zerstörung der Bauten des Regimes ohne Bedeutung. Wenige Tage später besetzten amerikanische Truppen Berchtesgaden.

In den ersten Nachkriegsjahren war die Sorge groß, daß der Obersalzberg zu einem Sammlungsort der Unverbesserlichen und Unbelehrbaren werden könnte. Möglichst wenig sollte an die braunen Machthaber erinnern; im April 1952 wurden die Ruinen des Berghofs und anderer Bauten gesprengt und die freien Flächen aufgeforstet.

Als steinernes Zeugnis der Okkupation des Obersalzbergs blieb das Haus auf dem Gipfel des Kehlsteins erhalten, das die Partei Hitler zu seinem fünfzigsten Geburtstag geschenkt hatte. Mit der kühnen Straße, die es erschließt, wurde es in den fünfziger Jahren zwar ein touristischer Anziehungspunkt, doch kein Ort nostalgischer Verklärung.

Erholungsgelände der amerikanischen Armee

Neben der Aufforstung wurde noch auf andere Weise versucht, die braunen Traditionslinien auf dem Obersalzberg auszulöschen. Die amerikanischen Truppen nutzten den Obersalzberg als Erholungsgelände, legten Skilifte und einen Golfplatz an; der Platterhof, vor dem Krieg ein Ferienheim für „verdiente Volksgenossen“, wurde zum „Hotel General Walker“

Schon während dieser Zeit gab es skeptische Stimmen: Der Obersalzberg müsse ein Ort der Mahnung und des Gedenkens, nicht der Erholung und Zerstreuung sein. Sie wurden noch vernehmlicher, als sich die Amerikaner 1996 vom Obersalzberg zurückzogen und das Gelände an den Freistaat Bayern übergaben.

Dokumentationszentrum und „Resort“

Die Landesregierung entschloß sich zu einer zweigeteilten Strategie. Es wurde auf dem Obersalzberg ein Dokumentationszentrum errichtet, in dem Orts- und Zeitgeschichte verknüpft werden. Der Blick der Besucher wird nicht nur auf den schönen Schein gelenkt, den die nationalsozialistischen Machthaber vor der Kulisse der Alpen zu entfalten suchten; es wird auch die düstere Wirklichkeit des Regimes dokumentiert, die Abgründe des Holocausts und des Krieges.

Zugleich wollte die Landesregierung den Obersalzberg aber gleichsam rehabilitieren - als einen Ort magischer Naturerlebnisse, jenseits aller ideologischen Überwölbungen. Sie verpachtete ein großzügiges Grundstück auf dem Obersalzberg an einen Hotelbetreiber, der das „Resort Berchtesgaden“ errichtete.

Ein Gedenkresort?

Schließlich sei der Obersalzberg schon vor der Okkupation durch die Nationalsozialisten ein Ort der Erholung in grandioser Landschaft gewesen, lautet die regierungsamtliche Begründung dieser Entscheidung. Es wird sogar die kühne Formel gebraucht, daß Dokumentationszentrum und Hotel zusammengehörten. Dieses Wagnis eines zeithistorisch-touristischen Amalgams bleibt auch nicht ohne überraschende Folgen.

Denn die Gäste des „Resort Berchtesgaden“ erwartet nicht nur eine bauliche Ästhetik, die mit kühler Modernität jede Reminiszenz an frühere Bauten auf dem Obersalzberg vermeiden will. Ihnen wird auch eine Hotelpädagogik besonderer Art zuteil: Auf ihren Zimmern finden sie neben den gängigen Accessoires der Luxushotellerie - vom Videorecorder bis zum Internetzugang - auch eine umfangreiche Dokumentation zum Nationalsozialismus.

Quelle: F.A.Z., 02.03.2005, Nr. 51 / Seite 9
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen