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Sonntag, 12. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Zeitgeist Ganz einfach eine gute Tasse Tee

06.12.2007 ·  So soll es sein, so ist es leider allzu selten: schwarzer Tee, der golden in der Tasse steht. Wir wollen weder Gurkenbowle noch warme Darjeeling-Schokolade: Warum müssen Teetrinker auf Reisen so viel leiden?

Von Brigitte Scherer
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Warum trinkt man Tee? Es hat wie bei fast allem, das der Mensch liebt oder hasst, mit seiner Kindheit zu tun. Wer das Getränk nur als schwach das Wasser färbenden Kamillenteebeutel bei Bauchschmerzen kennenlernte oder beim Krankenhausbesuch den roten Früchtetee in gewaltigen Kantinenkannen auf dem Flur stehen sah, ist für jeden Teegenuss erst einmal verloren. Wer dagegen in einem Teetrinkerhaushalt groß wurde, wird lebenslang bei der Meinung bleiben, dass Kaffee, von Ausnahmefällen in Italien, Frankreich oder Spanien abgesehen, doch nur ein etwas sauer schmeckendes Suchtmittel sei - und in der gefälligeren Form von Latte Macchiato oder Milchkaffee kein Getränk, sondern ein Sattmacher wie Kartoffelsuppe.

Das aber ist leider eine Minderheitenmeinung. Auf Reisen wird das dem Teetrinker durch alle emotionalen Höhen und Tiefen bewusst. Er will ja nur eine gute Tasse frisch gebrühten Blatttees - und was wird ihm angetragen? In einem Hotel in Dresden von einer blonden Fee im Sari Teeeiswürfel in Champagner; in Berlin in einem sehr elitären Club nach einfühlender Anamnese der Befindlichkeit durch den Barchef etwas Wellness-Ayurveda-Süßliches, das strenggenommen kein Tee ist, sondern ein parfümierter Kräuteraufguss; in München in einer Cigar Lounge ein Kindergeburtstagsgetränk namens „Warme Darjeeling-Schokolade“ mit Kakao, Schlagsahne und geriebener Muskatnuss. Und dabei handelt es sich, das ist kein Treppenwitz, sogar um eine Kreation des Spitzenverbands der deutschen Teebranche in Hamburg.

Exzentrisch oder krank?

Von ihm stammt auch die Empfehlung, zum mediterranen Lachsfilet auf Papardelle anstelle eines leichten Weißweins einen „kräftigen Assamtee“ zu trinken. „Darjeeling statt Bordeaux, Assam statt Rioja - immer häufiger wird in der Top-Gastronomie aromatischer Tee als Begleitgetränk serviert“, lesen wir auf der Homepage des Verbandes, „nach New York, Paris und Moskau erobert dieser neue Trend jetzt auch Deutschland.“ Bislang ist das ein frommer Wunsch geblieben. Tee war das erste warme Getränk, das der Mensch zuzubereiten lernte, und Tee ist noch immer das am weitesten verbreitete. Sobald jedoch ein Teetrinker seine heimischen Teebüchsen, Wasserfilter, Siebe und Kannen verlässt, kann er das statistische Faktum vom allgegenwärtigen Tee kaum noch glauben.

Egal, auf welchem Kontinent: Wer Tee im Restaurant oder Hotel bestellt, gilt seiner Umwelt entweder als Mensch mit schwachem Magen oder als exzentrisch. Das ist Erkenntnis Nummer eins. Erkenntis Nummer zwei: Berühmte Häuser schützen vor seltsamen Erfahrungen nicht. Im Spitzenrestaurant mit zwei oder drei Michelin-Sternen zählt „Tee“ zu einer vernachlässigten Disziplin, gern wird eine Riesenkanne dünnen Zinnkrauttees als Nonplusultra anstelle des üblichen Espresso serviert. Umgekehrt ergeht es dem Gast beim Zimmerfrühstück im Hotel. Hier wird er im Allgemeinen durch die sehr knapp gehaltene Zuteilung - im besten Fall heißen - Wassers mit einem dickflüssigen Teekonzentrat in der Tasse konfrontiert, das er dann am Warmwasserhahn im Bad verdünnen muss.

Hundertundeine Sorte Parfümiertes

Der Teetrinker kann sich selbst in seinem Stammhotel nie sicher sein, was ihm diesmal als Frühstückstee präsentiert wird: der sprichwörtliche Beutel zum Anfärben der lauen, leicht nach altem Kaffee müffelnden Flüssigkeit aus der Warmhaltekanne oder, was leider selten vorkommt, ein regelrecht mit weichem Wasser sprudelnd im Teegefäß aufgegossener First Flush Darjeeling, nach zweieinhalb Minuten vorsichtig abgegossen in die vorgewärmte Kanne. Typisch sind die Teebuffets, ob auf dem Flussschiff oder im Hotelrestaurant: Aromatisiertes von Pfirsich bis Silberdistel dutzendfach, ein unparfümierter Tee ist erst nach langem Suchen zu entdecken.

Ganz verwegen ist das in den Nobelhäusern Asiens. Hundertundeine Sorte überwiegend parfümierte Kräuter-, Grün- und Schwarztees bietet das Shangri-La-Hotel in Singapur an, aber niemand vom Personal weiß, was man damit anstellen soll; was kommt, sind eine Tasse mit lauem Wasser und ein Teebeutel. In diesem Moment fragt sich der Gast, wie das Wunder eines nach allen Regeln der Kunst aufgebrühten Tees zustande kam, der ihm zur Begrüßung im Zimmer serviert wurde.

High Tea mit Haute-Couture-Design

Doch weiter im Luxushotel-Tee-Unwesen: im Superhotel Castillo Son Vida auf Mallorca muss man seinen Tee beim Frühstück selber bereiten; im Jumeirah Al Quasr in Dubai gibt es als Minztee, eine der bekanntesten Spezialitäten Arabiens, nur einen dürftigen Pfefferminzteebeutel; im Adlon in Berlin, das vorbildlich mit Tee in der Halle und Tee beim Frühstück im Zimmer umgeht, hat man darauf zu achten, nicht doch immer wieder Earl Grey zu bekommen - den man überhaupt nicht mag -, wenn man Darjeeling bestellt. Schweigen wir vom Zimmerfrühstück auf Küchenporzellan im Hotel de Rome in Berlin, zu dem es wieder Kaffeewasser gab, denn so erlebten wir es mehrfach auch im Arabella Grandhotel in München und in verschiedenen Häusern von Ritz Carlton. Damit sind wir bei einer weiteren Merkwürdigkeit angekommen: im Berliner Ritz Carlton wird der Tee, wie in vielen Luxushäusern, an einer Stelle doch vorbildlich präsentiert - in der Halle und mit Teamasterbetreuung .

Denn die Chance, einen großblättrigen, losen, fachgerecht gebrühten Tee zu bekommen, ist beim Fünfuhrtee der Nobelhotellerie doch immer noch am größten. Nie hätte der Reisende nach dem Erlebnis des tiefbraunen Suds über stundenlang gequollenem Teeblättergemüse beim Frühstück im New Yorker Pierre nachmittags jenen wunderbar goldfarbenen, nussig duftenden Sommer-Darjeeling erwartet, der nun zu Harfenmusik samt Buttergebäck zelebriert wurde. Weltweit wetteifern Häuser mit bekannten Namen oder solche, die in diese Liga aufrücken wollen, mit ihrem „High tea“, der sich in manchem Hotel in Hongkong - wie dem Peninsula - zur Touristenattraktion mit langen Warteschlangen ausgewachsen hat. Das Berkeley in London brachte es sogar fertig, Haute-Couture-Designer zum Entwerfen bunter Kekse in Form ihrer neuesten Kreationen zu animieren, was den Nachmittagstee zum Treffpunkt der jungen Jetset-Schickeria machte. Und das beste für den Normalbürger dabei ist, dass der „High tea“ mit seiner meist reichen Auswahl an süßen Kuchen und pikanten Sandwichs häufig ein rechtes Schnäppchen in sonst sehr teurem Ambiente darstellt.

Blaue Wunder im Mutterland

So betrachtet der Teetrinker auf Reisen beim Afternoon Tea in der Hotelhalle wohlwollend all die ausgefeilten Rituale, obwohl er eigentlich nur einen guten Tee haben wollte. Doch er ärgert sich darüber, dass er jenseits dieser Show immer wieder in die unerfreuliche Lage gelangt, dem Personal Basiswissen übers Teeaufbrühen vermitteln zu müssen. Seine Chance auf einen Tee wie zu Hause bleibt selbst in diesen ehrgeizigen Hotels gering, und sie liegt bei null im Flugzeug, im Spa, im Zug und in neunundneunzig Prozent aller sonstigen Restaurants, Bistros, Cafés oder Tankstellen-Snack-Stationen. Die Frage, wo auf dem Globus sich das Paradies des Teetrinkers verstecke, ist verzwickter, als man denkt. Wer anhand von Teekultur, Kontinent und Nation seine Schlüsse zieht, liegt meistens daneben. In Asien wird viel Tee getrunken, doch den schwarzen Tee des europäischen Teeliebhabers kennt man nicht.

In Großbritannien, seit mehr als dreihundert Jahren Mutterland des „High Tea“, ist Tee zwar ein Alltagsgetränk. Doch wenn der Reisende dann erwartungsvoll in einem gefeierten Landhotel in Englands Süden, ohne sich um den horrenden Preis zu kümmern, Tee bestellt, kann er sein blaues Wunder erleben. Der Tee kam stilecht in Silbergeschirr, blitzblank poliert erstrahlten Zuckerdose, Milchkännchen, zwei schwere Kannen mit heißem Wasser, in einer schwamm ein dünnes Beutelchen, Inhalt schwarze Krümel. Nichts da mit jenem feinen Geruch nach frischen Primeln, der einen Frühlings-Darjeeling auszeichnet, kein Hinweis aufs Pflücken des Tees nach der Regel „ein Trieb und zwei Blätter“: stattdesssen das übliche Industrieprodukt und damit typisch britisch. Denn in Großbritannien werden riesige Mengen Beuteltee konsumiert, die hauptsächlich aus Kenia stammen, nicht jene teuren, handverlesenen losen Tees aus Indien und Sri Lanka, die sich die Minderheit deutscher Teeliebhaber am liebsten zu Gemüte führt.

Noch eine Minute bis zum Abgießen

Umso beeindruckender ist die Liebe, mit der eine sehr kleine Avantgarde des Hotel- und Gastgewerbes sich der Bedürfnisse des Teetrinkers annimmt. Selbst die Anschaffung jener raffinierten Kanne mit Namen „The Syp“, die der Earl of Dundonald 1905 erfunden haben soll, scheut mancher Hotelier nicht. In waagerechter Lage dient das Behältnis dem Ziehen des Tees, stellt man es aufrecht, bleiben die Teeblätter ohne weitere Berührung mit dem fertigen Getränk in einem Siebbehälter zurück. Gerührter als bei der ersten Bekanntschaft mit „The Syp“ ist der Reisende nur, wenn er am Frühstückstisch zusieht, wie der Kellner nach einem Blick auf die Uhr und der Mitteilung „Noch eine Minute bis zum Abgießen“ zwei gewärmte Porzellankannen hinstellt, die Kerze im Stövchen anzündet, die Garnitur verschiedener Kandis- und Zuckersorten zurechtrückt und auch das Tellerchen nicht vergisst, auf dem das Teesieb später Platz nehmen wird. Wo das war? Im Schwarzwälder Hotel Bareiss in Mitteltal, im Hotel C. Jacob in Hamburg, im Vicoria Jungfrau in Interlaken.

Solche Beispiele bleiben dem Reisenden lebenslang in Erinnerung. Und in diese Hotels nimmt er weder einen Reisewasserkocher noch den alten Hotelmarder mit, den er einst beim Garagenverkauf in Corpus Christi/Texas erstand. Außen ist er rotkariert. In seinem Inneren enthält er alles vom Tauchsieder bis zum klappbaren Teeglas, was der Mensch braucht, um sich von den Unwägbarkeiten des Reisens so frei zu fühlen wie die Queen. Die Queen ist natürlich Teetrinkerin. Und sie ist eine lebenskluge Frau. So führt sie vorsichtshalber vom Teegeschirr bis zum Teewasser unterwegs alle Utensilien mit sich. Mit dieser Minderung eines kulinarischen Reiserisikos nimmt sie allerdings den Mangel an Abenteuer und Überraschung in Kauf.

Prinz gesucht für ein Dornröschen

Nicht nur sie weiß: Tee genießt keineswegs überall als normales Getränk Wertschätzung und Prestige, sondern meist nur als Ritual wie beim „High Tea“ oder als Medizin. Zudem ist Tee ein verwirrendes Produkt. Die vielen Sorten parfümierten Tees oder Tee aus Früchten und Kräutern verunsichern das Personal im Gastgewerbe beträchtlich. Und die segensreiche Ausbildung zum „Teamaster“, die sich das Teehaus Ronnefeldt ausdachte, nimmt die Spitzenhotellerie zwar freudig als neues Qualitätsmerkmal auf und schickt ihre jungen Führungskräfte hin. Doch was diese dabei über Anbauhöhen- und Lagen, über Erntezeiten und beim Teetesten lernen, ist viel zu viel und fördert die Ansicht, bei Tee handele es sich um etwas Besonderers, Exotisches, das dem Gast auch so präsentiert werden müsse. Teetrinker sind sie meist nicht.

Das Weltgetränk Tee schläft einen Dornröschenschlaf, aus dem es wachgeküsst werden muss - vielleicht sogar vom Konkurrenten Kaffee. Kaffee, von Cappuccino bis Latte macchiato, ist viel schicker. Und der Tee? Wo sind die glänzenden Maschinen, die teuren Spielzeuge wie bei der Espressokultur, die Designertassen, die Inlokale, das hippe Umfeld, die modischen Snacks? Und während es in der Grande Cuisine zum Credo zählt, den Eigengeschmack vorzüglicher Grundprodukte zu feiern, verlegt sich die Teebranche mit kunterbunten Krautaufgüssen oder Schwarztee in Form von Gurkenbowle auf Scherzartikel. Beim Thema Lebensgefühl und Zeitgeist hat Tee die Welt noch zu erobern.

Quelle: F.A.Z., 06.12.2007, Nr. 284 / Seite R1
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