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Zauberei in London In der Kinderstube von Harry und Hermine

 ·  Das Londoner Studio, in dem die Harry-Potter-Filme gedreht wurden, bietet jetzt Führungen für Kinder an. Kann das gutgehen, wenn die Wirklichkeit mit der Phantasie konkurriert?

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Wenn Sie den Bahnhof verlassen, nehmen Sie den Bus direkt links“, hatte der Bahnangestellte mit den lustigen schwarzen Augen und dem selbstbewusst präsentierten Bauch uns noch an der Euston Station hinterhergerufen. Dabei hatten wir uns bei ihm lediglich nach dem nächsten Zug in Richtung Watford Junction erkundigt. „Schwarze Doppeldecker“, hatte er noch ergänzt und leicht triumphierend hinzugesetzt: „Ich weiß, wohin Sie wollen“, worauf wir ihm, bereits im Laufschritt, schnell noch einen erhobenen Daumen entgegenreckten - eine, wie wir schon nach wenigen Stunden in London festgestellt hatten, sehr beliebte Geste zwischen Touristen mit Kindern und Einheimischen.

Natürlich wusste er, was wir in Watford vorhatten. Denn es gibt nur wenige Gründe, an einem verregneten Freitagmittag mit zwei deutschen Schülern im Alter von sieben und neun Jahren aus London hinaus in Richtung Norden zu fahren. Seit einigen Wochen gibt es jedoch einen gewichtigen Grund. Denn im Norden Watfords bieten die Leavesden-Filmstudios, in denen die Harry-Potter-Filme gedreht wurden, eine auf Dauer angelegte Studio-Tour an. Spätestens Ende Juli, zu den Olympischen Spielen in London, rechnet die Filmfirma Warner Bros. mit 5000 Gästen pro Tag.

Wo sind die springenden Schokoladenfrösche?

Zehn Jahre lang haben Daniel Radcliffe, Rupert Grint und Emma Watson, die Darsteller von Harry, Ron und Hermine, in den Filmstudios mit Außendrehgelände ihre Kindheit verbracht. Und die beiden deutschen Grundschüler, die sich gerade auf dem Weg dorthin befinden, haben beträchtliche Teile ihre Kindheit mit dem entstandenen Endprodukt verlebt, den Kinofilmen der achtteiligen Reihe, deren erste zwei sie schon sehen dürfen, während sie das Detailwissen über die anderen durch eine obskure Form der mündlichen Überlieferung im Austausch mit einer älteren Freundin erworben haben. Jetzt im Zug sind sie ein wenig müde. Es ist nicht der Hogwarts Express, der Harry Potter im ersten Teil zum Zauberei-Internat bringt. Stattdessen geht es durch flaches Grün, und die Stewards bieten statt springender Schokoladenfrösche Kaffee, Tee und Sandwiches an. Werden die Jungen enttäuscht sein, wenn sie in einer Dreiviertelstunde mit der Realität hinter der Filmwirklichkeit konfrontiert werden?

Dreißig Minuten später sitzen wir in dem Doppeldeckerbus mit schwarzem Harry-Potter-Logo. An Bord eine englische Mutter mit zwei erwachsenen Kindern, eine holländische Familie mit Potter-bebrilltem Sohn und eine deutsche mit verhaltenen Teenagertöchtern. In letzter Minute springt eine Gruppe französischer Halbwüchsiger in durchnässten Kostümen auf das Oberdeck. Sie gehen nach hinten durch, albern herum, schwingen den Zauberstab und rufen sich etwas zu, das wie „Expelliarmü“ klingt, worauf sich der Siebenjährige laut fragt, wie die nachher auf der Tour wohl die Schilder lesen wollen, da sie doch kein Englisch oder Deutsch sprechen.

Der schändliche Schrank unter der Treppe

Draußen braut sich etwas zusammen, das sieht man, obwohl die Klebefolie auf dem Bus den klaren Blick verwehrt. Die mitgebrachte Feuchtigkeit beschlägt die Scheiben und bildet eine Atmosphäre der Halbdurchlässigkeit in eine andere Welt. Wir genießen die Fahrt ins Ungewisse. Baumäste klatschen gegen den Bus und erinnern an die peitschende Weide vor Hogwarts.

Ausstieg an den 1994 gegründeten Leavesden-Filmstudios, neuerdings mit dem Schriftzug „The Making of Harry Potter“ versehen. Das Gelände, auf dem während des Zweiten Weltkriegs Kampfflugzeuge gebaut wurden und später Rolls-Royce-Flugzeugmotoren, sieht aus wie ein riesiger beigefarbener Kino-Wall-Mart. Doch keine Menschentrauben sind in Sicht, entspannt gehen wir in die Lobby, links ein Restaurant, daneben ein Café, rechts die Garderobe. In der Höhe hängen Bilder der Filmcharaktere und geradeaus liegt der Eingang zur Tour, gestaltet wie der eines Kinos. Nur ist dieser hier in geradezu verschwenderischer Weise flankiert von der Kulisse des „Schranks unter der Treppe“, dem erniedrigenden Quartier des jungen Harry Potter im Haus der Pflegefamilie Dursley, mit dessen Beschreibung das zweite Kapitel des ersten Bands beginnt. Drei einflügelige Türen führen die Besucher in ein Miniaturkino, das sich bis auf den letzten Platz füllt und auf dessen Leinwand sich wenig später Potter-Darsteller an die Dreharbeiten erinnern. Schlussbild ist das Hogwarts-Portal, das, als die Leinwand in die Höhe entschwindet, plötzlich mitten im Raum steht. Da geht ein Raunen durch die Menge.

Lauter Glasbehälter mit Gummilurchen

Die Kinder sind jetzt nicht mehr zu halten, ein englischer Junge darf die Pforte öffnen, hinter der sich - der nächste Überraschungseffekt - der große Speisesaal von Hogwarts befindet, das räumliche Herzstück der Potter-Filme. Keine Eule fliegt ins Bild, keine Gespenster huschen umher, fast verhalten schauen sich die Kinder um. Dann entdecken sie Details wie die bunten Punktegläser oder die riesengroßen Schuhe Hagrids. Die Decke über uns ist allerdings offen - die schwebenden Kerzen im Film waren computeranimiert.

Die Kinder hält es nicht lange in dem Speisesaal, sie verschwinden in einem Gang, der in den hallenartigen „Big Room“ führt. Andächtig verweilen sie an der vorderen Ecke vor dem erstaunlich kleinen Schlafraum Harrys und Rons. Die ganze Halle ist ein Triumph der Handwerkskunst: Die Butzenscheiben von Hagrids Hütte sind nicht nur bleigefasst, sondern auch mit Phantasiemotiven handbemalt, die Bücher in Dumbledores Bibliothek einzeln ledergebunden, wenn sie auch nur Telefonnummern enthalten. Die vielen hundert Glasbehälter in der Zauberküche sind handbeschriftet und gefüllt mit angebratenen Knochen, Gummilurchen oder getrockneten Zweigen, wie der Audioguide uns zuflüstert. Die Zeit der Dreharbeiten muss eine lohnende Phase für Auktionsbörsen, vergessene Berufe und die Spielzeuggeschäfte der Gegend gewesen sein.

Das Leiden des Hauselfs Dobby

Mit nicht nachlassendem Eifer betätigen die Kinder einen Schalter, der das selbstfahrende Bügeleisen und die Spülbürste in der Küche des „Fuchsbaus“ der verarmten Zauberergroßfamilie Weasley in Gang setzt. Der Jüngere hat seinen Audioguide inzwischen abgegeben, weil ihn die zu schnell verhuschenden Untertitel der Filmeinspielungen frustrierten, der Ältere läuft nach geheimen Plänen durch die Gegend und fordert von Zeit zu Zeit halblaut und fast herrisch, bestimmte Gegenstände wie den „Schnatz“ oder den rubinroten „Stein der Weisen“ abzufotografieren. Schon zu Beginn der Tour hatte es geheißen, wir dürften so viel fotografieren, wie wir wollen, Blitze stören auf Hogwarts nicht, und den auf alt gemachten Ölgemälden können sie nicht viel anhaben. Doch die vielen unzusammenhängenden Schnappschüsse haben etwas Vergebliches, sie erzeugen eine unbefriedigende Happy-Hour-Atmosphäre ohne Sättigungsgefühl. Ähnlich verhält es sich mit dem auf dem Außendrehgelände servierten Lieblingsgetränk der Zauberschüler, dem Butterbier, das zwischen dem violettfarbenen „Fahrenden Ritter“ und dem Reihenhaus der Dursleys am Privet Drive serviert wird: sahniger Himbeergeschmack mit unverwüstlicher Schaumkrone für fast vier Pfund pro Becher. Doch die Heraufbeschwörung einer Kunstwelt mittels Bierkonsum, so wie es am Bloomsday üblich ist, sollte hier nicht nötig sein. Wir sind ja mittendrin und wollen visuell gepackt werden.

Als Erste haben die Kinder wieder ihre Hände frei und betreten beherzt den „Creature Shop“, zwei vergleichsweise kleine Schauräume, in denen Maskenbildner beliebte Filmhelden wie die kreischende Alraune oder den leidensbereiten Hauself Dobby zum Leben erweckt haben. Gruselig liegt der in eine Art Embryonalstadium zurückgeworfene Lord Voldemort in einer Vitrine. Das ist für die Kinder besser als Londons Dungeon und Madame Tussauds zusammen, es wird etwas zum Leben erweckt, mit dem sie nicht gerechnet hatten, transparent und doch voller Zauber.

Hagrids wundersames Wachstum

Das Ganze ist nicht nur ein Wunderwerk des Make-up und der Plastizität, sondern auch mechanische Feinstarbeit. Überall wackeln an Kabel angeschlossene Köpfe, und in kleinen, sehr unterhaltsamen Kurzfilmen erklärt Chefdesigner Nick Dudman - eine Legende seines Fachs, der schon den Yoda im „Krieg der Sterne“ mitgeformt hatte - die raffiniertesten Tricks der Filmreihe. Wer sich schon immer gefragt hat, mit welchem Kniff der Schauspieler Robbie Coltrane auf das hünenhafte Maß des Riesen Hagrid wächst, findet die Erklärung in einer helmartigen Maske mit beweglichem Mund und Augen, die sich ein tatsächlich übergroßer Schauspieler für die Gruppenszenen überstülpte. Die Jungen sind begeistert, ganz aufgeregt erklärt ein gleichaltriger Engländer ihnen, der Hippogreif „Buckbeak“ sei ja „half a horse and half a bird“, worauf der ältere der Brüder um Aushändigung eines handformatigen Englischwörterbuchs bittet, er könne sich ja gar nicht richtig verständigen hier.

Zufrieden beobachten die Museumswärter, wie die Kinder in die Spiegelgasse hineinlaufen, vorbei an Ollivanders, der ersten Adresse für Zauberstäbe, dem „Joke Shop“ und all den anderen Geschäften im Stil des neunzehnten Jahrhunderts. Durch einen gewundenen Aufgang mit den gerahmten Entwürfen der Art Designer führt der Weg zu einem mehrere hundert Quadratmeter großen Raum, in dessen Mitte ein vierundzwanzigfach verkleinertes Miniatur-Hogwarts thront, in achtwöchiger Arbeit aufgebaut, Grundlage für vogelperspektivische Kamerafahrten und verschneite Außenansichten, umspielt von lautstarker Filmmusik. Nach einer Wegbiegung finden wir uns plötzlich inmitten von Ollivanders Geschäftsräumen wieder. Hunderte flache Schachteln sind hier, mit den Namen aller Filmbeteiligten handbeschriftet, bis unter die Decke gestapelt worden, ein stilvoller Tribut an die gesamte Crew.

Keine Lust auf Zauberbohnen

Vor dem Ausgang liegt jetzt nur noch der Geschenkartikelshop, ein Nadelöhr, das Eltern in der Regel fürchten, das hier aber eine gewisse Neugier erweckt. Wie originell würde die Auswahl der Potter-Devotionalien ausfallen? Das Angebot ist gut, aber von unterschiedlicher Qualität: Das Schwert Gryffindors, aus hohlem Kunststoff? „Bekommen wir nicht ins Flugzeug.“ Die wirklich täuschend echt nachgemachten Zauberbohnen von Bertie Botts. „Guck mal, wie teuer die sind, fast zehn Euro.“ Wie durch ein Wunder genügen kleinste Gegenargumente, und die Kinder geben fast erleichtert auf, versuchen nicht einmal, einen Kompromiss abzutrotzen.

Gleichmütig wandeln sie dem Ausgang entgegen. Ein Überangebot an Eindrücken? Eine unterschwellige Neigung, die Filmwelt an ihrem Platz zu lassen? Konsum macht nicht satt, hatten wir in der Mitte der Studio-Tour gedacht, am Ende sind wir es auf angenehmste Weise. Wir sind jetzt Eingeweihte, warum sollten wir uns mit Andenken eindecken? Der Doppeldecker zurück zum Bahnhof verschluckt uns so selbstverständlich wie der „Fahrende Ritter“, der dienstfertige Bustransfer für Zauberer und Hexen.

Information: Karten können online bei www.visitbritainshop.de erworben werden. Die Tour kostet 28 Pfund für Erwachsene und 21 Pfund für Kinder. Das Familienticket kostet 83 Pfund. Weitere Informationen unter www.wbstudiotour.co.uk.


 

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1971, Redakteur im Feuilleton.

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