11.01.2006 · Der erste Tag ist immer der schlimmste. Da fährt man seit Jahren, oft seit Jahrzehnten Ski, investiert viel Geld und Zeit in die Urlaube und Wochenendausflüge, um möglichst oft auf der Piste zu sein, leistet sich die beste und teuerste Ausrüstung - und dann diese Enttäuschung.
Von Georg WeindlDer erste Tag ist immer der schlimmste. Da fährt man seit Jahren, oft seit Jahrzehnten Ski, investiert viel Geld und Zeit in die Urlaube und Wochenendausflüge, um möglichst oft auf der Piste zu sein, leistet sich die beste und teuerste Ausrüstung - und dann diese Enttäuschung. "Nach dem ersten Tag habe ich geglaubt, ich könne überhaupt nicht Ski fahren", lautet einer der Standardsätze selbst fanatischer und für das Auge des Laien auch ziemlich guter Skifahrer. Doch Desillusionierung ist der erste Schritt zur Besserung.
Der erste Trainingstag im Race Center Benni Raich im Tiroler Pitztal ist für die meisten Teilnehmer nicht nur eine ernüchternde Erfahrung, sondern auch eine Plackerei. Früh am Morgen, wenn der Talschluß noch vom fahlen, grauen Licht eingehüllt ist und sich die Sonne hinter den Gipfeln der benachbarten Ötztaler Alpen versteckt, geht es mit der ersten Bahn hinauf zum Gletscherskigebiet. Ehrgeiz und Optimismus der Freizeitskifahrer sind unübersehbar, wenn die ersten Trainingsläufe absolviert werden. Der ausgesteckte Riesenslalomkurs am Brunnenkogellift sieht nicht schnell aus, der mäßig steile Hang macht einen eher gemütlichen Eindruck. Auf der Fahrt durch die Stangen wird es dann aber sofort rasant, und bald folgt die Erkenntnis, daß sportliches Skifahren ein eher komplexer Bewegungsablauf ist.
Oberkörper zu aufrecht, Arme zu weit unten
Den Rest der Ernüchterung besorgt nachmittags die Videoanalyse unten im Tal im Frühstücksraum der "Pension Alpina", deren Besitzer offensichtlich ebenfalls eine erfolgreiche Rennläuferkarriere absolviert hat, was die mit Pokalen bestens bestückte Glasvitrine dokumentiert. Stunden zuvor kam man sich auf der Piste noch so schneidig vor, doch jetzt entpuppt man sich auf der Leinwand im Zeitlupenlauf eines trägen Freizeitfahrers als Dilettant. Warum das so ist, präzisiert Raimund Köhler, einer der Trainer im Race Center: hier der Oberkörper zu aufrecht, da die Arme zu weit unten, und dort zu spät in den Schwung hineingedreht. Sportliches Skifahren ist Detailarbeit. Am ersten Tag merkt man sich das alles aber ohnehin nicht.
Benni Raich, Weltcupsieger, Weltmeister und einer der Stars der österreichischen Skinationalmannschaft, ist das Aushängeschild des Familienunternehmens, das im heimischen Pitztal Nachwuchsrennläufern und ambitionierten Freizeitfahrern die hohe Kunst des Skilaufs auf Rennniveau beibringt. Auch wenn Raich selbst während des Winters von Skirennen zu Skirennen unterwegs und deshalb im Race Center nicht anzutreffen ist, gelten die Kurse der Familie als besonders sportlich und professionell. Solche Race Camps sind eine kleine, wenig bekannte, doch florierende Nische im Wintersportgeschäft. "In den vergangenen Jahren ist die Zahl unserer Kunden stetig gewachsen", sagt Florian Raich. Der Bruder des Rennläufers war in Jugendjahren selbst sportlich recht erfolgreich und leitet zusammen mit dem Vater Alois das Race Center im Pitztal.
Bis zu fünfhundert Kilometer über die Pisten
Ihre Kundschaft besteht zum einen aus Nachwuchsrennläufern, die aus den Teams der Verbände mangels Leistung ausgeschlossen wurden oder deren Verbände keine eigenen Trainingslager unterhalten; manche Läufer wollen auch nur zusätzliche Praxis sammeln, um ihre Resultate zu verbessern. Eine weitere, besonders eigenwillige Klientel sind die Teilnehmer der Masters-Rennserie, Senioren, die sich bei diesen Wettkämpfen messen, in denen es vor allem um das Prestige geht, und das ist ja bekanntlich ein besonders guter Motivator. Deshalb sind sie auch besonders treue Stammkunden. "Manche fahren jedes zweite Wochenende fünfhundert Kilometer weit, nur um hier zwei Tage lang für ihre Rennen trainieren zu können", sagt Raimund Köhler. Und dann sind da noch die reinen Freizeitsportler, die einfach nur besser fahren wollen und sich ein Stück der dynamisch-eleganten Carvingtechnik der Profis aneignen möchten.
Auch aus diesem Grund werden die Race Camps bevorzugt von ehemaligen Rennläufern betrieben. Bernhard Gstrein ist einer von ihnen. Der einstige Weltcupfahrer, der bei den Olympischen Spielen in Calgary 1988 eine Silbermedaille in der alpinen Kombination gewann, bietet am Rettenbachgletscher im benachbarten Ötztal Trainingstage im Race Camp an. Unterstützt wird er dabei von seinem Kollegen Günther Mader, ebenfalls olympischer Silbermedaillengewinner. Bei den viertägigen Kursen im Salomon Racing Camp geht es nicht nur um das Stangerlfahren, sondern auch um begleitendes Konditionstraining und theoretische Grundlagen. Dafür zahlen die Teilnehmer etwa siebenhundert Euro, was für vier Tage Skilauf ziemlich viel Geld ist, andererseits aber angesichts von Logis, Vollverpflegung und, besonders wichtig, der professionellen Betreuung gerechtfertigt sein kann.
Popstar für einen Augenblick
Dafür bietet Gstrein Details, die der Normalskifahrer allenfalls aus der bunten weiten Fernsehwelt des Weltcupzirkus kennt: Während der Kurse stehen echte Rennski zur Verfügung, die zwar optisch mit den Serienmodellen aus dem Sporthandel identisch sind, aber ein gänzlich anderes Innenleben haben und deshalb auch wesentlich schneller und aggressiver gefahren werden können. Bei den Videoanalysen werden die Aufnahmen einzelner Läufer übereinandergelegt, was bei Fernsehübertragungen seit einigen Jahren sehr populär ist und womit sich bei jedem einzelnen Tor Winzigkeiten herausfiltern lassen, die über Hundertstel- oder Zehntelsekunden entscheiden.
Für den reinen Freizeitfahrer, so dynamisch er sich selbst auch sehen mag, ist das alles irrelevant. Doch bei den Race Camps geht es nicht so sehr um Vernunft als um Ehrgeiz und Prestige und das Gefühl, einmal in die Welt des professionellen Rennlaufs einzutauchen und sich einmal wie Hermann Maier oder Benni Raich zu fühlen. Andere Leute träumen davon, für einen kurzen Augenblick wie Popstars leben zu dürfen. Die Freizeitrennskiläufer hingegen wollen sich für ein paar Tage der Welt ihrer Helden nähern, auch wenn es nur Trainingstage ohne Publikum und Applaus sind, dafür mit dem immergleichen Ablauf - tagsüber Slalom und Riesenslalom auf der Piste, nachmittags Videoanalyse, abends Konditionstraining und Technik-Workshop. Keiner aber will so wie der Amerikaner Bode Miller sein, der mit seiner extravaganten und mitunter halsbrecherischen Technik ganz und gar nicht dem Regelwerk der Skilehrpläne entspricht und dessen Einlagen man kaum zur Nachahmung empfehlen kann.
Die Alten sind zu ehrgeizig
Ohne schnelle und gut präparierte Ski ist auch der beste Racer nicht viel wert. Deshalb gehören die Abendstunden auch der Belagpflege. Zum Abschluß gibt es dann ein Rennen mit Zeitmessung, drei Läufe, von denen der schlechteste gestrichen wird. Der Wettkampf unterscheidet sich in einem Punkt allerdings grundlegend vom professionellen Vorbild: Die Teilnehmer sind dem besten Sportleralter entwachsen. Im Salomon Racing Camp zum Beispiel liegt das Durchschnittsalter zwischen fünfunddreißig und sechzig Jahren. Die Hobbyrennläufer kommen vor allem aus Österreich und Süddeutschland, Regionen also, in denen der Skilauf gesellschaftliches Prestige besitzt, was für österreichische Verhältnisse fast schon wieder eine Untertreibung ist.
Daß selbst Achtzigjährige für Rennen trainieren, ist nichts Ungewöhnliches. Andre Arnold, dereinst vierfacher Profiskiweltmeister und Inhaber eines Race Camps in Sölden im Ötztal, also in nächster Nachbarschaft zum Salomon Racing Camp, hat einige solcher Kunden, die regelmäßig an Seniorenrennen teilnehmen. Und gerade die Alten, sagt Arnold, seien oft ehrgeiziger als mancher Weltcupfahrer. Seine Hauptzielgruppe sind indes sportliche Freizeitfahrer. "Um an einem Race Camp teilnehmen zu können, muß man lediglich gut parallel auf der Piste schwingen können, mehr nicht", meint er. Nach seiner Einschätzung gibt es eine große Zahl von Skifahrern, die zwar glauben, die Carvingtechnik zu beherrschen, tatsächlich aber weit davon entfernt sind - eine Einschätzung, die so ziemlich jeder Skilehrer bestätigt.
Die Misere des gerutschten Schwungs
Der Besitz von Carvingski bedeutet noch lange nicht, daß man diese auch richtig zu benutzen weiß. Das Gros der Skifahrer steht beim Schwung nicht auf der Kante, sondern steigt um oder schwingt parallel wie seit dem ersten Skikursus. Auf der Piste hat sich das sportliche Carven also noch wenig durchgesetzt, was man auch daran erkennen kann, daß Freizeitfahrer wie eh und je mit Stockeinsatz schwingen - in Rennläuferkreisen ist das verpönt. Deswegen sieht Andre Arnold für die Race Camps ein großes Marktpotential. Das Stangentraining eigne sich nicht nur für den Rennfahrer, sondern auch für Freizeitskiläufer, denn hier müsse man exakt fahren und sauber auf der Kante stehen. "Der geschnittene Schwung heißt gewinnen, der gerutschte Schwung heißt verlieren", sagt Arnold. Das gilt für den Rennläufer genauso wie für den Freizeitfahrer, der nur für die Betriebsmeisterschaft trainiert.
Eigentlich wären solche Angebote auch eine Sache der vielen Skischulen in den Alpen. Dort hält man freilich noch allzusehr an alten, schulgemäßen Strukturen fest und übersieht oftmals, daß der Urlaubsgast in seiner Freizeit wenig Interesse hat, die Tage in Hierarchien von Lehrenden und Lernenden zu verbringen. Zudem sind altgediente Pistenfüchse nur schwer dazu zu bewegen, wieder in die Skischule zu gehen, auch wenn es rationale Gründe dafür gibt.
Ganz ohne didaktische Basisübungen geht es aber auch im Race Camp nicht. "Wir fangen mit den Grundlagen an, fahren den langsamen Schuß im leichten Hang, dann den Schneepflug über die Fallinie und trainieren dann den Belastungswechsel", sagt Andre Arnold. Das klingt doch wieder sehr nach Skischule. Anders scheint es indes nicht zu funktionieren. "Wer zehn oder fünfzehn Jahre lang seinen alten Stil gewohnt ist, der muß nun wieder komplett umlernen", sagt Arnold. Mit einem einmaligen Kursus im Race Camp, der bei ihm üblicherweise vier bis sechs Tage dauert und zwischen fünfhundert und siebenhundert Euro kostet, ist es meistens nicht getan. Stammkunden gibt es für Raich, Gstrein und Arnold also reichlich. Und an Nachwuchs, egal welchen Alters, mangelt es schon gar nicht - der jüngste Teilnehmer bei Andre Arnold ist fünf, der älteste dreiundachtzig Jahre alt.