Niederknien muss der Junge nicht. In dem engen Raum wäre das auch keine gute Idee. Eine falsche Bewegung, so denkt man, und ein Harnisch fällt polternd zu Boden, ein Sauspieß, ein Helm. So braucht Herr Z. das Schwert auch nicht besonders tief auf die Schulter des Jungen zu senken: „Kraft meines Amtes“, sagt er, „schlage ich dich zum Ritter.“
Was auch immer das Amt des Herrn Z. genau ist, der Junge ist mit seinem Ritterschlag zufrieden und seine Eltern sind es auch. Draußen steht die Morgensonne über dem gepflasterten Burghof mit dem sternförmigen Mosaik und der eingelassenen Jahreszahl 1495, in der Rüstkammer mit den vielen Waffen geht ein kühler Hauch um eine gepanzerte Pferdeattrappe, auf der eine Ritterrüstung drapiert ist, und so entspannt darf es an diesem Sommertag gern weitergehen.
Löwenburg als Ruine errichtet
Die Waffen sind echtes Mittelalter, die Burg nicht so ganz. Der hessische Landgraf Wilhelm IX. stellte sie sich vor gut zweihundert Jahren in seinen Park Wilhelmshöhe, hoch über Kassel an den Rand eines dichten Waldes. Dass auch eine neugebaute Burg alt aussehen muss, versteht jedes Kind, also ließ der Landgraf die Löwenburg als malerische Ruine errichten, mit dekorativen Lücken im Zinnenkranz der Burgmauer, bröckelndem Tuffstein als Baumaterial und einem empörend leicht zu überwindenden Burggraben. Dann kam der Zweite Weltkrieg, zwei Fliegerbomben bescherten der Burg einige echte Schäden, und nun wird schon seit Jahren alles renoviert.
Herr Z. führt durch die einzelnen Räume, durch das Schlafzimmer des Landgrafen, den Salon mit dem schönen Spieltisch und die wunderlich zusammengepuzzelte vorreformatorische Kirche. Einige Gänge sind nach dem Wiederaufbau noch im Rohzustand, allein die Sicht über die Zinnen auf den Park, den Wald, das Schloss und das weit unten harmlos bis zur Fulda ausgebreitete Kassel ist den Aufstieg wert. Und sollten sie jemals den zerstörten Bergfried mit dem Rittersaal fertigkriegen, wird das ein Fest.
Der Vorabend war schwül gewesen, in der Nacht muss ein Gewitter heruntergekommen sein. Als wir morgens losziehen, ist die Luft kühl und frisch. Wer sich dem Park von Osten nähert, kommt auf dem Weg zur Burg an einer niedrigen Mauer und einer Steinpforte vorbei - groß genug für Kinder, Erwachsene müssen den Kopf einziehen. Wünschen dürfen sie sich trotzdem etwas, so heißt es in der Brüder-Grimm-Stadt Kassel, sie dürfen nur nicht verraten, was.
Bei unserem Sohn, der konzentriert unter dem Steinbogen hindurchgeht, tippe ich auf den „Todesstern“ zum Selberbauen, behalte das aber lieber für mich. Nach ein paar Schritten sind wir auf einem verschatteten Waldweg, die Frage, ob das der aus Tolkiens „Hobbit“ bekannte „Düsterwald“ sei, ist nach den Vorlesestunden der vergangenen Zeit wohl unvermeidlich, aber weil hier ersichtlich weder Waldelben noch Riesenspinnen ihr Wesen treiben, lässt sich der Verdacht rasch zurückweisen.
Landgraf war nie lange auf der Burg
Und so verwunschen der Wald erscheinen mag, allein sind wir hier nicht. Ein paar verbissene Mountainbiker ziehen an uns vorbei, Wanderer sind unterwegs zu den höher gelegenen Regionen des Parks, und vor der Burg wurde auf dem alten Turnierplatz ein Theaterzelt errichtet, in dem schon wieder geprobt wird. In den Pfützen, die von dem großen Regen übriggeblieben sind, stehen Holzbänke und Biertische, auf denen verlorene Rotweingläser noch einen Rest des Vorabends bewahren.
Lange ist der Landgraf nie hier oben geblieben, sagt Herr Z., wahrscheinlich war er auf seinen Schlössern ganz anderen Komfort gewohnt, als es in dieser reizenden Spielzeugburg möglich war. Auch den kleinen Irrgarten auf der anderen Seite des Grabens nimmt man nicht ernst, wer soll sich in den paar Heckenwegen schon verlaufen, denken wir, bis unser Sohn tatsächlich verschwunden ist. In die Burg zurückgelaufen ist er nicht, finden wir heraus, zum Theaterzelt auch nicht, am Ende war er auf dem Berghang am unteren Ende des Irrgartens klettern, mit sicherem Instinkt genau dort, wo es steil ist und er von uns nicht gesehen werden konnte.
Die Schatten sind kürzer geworden, unser Weg führt zwischen grünen Wiesen mit einzelnen würdigen Eichen und dem dichten Wald auf der Talseite hindurch. Der Blick geht ins Weite, rechts den Hang hinab, links zum massigen Oktogon hinauf, das sich einer von Wilhelms Vorfahren auf den Gipfel seines Bergparks errichten ließ: ein wuchtiges Bauwerk aus Felsgestein, das nichts kann und nichts will, außer der Welt zu zeigen, dass man so etwas nach Lust und Laune hinstellen kann, wenn man der hessische Landgraf ist.
Oben der Herkules, unten die Stadt
Schön ist der Koloss trotzdem, und dass er an diesem Nachmittag so umlagert ist, liegt an den steinernen Stufen, Kaskaden genannt, die ihn über 250 Meter mit einem sehr viel tiefer liegenden Becken verbinden. Wenig später sollen die Schleusen geöffnet werden, damit Wasser aus einem entfernten Reservoir mit wachsender Wucht über die Kaskaden fließen, in Wirbeln von Stufe zu Stufe schäumen und schließlich ganz unten eine Fontäne speisen kann.
Ein bisschen Zeit ist noch, um in die Kühle des Oktogons einzutauchen, die 35 Höhenmeter zur Plattform zurückzulegen und dann noch mal eine Pyramide zu besteigen, auf deren Spitze eine monumentale Herkulesskulptur aus Kupferblech thront. Früher konnte man von hier aus sogar in die Keule steigen, auf die sich der acht Meter hohe Sagenheld stützt. Ein Reisender der Biedermeierzeit beschreibt in seinen Memoiren, wie er die Enge dort schamlos ausnutzt. Ob er sich dabei eine Ohrfeige eingefangen hat, schreibt er leider nicht.
Unser Sohn rennt die vielen Stufen schnell hinauf und schnell wieder herunter, er jagt über das weite Plateau, kommt der Brüstung zum tiefen Innenhof gefährlich nahe und will zum Glück den Beginn der Wasserspiele nicht verpassen. Dass er in der Menschenmenge auf beiden Seiten der Kaskaden verlorengeht, war ja klar, aber es gibt immerhin Hoffnung, dass er die Stufen bis zum großen Wasserbecken hinabläuft, und tatsächlich trifft man sich da wieder.
Die Sonne lässt die Flut glitzern, die Menschen stehen friedlich um das mit Felssteinen eingefasste Oval und staunen über den Schönheitssinn einer Zeit, in der man aus Wasser Skulpturen schuf.
Was könnte man hier noch alles tun: Die zierlichen Tempel besuchen, das Aquädukt, den Wildwasserfall im Wald, die offene, die verschwiegene Welt dieses Parks. Drei Schritte weiter auf einem der vielen Wege, und man trifft keine Menschenseele. Drei Schritte in die andere Richtung, und man steht vor dem Schloss mit seinen echten und den hübsch fingierten Rembrandtbildern in der Gemäldegalerie. Wir schenken uns das für heute und legen uns lieber ins Gras, auch unser Sohn hat sich endlich müde gerannt. Oben der Herkules, unten die Stadt: Man muss nicht überall hin, denke ich noch, es reicht ja, wenn man es sieht. Als sie mich später wecken, ist es Abend geworden.