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Wellness Nur achtundvierzig Stunden - Speed-Wellness für die Mama

25.11.2004 ·  Eben noch kämpft man sich durch den Verkehr, erwischt prompt die falsche Ausfahrt, kommt viel zu spät im Hotel an, da wird man schon zur ersten Behandlung in die Therme geschickt. Augenblicke später findet man sich in einer Badewanne wieder und soll entspannen.

Von Sandra Kegel
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Eben noch kämpft man sich durch den Verkehr, erwischt prompt die falsche Ausfahrt, kommt viel zu spät im Hotel an, da wird man schon zur ersten Behandlung in die Therme geschickt. Augenblicke später findet man sich in einer Badewanne wieder und soll entspannen. Da sitzt man dann, einsam und nackt, und kann kaum etwas sehen, so dunkel ist es. Nur am Wannenrand hängt eine Art Mini-Lichtorgel, die stumm vor sich hin blinkt, während aus unsichtbaren Lautsprechern traurige Wale ihre Choräle anstimmen, oder so ähnlich. Das also ist Wellness. Entspannung. Frieden. "Entschleunigung de luxe", steht im Prospekt.

Allein gelassen vom Wellness-Assistenten, der zwar die nächsten neunzig Minuten exklusiv zur Verfügung steht, sich nun jedoch diskret zurückgezogen hat, hockt man in seinem Cremebad, schaut auf die blinkenden Lämpchen - und ist beunruhigt. Ob der Herd ausgestellt ist? Die Kinderfrau an die Kartoffeln denkt? Der Ehemann zurechtkommt zu Hause, ganz allein mit dem Kind? Das Mobiltelefon liegt natürlich außer Reichweite. Was ist, wenn nun draußen, hinter der schallgedämpften Tür, das Chaos ausbricht, zu Hause die Kaffeemaschine noch läuft, der Kleine die Treppe hinunterfällt, Al Qaida zuschlägt?

Entspanne Dich selbst


Fragen verwirren die Sinne. Dabei steht man ohnehin schon unter Druck: Die Zeit in der Wanne ist begrenzt. Den Wellness-Offenbarungen jedoch, die ähnlich orakeln wie die Sphinx von Delphi - getreu dem Motto: Entspanne dich selbst - lassen sich nur mit Mühe in die Tat umsetzen. Kann man da überhaupt, wie der Wellness-Assistent es fordert, "runterkommen von dem Stress". Da war es ausgesprochen, das Wort, nein: das Unwort in der schönen neuen Wohfühlwelt.

Natürlich hängt das eine mit dem andern zusammen. Der Wellness-Gedanke profitiert nicht schlecht von einer Gesellschaft, die sich zunehmend über Stress definiert. Je flexibler, je mobiler sich das Leben gestaltet, desto größer ist das Bedürfnis nach Erholung. Umgekehrt aber führt die Situation geradewegs ins Paradox. Denn in einer beschleunigten Welt herrscht permanent Zeitnot. Was also tun, wenn die Arbeit überhandnimmt, man zuwenig schläft, sich ausgebrannt fühlt - und keine freie Woche findet? Die Wohlfühlindustrie hat die passende Antwort gefunden: Die Entschleunigung wird beschleunigt. Das neue Glücksversprechen lautet: Erholung in achtundvierzig Stunden.

Effizienz bei der Erholung

Unlängst hat das Hamburger Trendbüro dies als "Speed-Wellness" zum Trend erklärt: "Der Effizienzgedanke hält Einzug ins Reich der Wollsockenträger und macht Yoga auch für Controller interessant", notieren die Tendenzforscher. Die neue, zeitoptimierte Disziplin nennt sich WoYa - aus Workout und Yoga. Zeit ist Geld und darf nicht verschwendet werden, schon gar nicht für Erholung. Zehn Tage faul am Strand liegen oder an Deck eines Kreuzschiffs gibt es nicht mehr. Heute muß der Wellness-Assistent die Meridiane anpacken und unerschöpfte Potentiale freilegen.

Das Trendbüro freilich irrt, wenn es meint, die Klientel für solch ein "fast forward relaxing" bestünde vornehmlich aus Managern und Firmenbossen, die gerne über Kurzatmigkeit und verspannte Rücken klagen. Denn was bedeutet es schon, ein Unternehmen zu leiten? Da kennt die Hausfrau ganz andere Aufgaben: schreiende Babies in den Schlaf wiegen, in der Früh mit dem Geschwisterchen zur Krankengymnastik eilen, tagsüber im Büro schuften, abends die Großen die Hausaufgaben abfragen, zwischendurch einkaufen gehen, die Wäsche erledigen, bügeln, staubsaugen, das Babyschwimmen nicht versäumen, die Krabbelstunde besuchen. Die wahren Heldinnen des Alltags sind die Mütter. Haben sie nebenbei noch einen Job, ist "Speed-Wellness" für sie ideal: Die Manager, die tagsüber so wichtig sind und ihren Kindern am Wochenende beim Wachsen zuschauen, ernten Anerkennung. Mütter im Spagat zwischen Beruf und Familie ernten womöglich kritische Blicke. Von Vollzeitmüttern müssen sie sich fragen lassen, ob die Kinder nicht zu kurz kämen "bei der Doppelbelastung". Im Büro hingegen will man wissen, wie es denn mit der Kariereplanung aussehe, jetzt, da zu Hause die Brut wartet. Davor gilt es Reißaus zu nehmen, wenigstens zwei oder drei Tage lang.

Zunächst ins lauwarme Milchbad


Für Mütter gilt mehr als für alle anderen: Kurz muß der Erholungstrip sein, damit die Sehnsucht nach den Kindern nicht zu groß wird, nah muß das Hotel sein, damit die Anreise nicht zuviel Zeit kostet, und der Badebereich des Hotels sollte im selben Gebäude untergebracht sein - denn natürlich möchte man im Bademantel vom Zimmer in die Sauna schlendern. Im Lindner Hotel & Spa Binshof, einem Fünfsterne-Wellness-Resort in der Nähe von Speyer, verspricht darüber hinaus ein weiteres Kriterium Aussicht auf Erholung: Es gibt kaum einen überzeugenden Grund, die Hotelanlage inmitten einer Wiesen- und Ackerlandschaft zwischen Baggerseen und Autobahnkreuz zu verlassen. Wohl hätte der Dom zu Speyer seine Reize, doch da ihn dieser Tage ein Baugerüst einhüllt, kann dieser Programmpunkt getrost gestrichen werden. Und mögen die Zimmer noch so geschmackvoll hergerichtet worden sein - das Haus wurde in diesem Jahr für dreizehn Millionen Euro rundum erneuert -, viel Zeit will man dort trotzdem nicht verbringen. Die Therme, wie der Binshof seine Badelandschaft im klassischen Sinne nennt, möchte man nicht wieder verlassen.

Auf mehr als fünftausend Quadratmetern, die sich über zwei Stockwerke erstrecken und hinaus in den Garten führen, wird alles geboten, was sich der Mensch mit müden Knochen und gereizter Seele erträumt. Zwar ist der Auftakt zur Entspannung, die sogenannte Java-Lulur-Behandlung, gewöhnungsbedürftig. Doch ist man dem lauwarmem Milchbad entkommen, wird es besser und besser. Java Lulur oientiert sich an einem balinesischen Brautritual - denn fernöstlich muß es auch in Speyer sein -, bei dem der Körper gereinigt und der Geist entspannt werden sollen. Der Wellness-Assistent, der sich wieder in den Raum geschlichen hat, läßt dem Wannenbad eine beherzte Massage folgen, trägt sodann ein kräftiges Gewürzpeeling auf und beschließt die Behandlung mit einer Joghurtpackung. In Indonesien dauert die Zeremonie, an der sich Mütter, Schwiegermütter, Schwestern und Freundinnen der Braut beteiligen, gut eine Woche - im Lindnerhof knapp neunzig Minuten, ausgeführt von Jochen, der selbst noch nie in Indonesien gewesen ist. Doch der gelernte Physiotherapeut versteht sich auf das Geschäft mit dem Kneten und Schmieren. Ob die Prozedur nun als balinesische, chinesische oder orientalische verkauft wird, ist zuletzt einerlei.

Dann Kaffeebohnen-Peeling


Die Physiotherapeuten, die im Binshof zu zwei Dritteln die Wellness-Mannschaft stellen, sind die Animateure von morgen, abgestellt, die Erholungssüchtigen auf ihren Erlebnisweltreisen in den Körper zu begleiten. Das Wohlbefinden lauert dabei überall: Sei es beim Spirit of Bali, wo Fußmassage und Kaffeebohnen-Peeling die Geister zähmen sollen. Sei es im Badehaus Hamam, wo der Tellak, der türkische Badeknecht, seinen Gast auf einen großen Steintisch bettet und ihn mit kaltem und warmem Wasser abspritzt, mit Ziegenhaarhandschuhen abreibt und sodann mit einem Seidenballon einseift. Man kann sein Wohl auch in den Heilschlämmen des Rasul suchen, im Cleopatrabad, dessen Ölpackung - in einer High-Tech-Liege verabreicht - auf ein Rezept der ägyptischen Kaiserin zurückgehen soll. Beim ShiTao werden einem heiße Steine auf den Körper gelegt, beim Shiatsu die Meridiane des Körpers gedrückt. Vielleicht steht einem der Sinn auch nach Shirodhara, nach Abhyangha, Pristabhyangha oder Padabhyangha, allesamt orientalische Anwendungen, bei denen im Räucherstäbchennebel mal das Gesicht oder die Füße, mal der ganze Körper massiert werden. Wer die Masse der Erholungsuchenden scheut, denn die Therme des Binshof steht auch Tagesbesuchern offen, kann die Reise ins Ich als Privatissimum buchen. In einem Spa-Separee für bis zu vier Personen steht ein persönlicher Assistent bereit, der Aroma-Dampfbäder und Schönheitsbehandlungen besorgt. Für gewisse Irritation sorgt allenfalls der "Wet-Table", der mit seinem Abflußloch in der Platte einem Seziertisch gleicht. Zwischen den Behandlungen kann man in diversen Thermalbecken ruhen oder zum Saunagang schreiten, ob finnisch, aromatisch oder japanisch. Im Fitness-Raum stehen Hanteln zur körperlichen Ertüchtigung bereit, im Vital-Bistro, wo ganzheitlich gekocht, wird Sushi angeboten. Einige der Gäste machen es sich leicht, kuscheln sich einfach in einen Korbstuhl und lesen.

Zu den Höhepunkten im Binshof gehört die Solegrotte, zu der man durch ein Drehkreuz eincheckt. Das kleinere Becken ist mit Salzwasser aus dem Toten Meer gefüllt, worin es sich herrlich treiben läßt. Wie schwerelos liegt man im Wasser. Auch die Grotte ist düster gehalten, und auch hier stimmen die traurigen Wale ihre Klagelaute an. Das muß wohl so sein.

Am Ende um die ganze Welt


Der Wellness-Trip in achtundvierzig Stunden um die Welt, der von Indien über die Türkei nach Ägypten und in den Orient geführt hat, endet also in Israel. Alles Illusion? Natürlich! Sogar die Therme selbst erweist sich inmitten des pfälzischen Tieflands als Zauberei, für die jeden Morgen eine gigantische Maschinerie angeworfen wird. Denn auf einer Heilquelle, mithin der Voraussetzung für eine Therme im klassischen Sinn, sitzt der Binshof nicht. So müssen allein fünfzehn Tonnen Salz Monat für Monat aus dem Iran in das Hotel geschafft werden, um dem Wasser die nötigen Mineralien unterzumischen. "Wer zur Quelle will, muß gegen den Strom schwimmen." Den chinesischen Sinnspruch aus dem Hotelprospekt hat man sich selbst offenbar sehr zu Herzen genommen.

Der Quell reinster Erholung ist nach fünf Behandlungsprozeduren in achtundvierzig Stunden nur annähernd erreicht. So schnell läßt sich der Körper kaum veredeln, der Geist nicht erholen. Speed-Wellness, spottet das Trendmagazin, sei die Antwort einer rastlosen Gesellschaft, die davon träumt, endlich anzukommen. Aber muß man gleich Salzberge versetzen? Sich wenigstens für zwei Tage auszuruhen, ist ein erster Schritt. Und wie ein Wunder gab es auf der Rückfahrt keinen Stau, war zu Hause die Kaffeemaschine ausgestellt, das Kind wohlauf, und auch Al Qaida hatte keine neuen Botschaften verbreitet.

Wellness-Arrangements kann man sich im Lindner Hotel selbst zusammenstellen. Die Preise für Einzelzimmer inklusive Frühstück beginnen bei 115 Euro, für Doppelzimmer bei 185. Die Tageskarte für die Therme gibt es ab 16 Euro. Alle Anwendungen können einzeln gebucht werden. "My Spa" mit individueller Betreuung für bis zu vier Personen kostet 95 Euro für 70 Minuten. Das Hotel bietet zudem zahlreiche Pakete mit exotischen Namen wie "Java Senses" oder "Göttin Lakshmi" an, die einschließlich zwei Übernachtungen ab 368 Euro kosten. Ein Silvesterwohlfühlarrangement gibt es für drei Tage ab 629 Euro, für fünf Tage ab 883 Euro, für sieben Tage ab 1097 Euro. Information bei: Lindner Hotel & Spa Binshof, Binshof 1, 67346 Speyer, Telefon: 0 62 32/64 76 02, E-Mail: info.binshof@lindner.de, im Internet: www.lindner.de.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.11.2004, Nr. 276 / Seite R9
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Jahrgang 1970, Redakteurin im Feuilleton.

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