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Walsafari in Norwegen Wir holen den Pott

21.08.2011 ·  Vor Andenes auf den Vesterålen lassen sich Pottwale beobachten. Das wird garantiert. Denn hier finden die Tiere ungewöhnlich nah zum Land Nahrung im Überfluss.

Von Andrea Freund
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Es ist ein grauer Sonntag an der nordnorwegischen Küste an der Nordspitze der Vesterålen. Bis Hamburg ist es so weit wie bis zum Nordpol, etwa 2300 Kilometer. Gleichmäßig stampft die „Reine“ dem offenen Meer entgegen. An Bord sind etwa 25 Touristen, die alle den gleichen Lebenstraum haben: einmal Pottwale sehen.

In Europa geht das nur vor Madeira und den Kanarischen Inseln, Pottwale sieht man nur vor den Azoren und nördlich des Polarkreises vor der norwegischen Küste. Hundertprozentig, verspricht Hvalsafari AS. Denn hier finden die Tiere ungewöhnlich nah zum Land Nahrung im Überfluss: im Bleik Canyon, einer Unterwasserschlucht, in die sich gut zehn Kilometer weiter draußen der Festlandsockel, das Kontinentalschelf, hinabstürzt.

Es gibt Tee, Kaffee, Kekse, später eine warme Gemüsesuppe. Spucktüten liegen auch bereit. An manchen Tagen lässt die aufgewühlte See das Schiff so sehr schaukeln, dass es umkehren muss. Und ist es im Sommer mit 80 Passagieren ausgebucht, haben die internationalen Wissenschaftler an Bord und Saisonkräfte viel zu tun. Zitternde Südeuropäer unter Deck begleiten zum Beispiel, weil sie im oft kühlen August nur Shorts und Flipflops anhaben. Die Berge der Insel Senja, die sich klein an der Küste kräuseln, sind dann oft noch schneebedeckt; wir tragen Jacken, Mützen, Handschuhe, Kameras. Konzentrierte Gesichter. Besonders, seit der schweigsame Kapitän Geir Maan die Brücke verlassen und sich einen Stock darüber im Freien postiert hat. Wie große Ohren hat er sich Kopfhörer übergestülpt und lauscht in die Tiefe. Wir alle warten. Auf den Wal.

Das silbergraue Meer

Der Wal stammt von einem vierbeinigen Säugetier ab, einem Paarhufer, der vor etwa 50 Millionen Jahren eine evolutionäre Rolle rückwärts gemacht hat. Forscher vermuten, dass dieser in Ufergebieten lebte, und als im Meer die Fischsaurier ausstarben, wurde eine Nische frei. Das Tier glitt hinein, verbreiterte seine Vorderbeine zu Flossen, schrumpfte die Hinterbeine zu Fortsätzen und ließ sich einen im Wasser vorteilhaften Schwanz wachsen. Vorfahren des heutigen Pottwals verzichteten außerdem auf eines ihrer Nasenlöcher. Das verbliebene ist das Letzte, was die Tiere heute noch mit dem Leben über Wasser verbindet: Alle 60 bis 90 Minuten müssen sie aus der geheimnisvollen Welt der Tiefsee auftauchen, um zu atmen. Zehn Minuten lang hängen sie dazu an der Wasseroberfläche herum, jedem Einatmer geht ein Freipusten voraus, der berühmte „Blas“. Statt nach runden Rücken Ausschau zu halten wie bei springenden Delphinen oder Killerwalen, suchen wir das silbergraue Meer vor uns nach einer Fontäne ab.

Da! Wasser zerstäubt ein Stück steuerbord voraus. Wer bis eben noch entspannt an der Reling gelehnt hat, reißt die Kamera oder das Fernglas hoch. Einige haben eine Profiausrüstung dabei, da passt der Wal kaum ins Bild. Wir sehen den glatten grauen Walrücken aus den Wellen kommen. Lang. Länger. Riesig. Einem eigenen Rhythmus folgend, atmet der Wal ein und stößt zuvor Wasser aus. In aller Ruhe, wie eine Meditation. Wie viel Sauerstoff der Wal aufnimmt, wissen die Forscher nicht. Nur, dass das Tier einen Weg gefunden hat, das Gas so in seinem Körper zu speichern, dass dieser beim Abtauchen dem Druck standhält und nicht zerbirst: Große Teile werden als Myoglobin in Muskeln verstaut.

Der Wal hat seinen buckeligen Kopf etwas mehr aus den Wellen gehoben, ein letztes Mal Luft einsaugen, bevor er seinen massigen Körper kopfüber in die Tiefe senkt. Zum Schluss kommt das, was alle ersehnt haben: Erstaunlich langsam hebt sich die Fluke, majestätisch, wie ein gewaltiges Ginkgoblatt, Videokameras laufen, Digitalkameras klicken im Sportmodus, bis die Schwanzflosse lautlos in den Wellen verschwindet. 50 Tonnen sind auf dem Weg nach unten. Wir haben nicht bemerkt, dass es begonnen hat zu regnen.

Wir sehen es nicht, aber unter uns könnte nun einiges passieren. Der Wal könnte sich mehr als einen Kilometer tief absinken lassen, weil er in der eisigen Dunkelheit des Nordmeeres auf Jagd geht: nach Fischen, am liebsten Tintenfischen und ganz besonders gerne nach Riesenkalmaren. Seine Beute ortet er mit dem Sonar in seinem langen, dicken Kopf. Es ist laut wie ein startendes Flugzeug, der größte Krach im Ozean, und lähmt manchen Gegner zu Tode. Es könnte aber auch sein, dass der Kalmar größer ist als der Wal, vielleicht 20 Meter und damit ein Viertel länger als ein ausgewachsener Pottwalbulle. Dann könnte in der Tiefe nun ein Kampf der Kolosse beginnen, während dessen der Wal dem Kalmar vielleicht ein, zwei Arme ausreißt, bevor der mit den restlichen acht das Weite sucht. Eine Tonne Nahrung benötigt ein Pottwal am Tag, dafür muss er schon was riskieren. Aber diese spektakuläre Geschichte erzählt man uns nur. Denn gesehen hat das alles noch niemand.

Wasser auspusten und einatmen

Da taucht der Pottwal wieder auf! Das Tolle am Wal ist, dass er verlässlich ist. Anders als seine entfernten Verwandten, die Flusspferde, die jeden Hobbyfotografen durch unberechenbares Auftauchen in den Irrsinn treiben, zeigt sich der Pottwal mehr oder minder dort wieder, wo er zuletzt an die Wasseroberfläche kam. Wir werden also warten. Und schon klickt es wieder aus den alten Lautsprechern an Bord, ein anderer Pottwal ist auf dem Weg nach oben. Diesmal taucht er näher vor uns auf, das gleiche Prozedere, Wasser auspusten und einatmen.

Ist das Boot dem Wal nun zu nahe gekommen? Marta, die spanische Umweltwissenschaftlerin und Walforscherin an Bord, winkt ab. Nein, wir hätten den Wal nicht aufgeschreckt, und ein Boot wie die „Reine“ irritiere ihn auch nicht. Ebenso wenig seien bis zu fünf Ausfahrten täglich ein Problem. So sieht das auch die Whale and Dolphin Conservation Society (WDCS), deren Einschätzung nach das Unternehmen „der weltweit größte und beste Veranstalter arktischer Walsafaris“ ist. Marta hat sich ihm angeschlossen, um Hinweise für ihre Theorie zu finden, dass Pottwalbullen keine Einzelgänger sind, sondern durchaus soziale Kontakte pflegen.

Das Öl macht Norwegen unabhängig

Außerdem erforschen die Wissenschaftler aus verschiedenen Nationen das Migrationsverhalten der Tiere: Es gibt Fotos von Tieren, die vor den Azoren, bei Madeira und den Kanarischen Inseln und später im Nordmeer gesichtet wurden; der umgekehrte Weg hingegen ist nicht dokumentiert. Wie oft wandern die Tiere, wie lange sind sie vor Ort? Dass es nur männliche Tiere sind, ist inzwischen bekannt: Die Mütter bleiben mit ihren Jungen in wärmeren Gewässern. Mit rund zehn, zwölf Jahren ziehen die jungen Männchen gemeinsam nach Norden, trennen sich dort und fressen sich Masse an, bis sie stark genug sind, dass sie Weibchen erkämpfen können. Und das dauert. Sie wandern erstmals zur Paarung zurück, wenn sie etwa 27 Jahre alte sind. Danach schwimmen sie regelmäßig auf und ab an der europäischen Westküste - nur in welchem Rhythmus?

Ihre Reise ist seit 1986 nicht mehr vom Walfang bedroht (gejagt werden in Norwegen ausschließlich Zwergwale), schleichend jedoch von im Meer herumtreibendem Müll - Wissenschaftlerin Desirée hat einmal beim Sezieren eines Pottwals 20 Plastiktüten in dessen Magen gefunden. Weit gefährlicher noch aber wäre ein Unfall auf einer der Ölförderplattformen, die die norwegische Küste wie Stecknadeln säumen. Seismische Untersuchungen mit Schallwellen ergaben vor ein paar Jahren, dass auch das „Filetstück“, wie der noch freie Abschnitt vor den Lofoten und den Vesterålen genannt wird, sehr ertragreich zu sein scheint. Noch ist nicht entschieden, ob in dem Gebiet nach Öl gebohrt werden wird.

Seit den sechziger Jahren macht das Öl Norwegen reich und unabhängig. Dennoch fürchten viele um den Schutz der einzigartigen Meeres- und Küstenlandschaft, die den Tourismus zu einem der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren gemacht hat. Denn ein sogenannter Blow-out auf einer Bohrinsel würde die Küste schnell erreichen. Wir haben an diesem Sonntag fünf Mal eine Pottwalfluke abtauchen gesehen.

Der Weg zum Wal

Anreise: Das 2300-Einwohner-Städtchen Andenes liegt an der Nordspitze der Inselgruppe der Vesterålen, nördlich der bekannteren Lofoten und ist mit dem Auto. Scandinavian Airlines (www.flysas.de) und Norwegian (www.norwegian.com) fliegen täglich ab Frankfurt und Düsseldorf bzw. Berlin nach Oslo. Von dort fliegt Widerøe nach Andenes (www.wideroe.no).

Walsafari: Seit 1988 bietet das Unternehmen Hvalsafari AS Walsafaris vor den Vesterålen an. Die Saison beginnt Mitte/Ende Mai und dauert bis Ende August/Anfang September. Je nach Wetterlage und Seegang gibt es mehrere Ausfahrten täglich, die zwischen drei und fünf Stunden dauern. Es wird empfohlen, mindestens einige Tage im Voraus zu buchen. Das Unternehmen garantiert 100% die Sichtung von Pottwalen (www.whalesafari.no).
Von den spektakulären Kämpfen in den Tiefen des Nordmeeres kann man sich im „Ozeaneum“ in Stralsund eine Vorstellung machen: Dort wird in einer „Licht-Ton-Inszenierung“ der Kampf Pottwal gegen Riesenkalmar dargestellt. Das Museum beherbergt nach eigenen Angaben die größte Walausstellung weltweit. Weitere Informationen unter www.meeresmuseum.de.

Unterkunft: Andenes hat drei Hotels, darunter das moderne „Hotell Marena“ (DZ circa 135 Euro, www.hotellmarena.no). Außerdem gibt es einen Campingplatz am Ortsrand (www.andenescamping.no).
Allgemeine Informationen zu Norwegen, den Lofoten und Vesterålen erteilt das Norwegische Fremdenverkehrsamt in Hamburg telefonisch unter 01805 001548 (0,14 Euro/Min.) und im Netz unter www.visitnorway.de.

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