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Wagnisse im Schnee (6) Ganz großes Felsentheater

 ·  Fernab der gespurten, beschallten, wimmelvollen Pisten gibt es eine andere Welt des Skifahrens. Tourengeher sind gern gemeinsam allein, erkämpfen sich jeden Höhenmeter und berauschen sich an der Abfahrt umso mehr.

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© Alex Westhoff Vergrößern Schritt für Schritt voran - mit Fellen unter den Skiern und der Abfahrt im Kopf

Wer die Berge liebt, der schiebt. Rechts, links, rechts, links. Schritt für Schritt für Schritt. Der Wind bläst einem die wirbelnden Schneeflocken pieksend ins Gesicht. Gübi und ich lassen uns vom Nebel verschlucken, stapfen in weiten Bögen hinein in den Weißraum. Konturen verschwimmen zu einer fluffig-weißen Wand, die vor uns aufragt. „Im Nebel sieht alles steiler aus“, sagt Gübi, als ob er Gedanken lesen könnte. Ich konzentriere mich auf seine Skienden, die so rhythmisch, so natürlich unaufgeregt dahingleiten. Die ohne einmal zu stocken den Weg finden durch schmale Rinnen, an aufragenden Felsen vorbei, um Arven herum, die in ihrem gefrorenen Nadelkleid genügsam den Winter ertragen. Als die letzte Arve überholt ist, bieten nur noch vereinzelte Granitfelsen dem Auge Zuflucht.

Atem und Schritt haben sich auf geheimnisvolle Weise synchronisiert. Die Beine werden zur Gehmaschine, links, rechts, links, rechts. Der Körper ist nach zwei Stunden Aufstieg längst mit Wärme geflutet. Die Spitzkehren im Steilhang kosten Kraft - wenn man jedes Mal ein paar Versuche braucht, um den Talski in seinem Autonomiebestreben zu bändigen. Die Schenkel empören sich über die notorische Belastung, und sie reagieren dankbar, wenn der Piz Albana mal ein flacheres Stück an seinem breiten Rücken bereithält. Ein tiefer Frieden liegt über der Szenerie. Vier Gämsen lassen sich blicken und verschwinden wieder im Dunst.

Es ist ein Marsch ins Nirgendwo. Der Natur nahe - und fern von allem anderen. Skitouren sind so etwas wie des Wintersports reine Seele. Den Berg so nehmen, wie er ist, ungewalzt, unbebaut, unbeschallt. Mit all seinen Buckeln, Ecken und Kanten. Eine Tour de Force - hinaufgehen, um runterzukommen. Für die einen ist dies sinnfreie Plackerei, für andere Hochgenuss de Luxe. Nun wird man bei einem überzeugten Alpinskifahrer mit der Aussicht auf einen beschwerlichen Aufstieg und eine einzige lange Abfahrt durch tiefen Schnee kaum Verständnis ernten. Und eine Wind- und Nebelwanderung mit Skiern unter den Füßen ist sicher keine Werbeveranstaltung fürs Tourengehen. Aber die Winterbergsteiger befinden sich längst nicht mehr in der Nische.

Während der Hochsaison der Tourengeher, von Mitte Februar bis in den Mai hinein, haben schon viele Wintersportler entdeckt, dass abseits von Gondel, Piste und Bergrestaurant mehr liegt als nur eine Masse Schnee. Nämlich ein Bergerlebnis der besonderen Art. An sonnigen Wochenendtagen sieht man die Tourengeher in ihrer Maskerade aus atmungsaktiven Klamotten und prallen Rucksäcken wie auf einer Ameisenstraße auf den bekanntesten Routen wuseln. Auch hier: links und rechts des Julierpasses, der zwischen Graubündens Dreitausendern und Fast-Dreitausendern hinüber ins Engadin führt.

Gübi legt die Spur aus Prinzip so „harmonisch“, wie er sagt, in den Hang, dass wir mit wenigen Spitzkehren auskommen und auch die Steighilfen der Bindung nicht benötigen. Hastiges Höhenmetermachen wie im Treppenhaus ist dem fast Siebzigjährigen zuwider. Skitouren haben das Labsal der Langsamkeit zu sein. Wer wie Bergführer Gübi Luck fast sein ganzes Leben in den Schweizer Bergen verbracht hat, begegnet ihnen mit Gelassenheit. Und mit Fürsorge. Gübi hat die Gletscher mit eigenen Augen schrumpfen sehen, Jahr für Jahr, seit er als Siebenjähriger von seinem Vater auf seinen ersten Dreitausender mitgenommen wurde. Seit er seinen eigenen Sohn mit sieben Jahren mitgenommen hat. Auch der Sohn ist Bergführer geworden, und Gübi war einige Zeit Präsident des Schweizer Bergführer-Verbandes. Sein Wissen und seine Erfahrung verdankt er Tausenden Stunden am Berg. Ergänzt durch die Werte, die das dichte Netz an Messstationen über den Schnee, den Wind und die Temperatur liefern.

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