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Veröffentlicht: 15.02.2013, 08:00 Uhr

Wagnisse im Schnee (4) Das ist Spaß, kein Selbstmord!

Freerider fahren Berghänge hinunter, an die sich jeder Normalskifahrer in seinen kühnsten Träumen nicht wagen würde. Flo Orley ist ein solcher Extremist. Wer mit ihm unterwegs ist, stößt schnell an seine Grenzen.

von Sebastian Eder
© Freeride World Tour Schwarze Pisten sind für sie Idiotenhügel: Ein Freerider ganz entspannt im halsbrecherischen Gelände

Col Checrouit, 2256 Meter über dem Meeresspiegel. Flo Orley wird ernst. Wir stehen dichtgedrängt inmitten Dutzender Wintersportler und warten auf die Gondel. Es wird noch dauern, bis wir unsere Snowboards endlich anschnallen können. „Wir müssen jetzt mal den Ernstfall durchsprechen“, sagt Orley. Ein kleines Mädchen schaut interessiert in das bärtige Gesicht des 37 Jahre alten Österreichers. Orley lehnt sein Brett an die Wand, ich öffne meine Jacke. Vorsichtig löse ich den faustgroßen Lawinenpiepser von dem Gurt, mit dem er um meinen Brustpanzer geschnallt ist. Ich trage einen Helm. In meinem Rucksack habe ich eine Schaufel, die in zwei Teile zerlegt ist, und eine „Sonde“ - einen ausfahrbaren Stab.

Der Ernstfall also: „Stell dir vor, ich starte zuerst in den Hang. Der Schnee unter mir kommt in Bewegung, reißt mich mit, rast Richtung Tal und begräbt mich. Was machst du?“, fragt Orley. Das kleine Mädchen schaut erschrocken. „Denk daran: Wenn ich nach fünfzehn Minuten nicht ausgegraben bin, brauchst du gar nicht mehr anfangen zu buddeln.“ Ja, was mache ich? Erstarren? Panik? Schreien? Dann vielleicht das Handy aus der Tasche holen und Hilfe rufen? „Erstens: Wahrscheinlich wirst du keinen Empfang haben“, sagt Orley. „Zweitens: Bis du erklärt hast, wo wir sind, ist schon die Hälfte der Zeit abgelaufen. Falls nicht zufällig ein Helikopter in der Nähe ist, kommen die Retter zu spät. Damit verschwendest du nur deine oder, besser gesagt: meine Zeit.“

Die Verrücktesten unter den Extremsportlern

Eigentlich hätte Flo Orley heute keine Zeit gehabt. Als ich ihn am Fuße des Mont Blanc im italienischen Skiort Courmayeur abholte, hätte er schon auf dem Berg sein sollen, um gegen die besten Freerider der Welt anzutreten. Freerider, das sind die Verrücktesten unter den Extremsportlern in den Bergen. Sie fahren nicht in künstlich gebauten Parks, sie schlittern nicht in Talnähe über gewachste Geländer. Freerider suchen die Herausforderung auf unberührten Hängen fernab vom Trubel der Pisten.

Seit 2008 treffen sie sich ein paarmal im Jahr, um auf der Freeride World Tour ihre Weltmeister zu krönen. Sechsmal stürzen sie sich auch in diesem Winter wieder in Europa und Nordamerika unbefahrene Steilhänge hinunter. Am Ende eines Wettkampfes gewinnt der Freerider, der den spektakulärsten Weg ins Tal wählt, dabei am besten über eine zwanzig Meter hohe Klippe springt und sicher unten ankommt. Orley startet seit dem Jahr 2000 bei Freeride-Wettkämpfen, auf der World Tour ist er seit der ersten Minute dabei. Zweimal ging er als Führender ins letzte Rennen, zweimal patzte er. 2011 wurde er bei der WM Zweiter, 2012 Dritter. Heute wurde der Wettkampf abgesagt, das Wetter ist zu schlecht. „Gut für uns“, hatte er morgens am Telefon gesagt.

„Dann buddelst du mich aus“

Mittlerweile sind wir ein paar Meter in der Schlange vorangekommen. „Also, wenn du nicht vollkommen in Panik bist, lassen wir das mit dem Hilferufen“, sagt Orley. Keine Hilfe. Gut. Was dann? „Du schiebst diesen Schalter auf deinem Piepser nach oben. Damit stellst du ihn von Senden auf Empfangen.“ Ein schrilles Piepsen ertönt, dann blinkt auf dem kleinen Display eine Zahl auf: 0,4. „Siehst du: Mein Piepser steht auf Senden, und ich bin jetzt vierzig Zentimeter von dir entfernt“, sagt Orley.

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