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Vom Kraftwerk zum Vergnügungspark : Der Atomausstieg in Kalkar

  • -Aktualisiert am

Kettenreaktion: Wo einst Atomstrom hätte produziert werden sollen, steht heute ein Spaßpark. Der Beton gewordene Schrecken ist für jedermann begeh- und bekletterbar geworden Bild: dpa

Strahlende Aussichten: Das nie in Betrieb genommene Kernkraftwerk Kalkar gilt als eine der größten deutschen Investitionsruinen. Heute hat es eine neue Verwendung gefunden - als Vergnügungspark.

          Auf dem Weg zum Vergnügungspark fährt man den Niederrhein entlang, durch eine grüne Landschaft mit Strommasten. Es geht vorbei an Einfamilienhäusern mit Vorgärten und Holzzäunen drum herum. Eine idyllische Gegend, wäre da nicht der Reaktor, der alles überragt, das größte Gebäude in dem Örtchen. Ein buntes Alpenpanorama ziert seine graue Außenfassade. Die Berge wurden aufgemalt, um die Tristesse zu verbergen. Denn der Reaktor ist eine Attraktion, Teil des „Wunderlandes Kalkar“, eines riesigen Spaßparks.

          46 Meter ist der Kühlturm hoch. Es geht keine atomare Gefahr von ihm aus, es wurde hier noch nie auch nur ein Funken Strom produziert. Gebaut wurde das Kraftwerk in den siebziger Jahren, als die Atomeuphorie in Deutschland noch groß war. In Betrieb ging es nicht, der Reaktor gilt als eine der größten Investitionsruinen Deutschlands. Das Einzige, was hier strahlt, ist das Licht, das den Brüter in der Nacht beleuchtet.

          Pommes und Cola neben dem Reaktor

          Um das Kernkraftwerk herum erstreckt sich jetzt „Kernie’s Familienpark“, der nach der Winterpause seit Ende März wieder geöffnet hat. Dreißig Attraktionen gibt es hier, die drehenden Teetassen, einen „Fliegenden Elefanten“ und eine Wildwasserbahn. Im Inneren steht ein Kettenkarussell, das sich im Betrieb über den Rand des Kühlturms erstreckt.

          Freizeitpark Wunderland Kalkar

          Der Ort wird heute als Tagungsstätte, Hotel und Spaßpark genutzt. „Unbegrenzt erleben und genießen“, verspricht die Werbeabteilung, dazu „viele tolle, spannende, packende, verrückte und sportliche Aktivitäten“. Einen Tag und eine Nacht in einem der Hotels gibt es ab 60 Euro. Zu einer Zeit, in der die Katastrophe von Fukushima noch in guter Erinnerung ist und in der deutschen Energiepolitik Kehrtwendungen möglich wurden, die undenkbar schienen, ist der betongewordene Schrecken im „Wunderland Kalkar“ für jedermann begeh- und bekletterbar.

          Besucher bekommen ein buntes Bändchen, Essen und Saufen ist inklusive. Im Kinderpark gibt es Pommes und Cola, so viel man will, dazu Autorennen und Achterbahnfahrten den ganzen Tag. Es ist gegen ein Uhr mittags. Amelie und Eva, beide Mitte 50, sitzen ganz alleine in dem großen Hauptrestaurant und schauen durch die Glaswände und Plastikpalmen hindurch auf den Reaktor. Der Wille zur originellen Gestaltung endete in üppiger Dekoration. Der Chef habe eine Leidenschaft für Ägypten, sagt ein Mitarbeiter.

          Frei von Radioaktivität

          Im Hotelkomplex funkeln Leuchtsterne von der dunkelblauen Decke. Pappgötter stehen am Eingang zum Schnitzelrestaurant, Kaffeeautomaten neben dem Ägypten-Souvenirgeschäft. Wie ein ägyptisches Restaurant sieht es hier nicht aus, eher wie in einer Betriebskantine. Aber die Besucher sollen sich fühlen, als wären sie am Roten Meer. Deswegen sind an den Wänden Hieroglyphen und Pyramiden aufgemalt. Überall stehen goldfarbene Mumien und Sarkophage.

          Meiler and more: Im Kühlturm ist jetzt ein Karussell

          Die beiden Frauen fangen an, ihren Abend zu planen. „Ich will zum Bingo-Spielen“, sagt die eine, sie ist aus Aachen angereist. Die andere ergibt sich wortlos der Entscheidung, sie müssen erst einmal die Stunden bis zum Abend herumbringen. Gar nicht so einfach, denn die Anlage bietet zu dieser Uhrzeit außer Essen nur wenige Möglichkeiten, eigentlich fast gar keine. Es gibt zwar ein Fitnessstudio, doch das ist kalt und leer. Die beiden Frauen gehen hinaus, zu dem bunten Plastik-Cowboy, rauchen eine Zigarette und nippen am Sektglas. Danach wird weiter gegessen. So vergeht die Zeit.

          Das „Wunderland Kalkar“ hieß vor elf Jahren noch „Kernwasser-Wunderland“ und davor „Schneller Brüter“. Einst als größtes Kernkraftwerk der Welt geplant, ist es heute ein Magnet für Pauschaltouristen. Weil der Reaktor nie mit Brennstäben beladen wurde, ist das Gelände frei von Radioaktivität.

          Triumph der Umweltbewegung

          „Kernie“, ein orangefarbenes Männchen mit blauer Arbeiter-Latzhose, ist das Maskottchen dieser Kunstwelt für die organisierte Freizeit. Wer hierherkommt, will nicht auf seine vertraute Umgebung verzichten und fremde Sprachen hören. Sondern die Gewissheit haben, von der Realität für die gebuchte Zeit nicht allzu sehr behelligt zu werden und jederzeit Alkohol trinken zu können, ohne dafür extra zahlen zu müssen. Sich sorgenfrei zulaufen lassen zu können, scheint für viele der Hauptgrund, hierherzukommen.

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