Dreihundertzwanzig Sonnentage und fünfhundert Millimeter Niederschlag im Jahr, das sind nicht nur optimale Urlaubsbedingungen im Süden Italiens; das kann man auch im Norden des Landes haben. In Südtirol, genauer im Vinschgau, eröffnet diese Besonderheit wunderbare Aussichten auf schöne Ferientage. Aber eigentlich sind die klimatischen Verhältnisse am oberen Lauf der Etsch noch weit extremer: Im Sommer können am Sonnenberg, der seinen Namen wahrlich zu Recht trägt, Bodentemperaturen von bis zu siebzig Grad Celsius auftreten. Kein Wunder, dass asiatische Steppengräser hier heimisch geworden sind.
Doch es gibt nicht nur die karge Pflanzengesellschaft mit Blick auf schneebedeckte Gipfel, sondern auch Wald und inmitten der Bäume ein historisches, von Menschenhand geschaffenes Wasserwegenetz. Ein kurzer, steiler Anstieg von der Nationalstraße Nummer 38 in Latsch führt zu einem Kanälchen, das parallel zum Hang verläuft und von einem schmalen Fußweg begleitet wird. Das zunächst unspektakulär erscheinende Gewässer gehört zum Bewässerungssystem der Waale. Seit dem Mittelalter und vermutlich noch weit früher haben die Menschen in der Region damit ihre besondere Lage im Gebirge in einem der trockensten Täler der Alpen ausgeglichen.
Schon die Römer rodeten die Wälder
Geschützt im Norden durch die Dreitausender der Ötztaler Alpen und im Westen von den kaum niedrigeren Gipfeln der Rätischen Alpen, kennt man im ost-west ausgerichteten Tal des Vinschgaus einen erstaunlichen Gegensatz in den Niederschlagsmengen: Während auf den Höhen ringsherum etwa dreitausend Millimeter Niederschlag im Jahr fallen, erhält die Talebene gerade einmal die besagten „südlichen“ fünfhundert Millimeter. Aber manche Orte, wie das noch immer von einer mittelalterlichen Mauer umgebene Städtchen Glurns sowie talabwärts Schlanders und Naturns, bringen es im statistischen Mittel noch nicht einmal auf diese Niederschlagsmenge. Der Sonnenberg, die Hänge auf dem linken Ufer der Etsch zwischen Mals und Partschins auf einer Strecke von rund fünfzig Kilometern, weist asiatische Steppenvegetation auf. An diesen Hängen mit einer intensiven Sonneneinstrahlung und strengen Frösten im Winter, die wegen ihrer exponierten Südlage der Pflanzendecke keine schützende Schneedecke bieten können, gedeihen oftmals nur noch bestimmte Gräser in sogenannten Trockenrasengesellschaften.
Die Veränderungen in der Natur des trockenen Vinschgaus hat der Mensch innerhalb der letzten zweitausend Jahre stark befördert. Schon die Römer rodeten die Wälder, und nachfolgende Zeitgenossen an der Etsch schickten ihre Ziegen und Schafe in die oberen Hänge und förderten damit die Versteppung der Landschaft. Neue Bäume hatten dabei kaum mehr eine Chance. Aber schon vor mehr als fünftausenddreihundert Jahren sollen Menschen diesen Naturraum genutzt haben. Der Getreideanbau - dank Körnern in Ötzis Taschen nachgewiesen - wird aber ohne eine künstliche Bewässerung in dieser Region auch damals kaum möglich gewesen sein.
Waale als Grundlage der intensiven Landwirtschaft
Im zwölften Jahrhundert werden erstmals künstliche Wasserläufe genannt; doch sie sind älter, da in jenen Dokumenten bereits bestehende Rechte noch einmal wiederholt werden. Von jener Zeit an bis in das zwanzigste Jahrhundert hinein waren die Waale Grundlage der intensiven Landwirtschaft. Der Latschanderwaal mit seinen acht Kilometern von Goldrain nach Kastellbell-Galsaun gehört zu den letzten dieses historischen Bewässerungssystems. Erst 1873 wurde er erbaut und versorgt noch heute in traditioneller Weise 37 Hektar Obst- und Weinbaufläche. Davon wollen wir uns nun ein Bild machen. Am Wasserlauf stoßen wir auf alte, knorrige Kopfbäume - fast wie eine Allee stehen sie nahe am Wasser und geben mit ihrem Wurzelwerk dem kleinen Dammweg zusätzliche Festigkeit. In der zweiten Reihe, im anschließenden Wald, wachsen Schwarzkiefern und Robinien, mit denen man vom Jahr 1850 an die schwierige Wiederaufforstung der arg geplünderten Hänge begonnen hat. Aber von solchen Problemen merkt der Wanderer am Latschanderwaal heute nichts mehr.
Er spaziert am leise plätschernden Wasser entlang durch eine üppige Vegetation. Das Zirpen der Grillen und das entfernte Rauschen des Verkehrs im Tal begleiten ihn. Auf kaum merklichem Gefälle geht es über den Dammweg durch den Wald. Mit gründlicher Kenntnis des Geländes und vielen Erfahrungswerten leiteten die Erbauer der Waale, also jene, die davon profitieren wollten, das Schmelzwasser von den Gletscherzungen und Schneefeldern aus den obersten Bachläufen in kleine Kanäle, denn man musste es mit dem richtigen Gefälle in die trockenen Hanglagen führen, in denen Landwirtschaft betrieben werden sollte. Nicht nur Getreidefelder, auch Wiesen erhielten auf diese Weise das lebensnotwendige Nass. Wurde der Waal zu abschüssig angelegt, drohte das Wasser die Erde und den kleinen Damm abzutragen, geriet sein Bett zu flach, lagerte das Wasser Sedimente ab, verstopfte so den Lauf und verursachte schnell unerwünschte Überflutungen.
Das Wort „Rivale“ hatte Hochkonjunktur
Die Kontrolle über diesen sensiblen Wasserlauf hatte der Waaler, ein Mann, der von einer Waal-Genossenschaft für die Instandhaltung der Kanäle und die Verteilung des Wassers gewählt wurde. Er musste sich nicht nur darum kümmern, dass das Wasser vom späten Frühjahr bis Ende September/Oktober floss, sondern vor allem auch nach den Absprachen korrekt verteilt wurde. Gianni Bodini, ein ausgewiesener Kenner der Waale und ihrer Geschichte, erzählt von einem Streit zwischen zwei Bauern. Während sich die Männer noch um das ihnen zustehende Nass stritten, setzte sich die Frau des einen mit ihrem breiten Gesäß in den Waal, so dass er verstopfte und das kostbare Gut auf ihre Felder floss. Solche Auseinandersetzungen um Rechte am Wasser gehörten zur Geschichte der Vinschgauer Dörfer und beschäftigten ganze Generationen. Das Wort „Rivale“ hatte in jenen Auseinandersetzungen Hochkonjunktur, denn es bezeichnete ursprünglich denjenigen, der mit anderen gemeinsam die Rechte auf Wassernutzung eines Bewässerungsgrabens (lateinisch rivus) besaß.
Aber eigentlich war alles in diesem sensiblen Geschäft genauestens geregelt. Der Waalmeister als oberster Verwalter und Geschäftsführer der Genossenschaft überwachte zum Beispiel, dass die Arbeitsleistungen, sei es die eigene Arbeitskraft oder diejenige von Lasttieren, erbracht oder bezahlt wurden - und dies galt auch für den Adel und den Klerus. Unter der Aufsicht des Waalmeisters wurde der Turnus der Wasserzuteilung, nach dem lateinischen „rota“, „Road“ genannt, per Los festgelegt. Das garantierte zwar die Reihenfolge, aber nicht unbedingt eine ausreichende Wassermenge, wenn eben weniger zur Verfügung stand und die Bewässerungszeiten entsprechend verkürzt werden mussten. So konnte es auch passieren, dass während eines Sommers eine Flur nur wenige Male bewässert wurde. Dabei diente das Waalwasser nicht einmal zur Steigerung der Erträge, sondern es war die entscheidende Voraussetzung, überhaupt etwas zu ernten oder Heu zu bekommen.
Abgesichert durch Zaun oder Geländer
Von solchen Engpässen mit ihren ernsten Folgen ist auf dem Latschanderwaalweg zwar nichts zu spüren, aber wo der Wald lichter wird, wird es wärmer und staubiger, eben mediterran. In den Lichtungen kann der Blick über die ausgedehnten Apfelplantagen in der Talaue schweifen. An anderen Stellen des Weges ist es ratsam, nicht in die Landschaft zu schauen, sondern auf den Weg und die nächsten Schritte. Recht exponierte Stellen erwarten den Wanderer, wenn das Wasser an steilen Felsen vorbeigeführt wird oder der Waalerweg auf Planken über dem Abgrund verläuft. Für die Touristen hat man solche Stellen meist noch durch ein Geländer oder einen Zaun abgesichert.
Bei Kastelbell betreten wir in treuer Begleitung des Wassers erstmals einen Weinhang. Wie schon durch den Wald plätschert das kostbare Nass nun durch einen schnurgeraden Kanal, von dem es aber Verbindungen in ein modernes Leitungsnetz geben muss, denn Plastikschläuche liegen an den Rebstöcken, um punktgenau Wasser zu liefern. Dabei ist man jedoch möglichst sparsam, denn nach alter Winzerregel - „Jedes Wasser, das du der Rebe zuführst, findest du später im Wein wieder“ - versucht man hier erst recht, mit dem Minimum auszukommen.
Eine weitere Besonderheit
Beim wehrhaften Schloss von Kastelbell verlässt man kurz einmal den Waal, spaziert hinab ins Dorf und steigt dann wieder zum Waal hinauf. Es fällt gar nicht gleich auf, aber nun erleben wir das Waalwasser im Gegenverkehr, denn unser Weg führt jetzt am Schnalser Waal entlang. Dieser leitet seit dem sechzehnte Jahrhundert das Wasser aus dem Schnalstal in das Etschtal. Dabei scheint das feuchte Nass sogar das Tal hinaufzuströmen. Doch der Eindruck täuscht: Des Rätsels Lösung liegt in der höheren Lage des Schnalstals und des Ausgangspunktes dieses Waals bei Altratheis in 860 Meter Höhe. Von dort fließt das Wasser auf seinen zehn Kilometern Länge zunächst in südlicher Richtung parallel zum Schnalsbach und wird dann in seinem Kanalbett westwärts der Etsch entgegengeführt.
Am markanten Knick des Waals fällt noch eine weitere Besonderheit auf: die Waalschelle. Die an einem Wasserrad befestigte Glocke ermöglichte eine Kontrolle, auch ohne direkt am Wasser zu stehen. Solange das Wasser fließt, bimmelt sie, verstummt sie, sollte der Waaler oder der betroffene Bauer schnell einmal nach dem Rechten schauen. Im weiteren Verlauf des Schnalser Waals fällt das grüne Pflanzenband auf, das dem künstlichen Wasserlauf seine Existenz verdankt. Auf dem steppenartigen Hang der Trumser-Spitze wird dies so augenfällig wie an keiner Stelle unserer Tour zuvor; hier lässt sich anschaulich verfolgen, welch bedeutende Lebensadern die Waale in der trockenen Umgebung darstellen.
Lehrpfad zur Geschichte der Waale
Aber nicht nur an den Hängen stößt man auf Waale, auch in der Aue der Etsch findet man Relikte der ehemaligen künstlichen Bewässerung. Bei Laas stehen mitten in den Apfelplantagen noch einige Pfeiler eines Aquädukts, mit dessen Hilfe Wasser aus dem Laaser Tal in die breite Etschaue geführt wurde. Im Jahr 1939 gab es im Vinschgau noch 235 Waale, die mit ihren mehr als sechshundert Kilometern Länge zehntausend Hektar Land bewässerten. Zwischen den beiden Weltkriegen ging ihre Zahl stark zurück, denn moderne Beregnungsanlagen hielten Einzug. Mit ihrem sparsameren Wasserverbrauch und einem weniger anfälligen Wassernetz sollte ihnen die Zukunft gehören.
Trotzdem existieren heute noch knapp fünfzig Waale von fast zweihundert Kilometer Strecke, die jedoch nicht mehr alle regelmäßig Wasser führen. Das Aussterben dieses wesentlichen Elements der traditionellen Kulturlandschaft im Tal der Etsch wird inzwischen mit Unterstützung der EU verhindert. Eine besondere Bedeutung haben die Waale auch für den Tourismus erlangt. In Schluderns wurde das Vinschgauer Museum mit einer Ausstellung zu diesem Thema eröffnet und daneben am Leitenwaal ein Lehrpfad zur Geschichte dieser Bewässerungsform angelegt. Zusätzlich wird in diesem Gebiet deutlich, dass ein Bach - hier der Saldurbach - für zwei Waale, den Bergwaal sowie den Leitenwaal, und damit zur Bewässerung zweier gegenüberliegender Hänge angezapft werden konnte. Außerdem ist am Bergwaal auch noch zu sehen, wie das Waalwasser über zwei natürliche Bachläufe geführt wird. Im steileren und felsigen Gelände fließt es ebenfalls durch „Kandeln“, ausgehöhlte Baumstämme.
855.000 Tonnen Tafeläpfel im Jahr
Die moderne Form der Bewässerung, die heutzutage zwölf Millionen Apfelbäume im Vinschgau bis zu ihrer naturbedingten Obergrenze von tausend Höhenmetern prächtig gedeihen lässt und 855.000 Tonnen Tafeläpfel im Jahr hervorbringt, kommt mit weniger aufwendigen Bauformen aus, hat dafür aber durchaus ihre eigenen Reize. Die Gletscherbäche speisen ein festinstalliertes Beregnungsnetz, das im Laufe einer Woche jede Anlage einmal für vier Stunden mit Wasser versorgt. Und so prägen hier in der breiten Talaue und den unteren Hängen Fontänen das Landschaftsbild.
Und dies schon im Frühjahr, wenn man denken könnte, dass von den winterlichen Niederschlägen genügend Feuchtigkeit im Boden stecken müsste. Dann machen sich die zweitausend Obstbauern des Vinschgaus in der Blütezeit ihrer Bäume das Phänomen zunutze, dass Eis vor Kälte schützt. Von einer Eisschicht umgeben, können die empfindlichen Knospen und Blüten auch noch die Nachtfröste des späten Frühjahrs mit Temperaturen zwischen minus ein und minus drei Grad Celsius überstehen. Doch davon sind wir jetzt meteorologisch weit entfernt. Von den Stellen am Waal, die einen schönen Ausblick ins Etschtal erlauben, genießen wir das Wasserballett oder die Wasserspiele der sich bewegenden Fontänen in den Apfelwiesen, untermalt vom Plätschern des Waalwassers zu unseren Füßen.