Xavier de Montbron ist gestresst. „Die nächste Führung beginnt erst in einer Stunde, Messieursdames“, ruft er mit beschwichtigendem Lachen dem englischen Ehepaar zu, das am Kiosk vor der Auffahrtsallee zum Schloss steht. Dann kramt er im Kühlschrank nach einer Fanta für die französische Touristin und entschuldigt sich bei der Dame, die die 7,50 Euro Eintritt partout mit der Kreditkarte zahlen will: „Madame, ich bin untröstlich, aber das geht nicht, die Summe ist zu klein, wir sind Privatleute, haben Sie kein Bargeld bei sich?“ Xavier de Montbron ist Besitzer des Château de Puymartin in der Dordogne, und ehrlich gesagt: Das Leben eines Schlossbesitzers hatten wir uns ein wenig anders vorgestellt.
Dabei ist Puymartin ein Schloss wie aus dem Bilderbuch. Es hat Türme und Zinnen, erstrahlt im hellen, warmen Ton des für die Gegend typischen, ockerfarbigen Steins. Es hat knarrende Treppen, düstere Verliese, gewaltige Himmelbetten, unzählige Ahnenbilder von streng dreinschauenden Damen und Herren, eine Kapelle und sogar ein Gespenst. „Ich liebe mein Schloss, aber es ist ein völliger Wahnsinn, ein solches Haus zu behalten und zu erhalten“, sagt de Montbron. Die einzige Möglichkeit, es dennoch zu tun: Man öffnet das Schloss für Touristen. Doch dann ist es vorbei mit der Ruhe.
Ein Aristokrat in Jeans und T-Shirt
Mehr als fünfhundert Schlösser gibt es in der Dordogne im Südwesten Frankreichs, dem Département mit der höchsten Schlösserdichte des ganzen Landes. Jede Gemeinde hat mindestens eines, was daran liegt, dass hier früher Grenzland war und sich Franzosen und Engländer emsig bekriegten. Was auf den Reisenden so märchenhaft wirkt, zeugt vom Überlebenskampf - bis heute: Wer ein Schloss hat, der muss sich etwas einfallen lassen, um über die Runden zu kommen.
Xavier de Montbron, eine barocke Gestalt mit einem runden, freundlichen Gesicht, sitzt inzwischen unter einem Sonnenschirm vor seinem Schloss, die Touristen sind mit der Führerin, die er angestellt hat, in den Gemächern verschwunden. Er trocknet sich die Stirn mit einem Taschentuch: „Von April bis November haben wir sieben Tage die Woche geöffnet, das geht dann schon an die Substanz, wenn man sonst keine Angestellten hat“, sagt er. Einundfünfzig Jahre ist der Adelige alt, der in seiner Jeans, dem T-Shirt und den staubigen Schuhen so gar nichts Herrschaftliches an sich hat; einen Beruf hat er nie gelernt, das Schloss ist sein Leben. „Nicht ich besitze das Schloss, das Schloss besitzt mich“, seufzt er. Zusammen mit seiner Mutter wohnt de Montbron in fünf Zimmern des Anwesens, die für das tägliche Leben eingerichtet sind und über eine Heizung verfügen: „So ein Schloss ist ja für den Krieg gebaut worden, nicht für den Alltag“, erklärt er. Für seine Mutter sei das nicht immer einfach „Die vielen Treppen, und dann die zwei Gästezimmer, die wir an Touristen vermieten, wie servieren das Frühstück im Speisesaal, wissen Sie, das ist inzwischen alles ein bisschen anstrengend für Maman.“
Die schreckliche Rache des gehörnten Ehemanns
Ans Aufgeben und Ausziehen hat der Schlossherr trotzdem noch nie gedacht. „Puymartin gehört uns seit Jahrhunderten, wir haben hier die Widerstandskämpfer gegen die deutsche Besatzung beherbergt. Unsere Beziehung zum Schloss ist sehr eng und innig.“ Sein Vater habe sogar regelmäßig die Dame Blanche getroffen, die im sechzehnten Jahrhundert in einem Verlies gestorben sei, in das ihr rachsüchtiger Ehemann sie eingesperrt habe, weil sie einen Geliebten gehabt habe. Jetzt zwinkert Monsieur ein wenig mit dem linken Auge, sollen wir ihm glauben? Jedenfalls, sagt de Montbrun, sei es für seine Großmutter schrecklich gewesen, als der Vater beschlossen habe, Puymartin für Besucher zu öffnen: „Sie fand das ganz und gar unschicklich.“ Später allerdings habe sie sogar Gefallen daran gefunden, täglich die Autos im Schlosshof gezählt und sich als Fotomotiv für die Touristen in Pose geworfen. Dank des Geldes, das die Fremden zahlen, kommen sie einigermaßen über die Runden und schaffen es, Reparaturarbeiten, Versicherungen und Steuern irgendwie zu begleichen, auch wenn sie, wie de Montbron es vornehm ausdrückt, „nicht auf großem Fuße leben“.
Anderen Schlossbesitzern bleibt nichts anderes übrig, als ihr Anwesen zu verkaufen. Sucht man im Internet nach einem Schloss in der Dordogne, das zum Verkauf steht, erhält man fast fünfzigtausend Treffer. Die Vorstellung, adelige Familien kümmerten sich wie die de Montbrons seit Jahrhunderten aufopferungsvoll um ihr Erbe, mutet romantisch an. Nein, es ist ein schwungvoller Handel mit Schlössern im Gange, was jedoch nicht heißt, dass neue Schlossbesitzer schlechter wären als alte. Bestes Beispiel dafür ist das Schloss von Saint-Geniès, einem kleinen Dorf, bei dessen Anblick man sich fast die Augen reiben möchte: dass es so etwas heute noch gibt! Um den Dorfplatz herum gruppieren sich Metzgerei, Grundschule und Tante-Emma-Laden, unweit davon liegen die Bäckerei, das Rathaus, die Bar und das Postamt, die Menschen sind freundlich, die Hunde auch, vor der Kirche wachsen Rosen. Nur das Schloss lag jahrzehntelang in einem Dornröschenschlaf.
Schlossherrin als Schlossköchin
Jetzt dringt Geschirrklappern aus dem Innenhof, und ab und zu pafft der Kamin Rauchwölkchen, dann nämlich, wenn Juliette Chaminades Mannschaft mit dem Grillen von Entenbrüsten und Schweinehaxen beginnt. Die Schlossherrin ist Restaurantchefin, dreiundzwanzig Jahre jung und ebenso zierlich wie dynamisch. „Die Leute hier machen sich nichts aus Schlössern, sie sehen sie jeden Tag“, stellt sie gleich einmal klar. Lange Jahre habe das Schloss von Saint-Geniès einem Pariser Chirurgen gehört, der habe es schier massakriert - die Kamine zugemacht, überall Teppichboden verlegt, und gekommen sei er ohnehin nie. Juliettes Vater stammt aus dem Dorf, ihr Urgroßvater war Bäcker hier, ihre Großmutter Grundschullehrerin. Die Familie zog dann nach Bordeaux, wo der Vater mit seiner italienischen Frau ein sehr beliebtes italienisches Restaurant betreibt. „Die Leute stehen Schlange, um dort essen zu können“, sagt Juliette. Was erklärt, warum es sich die Familie Chaminade leisten konnte, das Schloss von Saint Geniès zu erwerben, als es vor einigen Jahren zum Verkauf stand.
Ein gutes Restaurant in einem schönen Schloss in unserem Heimatdorf, die Idee fanden meine Eltern klasse und ich auch - deshalb bin ich sogar aus Paris zurückgekommen, wo ich an der Schauspielschule war.“ Eine Million Euro haben sie gezahlt, „das ist nichts“, meint Juliette trocken, aber die Renovierungsarbeiten! Zwar gilt das Schloss von Saint Geniès wie viele Schlösser im Périgord als „monument historique“, was bedeutet, dass die Besitzer Anspruch darauf haben, vom Staat zehn bis zwanzig Prozent der Renovierungskosten erstattet zu bekommen. „Aber bis da ein Antrag bewilligt wird, kann man warten, und wir wollten ja ein Restaurant eröffnen.“ Also haben die Chaminades alles selbst bezahlt, sogar die Arbeiten am Dach, das immerhin das größte Lauze-Dach des Périgord Noir sei, ein Dach also, bei dem Steine nach einer uralten Technik ohne Zement aufeinandergeschichtet werden.
Böse Blicke bei Pommes und Cola
Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die Gäste speisen vor hohen alten Kaminen und sitzen dabei in modernen, bequemen Stühlen an Tischen, auf denen Kerzen brennen. Sie schauen durch neugotische oder romanische Fenster in die Nacht hinaus, und zur Wahl des passenden Weins werden sie in den Weinkeller geführt, damit sie das Schloss auch besichtigen können. Zu essen gibt es eine Mischung aus französischer und apulischer Küche. Das Gemüse stammt von einem kleinen Bauern aus dem Dorf, das Fleisch von ausgewählten Metzgern, die Küchencrew macht alles selbst, auch die Pâtisserien, die zum Dessert gereicht werden, und wer nach Pommes und Cola verlangt, erntet Juliettes böse Blicke: „Haben wir nicht, die Kinder sollen gefälligst Esskultur lernen.“ Dabei kostet das günstigste Menü knapp 25 Euro, das sei nicht viel für ein Essen im Schloss, findet die Chefin: „Wir wollen, dass jeder zu uns kommen und das Ambiente genießen kann. Das Schloss soll für alle da sein.“
Ein Schloss für alle, diese Idee gefällt auch Angélique de Labarre, die doch ein sehr individuelles Schloss ihr eigen nennt: An einer Dordogne-Schleife erhebt sich das zauberhafte Châteaux des Milandes mit seinen vielen Türmchen, das einst einer Ikone der zwanziger und dreißiger Jahre gehörte: der Sängerin und Revuetänzerin Josephine Baker. Die im amerikanischen St. Louis geborene und auf den Bühnen von Paris berühmt gewordene schwarze Schönheit verliebte sich schon bei ihrem ersten Besuch im Périgord in das Anwesen und kaufte es 1945, um hier einen Lebenstraum zu verwirklichen: Sie, die selbst keinen Nachwuchs bekommen konnte, adoptierte zwölf Kinder aus unterschiedlichen Ländern und schuf sich so eine „Regenbogenfamilie“ als Gegenwelt ohne Diskriminierung und Rassenhass. Der aufwändige Lebensstil der Diva war jedoch nicht eben dazu geeignet, eine Familie und ein Schloss zusammenzuhalten; 1968 wurde Les Milandes zu einem Zehntel seines Wertes zwangsversteigert. Der neue Eigentümer sperrte die Baker aus; ein erschütterndes Foto von ihr, auf dem sie vor ihrem geliebten Schloss im Regen sitzt, eine Decke über den Knien, ging um die Welt.
Liebe zum alten Gemäuer auf den ersten Blick
Wie kommt nun Angélique de Labarre, eine schmale Sechsunddreißigjährige, die in blauem Rock und Bluse sehr aufrecht und ganz unauffällig auf einer Bank zwischen den Blumenparterren vor dem Ein- gang sitzt, an das Schloss der Josephine Baker? „Nein, nein, ich gehöre nicht zu den Schuften, die Madame Baker das Schloss abgeknöpft haben“, wehrt sie lachend ab. Durch viele Hände sei es in der Zwischenzeit gegangen, 2001 hätten es ihre Eltern für sie gekauft, damit sie etwas habe, womit sie nach ihrem Jurastudium arbeiten könne. „Wissen Sie, meine Mutter besitzt Weinberge in Saint Emilion, aber zwei Hektar Pomerol wären teurer gewesen als das Schloss. Da haben wir uns für das Schloss entschieden.“ Es sei ein „coup de cœur“ gewesen, wie die Franzosen sagen, wenn man sein Herz an etwas verliert. Angélique wuchs als Tochter einer adeligen Familie am anderen Flussufer auf, ihr Vater, ein Antiquar, hat die Baker noch gekannt.
Und wie ist es so, ein Schloss geschenkt zu bekommen? Da lacht die Schlossbesitzerin herzlich und sagt, klar, fabelhaft sei das, aber es bedeute auch: jahrelang allein den Laden schmeißen und im Kassenhäuschen sitzen, um kein Personal bezahlen zu müssen, sich mit Staatsbeamten um Geld zu streiten und Kredite beantragen. Heute hat de Labarre zwanzig Angestellte, 112000 Besucher im Jahr und ein richtiges Baker-Museum - den Grundstein dafür hatte noch der Vorbesitzer gelegt, aber de Labarre ordnete und erweiterte den Bestand.
Das Bananenröckchen der Schwarzen Venus
Die Besucher bestaunen die Kleider der Baker, ihr Billardzimmer, den Speisesaal, in dem rauschende Feste gefeiert wurden, das Badezimmer, das nach dem Vorbild der Parfum-Flakons von Arpège ganz in Türkis, Schwarz und Gold gestaltet ist. De Labarre hat Fotos und Tondokumente gekauft und sogar das legendäre Bananenröckchen, in dem die „schwarze Venus“ auf der Bühne tanzte. „Das war ein bisschen teuer“, sagt sie etwas kleinlaut. Warum sie das alles tut? „Ich will meinen Kindern etwas Gutes hinterlassen“, sagt die junge Frau mit Nachdruck. „Ein Schloss ist ein Wert, der nicht vergeht.“ Ein Wert allerdings auch, der das Leben derer beeinflusst, die ihn besitzen. In Frankreich gilt die Regel: Wer sein Schloss der Öffentlichkeit zugänglich macht, muss keine Erbschaftsteuer zahlen. „Wenn meine Kinder das nicht mehr wollen würden, müssten wir die ganze Steuer nachzahlen.“ De Labarre ist guter Hoffnung: Die siebenjährige Blanche interessiere sich bereits für das Schloss der Frau, deren Schlager so heiter aus den weit geöffneten Fenstern dringen.
Man muss seine Kinder richtig erziehen, sonst kriegt man Probleme“, meint auch Jean Max Touron. Der Fünfundsechzigjährige ist in der Dordogne eine Art Großgrundbesitzer, der bürgerliche Businessman unter den Schlossbesitzern. Seiner Familie gehörte immer schon das Land, auf dem viele prähistorische Grotten des Vézère-Tals liegen sowie die Felswand Roque Saint-Christophe, auf der sich schon Neandertaler und Cro-Magnon-Menschen tummelten, laut Unesco eine Sehenswürdigkeit von Weltinteresse. Vor wenigen Jahren erfüllte sich Touron aber noch einen Kindheitstraum: Er kaufte die bizarre Maison Forte de Reignac, ein in eine Felswand hineingebautes Schloss, das bis zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bewohnt war. Auch hier hausten bereits die Cro-Magnon-Menschen, deshalb war die Festung jahrzehntelang eine archäologische Forschungsstätte der Stadt Bordeaux. Bei deren Auflösung schlug Touron zu, eine halbe Million Euro hat ihn der Spaß gekostet. „So ein Schloss mit seinen Zinnen und Türmen ist doch der Traum eines jeden kleinen Jungen“, sagt der grauhaarige Mann in der kurzen Hose mit einem Lächeln. Zwar hat sein Schloss gar keinen Turm, dafür kann man aber einen wilden Stilmix aus archäologischen Funden, Sälen voller ausgestopfter Reh- und Wildschweinköpfe und einem schauerlichen Kerker besichtigen. Die Schautafeln hat Touron selbst verfasst, unter besonderer Berücksichtigung der Härten vergangener Zeiten. „Mich interessiert das menschliche Leid, das in so einem Schloss immer steckt“, sagt er.
Ein bisschen mehr Würde, bitte!
Auch Touron hat nie einen Beruf gelernt, ebenso wenig wie seine Tochter, der die Maison Forte de Reignac einmal gehören wird. „Warum hätte ich auch einen Beruf lernen sollen?“, fragt er. „Ich bin ein glücklicher Mann, ich beschäftige mich mit dem, was mich interessiert. Ich habe eine lebenslange Verbindung zu all diesen Dingen.“ Touron findet es schrecklich, wie Engländer und Asiaten mal kurz ein Schloss in der Dordogne kaufen, „ohne zu verstehen, was es bedeutet und was es kostet, das Ganze in Schuss zu halten“. Dann werde das Schloss wieder verkauft, dabei sei es doch nicht einfach ein Ding, das man weiterverhökern könne, es stecke voller Geschichten und Gefühle, und wer das nicht verstehe, der solle gefälligst die Finger davon lassen. Touron schaut sehr würdevoll drein, als er sagt: „Ein Schloss, das ist ein Schicksal.“
Château de Puymartin: 24200 Marquay, Tel.: 0033/553/298752, www.chateau-de-puymartin.com. Öffnungszeiten: April bis Juni und September von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 18 Uhr, Juli von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 18.30 Uhr, August von 10 bis 18.30 Uhr (durchgehend), 1. Okt. bis 11. Nov. von 14 bis 17.30 Uhr; Eintritt 7,50 Euro.
Château de Saint Geniès: Le Bourg, 24590 Saint Geniès, Telefon: 0033/553/283677, www.restaurantduchateau.com. Das Restaurant ist montags geschlossen. Reservierung empfohlen.
Château des Milandes: 24250 Castelnaud-la-Chapelle, Telefon: 0033/553/593121, www.milandes.com; Öffnungszeiten: 1. April bis 31. Mai von 10 bis 18.30 Uhr, 1. Juni bis 10. Juli von 10 bis 19 Uhr, 11. Juli bis 31. August von 9.30 bis 19.30 Uhr, 1. bis 30. September von 10 bis 19 Uhr, 1. Oktober bis Allerheiligen von 10 bis 18.15 Uhr; Eintritt neun Euro.
Maison Forte de Reignac: 24620 Tursac, Telefon: 0033/553/ 506954, www.maison-forte-reignac.com; Öffnungszeiten: französische Februarferien und März von 10 bis 18 Uhr, April von 10 bis 18.30 Uhr, Mai, Juni, September von 10 bis 19 Uhr, Juli und August von 10 bis 20 Uhr, Oktober, November und französische Weihnachtsferien von 10 bis 18 Uhr; Eintritt: 7 Euro.
Dordogne
Günter Kriems (Waldgustav)
- 16.11.2012, 22:49 Uhr