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Verkostung in Bordeaux Noch mal Wein gehabt!

Bordeaux kann man in Sachen Wein nichts vormachen. Oder doch? An der Garonne trifft man Kenner wie Blender.

© Oliver Maria Schmitt Vergrößern Die Mundprobe: Minze, Leder, Feuerstein? Oder doch einfach nur Rotwein?

Gerade will ich meiner Tischrunde einen ordentlichen Schluck aus dem Rückschüttgefäß aufdrängen, da schreitet das Stadtoberhaupt ein. Alain Juppé steht auf und ergreift das Wort. Bordeaux, verkündet stolz der Bürgermeister und ehemalige Premierminister Frankreichs, sei die berühmteste und größte zusammenhängende Erzeugerregion für Qualitätswein auf der ganzen Welt. Und das wolle man heute Abend feiern. Mit vielen Gästen, exzellenter Küche und dem Besten, was die Weinwelt zu bieten hat.

Wir sitzen im obersten Stock eines Bankgebäudes, die Sonne sinkt, da unten fließt träge die Garonne, vom Ufer gegenüber prostet uns roséfarben das endlose Fassadenband der unescogeschützten Weinmetropole zu - und in unsere Gläser fließen ganz unträge die besten Gewächse der Welt. Der Bürgermeister hat zu einer kleinen Gourmandise geladen. Obwohl im Bordelais Krisenstimmung herrscht. Die Fässer sind zu voll, die Lager ebenfalls. Weil die Preise zu hoch sind, die Franzosen zu wenig trinken, die Chinesen nicht genug kaufen, weil das Wetter zu schlecht ist und überhaupt. Doch das soll uns heute nicht kümmern, sagt der Bürgermeister - und hebt das Glas zum Toast.

Der Olymp der Weinwelt

An Tisch elf sitzen hochangesehene Vertreter des Nasswarengewerbes, gerade haben wir uns einander vorgestellt: der Weinhändler aus Bordeaux, der Weineinkäufer aus Hongkong, der Manager eines weltberühmten Châteaus, der gefürchtete Kritiker vom Speiseführer Gault-Millau und die Verbandsdame der Grand-Cru-Vereinigung, des Hochadels der Weingesellschaft. Und ich, der Weinforscher aus Deutschland.

Der Händler checkt sein Handy, der Gault-Millau macht Notizen, dann übernimmt er souverän die Tischregie und kommentiert die anstehende Getränkefolge. Das ist gut, denn ich verstehe eigentlich nichts von Wein, genaugenommen verstehe ich nur, ihn zu trinken. „Dann sind Sie hier genau richtig“, bescheidet freundlich die Verbandsdame, „denn der Rotwein aus Ihrer Heimat wird in Frankreich nicht mal zum Kochen verwendet.“ Aber warum ist das so? Warum ausgerechnet Bordeaux? Warum kommt von hier der beste Wein der Welt? Was ist sein Geheimnis?

Barrels of wine are stored in the cellar of Chateau Larose Trintaudon in Saint Laurent Medoc, near Bordeaux Kaum zu fassen: Rotweinvorrat in einem Weinkeller in der Nähe von Bordeaux © REUTERS Bilderstrecke 

Um das herauszufinden, habe ich bereits am Vormittag die Spitze des Weinbergs erklommen. Sie lagert in den weitläufigen Hallen von Millésima, dem größten Weinhandelshaus der Stadt. In alten Lagerhallen stapeln sich zweieinhalb Millionen Flaschen, ein bis zum Überlaufen voller Flüssiggoldspeicher. Heute ist Probe, die organoleptische Prüfung der Primeurs steht an. Unter konsequenter Hinzuziehung der Sinnesorgane Auge, Nase und Mund gilt es, den neuen Jahrgang zu degustieren. Ein Mann mit scharf geschnittener Brille händigt mir am Eingang einen Block aus und führt mich durch das riesige Depot. Zwischen Kisten von Château Latour, Cheval Blanc und Mouton-Rothschild, in denen die Fünftausend-Euro-Flaschen der Jéroboam-Klasse verwahrt werden, sind die Stände sämtlicher Grand-Cru-Classé-Weingüter aufgebaut. Der Olymp der Weinwelt.

Er reicht mir ein Glas. „Junge Weine verkosten ist besonders schwer“, raunt er mir zu. „Sie sind eigentlich noch nicht trinkbar, doch die Händler können jetzt schon erkennen, welches Potential ein Wein hat und wie er sich entwickeln wird.“ Welche Rebsorte denn ausgeschenkt werde, will ich wissen. Er lacht. Das sei schwer zu sagen. „Meistens zwei, manchmal aber auch fünf.“ Ich staune. Ja, das sei eben die Kunst der Assemblage. „Wir können auch Mariage, Cuvée oder Mélange dazu sagen, und meinen doch immer die Vermählung der Weine zu etwas Neuem, ganz Außergewöhnlichem.“

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