30.04.2008 · Immer mehr Urlauber entdecken in den Alpen den Charme der Vergangenheit. Sie wollen ein paar Tage lang leben wie einst die Senner im Sommer auf der Alm und verzichten dafür bereitwillig auf die Annehmlichkeiten der Moderne.
Von Georg WeindlWenn man den Gästen etwas bieten will, dann muss man investieren, Flachbildfernseher, Wellnessdusche im Badezimmer, Spa mit Erlebnissauna. Für viele Hoteliers ist das eine Binsenweisheit und eine Notwendigkeit, die man oft nur mit Krediten verwirklichen kann. Josef Schett sind solche Probleme völlig fremd. Das Urlaubsquartier des Osttiroler Gastgebers hat noch nie eine Modernisierung oder Renovierung gesehen. Komfort ist in der Ferienhütte im Villgratental ein Fremdwort. Kein Strom, Petroleumlampen und Kerzen anstelle elektrischen Lichts. Aus den Hähnen rinnt nur kaltes Wasser. Bad oder Dusche fehlen völlig. Für andere Bedürfnisse gibt es auf dem Balkon ein antiquiertes Plumpsklo. Trotzdem ist seine Hütte auf Monate ausgebucht. „Für dieses Jahr waren wir schon im vergangenen Juli komplett vermietet“, sagt Schett.
So ähnlich geht es seinen Kollegen, die ebenfalls alte Unterkünfte auf der Oberstalleralm auf 1800 Meter Höhe vermieten – ein heimatfilmtaugliches Idyll mit sechzehn Hütten und einer kleinen Kapelle, die sich ganz hinten im Villgratental versteckt. Für die Einheimischen, die oft in kargen Wohnverhältnissen aufgewachsen sind, ist diese Art der Kasteiung im Urlaub nur schwer verständlich. Doch immer mehr Gäste mögen es, ihren Urlaub so zu verbringen, wie früher die Senner im Sommer gelebt haben. Und an der Sehnsucht nach alpinem Minimalismus ist die Renaissance der Heimatfilme nicht ganz unbeteiligt, von denen einige wie „Tal des Schweigens“ mit Christine Neubauer und Sascha Hehn in Innervillgraten gedreht wurden. Wenn die Filme im Fernsehen ausgestrahlt werden, dann spüre man das gleich bei der Nachfrage, sagt Josef Schett.
„Unterkünfte mit Authentizität und Charakter immer beliebter“
Vom Medieneskapismus, wie Soziologen die Leidenschaft vorwiegend urbaner Menschen für das alte Genre der Alpendramen beschreiben, bis zur Urlaubsalltagsflucht in längst vergangene Zeiten ist es kein weiter Weg. Einmal leben wie die Helden der Hochgebirgsschnulzen – für Sabine Koppe, Trendforscherin beim Hamburger Beratungsunternehmen Trendbüro, ist diese Entwicklung keine Überraschung: „Egal wo man sich gerade aufhält, findet man immer gleich aussehende Zimmer, gleich freundliches, unverbindliches Personal und das gleiche Essen. Da verstärkt sich der Wunsch nach echten, besonderen Erlebnissen, die in Erinnerung bleiben. Deshalb werden Unterkünfte mit Authentizität und Charakter immer beliebter.“
Nicht immer muss man dabei auf neuzeitlichen Komfort verzichten. Karl Steiner hat das längst erkannt und schon vor dreizehn Jahren eine damals revolutionäre Almhüttensiedlung auf einen Hügel in den Nockbergen in Kärnten bauen lassen. Sie besteht aus gediegenen Bauernstuben mit Kachelofen und Viersternekomfort. Morgens bringt das Personal das opulente Frühstück in die Hütte und heizt den Ofen an. Und gleich hinter dem Pool steht die Panoramasauna. Die Luxusalmhütten waren so gefragt, dass Steiner bald noch luxuriösere Jagdhütten und Chalets dazu bauen ließ. Mittlerweile besteht das Almdorf „Seinerzeit“ aus achtundzwanzig Hütten und Chalets, wurde mit diversen Preisen ausgezeichnet, in verschiedenen Einrichtungs- und Lifestylemagazinen gewürdigt und hat viele Nachahmer inspiriert. Billig ist die Zeitreise nicht. Von 220 Euro an pro Tag kosten die Almhütten, wer im Chalet logieren will, muss mit mindestens 750 Euro rechnen. Dafür gibt es Fußbodenheizung, WLA und Flachbild-TV, Champagnerkeller und private Zirbensauna.
Mangelnder Komfort scheint die gehobene Kundschaft nicht zu stören
Der Erfolg des Almdorfs „Seinerzeit“ mag ein Indiz dafür sein, dass es dem Gast weniger um Authentizität als um das persönliche sinnliche Erlebnis geht. Häuser mit Historie gibt es viele, aber für die zeitreisenden Gäste geht es wohl auch darum, Teil der Geschichte zu werden, die, ob nun echt oder inszeniert, ihnen präsentiert wird. Insofern ist auch der Erfolg der Pension Briol in Südtirol keine Überraschung. Die Sommerfrischevilla hoch oben auf 1300 Meter über dem Eisacktal bei Klausen ist die großbürgerliche Alternative zum Sennerurlaub auf der Hütte. Von einem wohlhabenden Seiden- und Porzellanhändler aus Bozen mit einem Faible für besondere Architektur zu einem gediegenen Wochenendsitz im Bauhausstil umgebaut, ist Briol bis heute weitgehend original erhalten geblieben von den Möbeln bis zum Küchenherd – und auch bei den sanitären Anlagen, was der ausschlaggebende Grund dafür ist, dass das architektonische Kleinod nur in der Einsternkategorie rangiert, auch wenn die Logispreise mit siebzig Euro pro Person und Tag bei Halbpension doch deutlich höher liegen.
„Doch das stört die Gäste nicht, die wollen die Ruhe und besondere Atmosphäre“, sagt die Gastgeberin Johanna von Klebelsberg. Und es stört sie ebenso wenig, dass man nur zu Fuß oder mit dem Geländewagen über die buckelige Forststraße nach Briol hinaufkommt. Leicht ist der Weg auch bei der Reservierung nicht, denn die Zimmer sind fast immer belegt. Viele Architekten mieten sich in Briol ein und gehen auf Spurensuche. Hier sind die Bauhausklassiker nicht nur Museumsexponate, hier schläft man inmitten achtzig Jahre alten Mobiliars.
Elegantes Landhaus im originalen Zustand
Ähnlich gut geht das am Semmering südlich von Wien, wo im selben Jahr der Entstehung von Briol der berühmte Adolf Loos für einen Wiener Senffabrikanten ein elegantes Landhaus baute. Es heißt heute deshalb auch nur kurz Looshaus und wird von den Wirtsleuten Hanna und Norbert Steiner als Alpenhotel bewirtschaftet. Das Looshaus ist aber viel mehr: eine Mischung aus Hotel und Architekturmuseum, geradlinig, schnörkellos, raffiniert in vielen Details, nostalgisch und dabei immer kunstsinnig. Die dreizehn Zimmer sind zum Teil mit Dusche und Toilette aufgewertet, zum Teil noch im originalen Zustand mit Etagenbädern.
Mangelnder Komfort scheint die gehobene Kundschaft nicht zu stören. „Zu uns kommen nicht nur Künstler, Architekten und Wirtschaftsführer, sondern Leute aus allen Schichten“, sagt Hanna Steiner. Wer fürchtet, dass man die große Geschichte des Looshauses entsprechend teuer bezahlen muss, wird angenehm überrascht. Die Preise liegen zwischen vierunddreißig und vierzig Euro für die Übernachtung je nach Ausstattung. Das ist ganz und gar nicht großbürgerlich.
Leben wie die Almbauern
Oberstalleralm, Telefon: 0043/ 4843/5194, Internet: www.innervillgraten.at.
Almdorf Seinerzeit, Telefon: 0043/4275/7201, Internet: www.almdorf.com.
Pension Briol, Telefon: 0039/ 0471/650125, Internet: www.briol.it.
Looshaus, Telefon: 0043/2666/ 52911, Internet: www.looshaus.at.