Was war los mit Hölderlin? Anfang Dezember des Jahres 1801 hatte er sich von Nürtingen aus zu Fuß auf den Weg nach Bordeaux gemacht, um dort eine Stellung als Hauslehrer anzutreten. Doch kaum mehr als ein halbes Jahr später kehrt er bereits zurück. Verändert. Verstört. „Von hohlem wildem Auge“, wie sein Stiefbruder notiert. „Die Reise“, schreibt Thomas Knubben, Professor für Kulturwissenschaft und Wanderer aus Passion, „hat ihn förmlich niedergestreckt.“ Natürlich wurde viel spekuliert. Zumal es von der ganzen Reise nur vier Briefe gibt. War es zu peinlichen Zwischenfällen im Haus der deutsch-französischen Kaufmannsfamilie gekommen? Oder hatte ihn der Tod Susette Gontards, seiner geliebten Diotima, aus der Bahn geworfen?
Die Hoffnung Thomas Knubbens, entlang Hölderlins Route zum Atlantik der Wahrheit auf die Spur zu kommen, erfüllt sich nicht. Was er bei Minusgraden handfest recherchiert, sind eher historische Postkutschenverbindungen als neuronale Verknüpfungen in Hölderlins Seelenabgründen. Aber die Wanderung, nur einen Haselnussstecken als treuen Begleiter dabei, gibt ihm Anlässe genug, vom Hölzchen zum Stöckchen zu springen.
Es ist eine Reise durch die Landschaft ebenso wie durch Hölderlins Werk und die Geistesgeschichte der Epoche zwischen den Auswirkungen der Französischen Revolution und den Empfindungen der Romantik. Eine Durchdringung von Raum, Zeit und Theorien - gescheit und unterhaltsam zugleich erzählt, denn natürlich schieben sich unentwegt die Tücken eines solchen Gewaltmarsches über die hehren akademischen Absichten: schlechtes Wetter, quälender Hunger, eine Darminfektion und schießfreudige Jäger bei der Sauhatz, die Knubben einen Schritt schneller gehen lassen, woraufhin er sich prompt verirrt. Aber wie immer bei einer Wanderung führt auch hier der Umweg zu einer besonders bezaubernden Begegnung. Wie überhaupt das Unerwartete auch Thomas Knubben zu den schönsten Gedanken verleitet; etwa am Straßenrand liegende Handschuhe. Als „Totalerfahrung“ wurde Hölderlins Frankreich-Aufenthalt bei Gelegenheit bezeichnet. Keine andere Vokabel trifft den Kern von Knubbens Unternehmung und Buch treffender. Wie schön, dass man als Leser daran teilhaben darf.