28.04.2009 · Es geschieht vor Sonnenaufgang: Die Bettwanze ist zurück, und im Gepäck von Touristen erobert sie die Hotelbetten der Welt. Über Reisebekanntschaften, die man lieber nicht gemacht hätte.
Von Martin WittmannBettwanzen sind in der Regel nur in der Morgendämmerung aktiv, mit dem höchsten Aktivitätslevel eine Stunde vor Sonnenaufgang. Trotzdem besteht die Möglichkeit, dass sie auch zu anderen Zeiten versuchen, sich an Ihrem Gehirn zu nähren.“
Ja, Bettwanzen sind nachtaktiv. Nein, Bettwanzen essen kein Hirn. Der oben zitierte Wikipedia-Eintrag war ein Scherz, der vor ein paar Monaten kurz ins Netz geriet. Wenn falsche Wikipedia-Einträge zu faden, allgemein als ausgestorben geltenden Tieren auftauchen, kratzt das in der Regel kaum jemanden. Nur kratzt es in diesem Fall die, die es juckt: die immer größer werdende Zahl verzweifelter Touristen, die sich im Hotelbett eine Cimex lectularius, wie die Bettwanze auch heißt, eingefangen haben. Bei der Jahreshauptversammlung des Deutschen Schädlingsbekämpfer-Verbandes (DSV) vergangene Woche sorgte die Rückkehr der Bettwanze für Gesprächsstoff unter den Kammerjägern, in Amerika hat die Umweltbehörde vor kurzem gar zu einem Bettwanzengipfel geladen. „Die 91 Spezies dieser hinterflügellosen obligat hämatophagen Ektoparasiten haben in den letzten Jahren Terrain zurückgewonnen“, schreibt das „Deutsche Ärzteblatt“ mit unwiderstehlicher Verve. Meldepflichtig ist der Bettwanzenbefall in deutschen Hotels nicht, daher gibt es keine verlässlichen Zahlen.
Aus dem Leben einer Bettwanze
Bettwanzen sind hässliche, behaarte, rotbraune, blutsaugende Parasiten mit kleinen Schuppen am vorderen Teil ihres papierdünnen Körpers, die wohl so etwas wie Flügel sein sollen. Bettwanzen, auch Tapetenflunder genannt, sind zähe Biester, die wochenlang hungern können und selbst nach neun Monaten ohne Nahrung noch Eier legen. Die Eier sind etwa einen Millimeter groß und haften an allem, was ihnen in die Quere kommt. An Koffern zum Beispiel oder an der Urlaubskleidung.
Den Tag verbringen die lichtscheuen Wanzen in trockenen Spalten, unter Matratzen oder in Bettfalten. Nachts gehen sie auf Menschenjagd. Bettwanzen besitzen keine Sinnesorgane, ihren Wirt finden sie durch dessen Körperwärme. Einmal zugestochen, saugen die Viecher mit ihren Rüsseln etwa zehn Minuten lang Blut, bis sie dreimal so schwer sind wie zuvor. Die aneinandergereihten Stiche der Wanze mögen schmerzfrei sein, aber der Speichel, den das Tier dem Opfer injiziert, kann zu Quaddelbildung und starkem Juckreiz führen. Nach dem Essen verschwindet die satte Wanze, besser: sie verduftet. Charakteristisch für die Bettwanze sind neben den genannten Vorzügen nämlich ihre Stinkdrüsen. Und das Einzige, was der Gestochene am Morgen danach vom Tier noch sieht, ist dessen Kot. Juckreiz am Bein, Parasiteneier am Rucksack und Wanzenkacke im Bett. Und da Bettwanzen gerne reisen, zeigt sich die Plage mittlerweile überall auf der Welt.
Einen Monat kratzen und bluten
Über ein Zürcher Hotel etwa berichtet ein Tourist im Internet: „Ich musste in der zweiten Nacht mit über fünfzig Stichen ins Krankenhaus, und mein Urlaub war gelaufen. Aus einigen Stichen haben sich Narben gebildet. Die Bettwanzen sind leider sehr anhänglich - ein Horror: Wir schleppten diese anschließend bei meinen Verwandten ein, so dass wir dort einen Kammerjäger organisieren mussten.“ Die Hotelbewertungsportale sind voller Leidensberichte: In einem Hotel in Manchester habe seine Frau über 200 Stiche von Bettwanzen erleiden müssen, schreibt ein Tourist. Die Urlaubsziele der Gestochenen reichen von der Bretagne („Zimmer 108 wimmelte von Bettwanzen“) über Tennessee („Quaddeln am Arm“), über Manila („einen Monat kratzen und bluten“), über New York („widerlich“), über Australien („bed bugs, bed bugs!!!“), über Böhmen („grässlich“), über Kalifornien („Der Besitzer behauptete, wir hätten sie mitgebracht!“), über Mauritius („schrecklich eklig“) nach Deutschland: „Große, fette, hungrige Bettwanzen“ in Frankfurt, „starke Rötungen, Ausbeulungen der Haut, schlechtes Abheilen der Einstichstellen“ in Berlin und auffallend viele Berichte über Bettwanzen in Münchner Hotels und Hostels.
Dass sich die deutschen Hotelverantwortlichen nicht zu den Vorwürfen äußern möchten, überrascht Rainer Gsell keineswegs. Gsell hat nicht nur seinen eigenen Hygienedienst („Bevor Kleinvieh Mist macht - Gsell und Gsell“), sondern ist auch Bundesvorsitzender des DSV. Die Deutschen, sagt er, glaubten immer noch, dass Bettwanzen nur in schmutzigen Räumen bei schmutzigen Menschen lebten. Totaler Blödsinn sei das, schließlich könne man sich die Wanzeneier heutzutage überall einfangen und unfreiwillig mit nach Hause nehmen. Seine Kunden litten freilich unter dem Stigma. „Wenn Sie in Deutschland ein Restaurant bankrottgehen lassen möchten, dann hängen Sie einen Zettel der Schädlingsbekämpfer an die Tür.“ In Amerika hingegen sei ein Schild am Lokaleingang, das die regelmäßige Schädlingsbekämpfung dokumentiert, ein Gütesiegel.
Reisepreis zurück und Schmerzensgeld
Aus Amerika kommen auch die beiden besänftigenden Nachrichten zum Thema: zum einen, dass die Angst, sich durch Wanzen mit übertragbaren Krankheiten zu infizieren, wohl unberechtigt sei, wie Dermatologen nun herausgefunden haben wollen. Zum anderen, dass eine kurze Nacht mit den Wanzen reicher machen könnte als so manche Langzeitehe mit einem Großverdiener. Leslie Fox aus Chicago etwa hat das New Yorker „Nevele Hotel“ auf zwanzig Millionen Dollar Schmerzensgeld verklagt, weil sie in einer Hotelnacht mehr als 500 Mal von Bettwanzen gestochen worden ist. Merklich bescheidener sind die deutschen Opfer: Einer malträtierten Ägyptenurlauberin musste der Reiseveranstalter den Reisepreis zurückgeben und dazu nur läppische 1500 Euro Schmerzensgeld zahlen. Noch weniger Geld gab es für sieben Tage Wanzenqual mit Hautausschlägen und massivem Juckreiz auf den Malediven. Die Richter minderten den Reisepreis für jeden der sieben Tage nur um zehn Prozent, die Gäste bekamen zudem ihre Behandlungskosten erstattet.
Das Problem: Wer sich die Tiere einmal ins Haus geholt hat, kann sie nur schwerlich wieder vertreiben. Die Larven sterben nur bei einer Zimmertemperatur, die über 55 Grad oder unter 13 Grad liegt. Oder man hilft mit etwas Chemie nach. Bei der Weiterentwicklung der bisherigen Waffen gegen die Parasiten setzt Gsell auf die verwanztesten Regionen: Aus tralien, Asien und Amerika. In Amerika haben es die Kammerjäger mit ihrer Kampfeslust jedoch schon jetzt übertrieben, schreibt „Geo“ in der Aprilausgabe. Die in Amerika populären, weil billigen und nebenwirkungsarmen Pyrethroid-Insektizide haben ihre Wirkung bereits eingebüßt - eine neue Generation genmutierter Wanzen ist gegen das Gift resistent.