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Unentdecktes Kroatien Aussicht auf mehr

 ·  Seit einer Woche gehört Kroatien zur EU. Auf der Insel Cres kann man das Mittelmeer noch ganz anders erleben: Ruhe und Wildheit sind hier die besten Gründe, um zu bleiben

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© Bildagentur Geduldig Vergrößern Luft nach oben: Die kroatische Insel Cres liegt zwischen Istrien und Dalmatien, und die Sitzgelegenheiten sind nicht überall so rustikal wie hier.

„Kommt ihr mit auf unsere Insel?“ Wie oft hatten uns Luciana und Lorenzo das schon gefragt. „Ihre Insel“, das ist Cherso, ein langgestrecktes Stück Land, das zwischen Istrien und Dalmatien in der Adria liegt. „Cherso“ heißt die Insel auf Italienisch, auf Kroatisch heißt sie korrekterweise Cres, wobei der erste Buchstabe wie ein deutsches Z ausgesprochen wird. Aber wenn unsere Freunde Luciana und Lorenzo auf Italienisch von ihrem Cherso schwärmen, dann hat das durchaus seinen Sinn. Denn die Insel gehörte fast tausend Jahre lang zu Venedig. Genau genommen ging um die erste Jahrtausendwende die Historie des Weltreichs Venedig, das in guten Jahren von Mailand bis Zypern reichte, auf Cres überhaupt erst los.

Um 1000 übernahmen die Venezianer die slawischen Siedlungen in der Adria kampflos, und wenn man etwas maliziös sein will, dann könnte man sagen: Seither ist dort auch nichts Nennenswertes mehr passiert.

Für Luciana und Lorenzo, die in Venedig wohnen, machen die Ruhe und die Wildheit genau den Reiz aus, der sie mehrmals im Jahr auf die Insel zieht. „Cherso“, behaupten sie steif und fest, „macht süchtig.“ Wir hatten uns lange spröde gezeigt, denn was will das am Mittelmeer ein paar Autostunden hinter München schon heißen: Ruhe? Wildnis? Gewöhnlich fängt die Ruhe mit dem Stau an der Fähre an und geht mit der nervigen Musik auf dem Campingplatz weiter. Und die Wildnis besteht aus ein paar Felsbuchten voller Segelboote und einem schütteren Wäldchen entlang der Landstraße. Wenn auf einer Geheimtipp-Insel im Mittelmeer die Saison losgeht, kriegt man vor Discolärm kein Auge zu. Und wenn sie aufhört, bekommt man nicht einmal mehr einen Kaffee in der Bar.

Eine Insel wie eine grüne Wand

Wir hatten das doch alles schon erlebt, all diese missglückten Idyllen zwischen Ponza und Lampedusa. „Ihr habt doch keine Ahnung“, hatten Luciana und Lorenzo uns ausgelacht. Und sie hatten natürlich recht.

Cres sieht vom lächerlich unscheinbaren Fährhafen in Brestova, der nicht einmal ein Dorf ist, aus wie eine einzige grüne Wand, wie ein riesiger, bewaldeter Steinriegel, der einen guten Kilometer draußen im Mittelmeer, genauer gesagt in der Kvarner-Bucht, daliegt. Die Fähre steuert pfeilgrad auf diese Wand zu, und wir sehen vor lauter Macchia, so heißt das Gestrüpp hier, nicht einmal die Straße, die uns dann in langen Serpentinen auf den Inselrücken führt. Einmal oben, müssen wir unsere Vorurteile korrigieren: Die Aussicht von einer Steilküste zur anderen, der Blick, der von Istrien bis Dalmatien quer über zwei Meeresbuchten reicht und die ferne Großstadt Rijeka gerade noch mitnimmt, ist wirklich wild. Und das Beste: Hier auf Cres, ein paar Kilometer Wasser entfernt von den Küstenautobahnen und den zersiedelten Badeorten, ist es sogar im Frühsommer noch auffällig leer.

Auf fremden Pfaden

„Macht doch mal die Fenster auf“, raten uns vom Rücksitz aus Luciana und Lorenzo, denn sie wissen ganz genau, was jetzt kommt. Ein merkwürdig würziger Duft weht ins Auto. Das, so unsere Freunde, sei die blühende Macchia, all der Ginster, die immergrünen Mittelmeerbäume wie Stein- und Flaumeichen und vor allem der Salbei. Salbei? Das ist doch dieses lappige Kraut, das man im Topf auf der Veranda ziehen kann und dann und wann fürs Kochen benutzt. Dass hier auf Cres diese Pflanze zu Hunderttausenden zwischen den Steinritzen gedeiht, das merken wir schon bei der Anfahrt nach Osor. Bis dahin haben wir uns an den zahllosen blaulila Salbeiblüten schon im Auto sattgesehen und -gerochen.

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