Der Weg zum Hotel führt über eine schmale Bergstraße. Oben der frühsommerliche Wald, unten der Vierwaldstättersee in der Dämmerung. Das Blau der Wellen verschwimmt mit dem Grau des Himmels, die perfekte Idylle. Bis ich in ein Kanonenrohr blicke. Das Kanonenrohr endet in einer Haubitze 1946. Ich bin in keinem Hotel, ich bin im Krieg.
Das ist durchaus Absicht. Dieses Hotel soll den Krieg vermitteln beziehungsweise die Zuflucht davor. Ein weitläufiger Armeebunker, in den Berg gehauen, mit allem, was dazu gehört, zwei Kampfständen, einem Handgranatenauswurfkanal. Ein Mann im Tarnanzug steht davor und lächelt, als würde er mich gerne hundert Liegestütze machen sehen. Es ist aber nur der Festungswärter. Er öffnet die schwere Eisentür, die in den Stollen führt. Gleich werde ich in meinem Zimmer sein, tief drinnen im Berg, zwischen Kanonen und Geschützständen.
Pistole zum Raclette
Dass der Krieg jetzt Tourismus ist, hat mit der Strategie zu tun, mit der die Schweiz einst Adolf Hitler abwehren wollte. Die hieß „Reduit“ und sah vor, die Alpen bis auf den letzten Mann zu verteidigen. Allerdings nur die Alpen, den Rest hätte man Hitler überlassen. Wie auch immer: 13.500 alte Militäranlagen stehen nun herum, Festungen, Schutzräume. Oder die vielen Schießstände mitten in der Natur, als Almhütten oder Bauernhäuser getarnt. Und zwar dermaßen präzise, dass man sogar Vorhänge auf die Betonwände malte und Fensterläden mit Herzen darin. Idylle, aus der Kanonenrohre ragen. „Falsche Chalets“ nennt man sie in der Schweiz.
Sie alle stehen heute leer, und keiner weiß so recht, was man damit anfangen soll. Das ist oft der Punkt, an dem der Tourismus ins Spiel kommt. So auch in Vitznau. Privatleute kauften das Artilleriewerk Mühlefluh, für 40.000 Franken, samt Nuklearkammer, Geschützersatzrohren, Stockbetten, Spinden. Noch ein paar Armeedecken und Schweizer Fahnen hinein, dazu eine Ausstellung über Hitler und das Reduit - fertig war das Festungshotel.
Die „Swiss Army Nights“, die man jetzt das ganze Jahr über im Bunker verbringen kann, beginnen in der Kantine. Die ist liebevoll mit Gewehren und Pistolen dekoriert, auf langen Holztischen stehen Raclette-Öfen. Zwei ältere Herren lassen Käsescheiben schmelzen. Sie sind Brüder und mit Söhnen und Schwiegersöhnen aus Zürich gekommen, Männerwochenende. Ich bin die einzige Frau im Bunker. Der uniformierte Festungswärter, Glatze, Schnauzer, Armeehumor, setzt sich zu mir.
Alles original 1941
Markus Erb gehört zum Verein, der die Festung betreibt. Neunzehn Leute sind sie, „achtzehn Männer und eine Frau, wir brauchen ja wen zum Putzen“. Eigentlich ist er Skilehrer, aber die Nächte verbringt er gerne im Krieg. Mit Schulklassen, Frauenturnvereinen, Managern der Schweizer Bahn - sie sind alle schon hier gewesen.
Ich schlage eine alte „Geo“ auf, die im Speisesaal liegt. Ein Artikel handelt von der Schweizer Reality-Show „Alpenfestung - Leben im Reduit“. Auf den Fotos die Kandidaten, wie sie sich in alte Uniformen zwängen und das Leben im Festungsbunker nachspielen, eines der beliebtesten Formate im Schweizer Fernsehen.
Ich kann mich allerdings nicht lange über das entspannte Verhältnis der Schweizer zum Militarismus wundern, denn jetzt geht es in den Krieg. Wir stapfen durch enge Gänge, vorbei an Tarnnetzen, Gasmasken, Maschinengewehren. Es riecht nach feuchtem Stein und Metall. Eisentür reiht sich an Eisentür, ein Stollen an den nächsten. Dazwischen Maschinenräume, Funkanlagen, düstere Hallen, bis an die Decke vollgestellt mit Granaten. Alles original 1941, selbst die Spritzen im OP. Oder das Schild mit dem riesigen Augapfel und der Warnung: „Spioniert wird jederzeit“.
Die Kita ist ein Bunker
Die Enge und das Dunkel machen mir Kopfschmerzen, die Männerrunde stürzt zur Kanone. Abgeschossen wurde sie zum Glück nur ein Mal, das war in den fünfziger Jahren. Man wollte böllern, um ein Haar hätte man den Kirchturm getroffen. Väter und Söhne streichen über das weißgraue Metall, wiegen Stahlgranaten in Händen wie Melonen im Supermarkt. Einer der Brüder erzählt vom Krieg. Sechs Panzer habe die Schweizer Armee 1939 gehabt, „und zwei davon sind verrostet gsi“.
Ich steige eine schmale Treppe hoch. Der Beobachtungsstand ist der einzige Ort im Bunker, an dem man ins Freie sieht. Unter mir liegt als schwarze Fläche der See, dahinter die Berge. Die sichtbare Schweiz. Aber es gibt eben auch eine unsichtbare Schweiz, die Schweiz der Bunker, Atomkeller, Zivilschutzräume. 300.000 sind es insgesamt, und sie sind Teil des Alltags. Ich selbst gehe jeden Tag in einen Bunker, fällt mir ein - in die Kita meiner Tochter.
Die befindet sich in einem Zweckbau im Zürcher Stadtteil Binz am Fuß des Uetlibergs. Doch statt den Blick in die Höhe schweifen zu lassen, muss man ins zweite Untergeschoss und eine graue Eisentür öffnen. Dann steht man in einem Raum mit dicken Betonwänden. Es ist hell und sauber, die Lüftung surrt. Wenn der Atomkrieg ausbricht, könnte man hier überleben. Noch bricht der Atomkrieg aber nicht aus, daher steht auf der Eisentür: „Wäggeliraum“. Die Eltern stellen im Bunker die Kinderwagen ab. Es sind vermutlich die bestgesicherten Kinderwagen der Welt.
Die Sau raus lassen
Die Welt unten erzählt viel über die Welt oben. Über die Ängste, die ein Land plagen, die Gefahren, die es sich ausmalt, Giftgasangriffe, Weltkriege, Nuklearkatastrophen. Wer die Schweiz wirklich verstehen will, schreibt der Schweizer Journalist Hanns Fuchs, darf nicht in Städten wie Zürich, Bern, Genf oder Luzern bleiben.
Er muss „an Orte wie Kilchlidossen und Wagliseichnubel, Wyssifluh, Obere-Untere-Nas, Gubel, Bäzberg, Fuchsegg, Sasso Pigna“, in die Bunker, Forts und Festungen. Wer die Schweiz wirklich kennenlernen will, muss unter die Erde.
Dort ist jetzt Schlafenszeit. In Vitznau werfen Väter und Söhne ihre Armeeschlafsäcke auf die Betten der Massenunterkunft. „Es ist verboten, mit Schuhen auf den Matratzen zu liegen“, steht auf einem Schild. In Socken klettere ich in ein Stockbett im Offiziersraum. Ich hätte auch das Doppelzimmer des Kommandanten nehmen können, samt kuscheliger Bettwäsche mit Schweizerkreuzen darauf. Aber das kam mir unpassend vor, wir sind schließlich im Krieg.
In der Ferne höre ich die Väter und Söhne lärmen. Ich muss daran denken, was mir der Festungswart beim Rotwein erzählte. Dass das Bunkerhotel auch deswegen so beliebt ist, weil die Leute „die Sau raus lassen“. In der Schweiz unten kann man das tun, was in der Schweiz oben so selten erlaubt ist: Krach machen, sich gehen lassen, feiern bis in die Puppen.
Ein Atombunker in freundlichen Farben
Ich lösche das Licht, es ist kalt und absurd dunkel. Irgendetwas rauscht und pocht. Ich weiß nicht, ob es die Lüftung ist oder das Blut in meinen Ohren. Ich wickle mich in meine Armeedecke und hoffe, dass dieser Krieg hier möglichst bald vorbei ist.
Was aus den Bunkern wird, ist unklar. 2011 fand der Nationalrat, dass man sie nicht mehr braucht, zwanzig Jahre nach Ende des Kalten Krieges. Es gab erste Ideen für eine friedliche Nutzung. Ein Bunker wurde Magazin für eine Bibliothek, die Schweizer Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin baten ins „Null Stern Hotel“. Sie malten einen Atombunker mit freundlichen Farben aus, stellten schöne Betten hinein und hängten Wärmflaschen an die Wände. Ein Jahr lang stand es offen. Das war noch Kunst und ironisch. Doch dann kam Fukushima, und den Schweizern ist es wieder furchtbar ernst mit ihren Bunkern.
Der nächste Morgen, ich schäle mich aus der Armeedecke. Es ist noch immer kalt und dunkel. Ich kann nicht sagen, ob ich zwei, zehn oder zwanzig Stunden geschlafen habe. Im Speisesaal wartet Festungswart Erb. Er hat Kaffee und Ovomaltine gekocht, auf dem Tisch stehen Hefezopf und selbstgemachte Marmelade. Nach dem Frühstück öffnet er die schwere Eisentür. Ich gehe hinaus in den Frühsommermorgen, in die Sonne, den friedlichen Tag. Zumindest bis sich irgendwo der nächste Bunker auftut, in einem Wohnhaus, einem Kindergarten oder einem Hotel.
Anreise: Die Festung Vitznau erreicht man von Zürich aus mit dem Zug. Die einfache Fahrt kostet 15 Franken (rund 12,75 Euro). Von Frankfurt/Main aus beträgt der Preis 125 Euro. Schöner ist esallerdings, von Luzern aus für 12,50 Franken das Schiff über den Vierwaldstättersee zu nehmen. Preis: 12,50 Franken)
Unterkunft: Eine Nacht im Festungshotel kostet ab 55 Franken. Die Buchung istist nur für Gruppen ab 15 Personenmöglich möglich, Übernachtung im Massenlager oder in Kajütenbetten. Armeeschlafsack, Wolldecke mit Schweizer Kreuz oder das DZ des Kommandanten kosten 15, 30 oder 80 Franken15, 30 beziehungsweise 80 Franken zusätzlich (www.festung-vitznau.ch).
Weitere Informationen: Tourismusinformation Vitznau: www.vitznau.ch Für Bunker-Fans: www.unterirdischeschweiz.ch. Mehr über „Falsche Chalets“ ist im gleichnamigen Bildband von Christian Schwager zu erfahren (Edition Patrick Frey, Zürich 2004, 141 Seiten, 54 Euro).
Ja, die Schweizer und ihre bunker
René Artois (Rene_Artois)
- 30.07.2012, 14:53 Uhr