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Türkei Kehr zurück mit einem Lächeln

 ·  Das neue Jahr wird heute um Mitternacht am Bosporus besonders enthusiastisch begrüßt. Denn Istanbul ist Europäische Kulturhauptstadt 2010. Die Erwartungen sind groß, die Ambitionen auch. Doch die wahre Kultur findet man auf der Straße.

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Der Junge windet sich. Seine Handflächen reiben sich am Stoff der Badeshorts, immer wieder greift er unsicher nach dem Geländer. Die Freunde haben sich getraut. Wie kleine Pfeile sind sie ins Goldene Horn geschossen, dass das Wasser bis auf die Tische der Restaurants im unteren Stockwerk der Brücke spritzte. Ihn aber hat im letzten Augenblick die Angst gepackt. Die Galatabrücke ist hoch. Die Schiffe, die sie passieren, sehen aus wie kleine Häuser. Jetzt, im Augenblick der Entscheidung, scheint sie doppelt so hoch zu sein. Außerdem ist der Sprung verboten. Passanten bleiben stehen. Mach das nicht, das ist doch Quatsch, sagt eine Frau. Was soll da schon passieren, da ist schon mein Großvater runtergesprungen, meint ein älterer Herr. Die vertreiben mir die Fische, schimpft ein anderer, der ein paar Meter weiter seine Angel ins Wasser hält. Ich erwisch' dich, ruft von unten aus dem Restaurant ein Kellner und schüttelt die Faust. Da tritt ein Polizist hinzu. Er legt dem Jungen den Arm um die Schulter. Schaut ernst. Er sagt: "Adam ol." - "Sei ein Mann."

Und der Junge springt.

Der ältere Herr lacht, die Frau nimmt ihre Einkaufstüten und geht. Der Angler schüttelt den Kopf und widmet sich wieder seinen Ködern. Jeden Tag steht er mit den anderen Anglern auf der Galatabrücke. So dicht, dass sie mit den in der Sonne glänzenden Schnüren aussieht wie ein riesiges Instrument. Dass in ihrem Rücken der Verkehr vorbeidonnert, stört die Männer nicht. Auch nicht, dass sie abends nur ein paar mickrige Fischlein nach Hause tragen. Die Brücke ist ihr Logenplatz: Lotsenschiffe, Fähren, Kutter ziehen unter ihnen dahin, in Richtung Bosporus und Marmarameer. Ganze Galeeren sollen auf dem Grund des Goldenen Horns liegen; kläglich versenkt bei dem Versuch, das sagenumwobene Byzanz zu erobern. Als es im Jahr 1453 schließlich gelang, baute Sultan Mehmet II. seinen Palast an die Stelle, von der man die Meere überwachen kann. Wie eine faule Echse heben sich die Giebel und Türmchen des Topkapi Serail aus dem Nachmittagsdunst. Schräg dahinter liegt die rosafarbene Kuppel der Hagia Sophia. Rund um die Brückenköpfe wuselt die Sechzehnmillionenstadt. Und dennoch wird es beim Blick von der Galatabrücke im Kopf ganz still.

Adresse unbekannt

Fragt man in Istanbul nach dem Weg, dann läuft es meistens so: Der Gefragte bedeutet einem freundlich mitzukommen, meistens in das nächste Geschäft. Dort wird dann ein Kind organisiert, der Sohn des Besitzers, der Lehrling, der Nachbarsjunge, der einem zu der unbekannten Straße führen soll. Wenn es schlecht läuft, wird kein Junge losgeschickt. Alle im Laden weisen dann gestenreich in irgendeine Richtung, obwohl sie keine Ahnung haben, wo die gesuchte Adresse liegt. Das zuzugeben bedeutete aber einen Gesichtsverlust. Kommt man tatsächlich dort an, wo man hinwollte, wurden einem meistens Teehäuser als Orientierungspunkt genannt. Obwohl es in der Stadt mindestens genauso viele alte Brunnen, Moscheen und Paläste gibt. Doch die meisten Istanbuler scheren sich weder um deren Namen, noch schätzen sie die architektonischen Besonderheiten. Das erschwert die Angelegenheit. Wenn es gar nicht anders geht, werden deshalb Ruinen und Baudenkmäler mit Attributen des Hässlichen und Fehlerhaften versehen. "Gehen Sie an dem kaputten Brunnen da vorbei und dann die Straße mit dem abgebrannten Haus entlang", zitiert der Nobelpreisträger Orhan Pamuk in seinem Buch "Istanbul" eine typische Wegbeschreibung seiner Mitmenschen. Für ihn drückt sich darin ,Hüzün' aus, diese der Stadt so eigene Melancholie des Vergänglichen, der kein Istanbuler entkommen kann.

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