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Samstag, 11. Februar 2012
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Türkei Herr Günay mag kein Säbelrasseln

21.03.2010 ·  Die Türkei hat als Partnerland der diesjährigen Internationalen Tourismusbörse vor allem eines versucht: Sympathisch zu sein. Allen voran schritt ihr Tourismusminister - wir sind ihm gefolgt.

Von Karen Krüger
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Herr Günay ist ein freundlicher Mann. Einer, der gern und viel lächelt, wenn er spricht. In seinem Gesicht tanzt dann ein feines Netz aus Fältchen. Herr Günay sei ein Mann der Ehre, jemand, dem man vertrauen kann, erzählt man sich über ihn in seiner Heimat, der Türkei: kein Politiker, der wie so viele andere in die eigene Tasche wirtschaftet. Seit dem Jahr 2007 gehört Herr Günay der konservativ-muslimischen AKP, der Partei von Ministerpräsident Tayyip Erdogan, an. Seit drei Jahren ist er Erdogans Tourismus- und Kulturminister und damit das Gesicht für das Reiseland Türkei. Zu den übrigen Regierungsmitgliedern, die niemals bei offiziellen Anlässen Alkohol trinken und deren Frauen Kopftücher tragen, passt er nicht so recht. Im Ausland ist das für die Türkei von Vorteil.

Dienstagnachmittag, im Pergamonmuseum: Keiner der Besucher nimmt von dem Tourismusminister Notiz. Nicht klein, nicht groß, mit grauem Haar und grauem Schnauzbart geht Herr Günay in der türkischen Delegation aus grauhaarigen, schnauzbärtigen Männern ein wenig unter. Nur dass da eine Traube aus Herren im schwarzen Anzug mit schnellem Schritt durch das Museum eilt, sorgt für Aufmerksamkeit. Herr Günay hat wenig Zeit. Seine Termine während der Internationalen Tourismusbörse in Berlin, der ITB, liegen dicht gedrängt. Er bleibt nur stehen, wenn er etwas betrachten möchte, verlangsamt nur das Tempo, wenn er mit einem Schulterblick kontrollieren will, ob seine Frau, eine Dame mit kurzgeschnittenem blond-braunen Haar, auch Schritt halten kann. "Guck doch mal, wie schön", ruft er ihr über die Männerköpfe zu und deutet auf einen mächtigen steinernen Löwen: "Vermutlich aus Athen, um 320 vor Christus" steht auf dem kleinen Schildchen geschrieben. Frau Günay ist entzückt, beinahe wäre sie mit dem Absatz ihres Stöckelschuhs an der Absperrung hängen geblieben. Herr Günay ist da schon in den nächsten Flur weitergeeilt, bewundert dort mit seiner Gattin einen Sarkophag aus der Westtürkei. Im Saal dahinter bleibt das Paar andächtig versunken vor einer Büste von Attalos dem Ersten stehen, gefunden am Südhang des türkischen Pergamon. "Die Nase, sie wurde restauriert", sagt Herr Günay. "Ich finde ihn trotzdem ganz wunderbar", raunt seine Frau. Man könnte sagen, dass es aussieht, als suche sich hier gerade ein Ehepaar etwas Schönes für zu Hause aus. Der Mann vom Pergamonmuseum, der Herr Günay und seine Delegation begleitet, unterbricht die Szene. "Hier entlang", sagt er.

Sehnsucht im Pergamon-Museum

Vor dem Museum, auf dem Weg zu seiner Limousine, die ihn zurück zur Messe zur Eröffnungsgala der ITB bringen soll, wird Herr Günay von einem Mann aufgehalten. Er ist nicht groß, nicht klein, trägt einen schwarzen Bart. Die beiden begrüßen einander, so herzlich, dass man meint, Herr Günay habe einen Verwandten vor sich stehen - vielleicht ein Cousin, den die Suche nach Arbeit nach Berlin gebracht hat. Oder einen Berliner Türken, der dem Minister zu seiner gratulieren will. "Das ist der iranische Tourismusminister", flüstert jemand vom Protokoll. Auch er will den Besuch der ITB nutzen, um im Pergamonmuseum Kunstschätze zu besichtigen, die aus seiner Heimat nach Berlin gebracht worden sind, damals im neunzehnten Jahrhundert, als man archäologische Funde noch zwischen dem Ursprungsland und den Ausgräbern aufteilte, das alles jedoch nach festen vertraglichen Regeln. Für die Direktion des Pergamonmuseums muss die ITB dennoch eine sehr angespannte Woche sein: so viele sehnsüchtige Besucher.

"Ich will will hier keine neue Diskussion über mögliche Rückgabeforderungen der Türkei anfangen", sagt Herr Günay, als er einen Augenblick später in seiner Limousine Platz nimmt. Doch es bereite ihm Schmerz, die Kunstschätze hier in Berlin und nicht in der Türkei zu sehen: "Ich muss ehrlich sein: Das ist ein schwieriges Kapitel für mein Land." Natürlich, das Museum sei wunderbar und alles hervorragend restauriert. Doch auch in der Türkei habe man inzwischen gelernt, achtsam mit den Schätzen der Vergangenheit umzugehen. Man will weg vom Image, dass es dort im Urlaub nur Strand zu erleben gebe. Heißt das auch, dass die Regierung sich endlich auch um den Erhalt der alten christlichen Stätten kümmern will? Herr Günay antwortet mit einem Satz, der sich schön anhört: "Wir sind bestrebt, Bedingungen zu schaffen, dass sich jeder Mensch, egal, welcher Religion er angehört, glücklich fühlen kann in der Türkei."

Hasankejf Bewahren

Der Tourismusminister, der vor seiner Karriere bei der AKP für seine linken politischen Ansichten bekannt war und deshalb nach dem Militärputsch im Jahr 1980 ein Jahr im Gefängnis verbringen musste, der Jura studierte und Bücher und viele Zeitungsartikel zu Themen der Kunst und Politik geschrieben hat, zählt auf, was er seit seinem Amtsantritt dafür geleistet hat: In der Kirche St. Nicholas in Antalya dürfen wieder zu bestimmten Zeiten Andachten gefeiert werden, St. Paul in Tarsus, der Geburtsort des Apostels Paulus soll wieder ganzjährig dem Gebet geöffnet werden. Dass diese Stätten Museen sind und damit keine Kirchen mehr im eigentlichen Sinn, verschweigt Herr Günay nicht. Vor wenigen Monaten forderte er, dass Italien die Gebeine des heiligen Nikolaus von Myra, dem heutigen Demre, zurückgeben soll. Sie wurden im elften Jahrhundert nach Bari entführt und dort in einer Basilika zur Ruhe gebettet. In der Türkei sieht man dagegen ein Museum für sie vor. Herr Günay erwähnt auch die Restaurierung der armenischen Heilig-Kreuz-Kirche auf der Insel Achtamar im Van-See, die von der türkischen Regierung immer wieder als Beispiel zitiert wird, wenn guter Willen bei der türkisch-armenischen Annäherung demonstriert werden soll. Was er nicht erwähnt, ist, dass es bei der Eröffnung des Museums keinen christlichen Gottesdienst gegeben hat. Auch nicht, dass die restaurierte Kirche kein Kreuz auf dem Dach trägt, weil die Türken sagen, dort habe es nie ein Kreuz gegeben. Doch es gibt Fotos. Sie beweisen das Gegenteil.

Herr Günay blickt durch das Fenster in die Berliner Baustellenwelt. Die Limousine wird immer wieder von Ampeln und Umleitungen aufgehalten. Neun Kulturstätten haben es schon auf die Liste des Unesco-Weltkulturerbes geschafft, um die Aufnahme von dreiundzwanzig weiteren bemühe sich die Regierung derzeit, sagt er. Und was ist mit Hasankejf? Warum stellt die Regierung keinen Antrag für jenen Ort im türkischen Südosten, der als ungehobene archäologische Schatzkammer gilt, wegen des Illisu-Staudamms aber bald überflutet sein wird, obwohl das Städtchen neun von zehn Unesco-Weltkulturerbe-Kriterien erfüllt? Herr Günay wendet den Blick vom Fenster, blinzelt, verzieht den Mund. Es wird ein Lächeln daraus. Natürlich wolle er die Stätte bewahren, antwortet er. Doch vor zwanzig Jahren sei dort mit dem Staudamm ein Projekt in Angriff genommen worden, das sich nicht so einfach stoppen lässt. "Wir werden Abhilfe schaffen, dass die archäologischen Stätten nicht überflutet werden." Wie das gehen soll, weiß Herr Günay noch nicht. Über das Schicksal von Hasankejf entscheidet er nicht allein.

Muslime, Juden und Christen

Dienstagabend, die Eröffnungsgala auf dem ITB-Gelände: Herr Günay steht allein im Blitzlichtgewitter. Herr Günay steht neben Herrn Wowereit. "Noch mal Glückwunsch nach Istanbul, die Europäische Kulturhauptstadt. Wer glaubt, es gäbe in Berlin Verkehrsprobleme, der soll mal nach Istanbul reisen. Jeder Stau hier ist eine Petitesse gegen das Verkehrschaos dort", dröhnt er ins Mikrofon. Dann ist Wirtschaftsminister Brüderle an der Reihe, er sagt "Natur ist Trend" und gibt das Wort an Herrn Laepple, den Präsidenten des Deutschen Reiseverbandes ab: "Herr Günay möchte etwas aus Berlin entführen, das seiner Meinung nach schon längst wieder in die Türkei gehört", sagt er. Jetzt tritt Herr Günay an das Rednerpult, er spricht von der türkischen Gastfreundschaft und davon, dass Reisende in der Türkei nicht als "Touristen", sondern als "Gäste" - als "Misafir" bezeichnet werden (am nächsten Tag wird die griechische Tourismusministerin dasselbe von ihrem Land erzählen), dass man in der Türkei nicht zwischen dem Islam, dem Judentum und dem Christentum unterscheide und dass der Tourismus nicht nur ein Wirtschaftsprojekt, sondern auch eines des Friedens sei: weil die Menschen einander kennen- lernten. Auf die Anspielungen von Herr Laepple geht er nicht ein.

Mittwochmorgen, Eröffnung des türkischen Standes auf der ITB: Herr Günay steht nun zwischen Herrn Wowereit und Herrn Brüderle. Alle strahlen, als er mit einer goldenen Schere das rote Band auf der Bühne durchtrennt. Über ihm drehen sich Discokugeln, hinter ihm hat der "Antakya Medeniyetler Korosu", der "Chor der Zivilisationen Antakya", Aufstellung genommen und singt ein Lied. Ihm gehören Muslime, Juden und Christen an. Auch er ist ein Vorzeigeobjekt der Türkei, wurde schon zu zahlreichen türkischen Festivitäten in ganz Europa und Amerika geschickt. So will sich die Türkei im Ausland präsentieren: als moderner Vielvölkerstaat. Früher dominierten Bauchtänzerinnen und säbelschwingende Türken mit riesigen Schnauzbärten das Bild. Seit Herr Günay das Sagen hat, ist Schluss damit.

Ein Diadem für Miss Istanbul

Herr Günay beginnt seinen Rundgang über den türkischen Stand, diesmal umringt von einer Menschentraube, die aus Journalisten, Protokoll und Reiseunternehmern besteht und um ein Vielfaches größer ist als jene im Pergamonmuseum. Jeder kennt ihn hier, die Messe ist sein Terrain. Ganz Politprofi schiebt er sich durch die Menschenmenge, schüttelt Hände, lächelt minutenlang für die Fotografen. Fragt man ihn jedoch, wo er am liebsten in der Türkei Urlaub macht, dann nennt er einen Ort in der Nähe von Kas, dort sei es ruhig und wunderschön, der organisierte Tourismus habe dieses Fleckchen Erde noch nicht entdeckt. An Herrn Günays Seite versucht nun das türkische Model Tülin Sahin Schritt zu halten. Sie sieht ein bisschen wie Cindy Crawford aus, wie Türken gern bemerken, und ist das Gesicht der Werbekampagne für Istanbul 2010. Miss Istanbul, auch so wird sie in der Türkei gern genannt, soll den Tourismusminister zu dem nachgebauten Tor der Divrigi Ulu-Moschee aus dem dreizehnten Jahrhundert begleiten, sie ist eine der dreiundzwanzig Unesco-Weltkulturerbe-Stätten; dann geht es zu einem Stand mit Silberschmuck aus Trabzon (auch Herr Günay stammt aus der Schwarzmeerregion). Der Tourismusminister ist charmant, das Diadem bekommt Miss Istanbul aber von einem anderen Herrn um den Hals gelegt (trotzdem ein schönes Motiv für die Fotografen). Sie trägt es auch noch, als Herr Günay am Stand von Turkish Airlines in einen Flugsimulator klettert, in dem man eine Landung auf dem Flughafen von Istanbul nachahmen kann. ,Time expired' - ,Zeit abgelaufen' zeigt das Computerspiel schnell an. Doch Herr Günay ist das jetzt egal. Man hat den Eindruck, er wolle stundenlang dort sitzen: mit dem Rücken zum Protokoll, den Blick auf die Landebahn von Istanbul gerichtet, den Steuerknüppel in der Hand. Manche Menschen in der Türkei sagen, dass Herr Günay der nächste türkische Staatspräsident sein wird.

Dann ist es Zeit für den ersten Verhandlungstermin, ein Treffen mit dem pakistanischen Tourismusminister Attar-Ur-Rahman. Man drängt zurück, zum Hauptmessestand der Türkei, vor dem noch immer der Chor aus Antiochia singt. Die pakistanische Delegation wartet schon. Alle zwängen sich das winzige Treppchen in den viel zu klein scheinenden zweistöckigen Aufbau hinauf. Eben noch hatte man in einem Werbefilm für die archäologischen Stätten im Westen der Türkei einen Nachbau des Trojanischen Pferdes gesehen. Plötzlich erscheint es wieder vor dem inneren Auge. Noch einmal öffnet sich das Türchen zu dem Verhandlungsraum, ein Mitglied des Protokolls kommt herausgestürzt. Ruhe, Herr Günay braucht Ruhe, der Chor soll aufhören zu singen, ruft er.

Ein Kurde zu Gast im Dom

Mittwochabend, Konzert des Antiochia-Chors im Französischen Dom: Herr Günay hat den kurdischen Musiker Sivan Perver zu dem Konzert geladen. In den siebziger Jahren war er nach mehreren Verhaftungen nach Deutschland emigriert - Sivan Perver hatte auf Konzerten auf Kurdisch gesungen. Jetzt steht Herr Günay neben ihm und stellt den Musiker vor als eine der schönsten Stimmen der Türkei, als Bruder, als Verwandten, der den Chor der Zivilisationen vervollständigen möge. Es ist eine kleine Sensation, schon die zweite an diesem Abend. Vor dem Dom hatte sich eine Handvoll Menschen versammelt, um für den Erhalt von Hasankejf zu demonstrieren. Herr Günay ging auf sie zu, sagte: "Ich bin auf ihrer Seite, wir werden eine Lösung finden." Dann schüttelte er dem Wortführer die Hand. Es war eine schöne Geste. Vielleicht sogar eine mit Folgen.

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