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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Trendsportarten im Test Von Holzwegen, Luftnummern und Wasserläufern

 ·  Wer keine Berge hat, klettert auf Bäume oder stakst mit Brett und Ruder über das Meer. Von beidem gibt es genug in der Bretagne: Zwei Trendsportarten im Selbstversuch.

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© Franziska Horn Beim Baumklettern darf man sich wie ein Eichhörnchen fühlen - nur leider nicht ganz so schwindelfrei.

Na ja, so richtig sinnvoll ist das jetzt nicht, oder? Einfach so den Baum raufhangeln, ohne Eier aus Nestern zu stehlen oder Katzen zu retten? Baumklettern als Selbstzweck, als Sport? Fünf Kletterstationen hat Instruktorin Emmanuelle Bertrand, kurz Manu, schon an den Ästen eines hohen Ahorns eingerichtet, als die Gruppe im Schlosspark des Château des Salles eintrifft. Die Schlossparkmauern umgrenzen ein weites Areal, darauf Bäume, wohin man schaut. Bis zu vierzig Meter hohe und teils seltene Exemplare schmiegen hier die Kronen aneinander. Eiben, Kastanien, Eukalypten, ein kalifornischer Sequoia mit überraschend weicher Rinde - und ein ganz besonderes Schmuckstück, eine Araukarie oder Andentanne, von den Franzosen bildhaft „désespoir des singes“ genannt: Verzweiflung der Affen. „Weil die spitzen, harten Nadeln den Affen das Klettern schwermachen“, erklärt Manu. Ob wir uns heute leichter tun werden als unsere tierischen Verwandten?

„Manche der Bäume sind bis zu dreihundert Jahre alt. Früher galt es bei Adeligen als Statussymbol, ausgefallene Pflanzen zu ziehen“, berichtet Manu. Manche der Stämme zählten bereits zur Zeit der Französischen Revolution viele Jahresring. Die knorrigen Veteranen haben Geschichte vorbeiziehen sehen, Stürme überstanden, viel erlebt. Schon ändert sich unser Blick auf die Pflanzen. Das war Manus Ziel, die Natur kennen- und schätzen zu lernen, Bäume nicht nur als Turngerät zu betrachten. Dürfen wir jetzt ran an den Baum? Fast.

Respekt - sonst Rache vom Kobold

„Baumklettern gibt es weltweit und hat sich aus dem Industrieklettern entwickelt“, erzählt Manu. Im Jahr 2004 hat die Einunddreißigjährige den Sportevent-Veranstalter „L’arbre à Lutik“ mitgegründet und schickt seitdem Erlebnishungrige auf Bäume oder in Felswände. „Ein Lutik ist ein Kobold, der gemein zu allen ist, die die Natur nicht respektieren.“ Sie selbst ist Profikletterin, hat diverse Ausbildungen absolviert, und entsprechend ernst nimmt sie das Thema Sicherheit. Erst wenn alle Teilnehmer mit Hüftgurt und Karabiner gerüstet sind, kann es losgehen. Fast.

„Erst müsst ihr euren Baum begrüßen, mal anfassen, anschauen - und ihn vorwarnen“, erklärt sie. Na klar, machen wir gern. Ist wohl der einfachste Teil der Übung. Jetzt ist Manu zufrieden und erklärt die Technik. „Bei dieser Methode, Prusiken genannt, hängt ihr euch mit dem Karabiner in die obere der beiden Seilschlingen ein, dann steigt ihr mit beiden Füßen in die untere Schlinge.“

In der Welt der Waldvögel

Plötzlich beäugen sechs Frauen ziemlich misstrauisch die Seile, die da aus zwanzig Metern Höhe lose herabbaumeln. Da hinauf, an frei hängenden Stricken, wie soll das gehen? „Ganz einfach. Wir verlagern das Gewicht und schieben die jeweils entlastete Schlinge nach oben.“ Manu macht es vor. Wie eine Raupe schiebt sie sich Stück für Stück an den Prusikschlingen hoch. Die simple Technik nutzen beispielsweise Alpinisten zur Selbstrettung, um aus einer Gletscherspalte aufzusteigen. Nach ein paar geübten Klimmzügen schwebt Manu vier Meter über dem Boden. „Wie kommen wir da überhaupt wieder runter?“, fragt eine von uns. Will man doch wissen, bevor man sich dem freien Luftraum anvertraut. Manu legt eine Hand auf den oberen Knoten, fixiert mit der anderen das Seil darunter, schiebt nach, rutscht abwärts. Flugs steht sie wieder auf beiden Füßen. Na dann. Die Erste fasst sich ein Herz, dann das Seil. Klickt sich in die obere Schlinge ein, setzt sich in den Gurt, steigt in die untere Schlinge, zieht diese hoch. Steigt in die untere Schlinge, schiebt die obere höher. Als etwas mühsam erweisen sich die ersten Meter. Doch dann läuft es wie von selbst. Mit der Höhe steigt das Glücksgefühl. Fünf Meter über dem Grund mischt sich ein mulmiges Ziehen aus der Magengegend dazu. Jetzt nicht nachdenken, weiter steigen. Schieben. Setzen. Ziehen. Wieder steigen. Acht Meter über dem Rasen, dann zwölf. Luft holen. Berauschend, sich aus eigener Kraft so hoch zu stemmen. Rundherum Grün, ein schwacher Windhauch bewegt die Blätter. So sieht sie also aus, die Welt der Eichhörnchen und Waldvögel. Die Köpfe unten sind ganz klein.

Dann ein massives Hindernis: Ein dicker Ast versperrt den Weg nach oben. Ein paar Verrenkungen, schon ist er überwunden und das Ziel in Sicht: Rund achtzehn Meter über dem Boden hat Manu knallrote Hängesitze in den Baum gespannt. Erst mal Pause machen. Der nächste Ast, dick wie ein Elefantenfuß, scheint der richtige Platz dafür. Draufstellen, durchatmen, umschauen. Da ist es wieder, das flaue Gefühl. Der Kopf sagt: Alles sicher. Der Bauch fragt: Wie hier wieder heil runterkommen? Der Hängesitz sagt: Nur noch zwei Meter. Von wegen einfach hochhangeln und reinplumpsen. Der Sitz hängt zu weit drüben. Also Schluss der Vorstellung. Zurücklehnen, in den Gurt setzen, Hand auf den Knoten, schieben, und ab geht es, erstaunlich einfach, 15 Meter zurück ins Reich der Erdbewohner.

Wie ein besoffener Pirat bei Windstärke elf

Zwei Minuten später stehen die Füße auf festem Boden. Schade. Doch Manu hat noch einen Baum vorbereitet, eine Eibe, die nun klassisch erobert wird: Eine Strickleiter reicht hinauf zu den tiefsten Ästen, dann folgt die Route dem Hängeseil, eng am Stamm entlang, mit Ästen zum Greifen und Abstützen. Doch beim ersten Schritt auf die Sprossen zieht es die Leiter weg. So muss sich ein besoffener Pirat fühlen, der ein Beuteschiff bei Windstärke elf entert. Manu hat ein Einsehen, hängt sich an die unterste Querstrebe, fixiert sie damit. Jetzt klappt es. Der Einstieg war das Schwierigste. Als die ersten griffigen Zweige erreicht sind, geht es rasch nach oben.

Doch die Äste haben ihre Abstände nicht auf die Schrittlänge des Menschen abgestimmt. In zehn Metern Höhe glänzt der stolze Stamm kerzengerade und weitgehend ohne Geäst. Mit einer kühnen Grätsche ist auch diese Hürde passiert. Die Wade krampft zwar etwas, doch weiter geht es, immer enger stehen die nadeligen Arme, immer schmaler zeigt sich der Stamm, bis schließlich in 22 Metern Höhe die Krone erreicht ist. Dieses Mal ist das Grün noch dichter. Es riecht harzig. Über mir, unter mir, neben mir dichte Nadeln, durchsetzt mit kleinen roten Beeren. Die Stimmen von unten dringen kaum durch. Abgeschnitten von der Welt, Auge in Auge mit benachbarten Wipfeln, ein starker Moment. Durch eine Lücke grüßt das spitze Turmdach der Kathedrale von Guingamp herüber. Entferntes Glockenläuten. Leichtes Schwanken. Vogelfreier Frieden. Doch auch der hat ein Ende. Auf Manus Kommando heißt es: zurücklegen, gegen den Stamm lehnen, ablassen. Im Nu ist das kleine Abenteuer vorbei, doch ein nächstes wartet, rund fünfzig Kilometer entfernt, an der Küste.

Der Himmel grau, der Kanal erhängt sich

Der Staubwasserregen schmeckt nach Salz, vermischt sich mit der Gischt der Brandung, die Luft ist voll davon. Wo ist oben, wo unten, wo endet der Regen, wo beginnt das Meer? Die See, der Horizont, der Himmel, alles hat eine einzige Farbe: Grau. Betongrau. Steingrau. Lichtgrau. Nebelgrau. Grau „dans tous les états“ würden Franzosen es wohl nennen. Grau, die Unfarbe, in all ihren faszinierenden Nuancen, die sie im Repertoire hat. Diese Schlechtwetterstimmung am Meer hat kaum einer besser beschrieben als der belgische Chansonnier Jacques Brel in seinem Lied „Le plat pays“: „Avec un ciel si gris, qu’un canal s’est pendu“, singt er langsam und ziemlich drastisch: „Mit einem Himmel, der so grau ist, dass ein Kanal sich erhängt hat.“

Starkes Bild. Starke Landschaft. Schon wünscht man sich einen Kamin aus Naturstein herbei, jede Menge trockenen - natürlich hiesigen! - Cidre dazu, dicke heiße Fischsuppe und hinterher eine Ladung bretonischer Bonbons „au beurre salé“, Karamellbonbons mit gesalzener Butter. Salzbutter ist typisch für die Bretagne und steht als Synonym fürs Ganze: Man nimmt sie für Milchmarmelade, für Saucen, Kekse, Kuchen, Bonbons und ganz pur, als Butter natürlich. So lieblich die Gegend sein kann mit ihrer üppigen Botanik, mit beschaulichen Zwergpalmen und Hortensiensträuchern vor gepflegten Natursteinkaten: In diesem nordwestlichen Küstendepartement Frankreichs schwingt immer ein Hauch Melodrama mit. Wie schön.

Am Ende der Welt, oder am Anfang?

Kurz bevor das Grau alles verschlingt, schlägt das Wetter um. Von dunkel auf hell, von stürmisch auf still, das ist Teil der Faszination, Teil dieser Region. Die Wolken reißen auf, Sonne taucht die Szenerie in neues Licht. Alles scheint neu. Finistère nennen die Franzosen ihr bretonisches Departement, Ende der Welt. Die Bretonen sehen das anders. Penn ar bed, Anfang der Welt, nennen sie ihr Land. Alles eine Frage der Perspektive.

Weit draußen zeichnen sich die kargen Linien der Sept-Îles ab. Der Weg endet am flachen, sichelförmigen Sandstrand von Trestraou, wo Surfmeister Alexis Deniel seine Schule namens „ESB Perros-Guirec“ hat. Alexis ist nicht irgendein Surfer, als mehrmaliger französischer Champion gehört der Siebenundzwanzigjährige zu den besten Wellenreitern Europas. Dafür ist sein Auftreten reichlich unprätentiös, kein lässiges Szene-Gehabe, keine halblangen, gesträhnten Locken im Wet-Look. Das alles braucht Alexis nicht. Er hat, was er will, und er will nur eins: surfen, auf dem Wasser sein, draußen, bei jedem Wetter, in der Natur. Darauf hat er seinen Beruf aufgebaut und auch sein Leben. „Je suis content“, sagt er, ich bin zufrieden.

Polynesisches Paddeln in Neopren

Seit fünf Jahren unterrichtet er neben Surfen auch Stand-up-Paddeln, kurz SUP. Eigentlich wollte Alexis heute mit der Gruppe hinaus zu den farbigen Felsen der Küste, doch das Meer ist heute „mauvais“, zu bewegt, also erhalten wir die erste Lektion am Strand und ziehen dann in der Bucht unsere Bahnen. Von Kopf bis Fuß in Neopren gesteckt, waten wir hüfttief ins kühle Wasser. Dann heißt es vorsichtig aufs Brett steigen, knien, wechselnd links und rechts paddeln. „Wenn das klappt, langsam aufstehen, die Füße hüftbreit stellen, paddeln, Wellen im rechten Winkel anschneiden.“

Es klappt, zumindest meistens: Ein paarmal in die Wellen zu platschen gehört bei Anfängern dazu und ist Teil des Vergnügens. Wie man auf dem Board steht, hat man schnell raus. Das Gleichgewicht jedoch auch bei größeren Wellen zu halten zählt zu den fortgeschrittenen Übungen. „Dieser Sport ist uralt und stammt aus Polynesien, dort fuhr man von Insel zu Insel. Nach drei, vier Übungseinheiten von zwei Stunden hat man das Paddeln gut drauf“, erzählt Alexis, „egal, ob man acht Jahre alt ist oder 78.“

Als die Flut kommt und den Wasserpegel höher treibt, ist Schluss mit dem Basisunterricht. Schließlich gehören die Gezeitenunterschiede der Bretagne zu den stärksten weltweit. Jetzt schlägt die Stunde der Könner - bis zu dreißig Brettartisten tummeln sich inzwischen in den anrollenden Wellen. Vorneweg Alexis mit seinem Surfkollegen Robin. Und uns bleibt nichts, als am Strand zu stehen und den wendigen Turns des Meisters zuzuschauen.

Informationen: Die Surfschule von Alexis Deniel findet man im Internet unter www.esb22.fr, die Website der Baumkletter-Events von Manu Bertrand unter www.arbrealutik.com. Allgemeine Informationen gibt es beim Tourismusverband der Bretagne unter www.bretagne-reisen.de.

Quelle: F.A.Z.
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