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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Trauerreisen Am Ende des Weges

Dies ist eine Reisegruppe, zu der keiner gehören will. An sogenannten Trauerreisen nehmen Hinterbliebene teil. Eine Wanderung durch das bayerische Voralpenland, bei der Sprechen wichtiger zu sein scheint als die Schritte.

© Kera Till Vergrößern „Du bist nicht allein. Wir sind für dich da“: Trauernden hilft es, mit anderen sprechen zu können

Und dann weint er. „Ich habe meinen großen Sohn verloren, meine Frau ist tot - was ist, wenn nur ich übrigbleibe?“, fragt Erhardt*. Der Mann in der Trainingsjacke seines Lokalvereins spricht mit fränkischem Akzent. Hinter seinen dicken Brillengläsern schaut er in die Runde. Den anderen elf Personen am Holztisch im Besprechungsraum des Landhotels stehen Tränen in den Augen. Erhardt hat lange gebraucht, bis er über seine Angst sprechen konnte. Es ist der vorletzte Abend einer Reisegesellschaft, zu der keiner gehören will - und einer der wenigen Momente, der dem entspricht, was sich die meisten unter einer Trauerreise vorstellen: Menschen, die den Partner, ihr Kind oder den Job verloren haben, sitzen beisammen, und manche weinen.

Die Tui bietet Trauerreisen an, es gibt Segeltörns und Klosteraufenthalte für Trauernde oder, wie hier, im bayerischen Voralpenland, Wanderungen. Reisen für Menschen, die einen Verlust erlitten haben, gehören mittlerweile ins Standardrepertoire vieler Reiseanbieter. Noch vor zehn Jahren waren es vor allem Trauerbegleiter und religiöse Einrichtungen, die Reisen dieser Art anboten - als Reaktion auf die Feststellung, dass es Trauernden oft schwerfällt, alleine oder in Reisegruppen voller fröhlicher Menschen ihren Urlaub zu verbringen. Doch mittlerweile sind auch große Reiseanbieter auf den Trend angesprungen. Die Tui hat sogar ein eigenes Team für die Thematik.

Norbert Parucha, 58 Jahre, Lachfalten und von der Sonne gebräunte Haut, leitet seit 15 Jahren Reisen für das bayerische Pilgerbüro. Vor zwölf Jahren hat er auf dem Jakobsweg sein persönliches Trauerjahr beendet, 2004 kam ihm unterwegs die Idee, weniger Kilometer zu gehen, mehr Pausen zu machen und sogenannte Impulse - Gedichte, Gebete, Liedtexte oder Aphorismen - in die Wanderungen zu integrieren. Seit einiger Zeit bietet er Trauerreisen für das Pilgerbüro an; meist sind sie ausgebucht.

Aufbruch

„90 Prozent der Dinge, die wir im Alltag tun, tun wir unbewusst“, sagt er am ersten Morgen. Es ist Vorstellungsrunde. Im „Landhotel zum Metzgerwirt“ im oberbayerischen Bad Kohlgrub stehen Frühstücksreste auf den Kacheltischen. „Ich war vor zwei Jahren dabei und hatte Lust, die tolle Erfahrung noch mal zu machen“, sagt Erhardt zum Auftakt. Die Frau neben ihm, ihren Augen sind die vielen Tränen anzusehen, sagt: „Ich habe meinen Mann verloren.“ Als Einzige trägt sie einen schwarzen Pullover, die meisten haben Funktionsjacken an, nicht eben typische Trauerkleidung, aber das ist auch keine typische Trauergesellschaft. Jeder fasst in kurzen Sätzen zusammen, was ihn hergeführt hat.

Der Tag steht unter dem Motto Aufbruch. „Wenn ich aufbreche, lasse ich viel daheim zurück, Geborgenheit, Bekannte, Gewohnheiten“, sagt Parucha auf den ersten Metern der Wanderung. Im Nieselregen, „wie passend“, ist immer wieder zu hören, geht es entlang saftig grüner Felder zur Wieskirche, der bayerischen Pilgerstätte. Gemeinsam gehen die Wanderer durch die mit viel Gold geschmückten Kirchenräume. Eine Schwester hält eine Rede, es folgt ein Gebet, und danach geht es weiter in der regenfrischen Luft, erst jeder für sich, dann teilen die Ersten den Regenschirm. Es ist ein vorsichtiges Annähern, ein allmähliches Erzählen: Erhardt hat in den 80er Jahren seinen Sohn bei einem Motorradunfall verloren, nun ist seine Frau gestorben.

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