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Transnistrien : Und an jeder Ecke grüßt Genosse Lenin

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Versorgungslage postsozialistisch: In Transnistrien erinnert zwar noch vieles an die alte Sowjetunion - nicht aber das Warenangebot im öffentlichen Raum. Bild: Jörn Klare

Transnistrien ist ein Möchtegernstaat, der von keinem Land der Erde anerkannt wird. Wer aber dieses seltsame Gebilde besucht, bekommt etwas Besonderes geschenkt: einen schönen Eindruck vom Alltag in der ehemaligen Sowjetunion.

          Er könne auch einen Haarschnitt, Modell „transnistrische Frisur“, vermitteln, sagt Andrej Smolenskij. Seine Frau arbeitet als Friseuse und würde das mit „makelloser Professionalität“ erledigen. Er lächelt. Vielleicht grinst er auch nur. Schwer zu sagen. Andrej ist 28 Jahre alt und wirkt schon auf den ersten Blick sehr charmant und ziemlich cool. Beim zweiten Blick fällt noch auf, dass er auch die eine oder andere Spielart der Ironie perfekt beherrscht. Das hilft im Leben allgemein und ganz besonders hier. Denn Andrej ist nach Selbstauskunft nicht nur „ein Mensch der Erde“, sondern eben auch ein Bürger Transnistriens. Und das ist sein Problem.

          “Transnistrien“ bedeutet so viel wie „jenseits des Dnjestr“, was wiederum der Name des Grenzflusses ist, der den 200 Kilometer langen und teilweise nur zwei Kilometer breiten Landstrich von der Republik Moldau trennt, während im Osten gleich die Ukraine beginnt. Zweieinhalb Flugstunden von Frankfurt entfernt leben hier 500.000 Menschen mit eigenen Ausweisen, einer eigenen Währung, einer eigenen Polizei, einer eigenen Cognac-Fabrik und einer eigenen demokratisch gewählten Regierung. Auch wenn alles da ist, was ein Land so braucht, fehlt etwas ganz Entscheidendes: Anerkennung. Die Pridnestrowskaja Moldawskaja Respublika, so der selbstgewählte offizielle Name, wird von keinem anderen Land der Welt als eigenständiger Staat akzeptiert. Andrej findet das traurig. Ansonsten lebt er gern hier.

          Ewiger Dank gebührt dem Feldherrn Suworow

          Die Gründe, wieso Transnistrien nur ein Möchtegernstaat ist, sind kompliziert. Andrej kann die Geschichte und die Geschichten dahinter erzählen. Nur nicht alle auf einmal. Und auch nicht jetzt. Wir stehen nämlich gerade mitten in der Hauptstadt Tiraspol, die 1792 von dem russischen Feldherrn Alexander Suworow gegründet wurde. Dem begegnet man dafür aus Dankbarkeit auf so gut wie jeder transnistrischen Banknote und als übergroßem Reiterdenkmal am großen, absolut paradefähigen Suworow-Platz inmitten der Stadt. Ansonsten leben hier 150000 Menschen mit einer Universität, einem Regierungssitz, vielen Ministerien und sehr vielen quadratisch-funktionalen Plattenbauten, die selten mehr als fünf Stockwerke haben. Und um es gleich zu sagen: Es gibt nicht so wahnsinnig viel zu sehen in Tiraspol. Die Stadt wuchert nicht mit Sehenswürdigkeiten, wirkt dafür aber ausgesprochen freundlich und aufgeräumt. Als Ausgleich zu den fehlenden Schauwerten lässt sich in Tiraspol aber ganz wunderbar nachspüren, was Andrej den „alten Geist der Sowjetunion“ nennt. Damit meint er allerdings nicht KGB und GULag, sondern das alltägliche Leben der Sowjetbürger. Was nach Nostalgie klingt, ist in Tiraspol gelebte Normalität mit einer allerdings guten und damit doch eher unsowjetischen Versorgungslage.

          Vergangenheitsbewältigung auf transnistrisch: Genosse Lenin an die Wäsche zu gehen käme hier niemandem in den Sinn.
          Vergangenheitsbewältigung auf transnistrisch: Genosse Lenin an die Wäsche zu gehen käme hier niemandem in den Sinn. : Bild: Jörn Klare

          An so gut wie jeder Ecke grüßt eine Leninstatue oder Leninbüste, und vor dem Rathaus huldigt auch heute noch die Tafel der Ehrenbürger der ehemaligen Direktorin des städtischen Apothekervereins als „verdienter Arbeiterin des Sozialismus“. Von hier aus schlendern wir unter großen Laubbäumen den breiten Bürgersteig der „Straße des 25. Oktober“ hinunter, die an den Tag im Jahr 1917 erinnert, an dem die Bolschewiki in St.Petersburg die Macht übernahmen. Im Gegensatz zu zahllosen Umbenennungen von Straßen und Plätzen in anderen osteuropäischen Städten hat man in Tiraspol nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion das meiste so gelassen, wie es war. Wer am Suworow-Platz zwangsläufig dem großen transnistrischen Staatswappen begegnet, sieht eine Fülle von Trauben, Ähren und Pfirsichen, garniert mit Hammer, Sichel und Sowjetstern auf prächtig leuchtendem Rot. Andrej zitiert den Außenminister: „Wir führen keine Kriege gegen die Geschichte.“ Während wir in den Schaufenstern die ukrainische Mode der neunziger Jahre bewundern, macht Andrej keinen Hehl daraus, dass er sich gern an seine „sorgenfreie“ sowjetische Kindheit erinnert.

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