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Thüringen Das graue Band der Sympathie

26.07.2010 ·  Thüringen wirbt um Radtouristen. Dass die Strecken nicht perfekt ausgebaut sind, macht sie besonders attraktiv. Bezaubernde Flusstäler und historische Städtchen sind nur noch Pünktchen auf dem i.

Von Gerhard Fitzthum
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Kräftig in die Pedale zu treten erzeugt nicht immer auch das Gefühl, gut vorwärtszukommen. Manchmal ist sogar das Gegenteil der Fall: Auf einer vielbefahrenen Straße etwa, aber auch auf einem jener überbreiten und schnurgeraden Asphaltbänder, die in den letzten Jahren eigens für Radler in die Landschaft gelegt wurden. Gerade hier, wo man weder von Bodenunebenheiten noch von Kurven und Engpässen aus dem Tritt gebracht wird, erscheint es einem, als komme man überhaupt nicht von der Stelle.

Wer in seiner Radlerbiographie immer wieder von solchen "Durststrecken" geplagt wurde, ist vom Nordthüringer Unstrutradweg umso schneller begeistert: Statt auf einer glatt gebügelten Einheitsrollbahn geht es hier immer wieder auf behaglichen Weglein dahin, die oft nur eineinhalb Meter breit und hin und wieder sogar ungeteert sind. Kaum zu glauben, dass man auf einem Fahrradsattel der Natur noch so nahe kommen kann - den munter sprudelnden Wasserläufen, dem frischen Ufergehölz und den Blumenwiesen, auf denen Schafe und Ziegen stehen.

Jeder dritte steigt aufs Rad

Kämen die Massen, die jedes Jahr an Main, Donau oder Elbe entlangradeln, so hätte man mit dem bescheidenen Ausbaustand hier und da natürlich ein Problem - in Nebra etwa, wo es auf einem Pfad durch den Steilhang geht und man bei Gegenverkehr absteigen muss. Doch sie kommen nicht und sind vorerst auch nicht zu erwarten. Denn Thüringen gilt nicht gerade als Radlerdestination. Mit dem Freistaat assoziieren Touristen vor allem den Rennsteig und damit waldreiches und gebirgiges Terrain. Zudem haben die Verantwortlichen den Radeltrend etwas verschlafen. Saale- und Werraradweg haben unter Insidern zwar seit langem einen klingenden Namen. Wer kennt aber schon die Strecken an Unstrut, Gera und Elster? Wer hat überhaupt jemals von diesen Flüssen gehört?

Dass in den stillen und radlerfreundlichen Flusslandschaften ein Riesenkapital liegt, wurde erst vor zwei Jahren erkannt. Die Marktforscher des Kölner Trendscope-Instituts hatten herausgefunden, dass jeder fünfte Thüringen-Urlauber aufs Rad steigt. Rasch wurden nun die vorhandenen Radwege zu einem flächendeckenden Netz verbunden und sogar ein hauptamtlicher Landesradwegewart angestellt. Inzwischen sind dreizehn Radfernwege mit immerhin tausendsiebenhundert Kilometern durchgehend markiert worden. Jedes Jahr kommen neue Themenwege hinzu, zuletzt eine "Erlebnis-Route" auf den Spuren von Johann Sebastian Bach.

Hunderttausend Radwanderkarten

"Mag sein, dass wir bislang ein radtouristisches Entwicklungsland waren", sagt Elfriede Grabe, die Produktmanagerin für den Natur- und Aktivtourismus, "inzwischen ist das Angebot jedoch da und muss nur noch professionell kommuniziert werden!" Dies geschieht derzeit als großangelegten Medienoffensive "Fahr Rad 2010 - am besten in Thüringen", die sich die Landestourismusorganisation eine viertel Million Euro kosten lässt. Im Internet findet sich nun ein vorbildliches Radlerportal mit Routenverläufen, Höhenprofil und anderen wichtigen Hinweisen. Außerdem wurden hunderttausend Radwanderkarten gedruckt, die kostenlos verteilt werden, und es wurden Flyer in Magazine und Zeitschriften eingelegt.

Im Mittelpunkt der Kampagne steht der Radwanderweg an der Ilm, bei dem die Marktforscher erstaunliche Umfragewerte ermittelten: Mehr als zwei Drittel seiner bisherigen Nutzer wollten ihn weiterempfehlen, und mehr als jeder zweite gab an, die Strecke noch ein weiteres Mal fahren zu wollen. Vermeintliche Top-Destinationen wie Rhein und Mosel scheinen auf Radtouristen weit weniger Eindruck zu machen als die abgelegene Talschaft am Nordabhang des Thüringer Waldes.

Dichter und Denker

Geht es nach dem Landrat des Landkreises Weimar, so wird die hundertfünfundzwanzig Kilometer lange Route nun zum "schönsten Radweg Deutschlands" weiterentwickelt. Den Grundstein soll die Zertifizierung legen, mit der der Allgemeine Deutsche Fahrradclub beauftragt wurde. Von einem Qualitätssiegel verspricht man sich die Medienwirksamkeit, die dem Wegenetz des Landes bislang noch fehlt. Das Ergebnis der Qualitätsprüfung wird mit Spannung erwartet, da die Route kaum die strengen Ausbaukriterien des ADFC erfüllt und trotzdem so beliebt ist. Unterwegs erkennt man die Stärken des Ilmradwegs freilich sehr schnell: Er verläuft fast immer autofrei und vor allem stets flussnah durch eine abwechslungsreiche Landschaft, wobei er jene belebende Abwechslung verschiedener Wegtypen bietet, die in reicheren Bundesländern längst dem Trend zur Überdimensionierung zum Opfer gefallen ist.

Genauso faszinierend ist die Fülle der Sehenswürdigkeiten unterwegs: Wer zwischen Ilmenau und Bad Sulza auch nur die wichtigsten Kulturdenkmäler gesehen haben will, schafft allenfalls einen Bruchteil der hundertzwanzig Kilometer, die der ADFC als täglichen Entfernungsstandard für Qualitätsrouten betrachtet. Ab Ilmenau dringt man mit jeder Pedalumdrehung tiefer in die deutsche Kulturgeschichte ein. Vom Ilmtal gingen im achtzehnten Jahrhundert die entscheidenden Impulse für Literatur, Kunst und Musik aus. Ermöglicht wurden sie von einem jener kleinen Fürstentümer, die ihre machtpolitische Bedeutungslosigkeit durch Repräsentation kompensierten - und sich deshalb mit Dichtern und Denkern schmückten. Dreh- und Angelpunkt war das Ilmstädtchen Weimar, in dem sich Geistesgrößen wie Goethe, Schiller und Wieland versammelten und später die Begründer des Bauhauses Architekturgeschichte schrieben.

Thüringer Städtekette

Die Entscheidung, den Ilmradweg zum Markenzeichen des Thüringer Radtourismus aufzubauen, hat einen weiteren Grund: Die Fahrt in Fließrichtung vorausgesetzt, gibt es kaum längere Steigungen. Dass sich die körperliche Anstrengung in Grenzen hält, gehört nun mal zu den Erfolgskriterien eines zeitgemäßen Radfernwegs. Die neue Grundlagenstudie des Deutschen Tourismusverbands zeigt, dass der Radelboom der vergangenen Jahre nicht nur sportlich begründet ist. Dominiert wird der Markt vielmehr von Urlaubs- und Reiseradlern, denen es nicht um Fitness und Leistungsbeweise geht, sondern um Entspannung und Genuss.

Durch geringe Steigungen überzeugt auch die neue "Thüringer Städtekette". Mit der Kurzweiligkeit des Ilm-, Unstrut- und Geraradwegs kann diese 225-Kilometer-Ost-West-Verbindung jedoch nicht mithalten. Von Eisenach bis Jena rollt der Kulturradler durch die ausgeräumten Agrarlandschaften des Thüringer Beckens, in denen es an landschaftsprägenden Flüssen und markanten Geländeprofilen fehlt. Zudem hat man im Korridor von ICE-Strecke und A4 weltweit agierenden Konzernen billigstes Land verkauft, so dass sich hier jene modernen Gewerbehallen reihen, von denen der größte Teil Thüringens verschont geblieben ist. Auch wird man immer wieder über weite Strecken auf Autostraßen geschickt.

Burgen und Schlösser

Attraktiv ist das Angebot dennoch, denn die Route macht mit bezaubernden Orten jenseits der Touristenmagneten Erfurt und Weimar bekannt. So besticht die Residenzstadt Gotha durch eine komplett erhaltene, kopfsteingepflasterte Altstadt ohne Bausünden. In einen Interessenkonflikt gerät der Kultur- und Genussradler, wenn das im Gebirge thronende Kyffhäuser-Monument am Horizont auftaucht. Natürlich möchte er sich diesen strapaziösen Anstieg ersparen. Ansonsten erzwingt das Thüringer Radwegenetz kaum jemals mühsame Abstecher. Handel und Verkehr spielten sich in früheren Zeiten entlang der Flüsse ab. Historische Sehenswürdigkeiten sind hier wie an einer Perlenschnur aufgereiht - an der Unstrut die mächtige Wasserburg von Heldrungen und das alte Benediktinerkloster von Memleben, an der Saale die Zisterzienser-Basilika von Schulpforte und die Burgen Saaleck und Rudelsburg und an der Werra das einmalige Brückenensemble von Creuzburg.

Nicht minder spannend sind die Burgen und Schlösser, die in DDR-Zeiten links liegengelassen wurden - die gewaltige Burgruine Wendelstein an der Unstrut etwa oder die Renaissance-Basilika von Breitungen an der Werra. Über solchen sich selbst überlassenen Orten liegt noch die Aura der Vergänglichkeit. Nichts wirkt aufgeputzt und inszeniert, zudem bleibt man von Touristenscharen verschont. Wer sich die Zeit nimmt, die steinernen Zeugen des Mittelalters auf eigene Faust zu erkunden, merkt sehr schnell, was ihm sonst entgeht: Der Zauber der Vergangenheit verschwindet ja immer dort, wo man ihn in sanierten Räumen zu konservieren versucht.

Klangteppich des Wassers

In dieser Authentizität liegt wohl der größte Trumpf des deutschen Ostens: In den neuen Bundesländern wurde seit dem Mauerbau weit weniger Kulturgut abgeräumt oder musealisiert als in den alten. Allein an der Ilm sind noch zehn der ehemals fünfundfünfzig Wassermühlen in Betrieb, die meisten anderen stehen noch. In der sozialistischen Ära schossen zwar auch Industriegebäude mit hässlichen Kunststofffassaden aus dem Boden, oft wurden aber auch die historischen Backsteinfabriken weiter benutzt. Unter den Bedingungen der fortschreitenden Deindustrialisierung gammeln viele von ihnen nun vor sich hin, für andere haben sich neue Nutzungen gefunden - die alte Ölmühle von Eberstedt etwa wurde zum attraktiven Gastronomiebetrieb. Dort sitzt man auf einer verwegenen Terrassenkonstruktion direkt über dem Mühlrad, eingehüllt in den betörenden Klangteppich des Wasserrauschens. Der Blick fällt in die liebliche Ilmtalaue und auf das schwimmende Hüttendorf, in dem der Radler für kleines Geld übernachten kann. In den Gläsern glänzt der köstliche Grauburgunder, der an den nahen Muschelkalkhängen kultiviert wird - dem nördlichsten Weinanbaugebiet des Landes.

Nicht alle dieser beispielhaften Investitionen sind touristisch motiviert. Und doch wäre kaum einer der entstandenen Betriebe überlebensfähig, wenn der touristische Aufschwung ausbliebe. Die Zeichen stehen günstig: Allein in den letzten fünf Jahren sind in Thüringen die Einnahmen aus dem Fremdenverkehr von 1,9 Milliarden auf 3,2 Milliarden Euro gestiegen. Profitiert haben zwar vor allem die historischen Städte und die bekannten Wanderreviere. Im restlichen Land könnte sich nun aber der vor kurzem noch belächelte Radtourismus zum Wirtschaftsfaktor entwickeln, wenn nicht gar zum Rettungsanker.

Seitenblick auf den Alpenraum

Ein solcher ist fast überall im Land auch nötig. Auch wenn die Arbeitslosigkeit niedriger ist als in anderen neuen Bundesländern, sieht es abseits der beschäftigungspolitischen Gunsträume Erfurt, Weimar und Jena mit einer Quote von bis zu achtzehn Prozent weniger gut aus. Immer mehr Menschen verlassen das Niedriglohnland, besonders in Ostthüringen und im Kyffhäuser-Gebiet. Seit der Wende haben hier manche Städtchen ein Fünftel ihrer Einwohner verloren. Geblieben sind meist nur die Alten.In dieser demoskopischen Entwicklung kann man auch eine Chance sehen. Siebzig Prozent der Thüringen-Gäste geben an, wegen Landschaft und Natur in Deutschlands grüne Mitte zu kommen. Dann folgen mit Abstand "Neues entdecken", "Kultur", "Nähe zum Lebensort" und "Gute Radwege und Trails".

Weil die Verbrachung kaum noch aufzuhalten ist, wird den Verantwortlichen gar nichts anderes übrigbleiben, als aus der Not eine Tugend zu machen und die Folgen der Landflucht touristisch zu vermarkten. In einer Gesellschaft, in der die Menschen zunehmend unter Lärm und Hektik leiden, werden naturnahe Regionen mit hoher Aufenthaltsqualität aber nicht nur ihren Platz, sondern langfristig sogar einen Standortvorteil haben. Der Nahraum von Weimar verzeichnet jedenfalls schon heute einen enormen Zuzug aus dem Westen - vor allem von älteren Menschen, die dort ihren Lebensabend verbringen wollen. Eine gewisse Hoffnung könnte ein Seitenblick auf den Alpenraum machen, in dem der entsprechende Strukturwandel bereits abgeschlossen ist. Hier wächst die Bevölkerung seit langem wieder schneller an als im restlichen Europa. Womöglich wird in den rapide wachsenden Peripherien Mitteldeutschlands Ähnliches passieren, es braucht nur etwas Zeit und ein ernsthaftes Umsteuern auf extensive Entwicklungskonzepte, die aus den naturräumlichen Gegebenheiten und der Nähe zu attraktiven Kulturangeboten gleichermaßen Profit schlagen.

Widerstände willkommen

Dabei wird der Weg zur Freizeitregion zu einer Gratwanderung. Es muss ein Mittelweg zwischen schicksalergebenem Nichtstun und gedankenlosen Materialschlachten gefunden werden. Es ist ein Dilemma: Passt man sich nicht den westlichen Maßstäben an, riskiert man, den Anschluss zu verpassen. Orientiert man sich zu sehr an internationalen Standards, so könnten die Regionen den Reiz des Besonderen verlieren, den sie zu kultivieren begonnen haben. Auch und gerade in der Tourismusbranche müssen nun eigene, angepasste Wege gesucht werden, die dem Land den Charme des Unverwechselbaren sichern.

Ähnliches gilt für die Entwicklung des Radtourismus. Auch hier müssen die Verantwortlichen abwägen, welche Standards des Westens sie übernehmen wollen. Für den ADFC, der deutschlandweit das Beratungsmonopol hat, ist der ideale Radweg drei Meter breit und sauber geteert. Breite und uniforme Asphaltstreifen durch einsame und intakte Naturlandschaften zu ziehen wäre jedoch deplaziert. Zwar würden viele Tagesausflügler, Radsportler und Inlineskater die Aufrüstung begrüßen. Die eher an Erlebnisvielfalt interessierten Urlaubsradler hingegen dürften an austauschbaren und reizlosen Radlerautobahnen wohl eher die Lust verlieren. Selbst wenn er sich im konkreten Fall über Schlaglöcher und Pfützen ärgert, weiß der Langstreckenradler im Grunde, dass sich das Reiseerlebnis auch und gerade jenen Widerständen verdankt, in denen sich Geschichte und Gegenwart einer Landschaft auf unverwechselbare Weise spiegeln.

Bloß keine Langeweile

Zum Glück scheint der Anpassungsdruck nachzulassen. Denn selbst beim ADFC deutet sich eine Abkehr von technischen Maximalstandards an: Innerhalb des Zertifizierungskriteriums "Oberfläche" ist vor wenigen Wochen die Kategorie "gut befahrbar plus" eingeführt worden, mit der "wassergebundene Fahrbahndecken mit tadelloser Ausbauqualität" erfasst werden. Statt wie bisher pauschal abgewertet zu werden, bekommen naturnahe Passagen, wie sie in Thüringen verbreitet sind, nur noch geringfügige Punktabzüge. "Wir sind schließlich keine Asphalt-Dogmatiker", versichert Bertram Giebeler, der stellvertretende Bundesvorsitzende. Auch er ärgere sich immer wieder über Teer dort, wo er nicht hingehöre. "Oberflächen, die naturnah sein mögen, aber bei Regenwetter unpassierbar werden, beurteilen wir aber weiterhin negativ."

Angesichts der Dominanz bescheidenerer Wegeformate plädieren die Behörden Thüringens ohnehin für ein geringeres Erwartungsniveau: "Abwägung zwischen Einpassung in die Umgebung und Vermeidung von Monotonie" lautet die Devise im offiziellen Radverkehrskonzept. Seit die Zuschüsse aus dem Solidaritätspakt Jahr für Jahr sinken, wird es freilich auch immer leichter, dem typisch deutschen Perfektionismus abzuschwören: Man hat dafür einfach nicht mehr das Geld.

Informationen: Tourist Information Thüringen, Willy-Brandt-Platz 1, 99084 Erfurt, Telefon: 0361/37420, im Internet unter www.thueringen-tourismus.de

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