Sylt ist genauso, wie es sich der Sylt-Novize vorgestellt hat: eine spröde Schönheit im steifen Wind, die sich ihren Besuchern weder anschmiegt noch ihnen schmeichelt, die nicht gefallen, sondern so genommen werden will, wie sie ist. Sylt ist aber auch ganz anders, als der Neuling glaubte: gar nicht glamourös, auch nicht kapriziös und kein bisschen international, sondern durch und durch deutsch. Vielleicht ist Sylt sogar der deutscheste Ort Deutschlands mit fünfundneunzig Prozent deutschen Gästen und hundert Prozent deutschen Tugenden. Es ist sauber, ordentlich, höflich, vernünftig, hält sich nicht nur auf der Straße vorschriftsgemäß an die Straßenverkehrsordnung, installiert Fußgängerampeln mitten auf freiem Feld, liebt Hund und Auto so sehr, dass es eigene Strände für Vierbeiner gibt und an Imbissbuden Parkplätze so groß wie vor Fußballstadien. Wenn Speisekarten ausnahmsweise zweisprachig sind, dann Deutsch und Friesisch, und wenn an einem Fenster eine Gardine fehlt, dann nur deswegen, weil sie gerade gewaschen wird. Deutsch ist die Gründlichkeit, mit der die Natur vor Unbefugten geschützt wird, deutsch der Humor, mit dem dies geschieht. Auf Schildern ist zu lesen: "Betreten verboten. Das gesamte Dünengebiet ist Naturschutz. Die Trampelpfade sind nur für die vierbeinigen Schafe." Das Wort "vierbeinig" ist mit einem dicken Pointenwachsmalstift unterstrichen, man kann ja nie wissen.
Sylt sieht aus wie Sylt, und - wieder staunt der Novize - das so gut wie überall. Die ästhetische Blaupause ist, außer im unansehnlichen Hauptort Westerland mit seinen Massentourismusbunkern, das reetgedeckte Friesenhaus. Das Landschaftsbild wiederum besteht aus nichts anderem als den Grundzutaten Watt, Düne, Meer, Strandhafer und Stechginster. Und das Publikum setzt sich ausschließlich aus Sylt-Fans zusammen, die sich als Erkennungszeichen die Silhouette der Insel aufs Autoheck kleben. Alle lieben diese Insel, über der deswegen selbst beim ungemütlichsten Sturm ein zufriedenes Strahlen liegt. Jeder ist gerne hier, obwohl es eigentlich nichts zu tun gibt - außer am Strand laufen, im Strandkorb lesen oder im Wind radfahren. Deshalb muss niemand ein schlechtes Gewissen haben, wenn er auf Sylt nichts tut. Wahrscheinlich tut genau das gut.
Skihütte in den Dünen
Darin sind sich alle einig, die Reichen, die sich Doppelfriesenhaushälften für zwei Millionen Euro und ihren Kleinkindern Bobbycars im BMW-Z4-Design kaufen, genauso wie die Armen, die in den Massentourismussilos von Westerland Urlaub wie im sozialen Wohnungsbau machen. Und alle teilen sich die Insel mitsamt ihren wenigen Attraktionen wie der Kneipe "Sansibar" in großherziger Eintracht - die nächste Überraschung für den Sylt-Anfänger: Die legendenumwobene "Sansibar" ist eine Bretterbude in den Dünen, vollkommen unprätentiös, eine Art Nordsee-Skihütte, in der man für sieben Euro Currywurst oder für tausendeinhundertfünfzig Euro Ossetra-Kaviar essen, ein Bier vom Fass trinken oder in einer Weinkarte schmökern kann, die so dick wie "Krieg und Frieden" ist. Und da ja alle Sylt mit allem Drum und Dran lieben, funktioniert das "Sansibar"-Merchandising fabelhaft. In Extrageschäften werden Unterhosen, Badeschlappen oder Friesennerze mit den gekreuzten Säbeln der Bar verkauft, und am Flughafen steigt mindestens jeder Zweite mit einer "Sansibar"-Devotionalie in die Maschine.
Doch werden die Sylt-Liebhaber auch das jüngste und emblematischste Hotel der Insel mögen, das gerade eröffnete Budersand, das sich an der Südspitze wie eine Galionsfigur dem Meer entgegenreckt, als wolle es Sylt und seinem ästhetischen Katechismus ganz bewusst den Rücken zukehren? Dem Sylt-Neuling fällt das überhaupt nicht schwer, er atmet beinahe auf. Aber das hat nichts zu bedeuten.
Strandgut der Internationalität
Jahrelang lag das frühere Kasernengelände bei Hörnum brach, das die Alliierten im Zweiten Weltkrieg als erstes Ziel in Deutschland bombardierten. Niemand wusste etwas mit der kontaminierten Landschaft anzufangen, Interessenten kamen und gingen, Pläne wurden geschmiedet und verworfen. Dann nahm sich Claudia Ebert der Sache an, deren Familie früher Anteile an Wella hielt; Sylt kennt sie von Kindesbeinen an, bis heute hat sie ein Reetdachhäuschen auf der Insel. Sie kaufte siebzig Hektar Land, investierte fünfzig Millionen Euro, riss die Baracken ab, remodellierte mit dem Bauschutt die Dünenlandschaft, die von der Bundeswehr planiert worden war, und legte einen Golfplatz an. Danach baute sie gemeinsam mit ihrem Sohn Simon ein luxuriöses Hotel mit neunundsiebzig Zimmern, einem labyrinthischen Spa, einem Hallenbad mit Wandmalereien im David-Hockney-Stil und einer von Elke Heidenreich mit tausendzweihundert Büchern bestückten Bibliothek, alles sehr chic, aber ohne Chichi. Dazu passt auch der unaufgeregte Name des Hotels: Es heißt so wie die größte Düne auf dem Gelände, das windzerzaust am Zusammenfluss von Nordsee und Wattenmeer mit Blick auf Amrum und Föhr liegt.
Budersand ist keine Provokation, aber ein kraftvolles ästhetisches Ausrufungszeichen im Sylter Reetdach-Einerlei, ein Strandgut der Internationalität auf Deutschlands deutschester Insel. Das Hotel hat ein Flachdach mit ineinanderfließenden Terrassen, besteht aus vier Kuben mit mediterran anmutenden Innenhöfen, hält der Gischt trotzig Glasfronten entgegen, verzichtet auf jede folkloristische Dekoration und spielt nur ganz zurückhaltend mit den Motiven der Insel: Die Fassade ist mit Lamellen aus dem Holz der kanadischen Zeder verkleidet, deren Grau ein ferner Anklang an das Reet ist, und in der grau-beigen Musterung des Jura-Marmors im Foyer kann man mit viel Phantasie das Motiv von Fußabdrücken im Watt wiedererkennen. Doch dann gehen Architektur und Design wieder eigene Wege. Die Decke der Eingangshalle ist geschlitzt wie auf den Gemälden Lucio Fontanas, die Sessel sind mit der Haut von Papageienfischen und Rochen bespannt, in den Zimmern verscheucht viel helles Holz jede Puppenstubengemütlichkeit, Köche und Pâtissiers sind in offenen Küchen zugange, und am Primat des rechten Winkels rüttelt hier keine einzige schmiedeeiserne Schnörkelei - das ist fast schon eine Häresie auf einer Insel, auf der die Neubauten alles tun, um ihre Jugend zu kaschieren und schon beim Richtfest wie ein Kapitänshäuschen aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert aussehen wollen, einschließlich Erbauungsdatum in so altertümlichen Ziffern, als habe sie Theodor Storm persönlich an die Fassade geschlagen.
Zweifel an Gottes Weisheit
Doch vielleicht ist ja gerade dieser Hang zur Ketzerei typisch für Sylt. In Keitum jedenfalls, dem schönsten Dorf der Insel, dem einzigen Flecken, der mild und windgeschützt genug ist für Blumen und Buchsbaum, wird - die letzte Überraschung für den Sylt-Novizen - an Gott gezweifelt. Rund um die wundersam stille Kirche des Ortes mit ihrer mächtigen Orgel und den schweren Holzbänken, so schwer wie das Leben früher war, scharen sich die Gräber wie verängstigte Schafe um ihren Hirten. Auf einem Grabstein aber, jenem des Ebe Jens Eben, gestorben 1781 in Keitum, stehen diese Worte, vermutlich sind es die Worte der Witwe, ungeheuerliche Worte, die an Gottes Weisheit zweifeln und seinen Ratschluss in Frage stellen: "Ich werde wohl zu ihm folgen, er kommet aber nicht wieder zu mir. Warum?"