09.02.2010 · Es sind kaum Menschen da, und es schneit mehr als in jedem Skigebiet: Sylt ist der beste denkbare Wintererholungsort
Von Niklas MaakDas Meer war weg. Vor Niebüll wurde der Schnee so dicht, dass man die dunklen, ins flache Marschland geduckten Backsteinhäuser nicht mehr sah, dann ratterte der Zug über den elf Kilometer langen Hindenburgdamm ins Wattenmeer und in den Schneesturm hinein - aber das Wattenmeer war verschwunden. Stattdessen schaute man in eine festgefrorene, schneeverwehte Eislandschaft, es war, als habe Caspar David Friedrich persönlich die Priele und Sandbänke mit einem romantisch zerklüfteten Eisschollenszenario zugemalt. Das Wattenmeer war unter dem Eis verschwunden und sah aus wie der Nordpol, und man hätte sich nicht gewundert, wenn auf den breiten Schollen draußen hinter dem Damm auch noch ein paar Eisbären aufgetaucht wären.
Das Eis machte aus Sylt zumindest optisch wieder einen Teil des Festlandes, was die Insel ja auch einmal war - zumindest bis zu der Flut, die als die Grote Mandränke in die Geschichte einging, am 15. Januar 1362 begann und am 16. Januar - dem Tag „Marcelli Pontificis“, nach dem sie auch den Namen Marcellusflut erhielt - ihren Höhepunkt erreichte. Chronisten berichten, dass die Flut 21 Deichbrüche verursachte, der Ort Rungholt ging zusammen mit sieben anderen Kirchspielen in der Edomsharde unter. Legenden entstanden um die untergegangenen Orte, Rungholt wurde in den örtlichen Mythen zu einer Mischung aus Atlantis und Babylon, von sagenhaften Ausschweifungen der Bauern und einer Strafe Gottes war die Rede, die Geschichten wurden immer phantastischer, bis man die ganze Legende für eine Erfindung hielt - aber dann spülten die Gezeiten zwischen 1921 und 1938 im Watt Überreste von Warften und Zisternen frei.
Am 11. Oktober 1634 verwüstete dann die Zweite Grote Mandränke die Küste. Die Insel Strand wurde in Nordstrand und Pellworm zerrissen, Nieland und Nübbel gingen unter, und Sylt, vorher zumindest bei Ebbe noch zu Fuß erreichbar, wurde damals immer mehr zu der fragilen Inselgestalt, die man als Aufkleber an all den Autos sieht, deren Fahrer Zugehörigkeit zum Club der Teilzeitinsulaner bekunden möchten, aber kein Geld für ein NF-Kennzeichen haben, dass den Zweitwohnsitz in Kampen oder Rantum verrät. Noch heute droht die Insel bei schweren Sturmfluten Land zu verlieren, die Sturmflut 1962 trennte Hörnum vorübergehend vom Rest der Insel.
Strandhafer, Sand, Heide - alles verschwunden
Aber jetzt war Sylt nicht wiederzuerkennen. Westerland versank im Schnee, beim Gosch an der Ecke standen ein paar frierende Gestalten und aßen Krabbenbrötchen, ansonsten: Stille. Dunkelheit. Leere. Unten am Strand, auf der Westseite der Insel, schwappte das dunkle, offene Meer als träges Semifreddo an den Strand und erstarrte dort zu bizarren Eisskulpturen. Das kleine Kino in der Strandstraße zeigte „Avatar“, im Schneesturm tauchte ein Plakat mit den frostschutzmittelblauen Gesichtern der Pandoramenschen auf, sie sahen mit ihren breiten Nasen aus, als drückten sie ihre Gesichter gegen die Scheibe der „Kinowelt“, um zu sehen, wie die Welt draußen im Schnee versank. Die nordfriesische Dorfjugend schlenderte fröstelnd am Kino vorbei und starrte auf die Displays ihrer Mobiltelefone, deren Licht die Gesichter blau erglühen ließ (vielleicht hatte James Cameron die alberne Idee mit den blauen Menschen in „Avatar“ auch in so einem Moment gehabt, als er nachts in die blau unterleuchteten Gesichter seiner SMS tippenden Freunde schaute).
Auf der Fahrt über die knapp vierzig Kilometer lange, eingeschneite Insel die nächste Überraschung: Alles, was Sylt ausmacht, der Strandhafer, an dem der Wind reißt, der feine Sand unter den ausgeblichenen grauen Holzbohlenwegen, die blühende Heide hinter Rantum, die röhrenden Cabriolets mit ihren naturidentisch gebräunten Fahrern auf dem Strönwai - alles verschwunden. Weggeschneit. Sylt sah aus, als sei es die direkte Verbindungsstraße zwischen Nuuk und Garmisch-Partenkirchen, und man würde sich nicht wundern,wenn man in den Schneebergen, die einmal Dünen waren, jemanden träfe, der das schöne Lied „Nunarput, utoqqarsuanngoravit niaqqut ulissimavoq qiinik“ anstimmt, die Nationalhymne der Grönländer, was übersetzt ungefähr heißt, dass das Land sehr alt ist und sein Haupt mit weißem Haar bedeckt sei - eine Metapher für den Schnee, die vom seltsamen Humor der Grönländer zeugt (wer will sich, wenn er durchs Eis spaziert, vorstellen, dass er durch die Haarpracht eines alten Menschen wandert?). Unten in Hörnum ist der Hafen zugefroren, die Robbe Willy, die im Sommer im Hafenbecken herumdümpelt und sich von den Kindern mit Heringen vollstopfen lässt, ist nicht zu sehen (in der Hochsaison bombardieren die Touristen das Tier von morgens bis abends mit Heringen, die man im Hafenkiosk kaufen kann, es ist ein Wunder, dass die Robbe überhaupt noch ins Hafenbecken passt).
Bei Rantum versinkt man auf dem Weg zum Strand im Tiefschnee, die verschneiten Dünen sehen hier aus wie ein Skigebiet ohne Menschen. Gut: auch wie eins ohne Berge - die höchste Erhebung auf Sylt ist die Uwe-Düne, die mit fünfzig Metern Höhe immerhin einen guten Rodelhang abgibt. Aber die verschneite Winterinsel ist ideal als alternatives Wintersportgebiet für Leute, die in Sils Maria oder Klosters auch eher die gute Luft und die Langlaufoptionen schätzen. Sogar auf der berüchtigten Partymeile von Kampen ist es so leer wie in den sehr lange vergangenen Zeiten, als es hier nur ein paar Fischer gab, die sich abends im „Fährhaus Munkmarsch“ am Heefwai, unten am alten Hafen, trafen.
Ein Wetter für Porsche-Cayenne-Fahrer
Das Fährhaus im Norden von Keitum, damals eher eine derbe Kneipe, gibt es immer noch, heute ist es aber ein feines, mit Michelinstern und 17 Gault-Millau-Punkten überhäuftes und gerade bei Wintersturm unbedingt besuchenswertes Restaurant. In den „Käpt'n Selmer Stuben“ schaut man vorbei an der fast karibisch aussehenden Sommerveranda ins eingefrorene Wattenmeer, und nachts, wenn man auf dem Balkon des Hotels steht, das sie hier in den neunziger Jahren angebaut haben, hört man draußen im Watt das Eis krachen, unter dem das Wasser mit den Tiden sinkt und steigt.
Am Morgen taute es ein wenig, im Watt tauchte der erste schwarze Fleck des offenen Wassers auf, aber es fiel immer noch Schnee, und die Porsche-Cayenne-Fahrer, von denen es auf der Insel viele gibt, waren froh, endlich eine Begründung für ihre tonnenschweren Geländesportwagen zu haben („mit einem normalen Auto kommst du weder am Sönshörn noch im Klenterdeel durch“). Die ganz Unvorsichtigen wagten sich, als später die Sonne herauskam, auf die glitzernden Eisschollenberge unter dem Kliffweg, obwohl es schon einige Unfälle gegeben hatte.
Am Morgen melden die „Sylter Nachrichten“, dass drüben am Strand von St. Peter-Ording ein Mann aus den Eisschollen gerettet werden konnte, weil fünfhundert Kilometer entfernt im Westerwald eine Frau beim Surfen im Internet über eine Webcam, die den Strand zeigt, gesehen hatte, wie er orientierungslos mit seiner Taschenlampe im Labyrinth der Schollen herumirrte; sie alarmierte die Polizei des Kurorts, die den Mann mit Blinkzeichen an Land lotste. Sogar in der Eiswüste des Nordmeeres wachen überall die Augen des Internets, und man kann sich streiten, ob das nun eine gute oder eine schlechte Nachricht ist.
Unterkunft Das Hotel „Fährhaus Sylt“ liegt an der Wattseite in Munkmarsch, verfügt über ein Gourmetrestaurant und einen weitläufigen Spa-Bereich. Doppelzimmer kosten ab 109 Euro pro Person (Heefwai 1, 25980 Sylt / Munkmarsch). Mehr unter Telefon 04651/93970 oder im Internet unter www.faehrhaus-sylt.de.
Weitere Informationen über Sylt gibt es auch unter Telefon 04651/82020 oder auf der offiziellen Internetseite (www.sylt.de).