04.10.2006 · Vor dem baskischen Fischerdorf Mundaka brach einmal eine der besten Wellen Europas. Bis die Bagger kamen und nur Weißwasser hinterließen. Jetzt sind die gefährlichen Brecher wieder da - dank der Surfer.
Von Sören MeschedeDas jahrelange Warten hat ein Ende. Das erste Atlantiktief des Herbsts rollt heran. Und mit ihm die Welle. Zwei Jahre lang war sie verschwunden und morgen soll sie wieder kommen. Mike Dobos, 39 Jahre alt, blond, kräftige Unterarme und blaue Augen, ist aufgeregt. Vor zehn Jahren kam er aus Florida nach Mundaka und verliebte sich, sagt er. In seine Freundin. Aber auch in Mundaka. In die Welle. Nur um tagsüber bei ihr auf dem Wasser zu sein, schlägt er sich die Nächte in der Rezeption eines Hotels um die Ohren. Und er blieb ihr treu. Obwohl sie ihn über Jahre verlassen hatte.
"Eine der besten Wellen Europas", so flüstert man sich auf Hawaii und in Australien zu: Bis zu sechs Meter hoch. 400 Meter lang. In Tunnelform regelmäßig nach links brechend - ein Traum für jeden Surfer, der sie zu bändigen weiß. Bis zum Winter 2003 türmte sich dieser weiße Riegel vor der Bucht von Urdaibai an der spanischen Nordküste auf. Doch dann entschloß sich die zehn Kilometer flußaufwärts gelegene Werft Murueta S.A., etwas gegen die Versandung des Deltas zu unternehmen. Schon seit 1973 baggert das Unternehmen den Oka bis zur Mündung aus. Die Thunfischboote, die bei ihnen vom Stapel laufen, sollen zumindest eine Handbreit Wasser unter dem Kiel haben.
Baggerboote verwässerten die Brandung
Doch dieses Mal war es anders. Dieses Mal wollte die Werft, statt wie bisher dem mäanderndem Flußlauf zu folgen, eine Abkürzung nehmen. Eigentlich ist die Bucht von Urdaibai seit 1984 Biosphärenreservat der Unesco, aber darum hat sich noch nie jemand so richtig geschert. Eine Kläranlage haben sich alle angrenzenden Dörfer bis zum heutigen Tag gespart. Wer sollte da etwas sagen, wenn die ansässige Werft, mit rund 150 Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber der Region, ein wenig den Fluß begradigen will? Nur die Öko-Gruppe von Gernika. Aber die wettert schon seit dreißig Jahren vergeblich gegen die Werft.
Und so holten die Baggerboote 277.000 Tonnen Sand und Schlick aus dem Wasser, sechsmal mehr als sonst. Und häuften diese Menge zu einer acht Meter hohen Düne am Mündungsufer auf. Als die Boote sich der Untiefe näherten, die die Welle formt, paddelten Mike und die anderen Surfer den Baggern in den Weg. Aber da war es schon zu spät. Der Fluß änderte seinen Lauf, ein neuer Strand entstand. Und die bislang wundervoll definierte Brandung wandelte sich in surfuntaugliches Weißwasser.
Verdienen kann man nur an den Anfängern
Eine Katastrophe für die Surfergemeinde. Aber anscheinend nicht für Mundaka, eines der vielen kleinen Fischerdörfer an der Bizkaya: 1877 gemeldete Einwohner. Absolute Mehrheit der baskischen Nationalpartei PNV, vier Hotels, eine Hauptstraße, eine Kirche und zwölf Bars. Auch wenn Mundaka schon seit den siebziger Jahren ein Geheimtip unter Surfern war, hatte das Dorf wenig davon profitiert.
Denn die Wellenreiter, mit denen Geld zu verdienen ist - Anfänger und Schönwettersurfer - können mit Mundaka nichts anfangen. Die Bedingungen sind rauh, der Platz auf der Welle, die sich nur an einer einzigen Stelle gut bricht, ist begrenzt. Und die Surfer, die mit Campingbus und Butterbrot nach Mundaka kommen und sich an der Hafenmole aus dem Neoprenanzug schälen, genießen unter den Alten des Dorfes keinen guten Ruf. "Einige meinten sogar, sie seien froh, daß die Welle endlich verschwunden ist", erzählt Asier Cimavilla, im Dorf Cima genannt, leicht peinlich berührt.
Symbolisches Begräbnis einer Welle
Die meisten Hoteliers setzen lieber auf die Sommerfrischler aus Bilbao, die seit dem 19. Jahrhundert in Mundaka Ferien machen. Nur Craig Sage, Besitzer des einzigen Surfshops, verdient hier seinen Lebensunterhalt mit den Surfern. Aber selbst der 49jährige Australier, der vor 26 Jahren nach Mundaka kam, schafft das hauptsächlich als Repräsentant einer bekannten Surfermarke für ganz Spanien.
Als die Welle verschwand, war der Protest im Dorf daher spärlich. Nur der aus Rom zugezogene Hotelier Marco Giannotti und die Surfer um Craig und Mike wehrten sich, organisierten eine Demonstration samt symbolischem Begräbnis der Welle. Und erreichten damit hitzige Diskussionen mit Vertretern der Werft und Audienzen bei der Bürgermeisterin.
Monströse Tunnel, die dich essen wollen
Doch Mundaka hatte inzwischen Weltruhm erlangt als Dorf, das die beste Welle Europas beherbergt. 1999 erreichte Craig Sage, daß die Surfervereinigung ASP Mundaka in ihre Weltmeisterschaftstour aufnahm. Der Wettbewerb "Billabong Pro Mundaka" katapultierte das Fischerdörfchen plötzlich auf Augenhöhe mit solch exotischen Wellenreiterparadiesen wie North Shore auf Oahu, Tavarura auf den Fidji-Inseln oder Theahupoo auf Tahiti. Ein Glücksfall für die Surfindustrie. Mundaka paßte haargenau in das Konzept der ASP-Weltmeisterschaft. Es hat eine perfekte Welle, die vor der Kulisse eines traditionellen baskischen Fischerdorfes bricht und nur etwas für die ganz harten Kerle ist.
"Monströse, sandige Tunnel, die dich, dein Brett und deinen Surfanzug essen wollen", heißt es auf der Homepage. Und das Desinteresse der meisten Einwohner machte den Ort nochmal interessanter. Die Surferhelden Kelly Slater und Andy Irons, die in Frankreich Leibwächter benötigen, um überhaupt an den Strand zu kommen, können in Mundaka bis in die frühen Morgenstunden in den Bars des Örtchens feiern, das hat der Surfsport andernorts längst verloren.
Die Surfindustrie wehrt sich
Der erste Wettbewerb im Oktober 1999, so berichten sie im Dorf, brachte außer den 47 weltbesten Surfern nur ein paar Dutzend Neugierige. Doch draußen in der Welt stand Mundaka auf den Titelseiten der großen Surfmagazine. 2003 war die Zuschauermenge schon so groß, daß die Polizei keine Autos mehr nach Mundaka hereinließ und nach einer Woche Spektakel alle Vorräte des Dorfes vernichtet waren. Aus dem Geheimtipp war ein Allgemeinplatz geworden. "Es gibt viele Surfer in der ganzen Welt, die wissen nicht, wo Spanien oder das Baskenland liegt", sagt Mike. "Aber Mundaka finden sie sofort." Doch im Dorf hatte all das kaum jemand bemerkt.
Und als die Welle verschwunden war, trauerten nicht nur Mike, der surfende Nachtportier, und Craig, der Australier, es trauerte die weltumspannende Surfindustrie, die sich plötzlich um den perfekt Mythos, das europäischen Dorado für ihre Wellenreiterhelden gebracht sah. Der Surfsport floriert, nicht nur in den Stammländern Amerika und Australien, auch in Europa. In der Brandung und an Land: Denn auf einen Mike Dobos, der für die perfekte Welle Heim und Job verläßt, nur um täglich auf dem Brett stehen zu können, kommen hunderte, die sich in teueren Shorts und Kapuzenpullovernkleiden, den Insignien des Modesports. Die australische Marke Billabong, der Hauptsponsor des Wettbewerbs in Mundaka, hat im vergangenen Geschäftsjahr in Europa Surfartikel im Wert von 120 Millionen Euro verkauft, 20 Prozent mehr als noch im Vorjahr. Und diese geballte Markt- und Medienmacht konnte nicht zulassen, daß der erst am Anfang seiner Kommerzialisierung stehende Surfort einfach so verschwindet.
Wo ist die Welle geblieben?
Das Schicksal der Mundaka-Welle löste ein gewaltiges, internationales Medienecho aus. Surfmagazine der ganzen Welt rätselten über den Verbleib der Welle. "Aus Australien und Amerika haben sie bei mir angerufen", erzählt die Bürgermeisterin des Ortes immer noch leicht verwundert. Auch die regionale Presse griff endlich das Thema auf und brachte die Bürgermeistern, die sich eigentlich lieber um ein neues Parkhaus gekümmert hätte, schließlich dazu, das Umweltministerium um Hilfe zu bitten. "Mundaka ist inzwischen weltweit bekannt und von diesem Ruf profitiert natürlich auch auf das Baskenland", hieß es aus dem Ministerium. Man war daher bereit, in die Welle zu investieren: 100 000 Euro und ein Jahr Zeit bekam das geologische Institut der baskischen Universität UPV, um die Strömungsverhältnisse zu erforschen und den Wiederaufbau vorzubereiten.
Die Forscher sagten voraus, daß im Herbst 2006 die Natur die Baggerarbeiten von allein rückgängig gemacht haben werde und die Welle wieder so breche, wie sie es zum letzten Mal im Winter 2003 getan hatte. Und: "Das Umweltministerium hat uns zugesichert" erzählt Mike Dobos, "daß die Werft nur noch nach strengen Auflagen den Lauf ausbaggern darf." Mit dieser Zusage erfüllte das Ministerium eines der Hauptanliegen der regionalen Ökogruppen. Wofür die seit dreißig Jahren vergeblich gekämpft hatten, das erreichte die Medienmacht der internationalen Surfergemeinschaft in einem halben Jahr: In Mundaka heißt es, Astilleros Murueta S.A. wolle seine Produktion verlegen.
Ein Vergnügen nur für Könner
Die Surfer sind in Siegerlaune. Die Plakate für den Wettbewerb, der am 2. Oktober beginnt, hängen in allen zwölf Bars von Mundaka. Großspurig verkündet die Billabong-Homepage, die Welle sei "länger, dicker und besser den je". Nach dem Hin und Her um die Welle erwartet man in diesem Jahr einen neuen Besucherrekord und entsprechende Umsätze.
Nur in den rauhen Herbst- und Wintermonaten sind die Brecher von Mundaka zum Surfen geeignet. Und wie rauh schon der September sein kann, zeigte sich, als das ersehnte Atlantiktief endlich über das Dorf hereinbricht: Hektoliterweise Regen, fiese Böen und fliegende Wolken begleiten die zwanzig Surfer, als sie sich in eine wuchtige Drei-Meter-Dünung wagen, die mit lautem Getöse über der Sandbank zusammenbricht, die nur einen halben Meter unter Wasser liegt. Auf der Mole bestaunen die Leute unter Regenschirmen das Spektakel. Die Welle von Mundaka mag sich zwar zu einer weltbekannten Marke entwickeln: Ein echtes Vergnügen ist sie aber nur für die wahren Könner. Wenig später kriecht der erste Surfer mit halbiertem Board und blutender Nase aus dem Wasser. Mike ist glücklich. "Die Welle ist wieder da. Nix für Weicheier."