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Südtirol Italienisch für Anfänger

05.07.2005 ·  Den Brenner im Rückspiegel, den ersten Espresso in der Tasse: Die Raststätte Stilfes ist der beliebteste Ort Südtirols. Denn hier beginnt für den deutschen Touristen Italien.

Von Andreas Lesti
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Hier beginnt Italien. Hier, an dieser ersten Raststätte hinter der Grenze, wird die jahrhundertealte Italiensehnsucht der Deutschen endlich gestillt. Endlich der Brenner im Rückspiegel, endlich der tiefblaue Himmel, endlich das Licht des Südens, endlich die warme Luft, endlich das Schild Autogrill, endlich: der erste Espresso! All die Wünsche - hier finden sie ihre Erfüllung.

Auf diesem Parkplatz setzen die Menschen ihre Sonnenbrillen auf, kramen ihre piepsenden Handys hervor, lesen die Begrüßungs-SMS von "TMT Italia", und wenn sie vom Display aufblicken, sehen sie direkt auf die Segafredo-Plakate: Una sosta di piacere - eine Rast des Vergnügens.

Hier beginnt der Massentourismus

Und hier beginnt der Massentourismus. Seit Italien 1998 Schengenstaat wurde, seit es oben an der Paßhöhe keine Paßkontrollen mehr gibt, halten die 4,5 Millionen Fahrzeuge, die jährlich über den Brenner fahren, nicht mehr am Grenzübergang, sondern erst hier: Die Ankunft in Italien ist ein Stückchen weiter nach Süden gewandert, zu dieser Raststätte, dem beliebtesten Ort Südtirols: zum Autogrill von Stilfes. "Im Jahr 2004 sind rund 450.000 Menschen an dieser Raststätte ausgestiegen", sagt Christina Rossi von Autogrill. Vergleicht man das mit anderen italienischen Urlaubsorten, dann müßten Tourismusexperten neu über diese Raststätte nachdenken.

Mit diesen 450.000 Ankünften schlägt sie nämlich sämtliche Südtiroler Tourismusorte bei weitem. Der Weinprobenort Kaltern am See kam im Jahr 2004 auf 78653 Besuche, die idyllische Kurstadt Meran auf 181.518, und selbst die vielseitige Landeshauptstadt Bozen kam mit 207.349 nicht mal auf die Hälfte. Die Surf- und Fahrradhochburg Riva am Gardasee (197.259) und der Badeort Rimini (301.884) können ebenfalls nicht mithalten. Und auch das Kulturziel Verona hat mit 548.985 Besuchen nicht viel mehr. Laut Christina Rossi verzeichnet die Raststätte übrigens jährlich fünf Prozent Zuwachs. Noch so eine Tourismustraumzahl.

Herb und Häßlich

Doch sind die Zahlen auch noch so schön - der beliebteste Ort Südtirols bleibt herb und häßlich. Die Luft riecht ein bißchen mehr nach Benzin als nach Kaffee, die Motoren sind lauter als die Vögel, und statt einer hübschen toskanischen Villa empfängt ein schäbiger Steinbau mit der Leuchtschrift Alemagna all die Deutschen, die sehnsüchtig mit dem Auto nach Italien reisen. Das keilförmige Gebäude fällt architektonisch nur durch seine silbernen Lüftungsschächte auf dem Dach auf. Zwei gläserne Schwingtüren führen in den Raststättensaal, an dessen Ende eine Kasse und ein Marmortresen die schummrige Deckenbeleuchtung absorbieren. Hinter dem Drehständer mit Chipstüten warten Spielzeugmotorräder und Batman-Kostüme, Plastikkampfhubschrauber und Minidinosaurier darauf, Kinder in Versuchung und Eltern in den Wahnsinn zu führen.

Trotz des Alemagna-Logos, das noch aus der Zeit stammt, bevor sich das Unternehmen Autogrill mit dem Konkurrenten Alemagna vereint hat, ist die Raststätte konsequent italiano. Die Zentrale von Autogrill liegt bei Mailand, und deswegen betrachtet man auch Sterzing als einen Teil von Mailand. Es gibt keine deutschen Werbeaufschriften, Hinweis- oder Verbotsschilder, und die meisten der vierzehn Angestellten, die hier in drei Schichten arbeiten, sprechen kein Deutsch. Die Überraschungseier heißen Kinder Sorpresa, die belegten Brötchen Capri-Panini, die Dan-Brown-Bücher Il Codice da Vinci, und über der Bar, an der man schließlich selig am ersten Espresso, Cappuccino oder Latte Macchiato nippt, prangt seit Januar Vietato fumare. Rauchen verboten. Und nicht mal eine "Bild"-Zeitung gibt es hier. Auf diesen paar Quadratmetern findet man mehr Italien als in ganz Südtirol. Das alles kann verwirren. Und es kann beglücken.

„Die Magie der Vielfalt“

Einer der wenigen deutschsprachigen Angestellten ist Josef Ziehl. Der kleine, geschäftstüchtige, aber freundliche Südtiroler im blauen Autogrill-Poloshirt eilt vom Tresen zur Espressomaschine und wieder zurück. Vor wenigen Minuten ist ein Reisebus aus Schwäbisch-Hall eingetroffen. Zwei ältere Damen, die sich auf eine Woche am Kalterer See freuen, halten Ziehl stumm den Bon entgegen, den sie soeben an der Kasse bekommen haben. "Due cappuccini?" fragt Ziehl, weil er sie nicht gleich als Deutsche erkannt hat. Von so viel Italien sichtlich überfordert, stammeln sie: "Äh - ja, mit Milch wollten wir." Später wird Ziehl die Augen zusammenkneifen und flüstern: "Man erlebt schon was, bei den vielen Menschen, die hier jeden Tag Pause machen."

Tatsächlich ist Italien als Urlaubsland nirgendwo vielfältiger als auf diesem ersten Autogrill nach dem Brenner. Hier wollen sie noch alle nach Süden, und erst in fünfzig oder hundert oder fünfhundert Kilometern trennen sich die Wege der Autos aus S und M und B und H. Ein alter cremefarbener Jaguar (STA) mit Saisonzulassung - es geht wohl nach Meran oder Verona. Ein roter VW-Bus (N) - Dolomiten oder Arco. Ein weißer Ford Mondeo (B) mit Kindersonnenschutz an den Scheiben und Gepäck bis unters Dach - Rimini oder Riccione. Ein blauer Renault Laguna mit Mountainbikes und Surfbrettern auf dem Dach - Riva oder Torbole. "Die Magie der Vielfalt", der Slogan, mit dem Südtirol wirbt, gewinnt auf dieser Raststätte eine ganz neue Bedeutung.

„Due espresso, bitte“

Zwischen den Markierungen vor dem Gebäude parken zwei junge Frauen einen nagelneuen Audi A6 (M), der sehr nach einer väterlichen Wochenendleihgabe aussieht. Im Kofferraum liegen zwei Liegestühle, ein Sonnenschirm und noch ein paar andere Dinge, die man am Kieselstrand des Gardasees brauchen könnte. Als sie kurz darauf am Marmortresen stehen, die Schultern kreisen lassen und sich wundern, wie schnell man doch von München nach Italien fahren kann, bestellen sie weltgewandt due espresso, was natürlich grammatikalisch gar nicht geht, weil es den Plural mißachtet. Ziehl nimmt es stillschweigend zur Kenntnis, bereitet mit traumwandlerischen Handgriffen die beiden espressi und stellt sie mit einem kurzen "Bitteschön" auf den Tresen. Dabei hätten die beiden so gerne ein prego gehört. Statt dessen spricht sie nun auch noch ein lässig an der Bar lehnender Südtiroler auf deutsch an: "Na, wohin geht's?" Sie: "Wir? Ach, wir fahren an den Gardasee. Über's Wochenende." Er: "Ah, der Klassiker."

Wie man in Italien espressi bestellt, hätten die beiden von den Carabinieri lernen können. Die drei Polizisten schlendern in die Raststätte und sagen einfach nur tre caffe und mit Zeigefinger und Daumen andeutend e un poco d'aqua. Da kann die Sehnsucht noch so groß sein: So italienisch werden deutsche Touristen wohl selten klingen. Ziehl entgegnet diesmal certo, certo und klopft das alte Pulver aus dem Siebträger heraus, portioniert neues, dreht ihn in die Maschine und drückt den Schalter.

„Heute ist es ja umgekehrt“

Als Josef Ziehl endlich einen kurzen Moment der Ruhe findet, lehnt er sich leicht über den Tresen, hebt mit der rechten Hand die rote Autogrill-Kappe und fährt sich mit der linken durch die Haare: "Ich arbeite jetzt seit 27 Jahren in dieser Raststätte." Für einen kurzen Moment wirkt er, als käme ihm diese Information auch neu vor. Dann rechnet er nach: "Im November 1977 wurde sie eröffnet, und im März 1978 kam ich." Im gleichen Ton erzählt er von der Zeit, als es noch Espressi für 50 Lire und Fahrzeugschlangen auf der Autobahn gab, weil das Benzin deutlich billiger als in Österreich war. "Heute ist es ja umgekehrt."

In den Vitrinen vor der Tankstelle stehen die Lenkradhilfe stearing wheel knob, die Lichterkette truc decoration und Michael-Schumacher-Tassen zum Verkauf. Die Tankstelle liegt hinter der Raststätte, und hinter der Tankstelle liegt die Welt der Lkw-Fahrer. Übergewichtige Männer in abgeschnittenen Jeans, verwaschenen Muskelshirts und abgenutzten Puma-Tretern in Diensten von Corsi-Verona, Colucci World Logistic und Freeze King. Mit Cappuccino und Wochenendausflug nach Norditalien hat das hier nichts zu tun. Auf einem Drehständer hängen rußpartikelbedeckte profumi per auto e ambienti. Die Wunderbäume werden als Novita! beworben. Und sie kosten offenbar immer noch 9.000 Lire.

Noch 700 Kilometer bis Rom

Mit zwei imposanten Fehlzündungen fährt der Goldwing-Motorrad-Club aus Ludwigsburg ein. Auch sie parken hinten, in der Lkw-Zone. Kaum sind die bärtigen Männer mit goldgerahmten Brillen von ihren riesigen Motorrädern abgestiegen, schrauben sie an den Motorblöcken herum. Ihre Frauen gehen in die Tankstelle - nicht in die Raststätte -, um Eis zu kaufen. Als sie wiederkommen und sich neben die Diesel-Zapfsäulen setzen, parkt ein mit tschechischen Nonnen besetzter Renault-Kleinbus vor den Goldwings. Die Nonnen steigen aus, schauen in den Himmel, zwinkern im Gegenlicht und streichen sich über ihre Gewänder. Dann gehen sie langsam zur Toilette. Bis Rom sind es noch 700 Kilometer.

Die Toiletten befinden sich genau zwischen der Tankstelle und der Raststätte, zwischen den Lkw-Fahrern und den Cappuccino-Trinkern. In diesem Zwischenraum sitzt Anton Überegger. Er ist aus Sterzing, 72 Jahre alt und macht den Job, den keiner machen will. Er kümmert sich um die Toiletten der Raststätte und hält von 5 Uhr morgens bis 19 Uhr abends "Wache", wie er sagt. "Muß ja sein." In dem kleinen Kofferradio, das vor ihm auf dem Tisch steht, spielt "Radio Tirol" das Kufstein-Lied. Überegger schaut durchs Fenster auf die Autobahn. Da kommen die Nonnen durch die Türe und legen einige Münzen in seinen Korb. Er schreckt auf, schaut sie an, sagt: "Oh, grazie, mille grazie." Die Nonnen lächeln. Sie sind soeben in Italien angekommen.

Zur Rast nach Italien

Der Weg nach Süden führt über die Inntal-Autobahn (A12, vignettenpflichtig) bis Innsbruck und von dort auf die Brennerautobahn (erst A13, nach der Grenze A22) über den Paß (1370 Meter Höhe).

Die Autobahn über den Brenner, den nach wie vor wichtigsten Alpenübergang, haben im vergangenen Jahr 4509093 Fahrzeuge befahren. An den Wochenenden, nachdem in deutschen Bundesländern die Sommerferien begonnen haben, schieben sich teilweise weit über 100000 Fahrzeuge über die Autobahn.

Die Autogrill-Raststätte befindet sich zwanzig Kilometer nach dem Brennerpaß in Stilfes bei Sterzing. Von Norden kommend ist es die erste Autobahnraststätte auf italienischem Boden. Laut Autogrill sind im vergangenen Jahr 450000 Menschen dort ausgestiegen. Rein touristisch betrachtet, wäre sie dieser Zahl zufolge der beliebteste Ort Südtirols. Die Raststätte hat ganzjährig 24 Stunden täglich geöffnet. asl

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.07.2005, Nr. 26 / Seite V1
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