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Südtirol : Die ersten Tage der Freiheit

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Hitler und Mussolini inspizieren das zerstörte Führerhauptquarier nach dem fehlgeschlagenen Attentat vom 20. Juli 1944. Bild: AP

Die Angehörigen der Widerstandskämpfer des 20. Juli wurden im April 1945 in Südtirol befreit. Aufnahme fanden sie im Hotel Pragser Wildsee - die Erinnerung an sie ist dort bis heute lebendig.

          Geschichte schrieben viele Grandhotels, Schicksale haben nur wenige. Eines der schicksalsreichsten ist das Hotel Pragser Wildsee im Südtiroler Pustertal. Jedes Jahr um den 20. Juli herum finden sich hier Angehörige Claus von Stauffenbergs und anderer Widerstandskämpfer zusammen. Ende April 1945 waren sogenannte Sonderhäftlinge aus siebzehn europäischen Nationen sowie eine Gruppe von "Sippenhäftlingen" im wenige Kilometer von Prags entfernten Niederdorf angekommen. Der Zug von insgesamt hundertneununddreißig Häftlingen hatte eine entbehrungsreiche Zeit hinter sich.

          Auf Befehl des Reichsführers SS, Heinrich Himmler, waren die zu Tode Geängstigten im Lauf der zweiten Hälfte des Jahres 1944 aus verschiedenen Konzentrationslagern in das KZ Dachau deportiert worden. Ziel war die "Alpenfestung", keine Metapher, sondern das veritable Vorhaben der SS, die Alpen zum Bollwerk gegen die Alliierten auszubauen. Vorräte wurden angelegt, Höhlensysteme erkundet, vor allem Vorsorge getroffen für den Einsatz der "Wunderwaffe", die Me 262, den ersten Düsenjäger der Welt. Im Ötztal hatte man mit dem Bau eines Windkanals zur Weiterentwicklung von Strahlenflugzeugen begonnen. Größenwahn auch hier, in ihren Ausmaßen suchte die Anlage ihresgleichen.

          Sippenhäftlinge als Faustpfand

          Die Sonder- und Sippenhäftlinge sollten der SS als Geiseln dienen. Zu ihnen zählten zahlreiche Prominente, so der ehemalige französische Ministerpräsident Léon Blum, Kurt von Schuschnigg, österreichischer Bundeskanzler bis 1938 oder der bei den Nazis in Ungnade gefallene frühere Chef des Generalstabes des Heeres, Franz Halder. Zu den Sippenhäftlingen gehörten Angehörige all jener, die an der Verschwörung des 20. Juli beteiligt waren, darunter Berthold und Claus von Stauffenbergs Bruder Alexander. Himmler, der in den letzten Wochen und Monaten des NS-Regimes seine eigene Geheimdiplomatie betrieb, glaubte durch Erpressung eine günstige Verhandlungsposition gegenüber den Alliierten einnehmen zu können.

          Er platzierte die Bombe in der „Wolfsschanze”: Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg

          Im April 1945 war die SS von militärischer Allmacht allerdings weit entfernt. Die unübersichtliche Lage führte am 30. April zur Befreiung der Geiseln. Wichard von Alvensleben, beherzter Hauptmann der Wehrmacht, ließ die SS in Niederdorf durch hundertfünfzig seiner Soldaten festsetzen. Die ersten Tage ihrer Freiheit verbrachten die Deportierten im Hotel Pragser Wildsee, freimütig aufgenommen und verpflegt von der Besitzerin, einer Enkelin der Gründerin. Als Fey von Hassell, Tochter des im September 1944 hingerichteten Widerständlers Ulrich von Hassell, auf den Balkon des Hotels trat, erschien ihr Prags beim Blick auf den stillen See, wie sie in ihren Memoiren berichtet, "wie das Paradies auf Erden".

          Das Auge der Nixe

          Paradiesisch ist es auch heute noch. Öffnet man nach einer der hier immer stillen Nächte die Fensterläden, tritt dann auf den Balkon hinaus, erlebt man sein allmorgendliches türkisfarbenes Wunder. Kräuselt die Oberfläche des Pragser Wildsees kein Lufthauch, ist es doppelt wunderbar. Halbkreisförmig umgeben von nahezu senkrecht aufstrebenden Felswänden, spiegelt sich der 2810 Meter hohe Seekofel im "Nixenauge", wie der österreichische Kulturhistoriker Ludwig von Hörmann die Magie des Dolomitensees 1875 benannte. Zauberhaft, geheimnisvoll, grandios und erhaben ist das Panorama. An diesem, dem automobilen Tourismus des Pustertals entrückten Ort scheint es, als sei die Zeit kaum vorangekommen.

          Genau hundertzehn Jahre ist es her, dass am Nordende des Nixenauges das Hotel Pragser Wildsee entstand, erbaut von der im Alpenraum bis heute legendären Emma Heiss-Hellenstainer. Im Fin de Siècle flößten die Alpen längst niemandem mehr Furcht ein. Das inmitten der Berge seine Empfindsamkeit kultivierende bürgerliche Subjekt hatte sich in den Bergtouristen verwandelt, der die Städte massenhaft mit der Eisenbahn floh. Die Investition der Prinzipalin zahlte sich aus. Bald musste der aus Felsstein der Umgebung errichtete sachliche Bau erweitert werden.

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