28.08.2008 · Nach vielen Wirren und langem Leiden hat Südtirol den dritten Weg gefunden: die perfekte Symbiose von germanischer und römischer Lebenskunst. Und nirgendwo gelingt sie so schön wie in Brixen. Das findet übrigens auch der Papst.
Von Dirk SchümerEs gab eine Zeit, da wäre es mir nicht im Traum eingefallen, nach Südtirol zu fahren. Gerade in Brixen wäre ich niemals aus dem Zug gestiegen, hätte auf der Brenner-Autobahn nur heftig Gas gegeben, um endlich am Ziel meiner Sehnsüchte anzulangen: Florenz, Venedig, Bologna, Siena, Rom, wo ich nicht zu Unrecht die Symbolorte abendländischer Kultur vermutete. Und mit Südtirol, das im Gebirge für mich wie eine Sperre zwischen deutscher und italienischer Lebensart lag, hatte ich so meine Erfahrungen. Bei einem studentischen Sommercamp unweit von Bozen hatte es im Hochgebirge mitten im Sommer kurz geschneit, das Essen war ähnlich wie bei mir daheim in Westfalen, und der Südtiroler Wein war ein saurer Krätzer mit primitivem Schraubverschluss gewesen. Ich sehe die kleinen, geschmacklosen, zu Kopfschmerzen einladenden Fläschchen noch vor mir. Und der Bürgermeister von Völs hatte bei der Begrüßung unserer Studentengruppe im Gebirglerdialekt heftig gegen die "Welschen", also die Italiener, gewettert. Dabei wäre ich damals froh gewesen, ich hätte es so nah nach Italien gehabt wie er.
Also warum nur nach Südtirol fahren? Heute weiß ich es. Heute hat sich meine Fahrtrichtung geändert; heute, fünfundzwanzig Jahre später, mache ich in Südtirol so oft halt wie möglich. Jedes Halbjahr, das ich nicht in die Gegend gekommen bin, erscheint mir als verlorene Lebenszeit. Und als schönster Ort will mir ausgerechnet die Stadt vorkommen, die bis heute die tirolerischste, habsburgischste unter den Städten der nördlichsten Provinz Italiens geblieben ist: Brixen. Der kleine Kontinent Europa wird jetzt im Spätsommer von vielen Millionen Touristen durchfurcht, jeden Tag fahren viele Tausende auf der Suche nach dem Süden, nach den Stränden Italiens, den Steilküsten Dalmatiens und den Inseln Griechenlands an Brixen vorbei. Als ich mich jetzt in Brixen einquartierte, gab es mehr als hundert Kilometer Stau in Richtung Süden. Zum Glück kam ich von dort.
Apfelsaft und Espresso
Was man verpasst, wenn man hier nur durchrauscht? Vielleicht das Schönste, was der Kontinent zu bieten hat: die Symbiose deutscher Zivilisation, italienischer Lebensart und österreichischer Geschichte. Aber das klingt ja alles viel zu abstrakt. Konkreter: Mein idealer Tag in Brixen beginnt mit einem Frühstück in einem der Handvoll Stadthotels, die allesamt angenehmer sind als die Konkurrenz, die von der Salurner Klause bis Tunis im Süden noch so kommt. In Brixen gibt es kein einsames Tütencroissant zum Frühstück, sondern Tiroler Speck, ein genau richtiges Frühstücksei, grünen Tee und den naturtrüben Apfelsaft Tirols - also all das, was die Italiener nicht hinbekommen. Das tut besonders gut, wenn man die Nacht unter einem richtigen Federbett gelegen und geruht hat, auch das ist etwas, was in Italien kaum zu kriegen ist.
Aber dann kommt der Umschlag ins Mediterrane: Nach dem Frühstück, bei dem anders als in Österreich oder Deutschland das rigide italienische Rauchverbot naturgemäß beachtet wird, setze ich mich mit der rosafarbenen italienischen Sportzeitung in ein Straßencafé und trinke einen Espresso. Ein warmer Wind bläst mir vom Süden jeden Herbstgedanken aus dem Gemüt, während es in München und Innsbruck jetzt regnet oder mindestens kühl Richtung September windet. Und in den Straßen von Brixen stoßen sich permanent die zwei Welten, die römische und die germanische, um die Europas Kultur und Gedeihen seit exakt zweitausend Jahren kreist. Italienische Ragazzi vollführen auf der Gasse ein Spektakel mit irren Frisuren, quiekenden Mobiltelefonen, bunten Mützen und einem Dialekt, den sie ihren Eltern abgehört haben, die einst aus Catania oder Bari als Zöllner und Polizisten nach "Alto Adige" versetzt worden sind. Und dazwischen marschieren seelenruhig Südtiroler Opas mit Schnurrbart wie aus einer "Sisi"-Verfilmung, den obligatorischen blauen Schurz vorgebunden und den Filzhut auch bei Hitze auf dem Kopf.
Zivilisatorische Riesenschritte
Der ideale Brixener Tag geht nahtlos so weiter. Ich schlendere über die Eisackpromenade und dann durch ein malerisches Stadttor in die Laubengassen, unter deren altdeutschen Spitzbögen die feinsten italienischen Modeprodukte feilgeboten werden. Diese Lauben, die es ähnlich schön auch in Neumarkt, Bozen, Meran, Bruneck, Glurns und Sterzing gibt, versetzen mich mit ihren schicken Ladenzeilen in einen romantischen Traum vom Mittelalter - Zentralheizung, Bar und Shopping aber inbegriffen. Und immer sehe ich von den Laubenbögen herauf ins bergige Grün, wo einsame Kirchtürme über den Abhang ragen, kleine Weiler, Kuhweiden und Wälder. Tausend, anderthalbtausend Meter über der Stadt. Es gibt keinen Flecken in ganz Südtirol, an dem man diese welligen, hohen Hügel und dahinter die Felsberge nicht sähe; das ergibt den beruhigenden Eindruck einer Welt, die völlig in Ordnung und friedlich und naturbelassen ist. Ob dieser Eindruck en détail oder gar en gros überhaupt stimmt, schert mich in diesem Augenblick nicht die Bohne.
Beim Mittagessen in einem der Handvoll hervorragenden Restaurants von Brixen habe ich wieder die Wahl: Schlutzkrapfen und Kasnocken, die kein Italiener auch nur aussprechen, geschweige denn zubereiten kann. Oder doch lieber exquisite Pasta mit Mittelmeerfisch. Und der Südtiroler Wein dazu gehört inzwischen zu den allerfeinsten Tropfen, ob frisch angesiedelter Pinot grigio und Grüner Veltliner oder alteingesessener Lagrein und Sankt Magdalener. Offenbar habe nicht nur ich mich auf Südtirol zuentwickelt, sondern das Land hat auch zivilisatorische Riesenschritte Richtung Mittelmeer gemacht.
Liebe Gäste statt böse Besatzer
Natürlich dürften nur besonders Naive Brixen zum bikulturellen Idyll auf dem Grat zwischen germanischer und römischer Zivilisation verklären. Das italienische Element kam 1918 mit Gewalt, als ein nationalistisches, dann faschistisches, dann wieder nationalistisches Regime versuchte, die achtundneunzig Prozent Deutschsprachigen sich einzuverleiben, umzuerziehen, zu assimilieren oder ganz zu vertreiben. Mindestens zwei Generationen von Südtirolern haben unter Mussolinis Namens-, Zuwanderungs- und Enteignungspolitik gelitten, haben Himmlers Umsiedlungspläne erduldet, haben Hass und Hetze und Rechtlosigkeit auch des vermeintlich demokratischen Zivilisators Italien bis weit in die siebziger Jahre mitmachen müssen. Heute lässt sich sagen, dass dieser irre und menschenverachtende Plan der Italianisierung bis zum Brenner gescheitert ist. Die Südtiroler haben ihre Sprach- und Steuerhoheit schließlich erkämpft und sind in ihrer zweisprachigen Provinz de facto vom Nationalstaat befreit.
Meine Südtiroler Bekannten sagen allesamt, dass sie sich nie als Italiener fühlen können. Aber Österreicher sind sie natürlich auch nicht mehr. Irritierende Zerwürfnisse wie einen Busfahrer, der sich weigert, mit den Fahrgästen Deutsch zu reden, gehören jetzt ins Kleingedruckte. Und der wackere Bürgermeister, der uns deutsche Studenten einst gegen die Welschen aufhetzen wollte, würde jetzt jeden zahlungskräftigen italienischen Touristen mit Handschlag begrüßen. Denn heute kassiert das herrliche Touristenland Südtirol mit seinen Altstädten und Weinbergen, Skipisten und Golfplätzen, Wanderwegen und Gipfeln von beiden Seiten. Und nicht zu knapp von den Italienern, die nun nicht mehr als Besatzer kommen, sondern als beglückte und wohlhabende Besucher.
Herrlichkeiten der Heimat
Das alles lässt sich atmosphärisch spüren. Unter meinen italienischen Freunden sind viele, die nie und nimmer in die italienischen Alpen, also ins Trentin oder Veltlin, in den Bergurlaub fahren. Sie wollen nurmehr nach Südtirol, wo man zwar Italienisch redet und einen ordentlichen Espresso braut, aber diese herrlich germanischen Fleischplatten auftischt und in der Sauna nicht gschamig mit dem Badeanzug herumhockt. Dass sich dieser tragische Konflikt zwischen Italienern und Tirolern so kulinarisch-touristisch hat lösen lassen, hat auch mit dem Widerstand eines Brixeners zu tun. Es war der große Kanonikus Gamper, der als Domherr hier im Stift gegen die italienischen Zwangsmaßnahmen wetterte und seinen gebeutelten Schäfchen Hoffnung gab. Ich bin sicher, dass auch der Papst den standhaften Kanonikus in sein Gebet einschloss, als er jetzt in Brixen Urlaub machte.
Ja, der Papst. Auch Benedikt XVI. hält offenbar diese kleine Stadt zwischen Italien, wo er von Berufs wegen wohnen muss, und Deutschland, woher er stammt, für einen gesegneten Flecken Weltkultur. Dass schon der Kardinal Ratzinger gerne in Brixen ausspannte, erzählt einem mancher Kellner. Und mag auch das eine oder andere Plakat zur Begrüßung ihres Pontifex den Brixenern etwas nordkoreanisch riesig geraten sein, im Ganzen nehmen die Südtiroler den hohen Besuch lässig, wie es sich für Leute gehört, die von den Herrlichkeiten ihrer Heimat selber zu Recht überzeugt sind.
Die Glocke schlägt zweimal
In Brixen ist man eh so fromm, dass man den Domplatz, so raunt eine lokale Legende, nur dann mit vollem Ablass überquert, wenn einem kein Priester oder Mönch oder keine Nonne begegnet ist. Ich muss zugeben, dass solche geistliche Leere so gut wie nie der Fall ist. Dieser Tage begegnete mir sogar auf dem Brixner Panoramaweg in zweitausend Meter Seehöhe - denn auch das Wandern gehört zum perfekten Brixner Tag - eine sehr alte Nonne in vollem Ornat mitten auf dem einsamen Wanderpfad. Wenn man wie ich mit Stöcken, Windjacke, Wanderkarte und Rucksack voller Proviant unterwegs ist, um die Höhenluft zu bezwingen, ist man von so viel Kraft doch einigermaßen irritiert. Doch was bedeuten Kondition und Orientierung gegen wahres Gottvertrauen in den Fußspuren des Papstes? So schön es ist, Benedikt als Brixenfan auf seiner Seite zu haben - auch Nikolaus Cusanus, Johann Wolfgang Goethe, Heinrich Heine, Robert Gernhardt schwärmten von der Landschaft. Und sogar der geschmäcklerische Michel de Montaigne lobte im sechzehnten Jahrhundert das Hotel, in dem ich diesmal direkt am Eisackufer abgestiegen bin. Es ist der soundsovielte Aufenthalt mit den immer selben Ritualen. So wie ich auch in anderen, entlegeneren Winkeln von Südtirol immer wieder absteige, um festzustellen, dass ich all diese Schlösser und Burgen, Panoramen und Törggelstuben, Weinberge und Kirchenfresken, die in dieser gebenedeiten Landschaft beieinanderliegen, wahrscheinlich niemals komplett kennenlernen kann. Aber man muss es immerhin versuchen.
So kann ich immer wieder abends und nachts durch die Laubengasse von Brixen schlendern und der digestiven Wirkung des Südtiroler Quittenbrands nachspüren, mit dem ich meine italienisch-deutsch-österreichische Vesper beschlossen habe. Dann, wenn die späten Zecher nach Hause schwanken, ist der richtige Zeitpunkt gekommen, über den Irrsinn des Nationalstaats nachzudenken. Überall dort, wo wie hier die schlaue Mehr- über die dumpfe Eindeutigkeit des vorigen Jahrhunderts mit knapper Not gesiegt hat, ist es auf unserem Kontinent am schönsten: Flandern, Luxemburg, Elsass, Katalonien. Aber am allerschönsten ist es natürlich in Südtirol, hier in Brixen. Auch nachts schlagen direkt hintereinander und unerbittlich die beiden Kirchturmglocken am Dom und gleich daneben am weißen Turm der Pfarrkirche. Eine einzige Turmuhr wäre eigentlich für das kleine Städtchen, in dem es morgens um halb sieben schon wieder zur Messe läutet, genug gewesen. Aber man ist hier ebenso pünktlich und korrekt wie fromm. Nun könnte man meinen: Die eine Glocke schlägt für die Italiener und die andere für die Tiroler. Aber nichts wäre verkehrter. In Brixen schlägt in allen Sprachen und von allen Türmen nur eine Stunde - für jedermann. Also auch für mich.
Etwas zu idealistisch gesehen?
Stephan Kaps (silesianospostato)
- 28.08.2008, 15:22 Uhr
Zu idealistisch
Werner Kühn (IusGentium)
- 29.08.2008, 01:43 Uhr
Kulturelle Vielfalt
Karlheinz Kluge (DrKarlheinz)
- 29.08.2008, 14:22 Uhr
Vorbild Südtirol
Mike aus Mainz (8GradOst50GradNord)
- 08.09.2008, 16:11 Uhr