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Stationen Aufwachen ist der Schrecken der Hölle

Hof halten im Parterre, Schlafen unterm Dach: Das Café Tournon in Paris war Joseph Roths letzte Bleibe. Noch heute riecht es nach Vergangenheit, Niederlage und Unsterblichkeit.

© Paul Stänner Joseph Roth hat hier getrunken, geraucht und geschrieben

Dies war der vorletzte Ort für Joseph Roth, den Unbehausten, den Gehetzten. Sein Platz ist noch bekannt. Man betritt das Café, wendet sich vor dem Tresen nach links und findet eine Reihe von kleinen Tischchen an der Wand. Strategisch gut positioniert überblickt man von dort das Lokal und behält den Eingang im Auge.

Würde Josef Roth heute dort sitzen, hätte er zu seiner Linken eine junge Frau mit Computer, Kalender und Handy, die versucht, ihre Termine zu koordinieren. Rechts hackte ein Mann mittleren Alters auf seinen Laptop ein. Die Raucher sitzen draußen auf der Terrasse, zu Roths Zeit undenkbar, er selbst hat überall geraucht - und getrunken, beides im Übermaß. Ein paar Polizisten gehen vorüber, um im Senat ihren Wachdienst aufzunehmen, zweihundert Meter weiter, am Ende der Rue Tournon, im Jardin de Luxembourg.

Man verliert eine Heimat nach der anderen

In Berlin, damals frisch verheiratet und sozusagen im Eheexperiment, soll Roth seine einzige Wohnung je gehabt haben. In der übrigen Zeit lebte er in Hotels, war ohnehin oft auf Reisen. Nach Paris war er 1933 gekommen, auf einer wahrscheinlich schon länger geplanten Reise. War er in Paris, lebte er im Hotel Foyot in der Rue Tournon - einer Straße mit Geschichte. Leon Gambetta hat hier gewohnt, der Premierminister, und Charles Cros, der den Phonographen erfand. Augustin Cournot hat hier Mathematik betrieben und Philosophie. Ihre Gedenktafeln sowie eine für den „österreichischen Schriftsteller“ zieren die Fassaden. Roth freilich hatte im Hotel Foyot nur einige Kisten abgestellt.

Geschrieben und getrunken hat er gegenüber, im Café Tournon. Er war ein unrettbarer Alkoholiker. Aber genial. Hier beschrieb er sich in der „Legende vom heiligen Trinker“ und erfasste seine Lage in einem Gedicht: „Eine Stunde ist ein See / eine Reise ein Meer / eine Nacht eine Ewigkeit / Aufwachen ist der Schrecken der Hölle / Aufstehen ein Kampf um Klarheit.“ Die Zeilen sind in eine Messingplatte geätzt und hängen an der Wand. Dazu der Hinweis: „Geschrieben 1936 an diesem Tisch.“

Das Hotel gegenüber wurde 1937 abgerissen, Roth als Letzter von den Bauarbeitern herausgedrängt. Vom Café aus beobachtete er den Abriss und schrieb: Man verliert eine Heimat nach der anderen, sage ich mir. Mit den Arbeitern trank er ein Glas. In der entstandenen Lücke steht nur ein Zeitungskiosk, unerklärlich angesichts der Bodenspekulation.

Alkoholgeschwängerter, nostalgischer Dunst

Das Café wird seine neue Heimat. Unter dem Dach wohnt er, unten hält er Hof für seine Bewunderer, Mitexilanten, österreichische Monarchisten, zu denen er sich hingezogen fühlt. Im Tournon sind sie freundlich zu ihm, sie wissen seine Berühmtheit zu würdigen. Jetzt zischt die Espressomaschine, während der Koch sich auf die Durchreiche lehnt. Zu zweit sitzen Männer in Anzügen vor ihren Unterlagen, um sich zu besprechen, bevor sie im Senat Geschäfte machen.

Das Café weiß um seine Bedeutung als Joseph-Roth-Ort, aber es ist kein Mausoleum. Das Leben geht weiter. Hier wird keine Monarchie mehr herbeigesehnt, sondern die ganz reale Lobbyarbeit im Senat orchestriert. Für die, die Roth kennen, hängt ein alkoholgeschwängerter, nostalgischer Dunst in der rauchfreien Luft des Tournon. Er riecht nach Vergangenheit, Niederlage, Unsterblichkeit und Sandwich mit Zwiebeln und Käse.

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Am 23. Mai 1939 brach Roth im Café Tournon zusammen, nachdem er vom Selbstmord Ernst Tollers erfahren hatte. Er wurde ins Hospital Necker gebracht, vernachlässigt, ohne Alkohol gelassen und starb unter Qualen.

Café Tournon, 18 Rue de Tournon 75006 Paris, Telefon: 0033 / 1 / 43261616

Quelle: F.A.Z.

 
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